AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2011

SPIEGEL-GESPRÄCH "Wasserblitzschach"

REUTERS

2. Teil: "Fehler haben mir nie Angst gemacht"


SPIEGEL: Auch die Trennung von Ihrem Alinghi-Partner Ernesto Bertarelli war schmutzig. Bertarelli sagte, dass Sie überall einen Scherbenhaufen hinterließen.

Coutts: (schweigt lange, ehe er antwortet) Sagt dieser Satz nicht mehr über ihn als über mich?

SPIEGEL: Dem letzten America's Cup gingen Prozesse voraus, darum ist Oracle in der Segelwelt so unbeliebt. Tat der Sieg gegen Alinghi gut?

Coutts: Dieser Sieg tat gut, ja.

SPIEGEL: Welche Rolle sehen Sie 2013 für Russell Coutts?

Coutts: Mein Job als CEO ist es, das bestmögliche Team für Oracle Racing in die Regatta zu schicken. James Spithill wird unser Steuermann sein, und ich werde versuchen, Teil der Crew zu sein, vielleicht als Taktiker. Aber ich muss auch mich selbst hinterfragen: Ich bin 49, meine Reaktionszeit war vor zehn Jahren besser als heute. Sagen wir so: Ich trainiere hart.

SPIEGEL: Sie sind studierter Ingenieur, hilft Ihnen das sportlich?

Coutts: Ja klar. Die besten Skipper sind jene, die mit Designern und Konstrukteuren perfekt zusammenarbeiten, indem sie verstehen, was warum wie funktioniert, und die Informationen so konkret wie möglich weitergeben können. Auch hierin ist Segeln wie die Formel 1.

SPIEGEL: Wie wirken die Flügel?

Coutts: Sie sind die größte Veränderung, die der Segelsport seit Jahrzehnten erlebt hat. Wenn unsere Schiffe, in den Wind gerichtet, an der Boje liegen und Sie sie nur ganz leicht drehen, um 10 oder 20 Grad, dann wollen diese Geschosse wie von selbst lossegeln, wie Wildpferde - so gering ist der Widerstand, so groß sind die Strömungskräfte. Unsere Trimmer sind überwältigt von den Möglichkeiten. Früher konnte man nur die drei Eckpunkte des Segels einstellen, und auf einer Großschot lasteten dann 25 Tonnen, da konnten die stärksten Kerle nichts mehr variieren. Flügel hingegen lassen sich wunderbar justieren, Sie können sie je nach Wind unten über dem Rumpf etwas öffnen und oben an der Mastspitze enger stellen. Es ist ein endloses Getüftel, jeder Effekt ist messbar - ein Seglertraum.

SPIEGEL: Verändern Sie auch die Regatten?

Coutts: Ja, natürlich. Sie wissen, wie Segeln bis vor kurzem war? Wir haben den Fernsehsendern gesagt: "Ein Rennen kann 50 Minuten oder auch drei Stunden dauern, bei wenig oder zu viel Wind fällt es aus, und sowieso passiert nicht viel." Denn das Schiff, das den Start gegen den Wind gerichtet gewann, hatte danach alle Vorteile: Es konnte sich die Seite des Kurses mit mehr Wind aussuchen, der Verfolger konnte nur die andere, schlechtere Seite wählen oder im Windschatten dem Führenden folgen. Fernsehzuschauer konnten nach dem Start ins Bett gehen.

SPIEGEL: Segeln war wie Cricket?

Coutts: Schlimmer. Sie hätten auch Gras beim Wachsen zusehen können. Wie wollen Sie mit solch einem Konzept Erfolg haben? So war unser Sport.

SPIEGEL: Und nun wird er massentauglich?

Coutts: Ganz und gar. Wir segeln in Küstennähe, 2013 in San Francisco direkt unter der Golden Gate Bridge und in der Bucht, vorbei an Alcatraz. Puristen sagen: "Oh, Landwinde und Strömungsunterschiede beeinflussen das Rennen." Doch echte Segler sagen: "Großartig, all das macht es noch aufregender." Diese Rennen werden schwerer zu verpassen als zu verfolgen sein.

SPIEGEL: Wenn sie nicht ausfallen. Wegen Flaute. Oder Sturms.

Coutts: Je nach Windstärke werden die Strecken länger oder kürzer werden, die Rennen also kalkulierbar, rund 45 Minuten lang. Niemand muss zehn Tage lang auf eine Wettfahrt warten, das gab es ja wirklich! Und künftig beginnt das Rennen im 90-Grad-Winkel zum Wind, also mit halbem Wind, und das heißt, dass das führende Boot einfach nur schneller gestartet ist, aber das zweite wird nicht im Windschatten immer weiter zurückfallen. Und wir ziehen elektronische Grenzen, verengen die Bahnen, so dass die Schiffe gezwungen werden, sich immer wieder zu begegnen.

SPIEGEL: Segeln wird Action-Sport?

Coutts: Fernseh-Sport. Computergrafiken berechnen perfekte Kurse und vergleichen die Positionen der Boote, es gibt Kameras an Bord, jedes Crewmitglied trägt ein Mikrofon.

SPIEGEL: Keine Angst vor Peinlichkeiten?

Coutts: Nein, warum? Fehler haben mir nie Angst gemacht. Darum mache ich Leistungssport: um getestet zu werden.

SPIEGEL: Andre Agassi sagt, kein Sieg tue so gut, wie eine Niederlage schmerze.

Coutts: Kluger Mann. Ich vergesse Siege sofort und fürchte die nächste Niederlage.

SPIEGEL: Wissen Sie, was Sportarten wie Volleyball versucht haben, um populär zu werden? Die Zählweise wurde verändert, die Bälle wurden bunt, Kleiderregeln erfunden - die Popularität blieb so klein wie früher.

Coutts: Beim American Football oder beim Fußball erklären virtuelle Linien Raumgewinn oder Abseits, Zuschauer begreifen das Spiel besser. Wir werden erhalten, was das Segeln ausmacht, es wird nur verständlich werden. Aus "steuerbord" wird "rechts" werden, aus "backbord" "links", damit uns die Zuschauer verstehen.

SPIEGEL: Ganz schön plump.

Coutts: Nein, fragen Sie alle, die auf den neuen Booten unterwegs waren: Sie sind hingerissen. Früher hatten wir Leute an Bord, die zehn Minuten lang mit verschränkten Armen herumsitzen und sich den Wind ansehen konnten, ehe sie etwas vorschlugen. Vorbei. Früher konnten wir Zeit gewinnen, indem wir uns überlegten, welches Manöver der Gegner in fünf Minuten machen und was das für uns bedeuten würde - wir waren auf alles vorbereitet. Vorbei. Alles passiert sofort, Zeit wird komprimiert. Segeln erreicht eine neue Dimension, und nur die, die es nicht ausprobiert haben, nörgeln.

SPIEGEL: Sie sind Geschäftsmann und mit den Herstellern der Flügel und natürlich mit Oracle, dem Ausrichter des nächsten Cups, geschäftlich verknüpft.

Coutts: Ja klar. Aber ich bin nach wie vor mehr Segler als alles andere und als Segler schlicht wiederbelebt. Ich wünschte mir, wir hätten all diese Entdeckungen vor 30 Jahren gemacht.

SPIEGEL: Am Ende wird Oracle allein segeln, weil das alles viel zu teuer ist. Und einseitig. Sagen Ihre Konkurrenten.

Coutts: Warten wir ab. Neun Teams haben bereits zugesagt, andere werden noch aufspringen. Wir segeln ab August die neue World Series, acht Flottenrennen pro Saison mit den 45-Fuß-Schiffen. Die Sponsoren werden es lieben, in allen großen Märkten präsent zu sein. 2013 wird es in San Francisco den Louis Vuitton Cup der Herausforderer geben, der mit 72-Fuß-Katamaranen in Match Races entschieden wird, der Sieger wird gegen Oracle Racing im America's Cup antreten. In diesen zwei Wochen kulminiert alles.

SPIEGEL: Ein deutsches Team wird es nicht geben.

Coutts: Die Deutschen verpassen etwas.

SPIEGEL: Selbst BMW, Oracles langjähriger Partner, ist ausgestiegen.

Coutts: Ein großartiger Partner in großartigen Jahren. Wir konnten uns nicht über die Bedingungen eines neuen Vertrags einigen, so ist es halt manchmal. Der Ingenieur Christoph Erbelding ist geblieben.

SPIEGEL: Karol Jablonski, einst Skipper des deutschen Teams, sagt voraus, dass einige Herausforderer wegen der Schlagzeilen vorläufig zugesagt hätten und am Ende nur drei oder vier starten würden.

Coutts: Wieso sollte das so sein?

SPIEGEL: 100 Millionen Dollar für eine Kampagne mit Siegchancen können nicht viele Männer mit Spieltrieb ausgeben.

Coutts: Ein 72-Fuß-Schiff kostet etwas über fünf Millionen Euro. Ein Flügel: 1,5 Millionen Euro. Sie können für 40 oder 50 Millionen Euro eine konkurrenzfähige Kampagne formen; es gibt keine Entschuldigung, wenn Sie es für dieses Geld nicht schaffen.

SPIEGEL: Ihr Sport funktioniert so: Unfassbar viel Geld gewinnt gegen viel Geld.

Coutts: Nein, so ist es nicht. Von 1983 bis 2003 hat im America's Cup nicht das Team gewonnen, das das meiste Geld hatte. 1995 und 2000 hatte Team Neuseeland jeweils das fünftgrößte Budget und gewann, 2003 hatte Alinghi das viertgrößte und gewann. Du brauchst einen Mindestbetrag, um mitzuhalten, dann geht es darum, wer die Zeit, die er hat, am sinnvollsten einsetzt.

SPIEGEL: Oracle hat Entwicklungsvorsprung und wird nicht zu schlagen sein.

Coutts: Die Flügeltechnologie wurde in den dreißiger Jahren erfunden, das ist keine schwarze Magie. Einen harten Flügel zu bauen ist einfacher, als ein schnelles weiches Segel zu entwickeln. Es ist halt seit 160 Jahren so, dass das beste Team den Cup gewinnt - und der Sieger bestimmt die Regeln fürs nächste Mal. Stets heißt es, den Titelverteidiger zu schlagen sei unmöglich. Denken Sie an 1995: Neuseeland besiegt die USA? Unmöglich!

SPIEGEL: Alles Einstellungssache?

Coutts: Ja, du kannst mit einer negativen Haltung an alles herangehen; siegen wirst du so nicht. Andersherum: Natürlich ist der America's Cup gewinnbar - als Titelverteidiger freue ich mich, wenn die Herausforderer das anders sehen.

SPIEGEL: Mr. Coutts, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das SPIEGEL-Gespräch führte Klaus Brinkbäumer



insgesamt 4 Beiträge
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keats 30.07.2011
1. Ein Mann mit Visionen, dem ich die Daumen drücke.
Zitat von sysopRussell Coutts über Wahnsinn und Genie großer Steuermänner und die Erotik des America's Cup, den die Tugendwächter seines Sports 2013 nicht wiedererkennen werden http://www.spiegel.de/0,1518,776198,00.html
Ein Mann mit tollen Visionen. Ich hoffe er behält Recht und aus einem mehr verstaubten "Sport" alter zu reicher Herren wird tatsächlich seine Vision von Formel 1 auf dem Wasser Realität, so wie in dem Video schon zu sehen war. Für mich etwas, was wesentlich interessanter zusehen und mitzuerleben wäre, auch weil es von den Teilnehmern viel individueller und ganz anders "steuerbarer" ist als dieser Fummel I - Zirkus auf vier Rädern, der auch deutlich reformiert werden musste, Tankstopps, Kameras überall, Reduzierung der Macht des Geldes (was nicht gelungen ist), damit er halbwegs wieder anzusehen ist, aber auch jetzt, ich sag nur Überholmanöver sind viel zu selten, eine Rarität, wenn ich da an die "Schlachten" im Motorradsport denke, ist die Formel ! nur "gähn" langweilig Ich bin gespannt was wir in der Beziehung von den zukünftigen sehr rasanten Katamaranrennen erwarten dürfen. Lassen wir die Formel1-Miezen mal weg, dessen einziger Sinn u.a. nur der "Blickfang" ist, dann ist für mich dieser Hochleistungssegelsport, mit Wind, Wellen, Geschwindigkeit, Dramatik usw. auch optisch viel reizvoller. Warum hier nun ausgerechnet BMW, die "Bayern" fehlen, eben wohl auch deswegen ( ? ) weilt den Bergen immer noch mehr, als dem Meer verbunden, ich halte das für einen Fehler. Gerade wegen der hohen Innovationskraft, den Zielen und den faszinierenden Ideen, um mit entsprechender Motivation, auch von Willen und Kraft, zu neuen Ufern mit dem "Vorsprung auch durch Technik" zu gelangen. Doch warten wir ab ob es ihnen gelingt ihre Pläne so attraktiv umzusetzen wie es gedacht und geplant ist, ich würde es mir und ihnen wünschen.
MarkusV2 30.07.2011
2. Design der USA 17 - Podcast
Wen die Technik etwas detaillierter interessiert: bei omega tau gibt es einen Podcast mit dem Chefdesigner der USA 17, also dem letzten Boot der Oracle-Truppe, das den 33. America's Cup gewonnen hat: http://omegataupodcast.net/2011/07/71-oracle-racings-usa-17/ Markus
PeteLustig, 30.07.2011
3. .
Interessiert außerhalb der Oberen Zehntausend keine Sau.
Ursprung 30.07.2011
4. Mehr als alle anderen
Mit den richtigen Fragen enthuellt ein Interview, ob sich der Gefragte enthuellen will oder nicht. Die Fragen waren zielfuehrend, Coutts hat sich enthuellen wollen. Heraus kam ein heliozentrisches Weltbild, in dem er die Sonne ist. So aehnlich wird auch das Profil seines derzeitigen Chefs und Geldgebers vermutet: Okkupieren als Antrieb. Trotzdem interessant fuer einen Segler: Coutts enthuellt ohne Scheu, wie ein Regattaseglerfreak persoenlich ticken muss, um Ausnahme zu sein. Doch genau das war schon immer irgendwie szenebekannt in dem Sport. Hier die kleine Textretusche zur Verdeutlichung. Coutts: "Ja klar. Aber ich bin nach wie vor mehr Segler als alle(s) andere(n)...."
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