AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2011

SPIEGEL-GESPRÄCH "Wasserblitzschach"

Russell Coutts über Wahnsinn und Genie großer Steuermänner und die Erotik des America's Cup, den die Tugendwächter seines Sports 2013 nicht wiedererkennen werden

REUTERS

SPIEGEL: Mr. Coutts, Sie sind ja nun der erfolgreichste Segler unserer Zeit und vielleicht noch immer der beste, aber als Sie vor sechs Wochen vor San Francisco mit Ihrem Katamaran abhoben und aus zehn Meter Höhe ins Meer plumpsten, sahen Sie wie ein Anfänger aus. War's ein Winddreher, oder werden Sie alt?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 30/2011
Wege aus der Burnout-Falle

Coutts: Wir wollten jedenfalls nicht YouTube beglücken, Absicht war es nicht. Auf dem Niveau zu segeln, auf dem wir unterwegs sind, bedeutet, sich ständig an der Grenze des gerade noch Möglichen zu bewegen, so wie ein Autorennfahrer, der so schnell es gerade geht durch die Kurven jagt. Gehst du über dieses Limit hinaus, wird es gleich einen Crash geben. Ich bin im Training schon viele hundert Male gekentert, das muss so sein - hätte ich diese Unfälle nicht gehabt, wäre ich nicht hart genug. Ich habe einen Fehler gemacht, das ist alles.

SPIEGEL: Erklären Sie's uns.

Coutts: Wir waren auf dem neuen AC45 unterwegs ...

SPIEGEL: ... dem 45 Fuß langen Katamaran, auf dem ab August acht Rennen der neuen America's Cup World Series ausgetragen werden, zur Vorbereitung auf den nächsten America's Cup 2013 in San Francisco ...

Coutts: ... und die Dinger sind schneller als alles, was ich kenne. Es waren 25 Knoten Wind, das sind 46 Stundenkilometer, und wir sind Raumschots gefahren, im 90-Grad-Winkel zum Wind. Diese Boote erreichen auf diesem Kurs ihre maximale Geschwindigkeit: Sie sind schwer zu stabilisieren, da wirken eine Menge Kräfte.

SPIEGEL: Es braucht Geschick?

Coutts: Geistiges Tempo vor allem, Entscheidungen fallen in Bruchteilen von Sekunden. Die Kräfte waren zu groß, zu viel Druck, und in diesem Augenblick habe ich zwei Möglichkeiten.

SPIEGEL: Sie können in den Wind hineindrehen, anluven, was den Druck reduziert und recht bald das Boot stoppt.

Fotostrecke

7  Bilder
Segeln: Die Orakel-Revolution
Coutts: Oder abfallen, also vom Wind wegdrehen, dabei die Segel öffnen, auch das nimmt Druck heraus. In der Todeszone, wie wir das nennen, kann mal das eine und mal das andere das Überleben sichern - es hängt unter anderem von der Windstärke oder dem Wellengang ab. Beide Manöver können für einen kurzen Moment den Druck aber auch um ein fatales bisschen erhöhen.

SPIEGEL: Fühlen Sie so etwas?

Coutts: Segler sehen: den Winkel des Bootes zum Wind, Böen und Winddreher, die das Wasser aufrauen; was auf dem Schiff geschieht; was der Gegner tut. Ich bin vom Wind abgefallen, wir wurden schneller, da begriff ich, dass ich die andere Richtung hätte wählen müssen. "Nicht gut", dachte ich, dann ging's hinab.

SPIEGEL: Schmerzhaft?

Coutts: Wir tragen Schutzanzüge, Schwimmwesten, Helme. Das hilft. Empfehlen kann ich so einen Sturz nicht, da bleiben ein paar Schnitte und Prellungen.

SPIEGEL: Sie sind Ihr eigenes Opfer geworden. Das kalifornische Oracle Racing des Software-Milliardärs Larry Ellison ist Titelverteidiger und darf die Regeln des nächsten America's Cup festlegen. Darum gibt es die Katamarane, die kein Großsegel mehr haben, sondern Flügel.

Coutts: Es war offensichtlich, dass wir Segler Veränderungen brauchen. Ein junges Publikum. Die Facebook-Generation.

SPIEGEL: Sie haben sich die Wut der Seglergemeinde eingehandelt. Wieso wollen Sie den seit 160 Jahren elitären America's Cup trivialisieren und verramschen?

Coutts: Popularisieren wollen wir ihn. Wir möchten Nichtsegler erreichen. Die Traditionalisten mögen jetzt kritisch sein, weil sie noch nicht wissen, was da kommt, aber am Ende werden sie dem Wettkampf folgen, weil auch sie leidenschaftliche Regatten lieben.

SPIEGEL: Erklären Sie uns, welche Zukunft Oracle dem Segeln bescheren wird.

Coutts: Kein Grund für Spott. Die künftigen Regatten werden taktisch so raffiniert und seglerisch so hart sein wie frühere, nur schneller. Viel schneller. Wasserschach, so wurden Match Races ...

SPIEGEL: ... die Duelle eins gegen eins ...

Coutts: ... früher genannt. Jetzt werden wir Wasserblitzschach erleben.

SPIEGEL: Katamarane sind wegen der zwei Rümpfe schwerfällig zu manövrieren; ein Nachteil für taktisches Segeln.

Coutts: Das war mal so, das dachten wir alle. Ein alter Katamaran-Rumpf hatte eine V-Form, das bedeutete viel Verdrängung, alles war träge. Jetzt haben wir runde Rümpfe, die übers Wasser gleiten.

SPIEGEL: Gibt es das perfekte Rennen?

Coutts: Nein. Perfekt wäre es, jede Welle und jeden Winddreher kommen zu sehen und zu nutzen, also den kürzesten Kurs schnellstmöglich zu segeln. Unmöglich, ein halber Meter geht immer verloren.

SPIEGEL: Gibt es das perfekte Schiff?

Coutts: Ja klar. Es ist ein Schiff ohne Schnickschnack, leicht, aggressiv, schnell. Mein perfektes Boot muss mich fordern, es ist nicht unbedingt jenes, mit dem Mama, Papa und die Kinder sonntags hinausfahren. Der Wettkampf treibt mich, darum: keine Kompromisse. Kein Kühlschrank, kein Bett, kein Klo.

SPIEGEL: Wenn man Sie am Ruder sieht, fällt auf, dass Sie wirken wie in Trance. "Er ist wieder in Russells Welt", sagen Ihre Kollegen. Wie geht es dort zu?

Coutts: Ruhig. Jeder Sportler kennt diesen Zustand: entspannte Konzentration. Viele Rennen bedeuten mir nicht mehr viel, ich kämpfe manchmal mit meiner Motivation. Russells Welt betrete ich, wenn es wichtig wird. Dann öffne ich die Poren und fühle den Wind, das Meer, das Schiff.

SPIEGEL: Gibt es die perfekte Crew?

Coutts: Sie besteht aus Individuen, die an ihrem Platz die Besten sind und sich gern einfügen für ein höheres Ziel. Und sie braucht die richtige Balance aus Anführern und denen, die lieber führen lassen.

SPIEGEL: Die Franzosen lieben die Geschichte von Bernard Moitessier, der 1969 beim ersten Nonstop-Einhand-Rennen um die Welt gewonnen hätte, wenn er nicht nach Kap Hoorn die Richtung geändert hätte: Statt durch den Atlantik nach Norden zum Ziel zu segeln, bog er ab Richtung Südsee und fuhr nach Tahiti.

Coutts: Nur die Franzosen können so wahnsinnig sein. So romantisch. Unvorstellbar für mich.

SPIEGEL: Von welcher Tour träumen Sie?

Coutts: Genau davon: einem Rennen um die Welt, allerdings um es zu gewinnen.

SPIEGEL: Sind eigentlich Abschiede Ihre Schwäche? Trennungen?

Coutts: Nein. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber meine Abschiede unterscheiden sich. Als ich aus Neuseeland fortging, war das richtig: Andere Leute wollten Geld mit dem Team verdienen, wir Sportler sollten nur segeln, das kam mir nicht fair vor. Unterschätzt habe ich, wie leidenschaftlich Sportfans sein können, ich hätte das klüger lösen können.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
keats 30.07.2011
1. Ein Mann mit Visionen, dem ich die Daumen drücke.
Zitat von sysopRussell Coutts über Wahnsinn und Genie großer Steuermänner und die Erotik des America's Cup, den die Tugendwächter seines Sports 2013 nicht wiedererkennen werden http://www.spiegel.de/0,1518,776198,00.html
Ein Mann mit tollen Visionen. Ich hoffe er behält Recht und aus einem mehr verstaubten "Sport" alter zu reicher Herren wird tatsächlich seine Vision von Formel 1 auf dem Wasser Realität, so wie in dem Video schon zu sehen war. Für mich etwas, was wesentlich interessanter zusehen und mitzuerleben wäre, auch weil es von den Teilnehmern viel individueller und ganz anders "steuerbarer" ist als dieser Fummel I - Zirkus auf vier Rädern, der auch deutlich reformiert werden musste, Tankstopps, Kameras überall, Reduzierung der Macht des Geldes (was nicht gelungen ist), damit er halbwegs wieder anzusehen ist, aber auch jetzt, ich sag nur Überholmanöver sind viel zu selten, eine Rarität, wenn ich da an die "Schlachten" im Motorradsport denke, ist die Formel ! nur "gähn" langweilig Ich bin gespannt was wir in der Beziehung von den zukünftigen sehr rasanten Katamaranrennen erwarten dürfen. Lassen wir die Formel1-Miezen mal weg, dessen einziger Sinn u.a. nur der "Blickfang" ist, dann ist für mich dieser Hochleistungssegelsport, mit Wind, Wellen, Geschwindigkeit, Dramatik usw. auch optisch viel reizvoller. Warum hier nun ausgerechnet BMW, die "Bayern" fehlen, eben wohl auch deswegen ( ? ) weilt den Bergen immer noch mehr, als dem Meer verbunden, ich halte das für einen Fehler. Gerade wegen der hohen Innovationskraft, den Zielen und den faszinierenden Ideen, um mit entsprechender Motivation, auch von Willen und Kraft, zu neuen Ufern mit dem "Vorsprung auch durch Technik" zu gelangen. Doch warten wir ab ob es ihnen gelingt ihre Pläne so attraktiv umzusetzen wie es gedacht und geplant ist, ich würde es mir und ihnen wünschen.
MarkusV2 30.07.2011
2. Design der USA 17 - Podcast
Wen die Technik etwas detaillierter interessiert: bei omega tau gibt es einen Podcast mit dem Chefdesigner der USA 17, also dem letzten Boot der Oracle-Truppe, das den 33. America's Cup gewonnen hat: http://omegataupodcast.net/2011/07/71-oracle-racings-usa-17/ Markus
PeteLustig, 30.07.2011
3. .
Interessiert außerhalb der Oberen Zehntausend keine Sau.
Ursprung 30.07.2011
4. Mehr als alle anderen
Mit den richtigen Fragen enthuellt ein Interview, ob sich der Gefragte enthuellen will oder nicht. Die Fragen waren zielfuehrend, Coutts hat sich enthuellen wollen. Heraus kam ein heliozentrisches Weltbild, in dem er die Sonne ist. So aehnlich wird auch das Profil seines derzeitigen Chefs und Geldgebers vermutet: Okkupieren als Antrieb. Trotzdem interessant fuer einen Segler: Coutts enthuellt ohne Scheu, wie ein Regattaseglerfreak persoenlich ticken muss, um Ausnahme zu sein. Doch genau das war schon immer irgendwie szenebekannt in dem Sport. Hier die kleine Textretusche zur Verdeutlichung. Coutts: "Ja klar. Aber ich bin nach wie vor mehr Segler als alle(s) andere(n)...."
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 30/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.