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Ausgabe 31/2011

Innovationen "Software frisst die Welt"

Das Silicon Valley wehrt sich gegen den Vorwurf, neue Spekulationsblasen anzuheizen. Die Technologiebranche glaubt vielmehr an einen dauerhaften Boom - und will damit zugleich die ökonomische Dominanz der Wall Street brechen.

Von Thomas Schulz

REUTERS

Die Region ist groß und weitläufig, Hunderte Milliarden Dollar werden dort jedes Jahr erwirtschaftet von einigen der berühmtesten Unternehmen des Planeten. Google, Apple, Facebook residieren hier. Aber am Ende führen im Silicon Valley doch viele Wege zu einem gebürtigen Deutschen namens Peter Thiel.

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Manche sagen, er zähle nun mal zu den klügsten Menschen der Hightech-Branche. 2004 etwa war er der erste externe Investor von Facebook, erst dank seines Startkapitals von 500.000 Dollar begann der Aufstieg des sozialen Netzwerks zum globalen Phänomen. Heute ist allein Thiels Anteil Milliarden wert. Andere sagen, seine Bedeutung rühre daher, dass er der dunkle Don einer Investorenmafia sei, ein Pate, dessen Einfluss das ganze Valley beherrsche.

Sein Büro liegt im Presidio, einst die Militärbasis von San Francisco, heute ein Nationalpark. Vor ein paar Jahren baute sich der "Star Wars"-Macher George Lucas hier für 350 Millionen Dollar eine exklusive Zentrale für seine Filmfirma. Thiel hat eine halbe Etage gemietet, rund 4500 Quadratmeter.

Es gibt eine Bibliothek mit eleganten Sesseln, wertvolle Hölzer und viele schöne junge Menschen, die hinter Glaswänden in weitläufigen Büros arbeiten. Durch Panoramafenster fällt der Blick ungehindert auf die Golden Gate Bridge. So stellt man sich auch die Hauptquartiere der neuen Gewinnerfirmen des Web 2.0 vor. Aber Thiel stammt aus einer anderen Generation.

Er ist einer der wenigen Überlebenden der größten Investment-Orgie aller Zeiten, der New Economy, die vor rund zehn Jahren Börsen und Kleinanleger erst in Euphorie und dann in tiefe Depressionen stürzte. Er hat PayPal mitaufgebaut, ein Bezahlsystem für das Internet. 2002 kaufte Ebay es für 1,5 Milliarden und machte ihn sehr reich.

Thiel ist kein Mark Zuckerberg, kein Wunderkind-Programmierer. Der 43-Jährige hat Jura in Stanford studiert und betreibt eine milliardenschwere Investmentfirma. Er hält Beteiligungen an zahlreichen Technologiefirmen und hat den Aufstieg von etlichen Internetgrößen finanziert. Auch den von LinkedIn, das vor kurzem an die Börse ging. Er ist ein Stratege, ein Geldverteiler. Und er sagt: "Wir müssen mehr in Technologie investieren, weit mehr Ressourcen aufbringen, das Gaspedal tiefer durchtreten, wenn wir in diesem Jahrhundert vorankommen wollen."

Man kann Leute wie ihn auf zweierlei Arten sehen: Einerseits ermöglichen sie mit ihrem Wagniskapital überhaupt erst, dass neue Geschäftsideen die Chance bekommen, sich am Markt zu bewähren. Andererseits entfacht dieses Geld auch immer die Gier nach mehr, es unterstützt die Spekulation und mit ihr womöglich neue Finanzblasen.

Befeuert das Valley schon wieder eine neue Blase

Während der New Economy waren Briefkastenfirmen plötzlich Millionen wert. Und jetzt? Befeuert das Valley schon wieder eine neue gefährliche Blase, wie viele Beobachter befürchten?

Das Absurde ist: Während der Rest Amerikas von Billionenschulden erdrückt am Boden liegt und gegen die drohende Zahlungsunfähigkeit kämpft, schlägt das Hysterie-Pendel in der Internetbranche in die andere Richtung aus. Dort herrscht wieder die große Euphorie.

Die Bewertungen für die bekanntesten Internetunternehmen erreichen immer neue Rekordwerte. Noch im Januar machte sich Verwunderung breit, als Facebook nach einem Teileinstieg der Investmentbank Goldman Sachs mit erstaunlichen 50 Milliarden Dollar bewertet wurde. Mittlerweile soll das soziale Netzwerk schon bis zu 100 Milliarden wert sein.

Der Kurznachrichtendienst Twitter liegt bei acht Milliarden, gut doppelt so viel wie im Dezember. Der Unternehmenswert von Groupon wurde vor einem Jahr auf 1,3 Milliarden geschätzt, nun sind es um die 25 Milliarden.

Die Börsengänge von Internetfirmen sind überzeichnet, und die Kurse klettern steil. Der von LinkedIn, dem weltweit größten Netzwerk für Geschäftskontakte, stieg seit dem Börsengang im Frühjahr von 45 auf über 100 Dollar. Der Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr: laue 15,4 Millionen.

Einstiegsgehälter von über 100.000 Dollar

Neugegründete Firmen mit einer Handvoll Mitarbeitern bekommen schon wieder Millionen an Startkapital, solange sie auch nur eine halbwegs erkennbare Geschäftsidee vorlegen. Die Häuserpreise im Silicon Valley ziehen so schnell an, dass die Makler kaum mit neuen Preisschildern hinterherkommen. Google zahlt jungen Computeringenieuren frisch aus dem College inzwischen Einstiegsgehälter von über 100.000 Dollar - deutlich mehr als noch vor ein paar Monaten, weil sich zu viele Unternehmen um zu wenig Programmierer schlagen.

Viele in der Technologiebranche und an den Finanzmärkten macht das nervös. Sie sagen, es fühle sich an wie 1999. Als die Euphorie aus den Fugen geriet und die englische Abkürzung für Börsengang, IPO für "Initial Public Offering", umgedeutet wurde in "Instant Porsche Owner".

Die Zweifler fürchten, das Silicon Valley sei nun wieder auf dem Weg zurück in diese Zukunft, weil das Investorengeld erneut zu locker sitzt. Weil all jene, die beim ersten Internetboom reich wurden, nun in einem wilden Wettkampf um das nächste große Ding enthemmt ihr Geld in die jungen Firmen stecken und damit eine neue Blase schaffen. Und dass der große Knall dann noch schlimmere Verwüstungen anrichten könnte, weil er nun die USA trifft, die ökonomisch am Abgrund stehen.

"Nein", sagt Investor Thiel, "es gibt keine Blase, nicht bei Facebook, nicht bei LinkedIn und bei keinem der anderen bekannten Unternehmen." Sehr hoch seien viele Bewertungen zwar, aber noch nicht wahnsinnig oder realitätsfern.

All diese Geschichten über neue Übertreibungen seien vor allem psychologisch zu begründen: "Wir haben immer noch einen enormen Kater von den neunziger Jahren." Eine Blase kann es aber erst dann geben, so besagt eine alte Marktregel, wenn die Gier die Angst frisst.

Thiel sieht deswegen nicht "den Wahnsinn von früher" wiederkehren, sondern im Gegenteil eine "kulturelle Transformation".

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Nic_Blume 03.08.2011
1. Tut mir leid, aber
Es sieht doch sehr danach aus, dass das wieder zu einer Technologieblase wie Ende der 90er führt. Nachdem diese und die Internetblase platzte war relativ schnell wieder ein relativ hohes Maß an Ruhe eingekehrt auf den Finanzmärkten, doch wenn diese sich formende Blase platzt sieht es nicht gut aus, da die Finanzmärkte im Moment ja ohnehin turbulente Zeiten erleben. Das vermeintliche platzen dieser Blase wird auch große deutsche Firmen betreffen können, da teilweise hoch spezialisierte Firmen in der Technologiebranche deutsch sind.
dongerdo 03.08.2011
2. -
Zitat von sysopDas Silicon Valley wehrt sich gegen den Vorwurf, neue Spekulationsblasen anzuheizen. Die Technologiebranche glaubt vielmehr an einen dauerhaften Boom - und will damit zugleich die ökonomische Dominanz der Wall Street brechen. http://www.spiegel.de/0,1518,777781,00.html
Seit wann ist Zuckerberg eigentlich ein "Wunderkind-Programmierer" wie es im Artikel einfach mal so unterstellt wird?
spawn478 03.08.2011
3. Überraschend
Ein Facebookinvestor behauptet Facebook sei noch nicht überbewertet. 360 Millionen Dollar Gewinn letztes Jahr bei einer Bewertung von 100 Milliarden Dollar sprechen eine eindeutige Sprache. Das ist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von roundabout 300. Vergleich mit einem der profitabelsten und erfolgreichsten Unternehmen der IT-Industrie: Microsoft. Hat eine Marktkapitalisierung von 200 Milliarden Dollar und zuletzt 23 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Das ist ein KGV von rund 9. So, welches Unternehmen ist nun wohl überbewertet, das mit dem KGV von 300 (Facebook) oder das mit dem KGV von 9 (Microsoft)? Wer beim Börsengang die Anteile der Investoren aufkauft wird sein blaues Wunder erleben. Natürlich wird das Unternehmen noch gehypet, die stecken ja alle schon drin - aber sie wollen nur eins, beim Börsengang endlich raus, bevor die Blase zusammenfällt und Facebook da landet, wo sie hingehören. Um die 15 Milliarden Dollar (da sind dann schon die 750 Millionen Nutzerprofile eingerechnet). Übrigens: In China existiert Facebook gar nicht. Es gibt insgesamt nur 500.000 Chinesen mit Profil bei Facebook. In China gibts nämlich eine bessere Konkurrenz. Und so wie MySpace vor gar nicht langer Zeit gescheitert ist wird auch Facebook irgendwann einfach nicht mehr in sein. Bis auf Google hat es eigentlich keiner geschafft, dauerhaft populär zu sein.
Rodelkoenig 03.08.2011
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Zitat von sysopDas Silicon Valley wehrt sich gegen den Vorwurf, neue Spekulationsblasen anzuheizen. Die Technologiebranche glaubt vielmehr an einen dauerhaften Boom - und will damit zugleich die ökonomische Dominanz der Wall Street brechen. http://www.spiegel.de/0,1518,777781,00.html
Ich denke schon, dass da eine Blase im Anmarsch ist, vorallem bei den reinen Software- bzw. Online-Unternehmen, denn da steht einfach kein wirklicher Wert dahinter. Wenn man sich allein Facebook mit seinem angeblichen Marktwert von 100 Milliarden Dollar anschaut. Materiell gesehen hat das Unternehmen nichtmal einen Wert von 1 Milliarde Dollar. Auf die 100 Milliarden kommt man nur, weil man ein Potenzial sieht, das man irgendwann zu Geld machen kann. Und das sind einzig und allein die Daten der 600 Millionen Mitglieder bzw. 600 Millionen Kunden. Was anderes gibt's da nicht. Nur wie soll man diese Daten gewinnbringend einsetzen? Das ginge im Grunde nur mit personenbezogener Werbung. Nur bezweifle ich, dass irgendein Unternehmen in großem Umfang mehr reale Produkte verkauft und somit echten Gewinn macht, nur weil die Werbung auf Facebook nun personenbezogen ist, statt ganz allgemein. Oder wie will man mit diesen 600 Millionen Kunden jemals real Geld verdienen? Sobald Facebook damit beginnen würde, für gewisse Teile seines Angebots Geld zu verlangen, würden die Kunden reihenweise woanders hingehen, wo es kostenlos ist, und Facebook wäre am Ende wie schon viele zuvor. Mit Facebook oder ähnlichen Diensten wird wohl nie in großem Maßstab am Kunden real Geld verdient werden, denn wenn ein solches Unternehmen Geld für gewisse Dienste verlangt, werden die Kunden immer eine Alternative finden, die kostenlos ist ... zumindest für einen gewissen Zeitraum. Solche Mond-Werte wie 100 Milliarden für Facebook sind reine Erwartungshaltungen an die Zukunft, bei der man hofft, dass man mit den 600 Millionen Kunden in Zukunft viel Geld verdienen wird. Wie das allerdings gehen soll, weiß heute keiner und wahrscheinlich wird das auch nicht passieren. Demzufolge handelt es sich um eine Blase, die irgendwann platzt, sodass der tatsächliche Wert solcher Unternehmen irgendwann herunterkorrigiert werden muss. Viele Grüße
cs2001 03.08.2011
5. Was der Artikel unterschlaegt
Eklatante Unterschiede zur ersten Internet-Blase: Die Firmen machen Umsaetze und verdienen Geld, es sind keine reinen Luftschloesser. Da gibt es funktionierende Produkte und Services, nicht nur Ankeundigungen. Google, Facebook, Zynga, Yelp, LinkedIn, Twitter, SmugMug, aber auch sehr, sehr viele kleinere Firmen, wie 10gen, Tumblr, Evernote, Airbnb, ImageShack, Dropbox, SugarSync, Digg, Seesmic, Scribd, reddit... (mehr fallen mir jetzt spontan nicht ein): Die haben Benutzer, die machen Umsatz und die meisten nachhaltig Gewinn. Es gibt kleinere aber haeufigere Finanzierungsrunden. Die Firmen verbraten ihr Kapital nicht mehr sinnlos in protzige Bueros, sondern konzentrieren sich auf ihre Idee. Sicher kann man ueber manche Bewertung streiten (z.B. Facebook), andere Firmen sind ihre Bewertungen sicher auch wert (wenns so weiter geht hat Apple ja bald mehr Barreserven als Boersenwert...)
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