AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2011

Extremsport "Starkes Blau"

Der französische Apnoe-Taucher Guillaume Néry über die riskante Jagd nach neuen Tiefenrekorden und die Kunst, acht Minuten lang die Luft anzuhalten.

Corbis

SPIEGEL: Herr Néry, Ihr Rekord im Tieftauchen liegt derzeit bei 115 Metern. Dort unten ist das Wasser kalt, es herrscht Totenstille, es ist stockdunkel. Was zieht Sie an so einen Ort?

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Néry: Sie irren sich. Da unten ist es überhaupt nicht dunkel.

SPIEGEL: Sondern?

Néry: Es ist eher ein tiefes, starkes Blau. Es ist überall um mich herum. Wenn ich will, kann ich mich in alle Richtungen bewegen. Hoch, runter, links, rechts. Ich fühle mich frei, wie ich es an Land nie sein könnte.

SPIEGEL: Die besten Perlensucher im Südpazifik tauchen bis 45 Meter tief. Sie dagegen schaffen es ohne Sauerstoffflaschen, nur mit Bleigewicht und Flossen, auf über 100 Meter Tiefe. Es ist ein Trip in eine Todeszone. Wenn Sie da unten die Orientierung verlieren oder in Panik geraten, gibt es keine Rettung mehr. Wie bereiten Sie sich auf einen Tauchgang vor?

Néry: Ich bringe mich in einen entspannten Zustand. Es sollte das Gefühl sein, das Sie morgens nach dem Aufstehen haben, wenn Sie noch müde sind, noch nicht ganz wach. Bevor es hinuntergeht, liege ich still auf dem Wasser und versuche, ein Teil des Elements zu werden. Kurz vor dem Abtauchen inhaliere ich so viel Luft wie möglich.

SPIEGEL: Wie viel Liter Luft passen in Ihre Lungen?

Néry: So ungefähr zehn.

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Guillaume Néry: Ab in die Tiefe
SPIEGEL: Ein normaler Mensch hat ein Lugenvolumen von sechs Litern.

Néry: Ich komprimiere die Luft in der Lunge mit einer speziellen Atemtechnik, ich mache kleine Atemzüge in kurzen Abständen. Damit mehr hineingeht. Es ist wie in einer Sauerstoffflasche. Noch wichtiger als die Menge ist aber, dass ich beim Tauchen möglichst wenig Sauerstoff verbrauche. Die Luft, die ich zur Verfügung habe, muss ich, so gut es geht, ausnutzen. Ich muss effizient sein, wie ein spritsparendes Auto.

SPIEGEL: Wie geht das?

Néry: Schon nach wenigen Metern setzt der Tauchreflex ein, ein Effekt, den wir Menschen mit Walen oder Delphinen gemeinsam haben. Mein Herzschlag geht runter, und die Durchblutung der Arme und Beine nimmt ab. Stattdessen sammelt sich das Blut in den wichtigsten Regionen, am Herz und im Kopf. Mein Körper schaltet sozusagen in den Spargang. Ab 35 Metern ist der Druck so groß, dass ich automatisch hinabsinke. Ich höre auf, mich zu bewegen, und falle einfach in die Tiefe. Ein gigantisches Gefühl.

SPIEGEL: Am tiefsten Punkt Ihres Tauchgangs sind Ihre Lungenflügel zusammengepresst, so groß wie zwei Orangen, und nur noch mit 0,5 Liter Luft gefüllt. Ist das immer noch ein gigantisches Gefühl?

Néry: Ja. Denn in dieser Tiefe lösen sich die Gase im Blut. Das versetzt mich in eine leichte Narkose, einen Rausch. Es fühlt sich an wie nach zwei Bier, wenn man ein bisschen betrunken ist, aber immer noch alles unter Kontrolle hat.

SPIEGEL: Wie oft pro Minute schlägt Ihr Herz in dieser Tiefe?

Néry: Es gibt noch keine Geräte, die dem Druck dort unten standhalten und das messen können. Aber ich schätze, es sind 20 Schläge.

SPIEGEL: In 115 Meter Tiefe ist der Wasserdruck so groß, als würden knapp 13 Kilogramm auf jedem Quadratzentimeter Ihres Körper lasten. Sie können keine Taucherbrille tragen, denn in der Brille würde in so einer großen Tiefe ein Unterdruck entstehen, der Ihnen die Augäpfel heraussaugen könnte. Wie halten Sie diese Bedingungen aus?

Néry: Ich trainiere seit 14 Jahren, habe mehrere tausend Tauchgänge in meinem Leben gemacht. Mein Körper hat sich an die Tiefe angepasst. Ich habe gelernt, den Druck zu akzeptieren. Ich spüre da unten keine Schmerzen.

SPIEGEL: Wie lange bleiben Sie am tiefsten Punkt?

Néry: Nur wenige Sekunden. Dann beginnt das Auftauchen. Der Weg an die Oberfläche ist viel schwieriger. Ich muss Schwimmbewegungen machen, um hochzukommen. Das ist anstrengend und verbraucht Energie. Den kritischsten Punkt erreiche ich knapp zehn Meter vor der Wasseroberfläche. Da brennt mein Körper, er ist sauer wie nach einem langen Spurt und produziert viel Laktat. Um das abzubauen, zieht er den letzten Rest Sauerstoff aus meinem Blut. Wenn ich gut gehaushaltet habe, verfüge ich über genügend Reserven.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

Néry: Auf den letzten 30 Metern begleiten mich Sicherheitstaucher. Falls ich das Bewusstsein verlieren sollte, ziehen sie mich nach oben.

SPIEGEL: Wie fühlt sich der erste Atemzug an der Oberfläche an?

Néry: Ziemlich gut. So stelle ich mir das erste Luftholen nach der Geburt vor. Meine Lungen dehnen sich aus, ich fühle mich am Leben. Ich mag diesen Moment sehr.

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
distributer 09.08.2011
1. Schon Wahnsinn...
das erinnert mich an den Roman von Jean-Christophe Grangé - Schwarzes Blut. Die Taucher sind so konzentriert, dass sie ihre Koerperfunktionen herunterschrauben, um jedes letzte bisschen Sauerstoff im Blut zu verbrauchen...
Dunedin, 09.08.2011
2. krank
"SPIEGEL: Denn der Mensch ist kein Fisch, er hat in 100 Meter Tiefe ohne technische Hilfsmittel nichts zu suchen. Warum spielen Sie mit Ihrem Leben? Néry: Ich würde nie ein Risiko eingehen. Vor einem Tauchgang höre ich stundenlang in mich hinein, nur wenn mein Körper mir signalisiert, dass alles in Ordnung ist, gehe ich ins Wasser. Ich achte penibel genau auf die Sicherheit und habe immer ein Team um mich herum, das im Notfall eingreifen kann." Es gibt kein Sicherheitsteam in 100 m Tiefe, statt dessen berichtet Nery von einem Rausch in dieser Tiefe und wie schwierig der Aufstieg sei. Für mich ist dieser Mann ein Junkie der mit seinem Leben spielt und von den Medien auch noch eine Plattform bekommt, damit andere ihn bewundern können. Das ist echt krank, aber so ist die Zeit, eine Zeit wo Begriffe wie Fun, Party und Rausch, Werte wie z.B. Verantwortung abgelöst haben
gadus 09.08.2011
3. Taucherbrille oder Schwimmbrille???
"Sie können keine Taucherbrille tragen, denn in der Brille würde in so einer großen Tiefe ein Unterdruck entstehen, der Ihnen die Augäpfel heraussaugen könnte." Das ist so nicht richtig. Er kann vielleicht keine SCHWIMMbrille tragen, da diese nicht über einen Nasenerker verfügt. Das heißt: Kein Druckausgleich möglich. Eine Tauchermaske (oft: -brille) kann er wohl tragen, zumindest was den Umgebungsdruck betrifft: Dieser kann über die Nase und den Nasenerker der Tauchermaske ausgeglichen werden, so dass kein Barotrauma der Augen oder sonst eines Gesichtsteils entsteht.
old_spice 09.08.2011
4. im Rausch der Tiefe
der Traum von endlosen Tauchgang ohne Luftnot, ohne Kälte, ohne Tiefenlimits kommt auch in Luc Bessons Film zum Ausdruck. Leider bin ich nur Gerätetaucher, es fällt schwer auf Apnoe umzusteigen, wenn man gewohnt ist unter Wasser atmen zu können. Dennoch trainiere ich regelmäßig und freue mich immer wenn ich diesen gewissen Punkt überwundenhabe, an dem das Wasser mich ausspucken will. Ich bin tief genug um keinen Auftrieb mehr zu fühlen, Lärm und Licht sind weit weg und ich fühle mich frei. Leider muss ich in diesem Moment an meinen Sicherungspartner denken, mit dem ich meinen TG abspreche und der Stress hat, wenn ich mich nicht daran halte. Als Gerätetaucher habe ich auch immer jemanden dabei. Das hilft nicht zu vergessen, daß dieser Spaß Grenzen hat, die man nur im Traum ungestraft vergessen darf.
Emil Peisker 09.08.2011
5. Stickstoff
Zitat von Dunedin"SPIEGEL: Denn der Mensch ist kein Fisch, er hat in 100 Meter Tiefe ohne technische Hilfsmittel nichts zu suchen. Warum spielen Sie mit Ihrem Leben? Néry: Ich würde nie ein Risiko eingehen. Vor einem Tauchgang höre ich stundenlang in mich hinein, nur wenn mein Körper mir signalisiert, dass alles in Ordnung ist, gehe ich ins Wasser. Ich achte penibel genau auf die Sicherheit und habe immer ein Team um mich herum, das im Notfall eingreifen kann." Es gibt kein Sicherheitsteam in 100 m Tiefe, statt dessen berichtet Nery von einem Rausch in dieser Tiefe und wie schwierig der Aufstieg sei. Für mich ist dieser Mann ein Junkie der mit seinem Leben spielt und von den Medien auch noch eine Plattform bekommt, damit andere ihn bewundern können. Das ist echt krank, aber so ist die Zeit, eine Zeit wo Begriffe wie Fun, Party und Rausch, Werte wie z.B. Verantwortung abgelöst haben
Der Rausch in 100m Tiefe wird vom Stickstoff in der Atemluft ausgelöst. Würde der Taucher ein Helium-Sauerstoffgemisch einatmen, bevor auf seinen Tauchgang geht, hätte er keinen Rausch. In einem Punkt hat er Recht. Ich erlernte das Tauchen Mitte der 60er. In meinen Tauchbüchern, auch den medizinischen, wurden "Fakten" aufgeführt, die heute als falsch bekannt sind. Und dabei spreche ich vom Tauchen mit Flaschen, mit komprimierter Luft. Und auch Sie, wenn Sie nur fleißig üben, können 3 Minuten die Luft anhalten.:-))
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