AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2011

China "Der Westen ist hochnäsig"

Chinas stellvertretende Außenministerin Fu Ying, 58, wirft Europäern und Amerikanern vor, die Vorurteile des Kalten Krieges zu pflegen, sie weist Vorwürfe wegen der Behandlung des Künstlers Ai Weiwei zurück und bestreitet, dass Peking die Welt regieren wolle.


SPIEGEL: Frau Ministerin, kein Land bewundert der Westen derzeit so sehr wie China - und kaum eines macht ihm so viel Angst mit seinen Tarnkappenflugzeugen, seinem ersten Flugzeugträger. Wozu braucht China so viel Rüstung?

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Heft 34/2011
Die zerstörerische Macht der Finanzmärkte

Fu: Das Auslaufen unseres ersten Flugzeugträgers in der vorvergangenen Woche war ein aufregendes Ereignis. Das Volk hat darauf gewartet und betrachtet das als natürlichen Schritt eines wachsenden chinesischen Militärs, selbst wenn es nur ein reparierter, gebrauchter Flugzeugträger ist, der für wissenschaftliche Zwecke und Training genutzt wird und der weit davon entfernt ist, voll einsatzfähig zu sein. China liegt da hinter anderen Ländern zurück, die USA beispielsweise besitzen seit langem eine hochentwickelte Flugzeugträger-Flotte.

SPIEGEL: Wären nicht andere Dinge vordringlicher, als das Militär-Budget aufzustocken?

Fu: Die Entwicklung unserer Streitkräfte kommt lange nach anderen Dingen, nach dem Wohlergehen des Volkes, nach der Verbesserung des Lebensstandards. Die Generation meiner Tochter hat als erste keinen Hunger mehr erlebt, das ist ein unglaublicher Fortschritt. Ihre Besorgnis gegenüber dem chinesischen Militär scheint mir stark vom stereotypen Blick des alten Blockdenkens geprägt. Sie haben zwar Vertrauen, wenn andere Länder, Ihre Alliierten wie Amerika und Frankreich, Flugzeugträger besitzen, fühlen sich aber unwohl, wenn auch wir einen haben.

SPIEGEL: Wie weit wird China gehen, um seine Interessen zu verteidigen? Im Streit um die Hoheit im Südchinesischen Meer sind immer schärfere Töne zu hören...

Fu: Auch wir fragen uns, warum es jetzt zu dieser starken Rhetorik kommen muss, obgleich wir uns ja mit den beteiligten Ländern seit langem im Dialog befinden. Aber es ist ein Streit der Worte, und entscheidend ist, dass der Schiffsverkehr im Südchinesischen Meer friedlich bleibt, dass es keinen Krieg gibt.

SPIEGEL: Die Amerikaner zweifeln offenbar an Ihren Absichten. Pakistan soll China Zugang zum Wrack des an der Operation gegen Osama Bin Laden beteiligten Hightech-Helikopters gewährt haben. Stimmt das?

Fu: Sowohl China als auch Pakistan haben das dementiert. Wichtiger scheint mir die Frage: Sind China und die USA Feinde? Werden wir Krieg haben? Bereiten wir einen Krieg gegeneinander vor? Wir betrachten das jedenfalls nicht so. Es ist nicht besonders freundlich, dass die USA ein Waffenembargo gegen China aufrechterhalten. Wir haben nicht die Absicht, die USA herauszufordern, und wir betrachten die USA auch nicht als Bedrohung für uns. Der Westen neigt dazu, die alte Schablone des Kalten Krieges auf China anzulegen. Das verwundert China sehr.

SPIEGEL: Viele Deutsche misstrauen China und betrachten Ihr Land eher als Rivalen denn als Partner. Verstehen Sie das?

Fu: Das beschäftigt mich sehr. Wenn man grundsätzlich anerkennt, dass zahllose Menschen in China aus der Armut geführt wurden, dann muss man akzeptieren, dass China auch irgendetwas richtig macht. Man muss dann wohl auch akzeptieren, dass es unterschiedliche politische Systeme gibt. Der Westen glaubt, dass nur sein System funktioniert. Das mag für manche Länder so sein, aber wie man an der jüngsten Finanzkrise sieht, haben auch sie gelegentlich Schwierigkeiten. Der Westen ist hochnäsig geworden. Demokratie allein bringt eben noch kein Essen auf den Tisch. So ist die Wirklichkeit.

SPIEGEL: Chinas Führung erscheint geheimnisvoll abgeschirmt, selbst langjährige Beobachter rätseln, wie politische Entscheidungen zustande kommen. Wundert es Sie da, dass viele den Absichten Chinas misstrauen?

Fu: Das chinesische Modell ist aus Chinas Geschichte entstanden, es gründet auf seiner eigenen Kultur und unterliegt einem ständigen Reformprozess, zu dem auch die Stärkung des demokratischen Entscheidungsprozesses gehört. Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, muss man den Menschen zuhören, ihre Kritik hören. Keine Regierung überlebt lange, wenn sie die Verbindung mit dem Volk verliert. Und wir haben einen durchaus kritischen Blick auf uns selbst.

SPIEGEL: Was der Westen am chinesischen Modell vermisst, sind Transparenz und Rechtsstaatlichkeit.

Fu: Es sind doch westliche Regierungen, die derzeit Probleme haben. Wir verfolgen genau, was im Westen geschieht. Wir versuchen zu verstehen, warum so viele Regierungen Fehler machen. Warum geben sie Versprechen, die sie nicht einlösen können? Warum geben sie mehr Geld aus, als sie haben? Stagniert der Westen seit Ende des Kalten Krieges? Oder ist er einfach nur selbstgefällig geworden?

SPIEGEL: Demokratien sind kompliziert und gegenüber straff geführten Systemen mitunter im Nachteil. Fühlen Sie sich überlegen?

Fu: Überlegenheit ist nicht das Wort, das wir benutzen würden. Chinesen sind bescheiden. Wir respektieren Ihre Erfolge und lernen von Ihnen.

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