AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2011

Gesundheit "Depressive Stimmung"

Deutsche Kinder leiden laut neuer Studien häufig an psychischen Störungen und Entwicklungsproblemen. Experten halten die veröffentlichten Zahlen für trügerisch und übertrieben.

AP

Von Guido Kleinhubbert


Hamburg-Volksdorf ist ein Stadtteil mit großem Waldgebiet, verkehrsberuhigten Zonen und gepflegten Vorgärten voller bunter Plastikrutschen und Trampoline. Das Viertel wirkt idyllisch, familienfreundlich und kindgerecht, doch die schlechten Nachrichten über Deutschlands Nachwuchs reißen auch hier nicht ab.

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Heft 34/2011
Die zerstörerische Macht der Finanzmärkte

In Volksdorf sitzt die Sprachheilkundlerin Karen Grosstück im Büro ihrer logopädischen Praxis, schenkt stilles Wasser ein und erzählt über Entwicklungen, die man bisher eher aus Problemvierteln zu kennen glaubte. Auch hinter den Fassaden der schmucken Einfamilienhäuser plagten sich viele Kinder mit Wortfindungsschwierigkeiten, phonologischen Schwächen und vielen anderen Entwicklungsstörungen, erklärt die Logopädin. "Und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer", sagt Grosstück, die sich 1992 als erste Sprachtherapeutin in dem Stadtteil niederließ. Jetzt gebe es drei Konkurrenzpraxen, alle seien gut ausgelastet und hätten Wartelisten.

Volksdorf, das Idyll im Hamburger Nordosten, erstaunt und alarmiert gleichermaßen. Denn es steht für ein bundesweites Phänomen: Geht es um die sprachliche Entwicklung, das Verhalten und die psychische Verfassung von Deutschlands Kindern, folgt seit Wochen eine Hiobsbotschaft auf die nächste.

"Therapie statt Spielplatz"

"Therapie statt Spielplatz", schrieb die Techniker Krankenkasse kürzlich in einer Pressemitteilung. Die Zahl der Kinder, die zum Logopäden gingen, sei laut Heilmittelstatistik innerhalb eines Jahres um 15 Prozent gestiegen - und zwar quer durch alle Schichten. "Jeder dritte Schüler hat Depressionen", schrieb "Bild" und bezog sich auf Zahlen von der DAK und der Universität Lüneburg. "Druck macht die Kinder seelisch krank", meldete das "Hamburger Abendblatt" auf seiner Internetseite.

Mehr denn je gehörten Angstattacken, hoher Blutdruck und Ohrensausen zum Alltag in den deutschen Kinderzimmern, berichteten Krankenkassen und Ärzte. Burnout treffe nicht nur Lehrer, sondern mittlerweile auch Schüler. Der Nachwuchs wälze sich mit Schlafproblemen im Bett, plage sich mit psychosomatisch bedingten Rückenschmerzen und Neophobie, wie das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung kürzlich spekulierte. Dabei handelt es sich um die Angst vor allem Neuem, also zum Beispiel die Angst vor ungewohnten Gemüse- und Obstsorten.

Es sind bedrohliche Botschaften und steile Thesen, die in den vergangenen Monaten über Pressemitteilungen, Zeitungen und TV-Sender verbreitet wurden. Und sie werden auch gierig, fast dankbar, angenommen, von besorgten Müttern und Vätern, von Kindeswohl-Verbänden, von professionellen Apokalyptikern und dem heilenden Gewerbe im weißen Kittel. Nur: Belegen lässt sich derzeit lediglich, dass die Zahl der behandelten Kinder steigt - aber so gut wie gar nicht, dass Deutschlands Nachwuchs von Jahr zu Jahr kränker wird.

Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 5 bis 12 Prozent der Männer sowie 10 bis 25 Prozent der Frauen im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für einen Großteil der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist für Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich beispielsweise Hilfe bei einem Arzt, Psychiater, Psychologen oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Bielefeld. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Webseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst zu einer Depression neigt, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa
Schon "wegen Kleinigkeiten" würden Kinder heutzutage "einer intensiven Diagnostik unterzogen" und dann "pathologisiert", relativiert etwa der Bonner Kinderneurologe Helmut Hollmann. Vieles, was früher dem Bereich des Normalen zugerechnet worden sei, werde heute - wohl in einigen Fällen auch zu Recht - als "behandlungsbedürftige Gesundheitsstörung" bewertet, berichtet Martin Schlaud, Leiter des Fachgebiets Gesundheit von Kindern und Jugendlichen am bundeseigenen Robert Koch-Institut (RKI). Diese Neubewertung von Symptomen treibt die Statistiken nach oben und verstärkt den Eindruck, dass es den Kindern immer schlechter gehe. Nebenbei dient sie der Pharmaindustrie: Allein die Verordnung von Psycho-Stimulanzien wie Ritalin, das in erster Linie Kindern verabreicht wird, stieg zwischen 2006 und 2009 um 41 Prozent.

Schlauds Team arbeitet in einer Außenstelle des RKI in Berlin-Tempelhof. Weil auch die Bundesregierung das Mysterium des kränkelnden Nachwuchses aufgeklärt haben will, befragt es nun etwa 24 000 Kinder und Jugendliche. Was die Forscher bei dieser Studie erfahren, soll mit Ergebnissen einer Basisuntersuchung aus den Jahren 2003 bis 2006 verglichen werden. Erst danach werden bundesweit gültige Aussagen möglich sein wie: "Immer mehr Kinder haben Kopfschmerzen." Bis dahin können sich zum Beispiel Kinderärzte fast nur auf ihren subjektiven Eindruck stützen.

Ulrich Fegeler, Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, betreibt seit über 20 Jahren eine Praxis in Berlin-Spandau. Er erlebe zwar jeden Tag kleine Patienten, die am Nachmittag "nur vor der Glotze" hingen und deswegen viele körperliche und psychische Probleme entwickelt hätten. Gerade in sozial schwächeren und "anregungsarmen" Familien liege da einiges im Argen, sagt der Kinderarzt.

Gleichzeitig verschreibe sein Berufsstand heute aber auch viel schneller Rezepte für Heilmittel, oft schon bei kleineren Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Grund sei unter anderem, dass manche Eltern "ungeheuren Druck" ausübten.



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insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
Hercules Rockefeller, 24.08.2011
1. Schlimm
Wenn "Experten" etwas behaupten, dann ist immer das Gegenteil der Fall. Wir kennen das ja aus der Finanzmisere, da haben bisweilen sogar während des Crashs die "Experten" noch die Märkte gelobt und alles rosig gesehen. Insofern, ganze Jugend total gaga und plemplem! Ist ja auch alternativlos...
leser_81 24.08.2011
2. sprachliche Entwicklung
Es ist traurig, doch ich denke viele Sprachprobleme bei Kindern kommen einfach daher, dass Eltern sich nicht mehr wie früher mit Ihren Kindern austauschen. Statt wie früher den Kindern eine gute Nachtgeschichte vorzulesen, wird einfach mal die Glotze angeschaltet bis die kleinen schlafen. Statt sich beim essen zu unterhalten, isst die gesamte Familie um den Fernseher rum und spricht dabei kein Wort. Es ist schon schon sehr weit verbreitet, dass man Kleinkinder vor die Glotze setzt und mit Teletubies und co. unterhalten lässt. Wenn sich die komischen Puppen (die alle auch kein richtiges Deutsch können) dann auch noch unterhalten wie "Gagga pumps gemacht" oder so muss man sich nicht wundern, dass Kinder an sprachstörungen leiden. Das TV, der PC und Playstation und co. haben schon längst die Kinderzimmer erobert und fürhrt dazu, dass sich Kinder nicht mehr richtig ausdrücken können. Oder welches Kind spricht schon mit einem Unterhaltungsmedium ?
dborrmann, 24.08.2011
3. Wer als Arzt nicht spurt....
hat Ruckzuck folgende Menschen am Hals: Die Eltern als Vorfront - Die Anwälte der Eltern - Die Richter - Und nicht zuletzt die kranken Kassen selber - Beliebtetes Krankheitsbild: ADHS - An Stelle zwei steht: Entwicklungsverzögerung -
Koda 24.08.2011
4. Vielleicht auch Panikmache seitens der Betreuer oder Eltern???
Meine Tochter kam auch in die Frühförderung; u.a. wegen eines Sprachfehlers und Konzentrationsschwierigkeiten. Aber auch mangelnde Fitness wurden ihr nachgesagt und das sie (damals gerade 5 J.) nicht zählen könnte. Das mit dem Zählen übte ich dann abends schon mal; allerdings kam sie schon allein bis 12; da war sie aber genervt und gelangweilt. Mit Männchen-Zeichnen wurde ich auch verückt gemacht: sie würde nur Strichmännchen ohne Hals und Finger malen; beim Test in der Frühförderung malte sie dann alle Männchen detailreich aus. Da bekomme ich den Eindruck, dass die Kinder manchmal nicht einfach altersgerecht malen wollen, weil sie es selber geradfe so schöner finden.
gsm900, 24.08.2011
5. Und wir von Ickooch-Pharma
Zitat von sysopDeutsche Kinder leiden laut neuer Studien häufig an psychischen Störungen und Entwicklungsproblemen. Experten halten die veröffentlichten Zahlen für trügerisch und übertrieben. http://www.spiegel.de/0,1518,781712,00.html
verdiene und dann eine goldene Nase dran, abgesehen von der Arbeitsbeschaffung für Psychologen und andere Scharlatane
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