AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2011

Internet "Ausschaltknopf fürs Netz"

Der Kommunikationswissenschaftler Philip Howard über Irans Drohung, das Land vom weltweiten Datenstrom abzukoppeln, und das weltweite Geschäft mit Zensursoftware.

DPA

SPIEGEL: Iran hat angekündigt, die Verbindung ins Internet ab Ende August schrittweise zu kappen. Ist das realistisch?

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Heft 35/2011
Eine Verneigung.

Howard: Dass die Regierung in Teheran dazu prinzipiell in der Lage ist, hat sie schon einmal gezeigt. Nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Juni 2009 war das Land für rund 24 Stunden vom Rest der Welt abgeschnitten. Aber eine dauerhafte Abkopplung wäre das Eingeständnis großer Verzweiflung.

SPIEGEL: Vollständig offline war das Land auch vor zwei Jahren nicht.

Howard: Die Machthaber blockierten damals nur die großen Internetanbieter. Sie hatten nicht daran gedacht, dass das Netz dynamisch aufgebaut ist und sich solche Eingriffe umgehen lassen: Die Informationspakete werden automatisch über noch funktionierende Verbindungen geleitet. Außerdem besaßen einige Oppositionelle das Know-how, um über ihre Mobiltelefone kleine Datenmengen ins weltweite Netz zu übertragen.

SPIEGEL: Statt über das Festnetz gehen iranische Blogger inzwischen teilweise mit Hilfe von Satellitenschüsseln ins Internet.

Howard: Allerdings ist es ein technisch sehr komplizierter Weg, die verbotenen TV-Schüsseln ...

SPIEGEL: ... die von Spezialeinheiten der Polizei zunehmend zerstört werden ...

Howard: ... umzurüsten und sich über Anbieter in Dubai oder auf Zypern ins Netz zu begeben. Ob dieser Zugang offen bleibt, wenn das Regime den Totalboykott umsetzt, ist schwer vorherzusagen.

SPIEGEL: Wodurch könnte eine totale Blockade noch umgangen werden?

Howard: Einige Universitäten und große Firmen verfügen über eigene Leitungen. Sie laufen nicht durch die von der Regierung kontrollierten Übergabepunkte. Diese Verbindungen zu kappen bedarf tiefgreifender Einschnitte in die Struktur der betreffenden Einrichtungen. Selbst in einem repressiven Staat dürften die Widerstände aus Forschung und Wirtschaft enorm sein. Iran ist nicht Nordkorea.

SPIEGEL: Also gibt es für Teheran kein Zurück mehr in die Zeit vor Einführung des World Wide Web?

Howard: Eine komplette Abschottung ist eigentlich unmöglich. Solange wenige Leitungen frei bleiben, besteht für Aktivisten auch die Möglichkeit, diese zu nutzen. So arbeiten die USA gerade an einem Versandsystem für Informationen, die auf ihrem Weg durchs Netz nicht aufgespürt werden können und nur von dem Empfänger erkannt werden, für den sie auch bestimmt sind. Mit Hilfe dieser "Darknet"-Technik könnten etwa Internetverbindungen von Forschungseinrichtungen und Konzernen unbemerkt zur privaten Informationsübermittlung genutzt werden - obwohl das öffentliche Internet abgeschaltet zu sein scheint.

SPIEGEL: Wie würde der Versuch, einen Großteil des Landes vom Rest der Welt abzukoppeln, technisch vonstattengehen?

Howard: Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, die sogenannten Knotenpunkte zu reduzieren. Zur Zeit der Unruhen in Iran war das nationale Netz über eine Handvoll dieser Stellen mit dem internationalen Datennetz verbunden. Das Regime in Teheran ist derzeit offensichtlich dabei, die Knotenpunkte auf nur noch einen einzigen zu reduzieren. Dort würde dann der Kill Switch, der Abschaltknopf, installiert.

SPIEGEL: Für Teheran wäre der Preis einer Totalblockade hoch: Das Land würde sich noch mehr isolieren.

Howard: ... und müsste nicht nur einen politischen Preis bezahlen. Wenn die Führung ihr ganzes Land vom Netz nimmt, wäre das auch ein schwerer Rückschlag für die ohnehin durch die Uno-Sanktionen angeschlagene Wirtschaft. Als der ägyptische Präsident Husni Mubarak während des Volksaufstandes gegen sein Regime vorübergehend ein Abtrennen vom Internet befahl, hatte dies verheerende Folgen für die Wirtschaft. Die fünf Tage offline haben schätzungsweise eine viertel Milliarde Euro gekostet.

SPIEGEL: Präsident Ahmadinedschad will den Iranern eine Alternative anbieten. Wie es heißt, lässt er ein Intranet entwickeln, in dem die Iraner nur noch untereinander kommunizieren sollen.

Howard: Möglich wäre das schon, China macht es vor. Dort gibt es fast von jedem Dienst, der international erfolgreich ist, eine chinesische Kopie, die von der Regierung zensiert wird. Doch von den raffinierten Methoden der Chinesen scheint mir das iranische Regime weit entfernt.

SPIEGEL: Nimmt die Regierung Ahmadinedschad den Mund zu voll, wenn sie die Abkopplung vom Internet ankündigt?

Howard: Es ist vor allem eine politische Drohung. Um sich dem Netz wieder völlig zu entziehen, ist Iran viel zu sehr mit der Welt verbunden. Weit stärker setzen die Herrschenden auf "Deep Packet Inspection", eine Tiefenanalyse des Datenverkehrs. So durchsuchen sie jede E-Mail. Über fünf Millionen Websites sind bereits auf den Index gesetzt und blockiert.

SPIEGEL: Irans Blogger-Szene gilt als einfallsreich in der Umgehung der Zensur.

Howard: Es gibt nur wenige islamische Länder, deren Bevölkerung ähnlich vernetzt ist. Zehn Millionen Iraner gelten als regelmäßige Nutzer. Gerade die politisch engagierte Jugend arbeitet mit dem Netz und kennt die Tricks. Um blockierte Seiten aufzurufen, nutzen sie nicht die landesweit rund 80 offiziellen Server ...

SPIEGEL: ... die fest in den Händen des Staates sind oder deren Betreiber mit ihm zumindest eng kooperieren.

Howard: Gewiefte Aktivisten verwenden sogenannte Proxy-Server, die von der Zensur als harmlos eingestuft werden und dann auf die gesperrte Seite - etwa der Opposition - weiterleiten. Irgendwann wird auch dieser Proxy-Server gesperrt und dafür wiederum ein neuer aufgemacht. Das ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Versierte Netzaktivisten benutzen inzwischen sogar manipulierte Spielekonsolen wie die Xbox oder die Playstation 3, um miteinander ungehindert zu kommunizieren.

SPIEGEL: Aber auch das Regime besitzt umfassendes Know-how.

Howard: Wir wissen, dass die Iraner so ziemlich über alle Filterprogramme verfügen, die weltweit gehandelt werden. Manches davon wurde in China gezielt zur politischen Zensur entwickelt. Die Systeme stammen allerdings auch von europäischen Firmen wie Nokia-Siemens, vieles auch aus dem Silicon Valley in Kalifornien. Noch werden die besten Zensurprogramme im Westen geschrieben. So bieten westliche Firmen etwa Internetfilter für den Jugendschutz an. Von den Experten der Regime werden diese Sperrlisten dann auf politische Inhalte umgemünzt.

SPIEGEL: Die US-Regierung hat rund 70 Millionen Dollar bereitgestellt, um sogenannte Schattennetzwerke aufzubauen, damit Oppositionelle am offiziellen Internet vorbei kommunizieren können.

Howard: Ich glaube nicht, dass die US-Regierung damit wirklich die Dissidenten in aller Welt unterstützen will. Wenn so ein Zweitnetz aufgebaut werden soll, etwa in Afghanistan, dann dient es dem Schutz der eigenen Kommunikation, falls es etwa den Taliban gelingen sollte, das Internet auszuschalten.

SPIEGEL: Zumindest der iranischen Oppositionsbewegung hat die gute Vernetzung aber nicht viel genutzt. Die grüne Rebellion wurde brutal niedergeschlagen.

Howard: Trotzdem ist den Demonstranten ein politischer Coup gelungen: Wie ihre Mitstreiter für Demokratie in Tunesien und in Ägypten haben auch sie das Regime vor aller Welt bloßgestellt. Ohne das Internet und die Mobiltelefone mit ihren Kameras hätten uns die Bilder erschossener Studenten nicht erreicht. Ähnliches beobachten wir jetzt in Syrien, Libyen und dem Jemen, auch wenn deren Internetgemeinde nicht so aktiv ist.

SPIEGEL: Gegen das Netz verlieren letztlich auch die schlimmsten Despoten?

Howard: Bei einer Wette würde ich mein ganzes Geld auf einen Sieg für das Internet und die Demokratisierung setzen.

Das Interview führten Dieter Bednarz und Hilmar Schmundt

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
hubert_hummel 03.09.2011
1. Alle Affen äffen nach
Wenn die US-Regierung einen Ausschaltknopf für's Netz hat (von Obama eingeführt), wollen andere Regierungen das natürlich auch. Wenn die US-Regierung andere Länder überfällt, wollen andere Regierungen das natürlich auch. Wenn die US-Regierung uns in den dritten Weltkrieg treibt - fangen andere Regierungen HOFFENTLICH an, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen.
ich schon wieder 03.09.2011
2. Ja, vom Iran...
... da können einige deutsche Politiker die die Einschränkung der Informations- und Pressefreiheit bereits gedanklich erwägen noch was lernen.
oberteil 03.09.2011
3. .
Zitat von sysopDer Kommunikationswissenschaftler Philip Howard über Irans Drohung, das Land vom weltweiten Datenstrom abzukoppeln, und das weltweite Geschäft mit Zensursoftware. http://www.spiegel.de/0,1518,783304,00.html
Haben Sie den auch schon gedrückt?
schoene_welt 03.09.2011
4. 2 Seiten
Das ganze hat aber auch erhebliche Sicherheitsvorteile. Bei Cyberangriffen, die in Zukunft konventionelle Angriffe in der Bedeutung übersteigen werden, kann man schnell und effektiv die Infrastruktur schützen. Jeder Staat arbeitet an solchen "Knöpfen", oder die Sicherheitsorgane sind ihr Geld nicht wert. Nach den jüngsten Angriffen auf die Atomanlagen wohl kaum verwunderlich, dass Iran daran arbeitet. Die einseitige Berichterstattung über Zensur ist in sich selbst schon Zensur.
großwolke 03.09.2011
5.
Prinzipiell ja ein interessanter Artikel, aber wieso können sich selbst Leute, die es eigentlich besser wissen sollten, dieses rührselige Geschwafel vom Sieg der Demokratisierung nicht einfach sparen? Solange so ein Regime geschlossen gegen seine Bevölkerung steht, ist der Bürger recht chancenlos. Die DDR ist zusammengebrochen, weil in den entscheidenden Wochen einige wichtige Leute darauf verzichtet haben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu handeln. Agypten ist gecrasht, weil das Militär sich von Mubarak abgewendet hat, in Libyen hat die NATO das Land zerbombt und nicht die Turnschuh-Rebellen. Zum Vergleich: in Syrien erschießt der Assad weiter fröhlich seine Bürger, im Iran haben letztlich alle Fotos von erschossenen Studenten nichts gegen die Ziviltruppen der Regierung ausgerichtet und auch China wird stabil bleiben, solange die Regierung es schafft, den Leuten bezahlbares Essen zu organisieren. Machen wir uns nichts vor, Mauern und Regime sind heutzutage standfester denn je, Revolutionen gegen Unterdrückerregime funktionieren nur dann, wenn entweder massive Hilfe von außen kommt oder aber Rißstellen im Machtapparat selbst vorhanden sind. Solange also der böse Großkriegsherr Super-Sarko nicht losreitet, um die Welt zu retten, bleibt in Iran alles beim Alten, mit oder ohne Internet.
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