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Ausgabe 36/2011

Treibhauseffekt: Tonga in der Nordsee

Von Michael Fröhlingsdorf

Kühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau.

Treibhauseffekt: Die Nordsee schwillt an Fotos
AP

Volker Mommsen ist Bürgermeister einer der kleinsten Gemeinden Deutschlands. Die Hallig Gröde liegt vier Kilometer vor der Küste Schleswig-Holsteins, eine flache grüne Scheibe mitten im Wattenmeer. Es gibt nur zwei Erhebungen, je vier Meter hoch, die Warften. Darauf stehen fünf Häuser. Elf Bewohner leben auf dem Eiland und im Sommer 70 Rinder und 60 Schafe.

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Mommsen, grauer Bart, wettergegerbtes Gesicht, buntgeringelte Stricksocken in groben braunen Schuhen, lebt schon seit 47 Jahren dort draußen. Kürzlich ist seine Tochter mit den zwei Enkeln aufs Festland gezogen. Aber Mommsen will nicht weg von Gröde.

Dabei schwappt mehrmals im Jahr die Nordsee über das Eiland. Dann ragen nur die Warften aus dem Wasser. Ihm mache das nichts aus, sagt Mommsen. Als er 1964 mit seinen Eltern auf die Insel zog, waren die Gebäude nach der großen Sturmflut gerade neu aufgebaut worden. "Das Land gab günstige Kredite, damit die Warften weiter bewohnt blieben."

Inzwischen aber fragt sich mancher in der Regierung in Kiel, ob es eigentlich so eine gute Idee ist, dass da draußen Menschen wohnen. Wenn Klimaforscher mit ihren Prognosen recht haben, wird sich die Atmosphäre weiter aufheizen und der Meeresspiegel in wenigen Jahrzehnten stark steigen. Die Inseln würden in den Fluten versinken.

Mommsen ist also so etwas wie der König von Tonga oder der Präsident der Malediven. Auch deren Amtssitze drohen als Folge des Klimawandels unterzugehen. Doch wie lässt sich die Nordsee im Zaum halten? Mit neuen Deichen und höheren Warften? Das würde etliche Millionen kosten und das Gesicht der Hallig grundlegend verändern.

Helfen sollen nun Architekten und Ingenieure. Gerade hat das Land zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen. "Vielleicht", sagt Mommsen, "brauchen wir hier Häuser wie in Holland, die wie Boote bei Flut aufschwimmen."

Die Winter werden feuchter und die Sommer trockener

Die Folgen des Klimawandels bereiten nicht nur Mommsen und den Küstenschützern Kopfzerbrechen. Sie werden Deutschland von Flensburg bis zu den Alpen treffen. Klimaforscher sind sich sicher, dass die Winter feuchter und die Sommer trockener werden. Die mittleren Jahrestemperaturen könnten bis Ende des Jahrhunderts um vier Grad steigen. Dann wird es in den Innenstädten im Sommer unerträglich heiß, auf den Feldern fehlt der Regen, es drohen Gewitter, Stürme, Sturmfluten und Überschwemmungen.

Bislang allerdings ging es in den Rathäusern beim Klimaschutz vor allem darum, Schulen zu dämmen, Glühbirnen gegen Energiesparlampen zu tauschen und Dienstautos mit Start-stopp-Automatik anzuschaffen. All das wird den Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre kaum bremsen. Und so rückt ein zweiter Aspekt in den Vordergrund - der Schutz vor den unvermeidbaren Auswirkungen des Klimawandels.

Doch noch gibt es weder einheitliche Standards, verbindliche Regeln noch klare Konzepte für den Umbau des Landes. Es fehlt an Geld und Verständnis von Politikern, Stadtplanern, Denkmalschützern und auch Bürgern.

Reagiert hat in der vergangenen Woche immerhin die Bundesregierung. Sie beschloss einen lange angekündigten "Aktionsplan Anpassung". Neben die Anstrengungen zur Reduzierung der Treibhausgase müsse die Anpassung an die Folgen des Klimawandels treten, verlangte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

Über eigene Aktionen der Regierung ist auf den 93 Seiten allerdings kaum etwas zu finden. Vieles müsse "auf lokaler oder regionaler Ebene" umgesetzt werden, heißt es wolkig in dem Papier, das nicht etwa von Röttgens Klimaexperten, sondern der Unterabteilung Wasserbau verfasst wurde: "Im Sinne der Eigenvorsorge liegt die Verantwortung für die Anpassung an den Klimawandel schließlich im Wesentlichen bei Bürgern und Unternehmen selbst."

Was sich vor Ort tut, weiß selbst das Umweltbundesamt nicht, nach Röttgens Willen immerhin "Wegweiser und Ansprechpartner" für die Anpassungsaktivitäten in Deutschland. Gerade einmal hundert Vorhaben listet eine "Tatenbank" auf, vieles davon wurde noch nicht mal begonnen.

Strategiepapiere werden beschlossen, Kommissionen und Arbeitskreise eingesetzt

Die Deutschen nähern sich dem Problem in typischer Weise - grundsätzlich und föderal. Die meisten Länder, viele Kreise und Gemeinden haben inzwischen eigene Strategiepapiere beschlossen, Kommissionen und Arbeitskreise eingesetzt, Gutachten und Studien in Auftrag gegeben.

Doch was versteht man unter einem Hochwasser? Was ist eine Flut? Und wo beginnt eine Bedrohung? Schon bei diesen Fragen gibt es unterschiedliche Ansichten in den 16 Landeshauptstädten.

Peitscht etwa eine Sturmflut von der Nordsee die Elbmündung hinauf, sind davon zwar Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein betroffen. Jedes Land aber hat eine andere Methode, aus den gemessenen Wasserständen Rückschlüsse auf mögliche Gefahren zu ziehen. Ein für die Statistiker in den Landesämtern jahrelang unlösbares Problem - und eine schlechte Voraussetzung, um sich auf noch höhere Fluten einzustellen.

An der Mittelelbe musste sich gar ein Gericht mit den Deichen beschäftigen. Nach dem Elbhochwasser 2002 hatte dort ein Wettrüsten bei den Uferdämmen begonnen, und die Regierung in Mecklenburg-Vorpommern fürchtete, die Deiche in Brandenburg seien so hoch, dass ihre eigenen Schutzdämme überspült würden. Inzwischen gibt es einen komplizierten Kompromiss.

Auch an Forschungsvorhaben herrscht kein Mangel. Sie tragen so schöne Namen wie Klimzug, Klimafit oder Klimpass, Regklam oder Dynaklim, Kliff, KlimAix, JenKAS, Klima Exwost, KlimaMoro.

Über 80 Millionen Euro gibt der Bund allein für das Projekt Klimzug aus. Damit untersuchen beispielsweise Forscher in Lübeck, wie stark Reetdachhäuser künftig von Pilzen befallen werden. In Brandenburg testen Wissenschaftler, ob entlang den typischen Alleen statt Platanen, Eschen oder Kastanien bald Orangenmilchbäume oder Japanische Magnolien gepflanzt werden sollten. Am bayrischen Schloss Neuschwanstein messen Experten, wie es sich auswirkt, wenn Besucher durch den Temperaturanstieg stärker schwitzen.

Die Ergebnisse füllen bald eine kleine Bibliothek. Doch was fehlt, sind klare Prioritäten. "Es gibt viele Papiere, aber wenig Koordination", klagen deshalb selbst Klimaexperten in den Ministerien.

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insgesamt 181 Beiträge
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    Seite 1    
1. ..
smurfphobos 09.09.2011
Ich habe aufgehört weiter zu lesen als das Wort Klimawandel fiel.
2. -
franko_potente 09.09.2011
Zitat von sysopKühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau. http://www.spiegel.de/0,1518,784529,00.html
Wie wärs mit: Leere Schwimmbäder in kühlen Städten, Ernteausfälle wegen zuviel Regen, Flcuth nach Süden für ein bisschen Sommer. Explodierende Heizkosten, wegen knackiger Winter... aber Hauptsache Klimawandel...
3. Hier könnte Ihre Werbung stehen.
Puffel, 09.09.2011
Zitat von sysopKühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau. http://www.spiegel.de/0,1518,784529,00.html
Können wir vielleicht erstmal warten, ob sich überhaupt ein Problem ergibt, das es zu lösen gilt? Und nicht gleich schon wieder Impfstoffe horten. Manche Prognosen sprechen ja von einer Abkühlung in Europa (Golfstrom und so). Ich vertraue auf die Flexibilität der Menschen der Zukunft, ihre Probleme zu lösen, indem sie DANN geeignet für Kühlung sorgen, Hochwasserschutz betreiben usw. Wie wärs, wir kümmern uns erstmal um UNSERE, nämlich die bereits bestehenden Probleme, statt gesellschaftlich ADHS an den Tag zu legen.
4. .
Olaf 09.09.2011
Zitat von sysopKühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau. http://www.spiegel.de/0,1518,784529,00.html
Wasserspender auf den Feldern - sieht mehr so aus als bräuchten wir Entwässerungssysteme.
5. ###
cohorte 09.09.2011
Zitat von smurfphobosIch habe aufgehört weiter zu lesen als das Wort Klimawandel fiel.
Aber Hauptsache, hier noch schnell ein Sätzchen hinschmieren.
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