AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2011

Irland Rebellion in Dublin

Corbis

Von Marco Evers

2. Teil: Die "kaputte, weltfremde, elitäre Kultur" des Vatikans


Für viele wurde das letzte Stückchen Vertrauen in die Kirche zerstört, als im Juli jener Untersuchungsbericht erschien, den das Justizministerium über die ländliche Diözese Cloyne im Süden der Insel erstellen ließ. Fast zwei Jahre lang hatte eine staatliche Kommission überprüft, ob diese Diözese, wie sie immerzu beteuerte, ausreichend Maßnahmen ergriff, um Kinder vor pädophilen Priestern zu schützen.

Das Ergebnis: Bis ins Jahr 2008 taten die Kirchenoberen "wenig bis nichts". Bischof John Magee ließ zu, dass verdächtige Priester weiterhin Kontakt mit Heranwachsenden hatten, 9 von 15 Beschwerden leitete die Diözese nicht weiter an die Polizei.

Der Bericht stellte zudem fest, dass der Vatikan nicht willens war, bei der Aufarbeitung der Geschehnisse mitzuwirken - so wenig wie bei den drei großen früheren staatlichen Untersuchungen.

Geradezu explosiv aber war, was die Ermittler über die Geheimkorrespondenz des Vatikans zutage förderten. Der Nuntius, Roms Vertreter in Dublin, hatte die Richtlinien der irischen Kirche zum Schutz von Kindern gegenüber den Bischöfen als "nicht bindenden Entwurf" bezeichnet - er stehe im Widerspruch zum Kirchenrecht. Damit gab er ihnen freie Hand, alles zu ignorieren, was von der eigenen Kirche beschlossen worden war.

Sehr zum Ärger von Diarmuid Martin, 66, dem ruppigen Erzbischof von Dublin. Der hat sich den Ruf erworben, erbarmungslos gegen pädophile Priester vorzugehen - und gegen eine Kirche, die diese gewähren lässt. Doch er ist, so viel wird nun klar, ein einsamer Streiter. Jedenfalls im Kreis der Bischöfe. Kaum war der Cloyne-Bericht erschienen, saß Martin in einem Fernsehstudio, den Tränen nahe.

"Ich muss mich schämen für diese Kirche"

"Ich muss mich schämen für diese Kirche", sagte er. Ob man denn den übrigen Bischöfen glauben könne, dass diese jetzt endlich gegen Kindesmissbrauch vorgingen? "Ich hoffe es", stammelte er verlegen.

Und dann sagte Martin etwas Denkwürdiges. In Irland wie im Vatikan seien "Seilschaften" am Werk - Geheimbünde, die hinterrücks versuchten, die staatlichen und kircheneigenen Regeln gegen den Missbrauch auszuhebeln.

John Magee beispielsweise, der Bischof von Cloyne, war wohlbekannt im Vatikan. In den siebziger Jahren lebte er dort opulent in einer Villa und diente nacheinander drei Päpsten als Privatsekretär. Später komplimentierte ihn Johannes Paul II. in die irische Provinz. Bereits im Vorfeld der Enthüllungen ließ Magee, 74, seine Ämter ruhen.

Auch Premierminister Enda Kenny, 60, verdammt den Vatikan inzwischen in Grund und Boden. Das will viel heißen auf der gottgefälligen Insel, auf der sich Politiker früher vor allem als Katholiken und erst danach als Iren verstanden. Jahrzehntelang gehörte es zum politischen Alltag, dass Bischöfe das Parlament zurechtwiesen, wenn ihnen ein Gesetzentwurf nicht gefiel.

Die Kirchenzentrale spiele den Missbrauch herunter

In ebendiesem Parlament geißelte Kenny nun "die kaputte, weltfremde, elitäre Kultur" des Vatikans. Die Kirchenzentrale schwelge im "Narzissmus", sie spiele "die Vergewaltigung und Folter von Kindern" herunter und sei in all ihrem Tun einzig bemüht, den schönen Schein aufrechtzuerhalten. Die Mehrheit der Iren bejubelte ihren Premier für diese Worte. Und der Vatikan zog erschrocken seinen Nuntius ab - wohl auch, um einer formellen Ausweisung zu entgehen.

Justizminister Alan Shatter arbeitet bereits an einem Gesetz, das den Schutz von Kindern "über interne Regeln von religiösen Gruppierungen" stellen soll: Wer von Kindesmissbrauch erfährt, muss die Polizei einschalten. Tut er das nicht, drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Die Kirche läuft Sturm gegen dieses Projekt, denn dieses Gesetz würde auch das Beichtgeheimnis beschneiden.

Aber noch ist der Sumpf nicht trockengelegt. Kaum ist der Cloyne-Bericht da, sind schon neue Enthüllungen angekündigt. In der Diözese Raphoe im Norden der Insel ist ein kircheneigener Ermittler aktiv. Er untersucht, wie die Bischöfe dort seit 1975 mit dem Thema Kindesmissbrauch umgegangen sind.

Im Oktober soll er seinen Rapport vorlegen. Angeblich geht es um Hunderte vergewaltigte Kinder. Priesterrebell Tony Flannery sagt: "Auch in Raphoe ist der Wurm drin."

insgesamt 294 Beiträge
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Newspeak, 16.09.2011
1.
Nicht nur Irland...ganz Europa braucht eine zweite Aufklärung! Kirche und Staat sind fast nirgends wirklich getrennt, auch deshalb, weil die katholische Kirche für sich selbst beansprucht, einem Staat vorzustehen. Das sollte man ändern. Der Vatikan gehört von Italien annektiert. Konkordate sollten aufgelöst werden. Sämtliche Privilegien, von denen es vor allem in Deutschland jede Menge gibt, von der Bezahlung der Bischöfe durch den Staat bis zu Blasphemieparagraphen im Strafgesetz, müssen fallen. Religionsfreiheit darf in Zukunft nur die Freiheit der individuellen Religionsausübung bedeuten, nicht aber die Bevorzugung von Institutionen.
jan.dark 16.09.2011
2.
Solche kriminelle Vereinigungen sind doch in Deutschland verboten und auch die Mitgliedschaft in ausländischen kriminellen Vereinigungen ist doch als Straftatsbestandsbesatnd eingefürht worden: "§ 129b Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland; Erweiterter Verfall und Einziehung" Wenn ich mich richtig erinnere spricht der Herr Ratzinger ja vor den Leuten, die den §129b beschlossen haben. Da wird wohl das Papamobil gleich danach nach Moabit fahren. Am Rande: Ist der Vatikan nun wegen der irischen und US-Vorfällen bei den Amerikanern jetzt auch ein Schurkenstaat, oder decken die auch organisierte Kriminalität mit sexuellem Missbrauch von Kindern? Das wird eine turbelnte Woche mit dem Papst im deutschen Knast.
kuddel37 16.09.2011
3.
Zitat von sysopDer Vatikan wehrt sich gegen Vorwürfe, er decke pädophile Priester. Aber schon naht der nächste Bericht über Kindesmissbrauch in einer katholischen Diözese. http://www.spiegel.de/0,1518,785976,00.html
Ein Fass ohne Boden und der Ratze als Mittäter bei der Versetzung von Kinderschändern, wird hier auch noch offiziell empfangen. http://www.derwesten.de/staedte/essen/Missbrauchsopfer-aus-Gelsenkirchen-verklagt-Papst-id5062412.html
slider 16.09.2011
4. Moderat ausgedrückt
Man muss sich nicht schämen Christ zu sein, aber sehr wohl Katholik. Das ist nicht der Fels auf dem Jesus seine Kirche gebaut hat.
gpe63 16.09.2011
5. Video zur Ryan-Kommision
Zitat von sysopDer Vatikan wehrt sich gegen Vorwürfe, er decke pädophile Priester. Aber schon naht der nächste Bericht über Kindesmissbrauch in einer katholischen Diözese. http://www.spiegel.de/0,1518,785976,00.html
Ein Video zum Thema, dass mich ziemlich beeindruckt hat: http://www.youtube.com/watch?v=9jHqndf9Kx4 Es stammt aus einer öffentlichen Diskussion zu den Ergebnissen der Ryan-Kommission. Der Mann, der sich da zu Wort meldet, ist beeindruckend.
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