AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2011

Irland Rebellion in Dublin

Der Vatikan wehrt sich gegen Vorwürfe, er decke pädophile Priester. Aber schon naht der nächste Bericht über Kindesmissbrauch in einer katholischen Diözese.

Corbis

Von Marco Evers


Als Tony Flannery sich zum Ordenspriester weihen ließ, schwor er, sein Leben in "Armut, Keuschheit und Gehorsam" zu verbringen. Zu Letzterem sieht sich der Bewohner eines abgelegenen Klosters im Westen Irlands heute nicht mehr imstande.

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Heft 37/2011
Rüpel-Republik Deutschland

Das hat mit einem Missbrauchsskandal zu tun, der schon seit längerem das Land bewegt. Und mit einem Untersuchungsbericht, der seit Juli die Runde macht: Er enthüllt, dass Flannerys Vorgesetzte über lange Jahre hinweg wenig taten, um Kinder vor pädophilen Priestern zu schützen, und dabei aus der Kirchenzentrale in Rom auch noch unterstützt wurden.

Die Bischöfe der Insel seien "ein armseliger Haufen, dem jedes Führungsvermögen fehlt", sagt Flannery. Und dass der gleichfalls belastete Vatikan unter Papst Benedikt XVI. "selbst unter Katholiken den Großteil seiner Autorität verspielt" habe.

Flannery, 64, trägt Sandalen, Hose, Pulli. Er gehört dem Orden der Redemptoristen an, der - wie alles Katholische hier - schon bessere Zeiten gesehen hat. 18 Männer leben in dem Kloster Esker, die Hälfte ist jenseits der 80, Flannery der Zweitjüngste. Einen nörgelnden Prediger wie ihn hätten die Kragenträger in Rom früher im Handumdrehen mundtot gemacht. "Jetzt hat der Vatikan dazu nicht mehr die Macht", sagt Flannery und kann es selbst kaum glauben.

Während der deutsche Papst seine Mission in der Wiederbelebung des christlichen Glaubens sieht und zu diesem Behufe kommende Woche auch nach Deutschland eilt, vollzieht sich auf der ehemals frommen Insel eine Wende ganz anderer Art. In Irland hat das Zeitalter des Postkatholizismus begonnen, der Grund dafür ist die wachsende Empörung über Benedikts Amtskirche.

Zu oft wurden Bischöfe beim Lügen ertappt

Denn die, so scheint es den Iren, ist unfähig und unwillens, den jahrzehntelangen Kindesmissbrauch in ihren Reihen aufzuarbeiten oder überhaupt abzustellen - obwohl irische Gerichte schon rund 15.000 Opfern Entschädigungszahlungen zugesprochen haben. Und so bröckelt derzeit alles: die Zahl der Kirchgänger, die Einnahmen der Diözesen, das Ansehen der Würdenträger, sogar die uralte Untertänigkeit irischer Politiker gegenüber Rom. Das System wankt, und daher "haben wir zum ersten Mal die Chance, etwas zu ändern", sagt Rebell Flannery.

Der Geistliche gehört zu den Wortführern einer Protestorganisation, die vor gut einem Jahr gegründet worden ist. Sie trägt den unschuldigen Namen "Association of Catholic Priests" (ACP) und ist stetig gewachsen, auf jetzt bereits über 500 Mitglieder. Das sind zu viele Geistliche, als dass der Vatikan sie einfach überhören könnte.

Kaum ein katholisches Dogma ist diesen Katholiken heilig. Der Vatikan solle aufhören, Bischöfe zu installieren, die keiner haben will in den Gemeinden, fordert Flannery. Frauen sollten Priesterinnen werden dürfen, Gläubige sollen mitbestimmen. Und der Zölibat müsse weg, ganz klar, "er funktioniert einfach nicht", sagt der Priester.

Viele Iren, die Medien sowieso, hören lieber den wütenden Geistlichen der ACP zu als den grauen Männern mit der Mitra auf dem Haupt. Zu oft wurden Bischöfe beim Lügen ertappt.

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Newspeak, 16.09.2011
1.
Nicht nur Irland...ganz Europa braucht eine zweite Aufklärung! Kirche und Staat sind fast nirgends wirklich getrennt, auch deshalb, weil die katholische Kirche für sich selbst beansprucht, einem Staat vorzustehen. Das sollte man ändern. Der Vatikan gehört von Italien annektiert. Konkordate sollten aufgelöst werden. Sämtliche Privilegien, von denen es vor allem in Deutschland jede Menge gibt, von der Bezahlung der Bischöfe durch den Staat bis zu Blasphemieparagraphen im Strafgesetz, müssen fallen. Religionsfreiheit darf in Zukunft nur die Freiheit der individuellen Religionsausübung bedeuten, nicht aber die Bevorzugung von Institutionen.
jan.dark 16.09.2011
2.
Solche kriminelle Vereinigungen sind doch in Deutschland verboten und auch die Mitgliedschaft in ausländischen kriminellen Vereinigungen ist doch als Straftatsbestandsbesatnd eingefürht worden: "§ 129b Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland; Erweiterter Verfall und Einziehung" Wenn ich mich richtig erinnere spricht der Herr Ratzinger ja vor den Leuten, die den §129b beschlossen haben. Da wird wohl das Papamobil gleich danach nach Moabit fahren. Am Rande: Ist der Vatikan nun wegen der irischen und US-Vorfällen bei den Amerikanern jetzt auch ein Schurkenstaat, oder decken die auch organisierte Kriminalität mit sexuellem Missbrauch von Kindern? Das wird eine turbelnte Woche mit dem Papst im deutschen Knast.
kuddel37 16.09.2011
3.
Zitat von sysopDer Vatikan wehrt sich gegen Vorwürfe, er decke pädophile Priester. Aber schon naht der nächste Bericht über Kindesmissbrauch in einer katholischen Diözese. http://www.spiegel.de/0,1518,785976,00.html
Ein Fass ohne Boden und der Ratze als Mittäter bei der Versetzung von Kinderschändern, wird hier auch noch offiziell empfangen. http://www.derwesten.de/staedte/essen/Missbrauchsopfer-aus-Gelsenkirchen-verklagt-Papst-id5062412.html
slider 16.09.2011
4. Moderat ausgedrückt
Man muss sich nicht schämen Christ zu sein, aber sehr wohl Katholik. Das ist nicht der Fels auf dem Jesus seine Kirche gebaut hat.
gpe63 16.09.2011
5. Video zur Ryan-Kommision
Zitat von sysopDer Vatikan wehrt sich gegen Vorwürfe, er decke pädophile Priester. Aber schon naht der nächste Bericht über Kindesmissbrauch in einer katholischen Diözese. http://www.spiegel.de/0,1518,785976,00.html
Ein Video zum Thema, dass mich ziemlich beeindruckt hat: http://www.youtube.com/watch?v=9jHqndf9Kx4 Es stammt aus einer öffentlichen Diskussion zu den Ergebnissen der Ryan-Kommission. Der Mann, der sich da zu Wort meldet, ist beeindruckend.
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