AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2011

SPIEGEL-GESPRÄCH "Ich fürchte weitere Anschläge"

Der ehemalige amerikanische Vizepräsident Dick Cheney, 70, über den Kampf der Bush-Regierung gegen den Terror, die Unzuverlässigkeit von Verbündeten und seine Scheu, Kanzlerin Angela Merkel zu loben.


SPIEGEL: Mr. Vice President, Sie gehören zu den schärfsten Kritikern von Barack Obama, aber sind Sie nicht insgeheim dankbar dafür, dass er vieles von dem fortführt, was Sie begonnen haben: den Krieg in Afghanistan, Guantanamo, die Steuererleichterungen für Millionäre? Sie müssten Obama eigentlich loben.

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Heft 39/2011
Wie aus einer großen Idee eine Gefahr für Europa werden konnte

Cheney: Die Politik, die seine Regierung umsetzt, ist besser als das, was ich nach seinem Wahlkampf erwartet hatte. Das stimmt. Aber ein Fan der Regierung Obama bin ich deshalb nicht. Selbstverständlich sehe ich das, was er macht, kritisch.

SPIEGEL: Was stört Sie an ihm?

Cheney: Es war falsch, dass er im Wahlkampf 2008 unsere Anti-Terror-Maßnahmen kritisierte. Sie haben uns sieben Jahre lang Sicherheit gebracht. Nach seinem Amtsantritt drohte er damit, gegen Geheimdienstmitarbeiter ermitteln zu lassen, die unsere Anti-Terror-Maßnahmen durchgeführt hatten. Vor allem wollte er gegen unsere verschärften Vernehmungsmethoden vorgehen.

SPIEGEL: Die schlossen Waterboarding ein, simuliertes Ertränken - diese Folter wurde von Obama verboten.

Cheney: Es war keine Folter, es war ein Programm, das wir mit großer Vorsicht zusammengestellt haben. Alle Vernehmungstechniken haben wir an unseren eigenen Leuten im Training erprobt. Sie wurden von Präsident George W. Bush, dem Nationalen Sicherheitsrat, dem Justizministerium genehmigt, und sie standen im Einklang mit internationalen Verpflichtungen und Abkommen. Und trotzdem wollte die Regierung Obama gegen die Leute ermitteln, die diese völlig legalen Vernehmungen durchgeführt hatten.

SPIEGEL: Aber wo ist Ihr Problem? Am Ende wurde niemand belangt.

Cheney: Das stimmt. Ich habe im Mai 2009 dagegen protestiert, und irgendwann sind Obamas Leute davor zurückgeschreckt. Eine gute Nachricht.

SPIEGEL: Ihre Sympathie für das Waterboarding hat weltweit Kritik an Amerika hervorgerufen. War es das wert?

Cheney: Hundertprozentig.

SPIEGEL: Warum?

Cheney: Weil wir auf diese Weise Informationen gesammelt haben, die wir benötigten, um die Sicherheit der Nation zu gewährleisten. Es ging nicht um unseren Ruf; es ging darum, das Leben von Amerikanern zu schützen. Und das haben wir mit großem Erfolg erreicht.

SPIEGEL: Der Gehalt von unter Folter erreichten Aussagen ist gleich null, von welchen Erfolgen sprechen Sie?

Cheney: Um das Waterboarding wurde immer ein großes Getöse veranstaltet. Insgesamt haben wir nur drei Leute dem Waterboarding unterzogen, und das unter extrem kontrollierten Umständen. Ich würde es sofort wieder tun. Die Vernehmungstechniken haben funktioniert. Abu Subeida, eine Art Leutnant von Osama Bin Laden, hat uns Informationen über Ramzi Binalshibh gegeben, der den Flugzeugentführern am 11. September 2001 geholfen hatte. Zur Zeit seiner Festnahme plante er, Flugzeuge für Selbstmordanschläge auf den Flughafen Heathrow und andere Ziele in London zu nutzen. Und Informationen von Subeida und Binalshibh führten letztlich zur Festnahme von Chalid Scheich Mohammed. Mohammed hatte immerhin einen Reporter des "Wall Street Journal" geköpft und gab zu, der Drahtzieher der Anschläge des 11. September gewesen zu sein, bei denen 3000 Menschen ermordet worden sind.

SPIEGEL: Nach dem 11. September hatten die USA die Unterstützung der gesamten westlichen Welt. Diese Unterstützung hat die Regierung Bush/Cheney durch die Missachtung des Völkerrechts verspielt.

Cheney: Wenn Sie sagen, dass wir unsere Vernehmungstechniken nicht hätten anwenden dürfen, dann müssen Sie auch sagen, welche Terroranschläge Sie hinzunehmen bereit sind. Heathrow? Und wie viele Tote würden Sie denn gern hinnehmen? Was glauben Sie eigentlich, wie viele Amerikaner es akzeptiert hätten, wenn wir im Weißen Haus gesagt hätten: "Wir haben diese Vernehmungsmethoden nicht angewandt, weil wir die pikierten Europäer zufriedenstellen wollten"?

SPIEGEL: Was macht Sie so sicher, dass Sie strategisch klug gehandelt haben? Barack Obama sagte, das Gefangenenlager Guantanamo habe mehr wütende Menschen zu Terroristen gemacht als Insassen gehabt.

Cheney: Ach, wissen Sie, viele Kritiker haben behauptet, Guantanamo sei eine schreckliche Einrichtung. Aber ich sage Ihnen, Guantanamo ist eine exzellente Einrichtung. Es wird vom US-Militär hervorragend geführt. Viele Gefangene leben dort besser als in ihren Heimatländern.

SPIEGEL: In einem Interview mit CNN beschrieben Sie das Leben der Insassen in Guantanamo folgendermaßen: "Sie werden dort gut behandelt. Sie leben in den Tropen. Sie werden gut ernährt. Sie bekommen alles, was sie brauchen." Es klingt, als hätten Sie über ein Urlaubshotel gesprochen.

Cheney: Guantanamo ist ein gutes Gefängnis, in dem die Insassen gute medizinische Versorgung genießen, ihre Ernährungsbedürfnisse berücksichtigt werden, die Gefangenen machen Sport, nutzen Medien, beten. Es ist nicht alles wahr, was über Guantanamo erzählt wird. Einmal wurde die Geschichte kolportiert, dass dort ein Koran die Toilette hinuntergespült worden sei. Das war eine Lüge, aber Leute wie Sie haben das natürlich sofort geglaubt. Ich habe nicht viel Verständnis für unsere Freunde, die uns sagen: "Ihr hättet netter zu den Terroristen von al-Qaida sein sollen." Nein, ich zweifle keine Minute.

SPIEGEL: Obama hat geschafft, was Ihnen in sieben Jahren nicht gelang: Er hat Osama Bin Laden gestellt und getötet. Sie haben darauf hingewiesen, dass er auf Ermittlungsergebnisse habe zurückgreifen können, die durch Ihre Vorarbeit erzielt worden seien. Aber müssen Sie ihm dafür nicht trotzdem Anerkennung zollen?

Cheney: Gewiss.



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Seite 1
lotharschepers 27.09.2011
1. Hier habe ich abgebrochen
Zitat: "Cheney: Es war keine Folter, es war ein Programm, das wir mit großer Vorsicht zusammengestellt haben. Alle Vernehmungstechniken haben wir an unseren eigenen Leuten im Training erprobt. Sie wurden von Präsident George W. Bush, dem Nationalen Sicherheitsrat, dem Justizministerium genehmigt, und sie standen im Einklang mit internationalen Verpflichtungen und Abkommen. Und trotzdem wollte die Regierung Obama gegen die Leute ermitteln, die diese völlig legalen Vernehmungen durchgeführt hatten." Ich kann gar nicht soviel ko.... wie ich gerne würde.
kurtwied, 27.09.2011
2. Entgegen der Ankündigung ...
Im Artikel wird getan, als ob jetzt ein großes Skandalinterview kommt. Es zeigt aber nur, dass der Spiegel offensichtlich schlecht informiert ist und nichts anderes als alte Vorurteile und Überheblichkeiten bringt - und dafür von Cheney sachlich ausargumentiert wird. Ich hatte in National Geographic einen Bericht über Guantanamo gesehen - er deckt sich mit Cheneys Beschreibungen. Eine EU Delegation hatte Guantanamo besucht und ein belgischs Mitglied meinte, der Standard ist höher als in Belgien. Es zeigt wirklich, wieviel Lügen und durch Amerika-Hass geschürte Vorurteile dieses Thema in Europa begleiten. Ganze 3 Terroristen haben Waterboarding erfahren? Unglaublich, wie in Europa geheuchelt wird ..
flower power 27.09.2011
3. Dann wünsch ich dem alten ......
jeden tag 20 Minuten davon.... ist doch nur für seine wellness....
clear51 27.09.2011
4. Befrreiung des Irak kann nicht völkerrechtswidrig sein !
Wie man allen Ernstes behaupten kann, Saddam Hussein hätte keine Massenvernichtungswaffen gehabt, ist mir schleierhaft. Er hatte welche und er hat sie eingesetzt gegen das eigene Volk, hat Kurden und Schiiten vergast. Wie kann man nur behaupten, die Befreiung des Irak wäre Völkerrechtswidrig gewesen ? Das Völkerrecht ist doch nicht dazu da, Massenmörder, Kriegsverbrecher und Diktatoren zu beschützen. Ich stimme mit Cheney vollkommen überein.
Björn Borg 27.09.2011
5. Zweierlei Maß bei Recht und Moral
Zitat von sysopDer ehemalige amerikanische Vizepräsident Dick Cheney, 70, über den Kampf der Bush-Regierung gegen den Terror, die Unzuverlässigkeit von Verbündeten und seine Scheu, Kanzlerin Angela Merkel zu loben http://www.spiegel.de/0,1518,788454,00.html
Wie wäre es mit einer Anklage in Den Haag wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit?
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