AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2011

Islamophobie "Uns brennt der Hintern"

Interne Protokolle zeigen, wie die Führung des umstrittenen Blogs Politically Incorrect über die Anschläge von Norwegen denkt. Ist PI ein Fall für den Verfassungsschutz?

dapd

Von und


Der 22. Juli 2011 begann für die führenden Köpfe von "Politically Incorrect", dem größten islamfeindlichen Blog in Deutschland, wie ein gewöhnlicher Tag. Im internen Skype-Chat wies man sich gegenseitig auf Verbrechen hin, die offenbar von "Musels" begangen wurden, wie Muslime hier genannt werden; man diskutierte über eine Rudolf-Heß-Doku im Fernsehen und wetterte über Klagen gegen ein Burkaverbot.

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Heft 39/2011
Wie aus einer großen Idee eine Gefahr für Europa werden konnte

Um 16.34 Uhr aber änderte sich die Lage. "Mehrere Verletzte. Schwere Explosion im Herzen Oslos", vermeldete der Administrator mit dem Namen "theAnti2007", ein Computerfreak aus Köln.

Die dann folgende Kommunikation der Führung von Politically Incorrect (PI), die dem SPIEGEL zugespielt wurde, offenbart den Zynismus, mit dem die Macher von PI-News auf die Welt blicken. Und sie zeigt, dass der innere Zirkel der Website, die täglich bis zu 70.000 Leser anzieht und sich zur Schnittstelle zwischen rechtsradikalen Kleinstparteien entwickelt hat, nicht so friedlich denkt, wie er stets betont.

Die Islamophoben sind mittlerweile ein Thema für die Chefs der Verfassungsschutzbehörden, die sich diese Woche in Berlin treffen und dabei über PI beraten. Bayern erwägt eine Beobachtung der Rechtspopulisten als neue Form des Extremismus, Hamburg hat bereits ein PI-ähnliches Internet-Diskussionsforum zum Beobachtungsobjekt erklärt. Die meisten Bundesländer sind dagegen zurückhaltend, auch das Bundesinnenministerium hat sich noch nicht festgelegt. Im Kern geht es um die Frage, ob der Hass auf die Muslime so weit reicht, dass damit Religionsfreiheit und Völkerverständigung gefährdet sind - oder ob es sich um eine radikale, aber zulässige Meinungsäußerung einzelner Autoren innerhalb der Grenzen der Verfassung handelt. Bislang lesen die Geheimen zwar, was auf PI geschrieben wird, beobachten die Gruppe aber nicht systematisch.

Die Debatte dürfte durch die internen Protokolle einen neuen Schub erhalten. Im Skype-Chat ist es neben dem Gründer Stefan Herre nur einer Handvoll Vertrauter erlaubt, über Ausrichtung und Inhalt der Website PI-News zu diskutieren - so auch in den Stunden nach dem Massaker von Norwegen. Nach den ersten Meldungen über eine Explosion ging der innere Zirkel zunächst von einem islamistischen Anschlag aus, schließlich hält PI den Islam weniger für eine Religion als für eine mörderische Ideologie. Allerdings traf das Attentat das PI-Team in einem ungünstigen Moment. Chef Herre, ein Sportlehrer aus Köln, bereitete an diesem Tag seine Abreise in den Italienurlaub vor.

"Scheißerei vor Oslo, paar Tote"

Um 18.32 Uhr schreibt theAnti2007: "Scheißerei vor Oslo, paar Tote", ein Schreibfehler, den Herre mit "Immer diese Scheißereien ;-)" beantwortet. Die Islamfeinde drängt es nach Gewissheit, denn auf unsicherer Grundlage schreiben sich Hetzartikel gegen den Islam nur schwer. "Gibt es eigentlich schon irgendwelche Hinweise, dass es - wovon auszugehen ist - unsere ,Freunde' waren?", fragt Marco P. ungeduldig, der im Blog unter dem Pseudonym "Frank Furter" schreibt. "Meines Wissens gibts noch kein offizielles Bekennerschreiben", antwortet Herre.

Um 19.44 Uhr meldet theAnti2007: "Mehrere Tote im Jugendzeltlager durch Islamisten". Jetzt endlich scheint bestätigt, was die PI-Macher längst vermuteten, die Meldung beflügelt ihre Phantasie: "Es ist Freitag. Ob da jemand heute eine giftige Predigt gehalten hat?", fragt die Schweizer Militärpfarrerin Christine Dietrich, die ebenfalls Administratorin der Web-Seite ist, unter Anspielung auf islamische Freitagsprediger süffisant. Und theAnti2007 schreibt lapidar: "Naja, nun hat die Bauindustrie in Norwegen endlich wieder was zu tun ;.)". Kurz darauf fragt er: "Was wird die Böhmer nun zu Norwegen sagen? Das müssen wir aushalten!!!" Gemeint ist Maria Böhmer, die von PI verachtete Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

"Die rennen uns die Bude ein"

Noch wähnt sich der innere Zirkel auf der "richtigen Seite" und feiert die hohen Klickzahlen, die der vermeintliche Anschlag der Islamisten PI-News beschert. "Die rennen uns die Bude ein", jubelt Dietrich um 21.40 Uhr.

Herre hat sich bereits in die Nachtruhe verabschiedet, da platzt das erste Gerücht in den Chat, wonach es sich bei dem Täter nicht um einen Muslim, sondern um einen Rechten handeln könnte. "Sollte sich bewahrheiten, dass es ein rechtsextremer Anschlag war, dann werden wir noch verdammt viel von denen hören", fürchtet Marco P. "Das wäre der nächste politische Gau, nach Fukushima."

"Wenn's ein ,Rechter' war, dann geht's aber ab", antwortet theAnti2007. "Denn, das heisst dann, dass sie sich (die Rechten) dieses Musel-Gesocks da in Norge nicht gefallen lassen. Dann wars das, was ich eigentlich in Deutschland erwartet hätte ;)". Kollege P. hat andere Sorgen: "Nein, dann wird es in Zukunft heißen: ,Seht ihr, nicht nur Musels machen Attentate'. Dann wird demnächst jedes Muselattentat relativiert."

Am nächsten Morgen herrscht Klarheit über den Täter. Auf Skype diskutiert die Führung nun über Anders Behring Breivik, der offenbar mit einer europaweiten islamophoben Bloggerszene sympathisierte, zu der auch die Macher von PI-News gehören. "Und schon geht's gegen uns", schreibt Christine Dietrich und verlinkt zu einem Artikel, in dem Breivik mit dem radikalen Blogger Fjordman in Verbindung gebracht wird.

Selbstbezeichnung Counter-Dschihad

"Ich kenne Fjordman persönlich - er ist KEIN Killer. Das ist eine Katastrophe, für uns und für Fjordman natürlich. Armer Kerl, er war bei mir zu Gast." Weil ihre Kollegen sich lieber an den hohen Klickzahlen berauschen, wird Dietrich deutlicher: "Die Clicks machen mir grad weniger Sorgen, uns brennt der Hintern." Sie vermutet, dass einige Leute nun "in den Startlöchern hocken, um uns als Terrororganisation zu überwachen". Rasch folgen die ersten Verschwörungstheorien: "Ich glaube, die verschleiern ein dschihadistisches Ding und schieben es dem Counter-Dschihad in die Schuhe, um uns zu überwachen und am Ende alle dranzukriegen." Counter-Dschihad ist die Selbstbezeichnung von Islamfeinden wie PI-News.

"Also, mal im ernst", schaltet sich nun wieder theAnti2007 ein. "Mir tut es um die Leute sehr leid. Aber FALLS !! er ein ,Rechter' war, dann jemand, der Eier in der Hose hat ... und nicht nur geredet hat, sondern auch zur Tat griff. Einer in Norwegen, der sich gegen die Übermacht der Linken und Muslims gewehrt hat." Auf Anfrage des SPIEGEL bewertete Herre die internen Äußerungen vergangene Woche "angesichts der tragischen Ereignisse in Norwegen" als "völlig unangemessene Entgleisungen", an denen er sich nicht beteilige. Dietrich hat mittlerweile ihren Ausstieg aus PI angekündigt.

Dass das Massaker von Norwegen die PI-Macher allerdings intern zu keinem spürbaren Nachdenkprozess veranlasst hat, zeigt ein Kommentar des ehemaligen CSU-Manns Michael Stürzenberger, der ebenfalls zum Führungszirkel des Blogs gehört. Am 2. August um 11.43 Uhr forderte er seine Kollegen auf, keinesfalls vom Pfad abzuweichen. "Nur nicht einschüchtern lassen. Gegenoffensive. Hunderte Millionen Tote durch diese kriegerische Ideologie haben bisher offensichtlich auch niemand betroffen gemacht. Diese gottverdammten Heuchler."

Er wolle keine Stimmung gegen Muslime anheizen und würde deshalb öffentlich so nicht reden, sagt Stürzenberger heute. Aber er stehe zu seinen Aussagen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Netcube 27.09.2011
1. ...
Islamhetze kam nicht nur von solchen Blogs. Nur ein Beispiel von vielen: http://blogs.taz.de/wp-inst/wp-content/blogs.dir/11/files/2007/03/Spiegel-Islamisierung.jpg
keenox 27.09.2011
2. Einseitige Berichterstattung
Also wenn man sich den Blog durchliest, macht der auf mich eigentlich keinen besonders extremistischen Eindruck. Über Islamkritische Themen würde der Spiegel (anders als bei Kritik am Katholizismus, s. Papstbesuch) auch niemals berichten. Von daher ist es doch eigentlich gut, dass sich einer dem Thema annimmt, dass von der restlichen Presse aus welchen Gründen auch immer nicht bearbeitet wird...
ErekoseSK 27.09.2011
3. Immer das Gleiche
Ich sehe keinen Unterschied. Interne Chats und Telefongespräche von radikalen Moslems und interne Chats und Telefongespräche von Islamfeinden.
L_P 27.09.2011
4. Unendlich wertvoll
Ich persönlich finde PI und ähnliche Veranstaltungen unendlich wertvoll, um zu erfahren, was Leute, die man in der Öffentlichkeit nicht wahrnimmt, denken.
Vorador83 27.09.2011
5. Herre und Co.
Das zeigt doch nur mal wieder welch geistig Kind die Macher dort sind. Nichts was irgendwen noch überraschen würde.
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