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Ausgabe 40/2011

Gesundheit: Der Aufschneider

Von Markus Grill und Hans Weiss

Werner Mang hält sich für den besten Schönheitschirurgen in Europa. Interne Dokumente belegen allerdings merkwürdige Praktiken in seiner Bodenseeklinik: Ein Arzt operierte dort ohne Zulassung, und im Streitfall werden auch mal veränderte Krankenakten vorgelegt.

Schönheitschirurg Werner Mang: "Diese OPs wirken nur bei reichen Leuten" Fotos
dapd

Wer die Bodenseeklinik von Prof. Dr. Dr. med. habil. Werner Mang, 62, betritt, ist schnell beeindruckt von den vielen Prominenten, deren Fotos die Foyerwände schmücken: Mang mit Roberto Blanco, Fritz Wepper, Naomi Campbell, Hansi Hinterseer, Niki Lauda, Costa Cordalis, Siegfried & Roy und vielen anderen Gesichtern des deutschen und internationalen Showgeschäfts.

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"Ich bin stolz, dass ich so viele Prominente kenne", sagt der Chef. Eine Wand in der Klinik aber ist für ein einziges Foto reserviert: Mang und der Papst.

Nicht, dass Benedikt XVI. sich schon die Nase hätte richten lassen, aber das Foto zeigt Mang ja auch nur, als er im Juni 2010 dem Oberhaupt der katholischen Kirche ein von ihm verfasstes schönheitschirurgisches Lehrbuch in die Hand drückte. Eine Münchner Boulevardzeitung druckte das Foto und titelte dabei: "Papst trifft Papst".

Für die "Bild"-Zeitung ist Mang schon lange der "Schönheitspapst" schlechthin. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass er selbst den Titel unangemessen fände. Mang hält sich für den "erfolgreichsten Arzt Europas", einen "Pionier" und "Visionär" im Beauty-Business.

In seinem Buch "Verlogene Schönheit" zitiert Mang einen weltberühmten Kollegen, der gesagt habe, "dass ich die Nummer eins in der ästhetischen Chirurgie Europas geworden bin". Mang ist überzeugt davon, dass junge Ärzte heute studieren, "um so zu werden wie ich". Sein Selbstvertrauen jedenfalls bedarf keiner kosmetischen Nachbesserung.

Ähnlich wie einst Julius Cäsar spricht der 1,91 Meter lange Professor vom Bodensee gern in der dritten Person über sich, etwa wenn er erklärt: "Ohne den Mang wäre die Schönheitschirurgie heute nicht da, wo sie ist." Oder: "Ich mag den Mang, so wie er ist." Doch hinter all diesem sorgsam inszenierten Größenwahn gibt es einen rauen Geschäftsalltag, in dem der nette Doc, der sich so gern mit Prominenten umgibt, schnell seine joviale Medienfreundlichkeit verliert.

Als der SPIEGEL zuletzt um ein Interview bat, antwortete Mangs Anwalt umgehend mit einem dreiseitigen Schriftsatz, drohte mit "sofortiger Strafanzeige" und einer "Millionenklage", falls man tatsächlich anhand klinikinterner Unterlagen über Mang berichten wolle. Später lässt Mang seinen Anwalt schriftlich mitteilen, dass die Informationen des SPIEGEL aus Unterlagen stammen, die aus der Bodenseeklinik gestohlen worden seien und dass Veränderungen "gegebenenfalls vom Dieb der Unterlagen angebracht worden" sein könnten.

Mangs Sensibilität verwundert nicht, denn diese Dokumente zeigen erstmals, wie

  • Mang bei Rechtsstreitigkeiten mit Patienten auch komplett neu geschriebene Krankenakten vorlegt;
  • Mang Patienten mit juristischen Auseinandersetzungen droht, wenn sie Unvorteilhaftes über ihn erzählen;
  • Patientinnen der Eindruck vermittelt wird, Mang werde sie persönlich operieren, obwohl der Eingriff dann von einem angestellten Arzt vorgenommen wird.

Auch Irmtraud B. machte ihre Erfahrungen mit der Bodenseeklinik. Die 66-Jährige aus dem Raum Offenburg kannte Professor Mang wie viele andere nur aus dem Fernsehen. Sie kam 2006 zu ihm, um Falten rund um den Mund und am Hals straffen und Tränensäcke glätten zu lassen. "Mein Mann ist ja zehn Jahre jünger, und da habe ich gedacht, ich muss mal etwas machen lassen", sagt sie.

Sie fuhr mit ihrem Mann nach Lindau in die Bodenseeklinik. Als sie schließlich in der Sprechstunde dem berühmten Arzt gegenübersaß, habe sie zu ihm gesagt: "Ihnen geht der Ruf voraus, dass Sie der Beste sind, deshalb bin ich zu Ihnen gekommen."

In der Regel müssen Patienten der Bodenseeklinik die gesamten Kosten der Operation im Voraus zahlen. Bei Frau B. waren das mehr als 14 000 Euro. Erstaunt war sie dann über den miesen Service. Doch das Problem sei nicht die schlechte Unterbringung gewesen, auch nicht die hohe Rechnung. "Das Problem war die Operation selbst, ich habe überhaupt keinen Unterschied zwischen vorher und nachher gesehen."

Am 7. Dezember 2006 schrieb Frau B. einen erbosten Brief an Mang: "Bei der Beratung haben Sie meine Frage, ob Sie selbst die OP durchführen, mit Ja beantwortet, sonst wäre ich nicht in Ihre Klinik gekommen. Bei der Abschlussuntersuchung haben Sie mir erklärt, dass Frau Dr. B. die OP durchgeführt hat."

Eine Woche später antwortete Mang beschwichtigend: "Natürlich führe ich bei Ihnen nochmals eine Unterspritzung durch. Sie sind eine liebenswerte Patientin, und ich werde Ihnen nichts berechnen." Zwei Monate später erhielt Frau B. tatsächlich ihre Unterspritzung - für weitere 3400 Euro.

Danach schrieb die Rentnerin dem Professor erneut: Jetzt habe sie bereits 20 000 Euro "für diese nicht zufriedenstellende Leistung" ausgegeben, und das einzig sichtbare Ergebnis seien zwei hässliche Narben. "Mir scheint, diese OPs wirken nur bei reichen Leuten."

Mang antwortete, dass sie korrekt operiert worden sei, dennoch könne sie "jederzeit nochmals in die Sprechstunde zur Kontrolle kommen, wir sind immer für Sie da".

Das einzig Gute sei, sagt Frau B., dass bis heute niemand etwas von ihrem Facelifting in der Bodenseeklinik gemerkt habe, nicht einmal ihre drei erwachsenen Kinder. "Die lachen sich tot, wenn sie erfahren, dass ich so viel Geld für absolut nichts bezahlt habe."

Mang lässt zu diesem Fall schriftlich mitteilen: Er habe erst durch die SPIEGEL-Recherchen erfahren, "dass die Patientin dennoch bezahlt hat". Die Bodenseeklinik werde nun aber "die Erstattung dieses Betrags veranlassen".

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1. ..........
janne2109 02.10.2011
wer ist denn jetzt erst auf die Idee gekommen diese Tatsachen journalistisch zu bearbeiten?? Bis auf den Arzt ohne Zulassung waren alle anderen Dinge schon lange, lange bekannt. Wer sich umgehört hat ( was man bei einer Schönheitsop tun sollte sonst ist die Schönheit noch mehr im Eimer)hat diese Dinge alle gewußt. Mang war ohne Frage ein guter Operateur bis die Presse ihn hoch jubelte und sein eigener Lebensstandard ins unermessliche stieg.
2. haben sie auch zufriedene Patient/innen gefragt?
altefrau99 02.10.2011
Zitat von sysopWerner Mang hält sich für den besten Schönheitschirurgen in Europa. Interne Dokumente belegen allerdings merkwürdige Praktiken in seiner Bodenseeklinik: Ein Arzt operierte dort ohne Zulassung, und im Streitfall werden auch mal veränderte Krankenakten vorgelegt. http://www.spiegel.de/0,1518,789390,00.html
Ich bin keine Befürwortein der Schönheitsoperationen um jeden Preis. Die Masken, die entstehen, die aufgespritzten Lippen der Zombis sind ekelhaft. Aber es sind Korrekturen, die Sinn haben, auch wenn sie nur für die Esthetik dienen. Ich würde gerne meine Augen korrigieren- aber dafür fehlt mir das Geld. So muß ich "in Würde" altern, was nicht immer einfach ist. Ich sah aber sehr viele Damen, die im Bodenseeklinik operiert waren und deren Gesicht schön geworden ist, ohne die Lüge der ewigen Jugend. Jede Operation bring die Möglichkeit eines Scheitern mit. Damit hätte ihre Informantin auch rechnen müssen. Wenn sie so viel Geld für Nichts ausgeben kann, dann wird sie auch Geld für die juristische Ausseinandersetzung haben. Dann haben sie beim Spiegel wieder, was sie schreiben können.
3. Was ich als Hohn empfinde ist,
cs2001 02.10.2011
wenn man diesen Mann "Arzt" nennt.
4. Werner Mang
kkonline 02.10.2011
Zitat von sysopWerner Mang hält sich für den besten Schönheitschirurgen in Europa. Interne Dokumente belegen allerdings merkwürdige Praktiken in seiner Bodenseeklinik: Ein Arzt operierte dort ohne Zulassung, und im Streitfall werden auch mal veränderte Krankenakten vorgelegt. http://www.spiegel.de/0,1518,789390,00.html
Immerhin trägt Herr Mang selbst die in dem Artikel kritisch erwähnten beiderseitigen Po-Implatate. Brad Pitt und Angelina Jolie übrigens auch. Was findet der Spiegel daran so verwerflich ?
5. ...
flieger11 02.10.2011
für solche artikel liebe ich euch, SPON (vorausgesetzt, sie stimmen, wovon ich ausgehe). aber die kunden gehen ja lieber zu einem arzt, der oft in boulevard-sendungen und-zeitungen mit seiner "wohlfühl-chirurgie" zu sehen ist, als das er seine leistungen für sich sprechen lässt.
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