AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2011

Internet: Revolutionshilfe aus Berlin

Von und

Netzaktivisten unterstützen seit Monaten die arabische Freiheitsbewegung. Sie sorgen für sichere Verbindungen ins Internet - auch wenn autoritäre Regime es blockieren.

Telecomix: Netzaktivisten helfen Bloggern und Dissidenten Fotos
AP

Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Friedrichshain, ein winziger Tisch, ein Notebook, davor ein Schlaks mit blauer Haartolle und eckiger Hornbrille. So sehen sie also aus, die elektronischen Hilfstruppen des arabischen Frühlings, der Revolutionen in Tunesien, Ägypten und anderswo.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Stephan Urbach hat kleine Augen, mal wieder zu kurz geschlafen, sagt er, deshalb gönnt er sich jetzt erst mal einen Schluck Club-Mate. Die süße und sehr koffeinhaltige Brause ist das Lieblingsgetränk vieler nachtarbeitender Aktivisten.

Bis Ende letzten Jahres führte Urbach noch ein Angestelltenleben beim Online-Unternehmen AOL. Im "Technik Support" unterstützte er dort Werbekunden in aller Welt.

Im Technik-Support ist er immer noch, gewissermaßen, nur heißen seine "Kunden" jetzt Mohammad oder Ahmad. Und anders als früher ist er in seinem Berliner WG-Zimmer elektrisiert, wenn ihre Botschaften aufblinken. Erleichtert ist er dann auch, denn jede Botschaft bedeutet, dass sie noch online gehen können und nicht gerade gefoltert werden oder in Haft sitzen. So wie es vielen Bloggern und digitalen Dissidenten ergeht oder ergangen ist, selbst in angeblich post-revolutionären Regimen wie in Ägypten.

Urbach, 31, trägt ein schwarzes, mit Blitzen bedrucktes T-Shirt. Es zeigt das Symbol von "Telecomix", einem losen Netzwerk von internationalen Computerfreaks, das in Schweden entstanden ist. Ihr Grundanliegen ist ein freies, unzensiertes Internet. Das erste Projekt der Aktivisten zielte vor rund drei Jahren darauf, die schwedische Umsetzung der EU-Telekom-Gesetzgebung zu beeinflussen. So entstand der Name.

Während der Protestbewegung in Iran 2009 und der Jasmin-Revolution in Tunesien fungierte Telecomix noch hauptsächlich als Nachrichtenagentur. Die Netzaktivisten verlinkten die Seiten von Dissidenten und kritischen Bloggern, die ihre autoritären Regime herausforderten und als Bürgerjournalisten auch die gleichgeschalteten Staatsmedien. Doch spätestens seit dem 27. Januar war Telecomix das Multiplizieren kritischer Stimmen nicht mehr genug. Das war der Tag, an dem das Mubarak-Regime Ägypten vom Netz nahm. Der Internet-Blackout dauerte mehrere Tage.

Mubaraks Internetsperre wurde zum Weckruf für westliche Unterstützer

Die hilflose und verzweifelte Aktion zeigte, dass der autoritäre Herrscher seine aufmüpfigen Web-Bürger und deren Medium als Bedrohung erkannte; dass sein Regime vor den Mobilisierungsaufrufen über soziale Netzwerke und vor den kritischen Beiträgen vieler Blogger zitterte. Mubaraks technische Gegenattacke rüttelte Internetaktivisten und Hacker weltweit auf - für viele war sie der Weckruf, den Ausgeschlossenen konkret zu helfen. Daraus ist mittlerweile eine sehr lebendige Bewegung entstanden, Telecomix ist eine von mehreren Initiativen.

Aktivisten des Anonymisierungsdienstes Tor beispielsweise geben arabischen Bloggern in Workshops und online schon seit Jahren Hinweise, wie sie sicher surfen und unentdeckt Videos und Fotos außer Landes schicken können. Und auch das Hackerkollektiv Anonymous will verstärkt Ziele in autoritären Staaten ins Visier nehmen, in denen sich Protestbewegungen formieren.

Was als Solidaritätsaktion für die ausgeschlossenen Ägypter begann, hat Telecomix zu einer ausgefeilten Strategie entwickelt - insbesondere ihr Syrien-Einsatz sorgt spätestens seit voriger Woche für internationale Aufmerksamkeit. In der Nacht zu Mittwoch veröffentlichte das Kollektiv ein riesiges Datenkonvolut, aus dem nicht nur hervorgeht, wie das Assad-Regime das Internet überwacht. Es legt auch nahe, dass die Syrer, wie so viele ihrer autoritären Nachbarn, dafür Technologien westlicher Firmen nutzen.

Die meisten Aktivisten treten anonym auf

Im Fall Ägypten, sagt Stephan Urbach, sei die Sache noch recht einfach gewesen. Getreu dem Telecomix-Motto "we rebuild" ("Wir bauen wieder auf") habe man ägyptische Aktivisten auf Umleitungen wieder ans Netz gebracht. Dazu organisierten die Telecomix-Agenten zuerst sogenannte Modem-Pools in Ländern, in denen besonders viele ihrer Gesinnungsgenossen aktiv sind, also in Schweden, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland.

Dann suchten sie über den Zwischenspeicher von Suchmaschinen Faxnummern von ägyptischen Bibliotheken, Hotels und IT-Firmen heraus und verschickten darauf Telefonnummern, über die sich Ägypter an ihren dienstverweigernden Internetanbietern vorbei ins Netz einwählen konnten - eine davon war die Nummer des Telecomix-Agenten Urbach.

Der Berliner ist einer der wenigen, die für die digitale Hilfstruppe auch mit ihrem Klarnamen auftreten, viele seiner Mitstreiter kennt auch Urbach nur vom Monitor und unter ihrem Pseudonym.

Spätestens seit Beginn der Operation Syrien ist die Zurückhaltung verständlich. Das Assad-Regime hat nach jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen seit Beginn der Protestbewegung Mitte März rund 2900 Landsleute getötet. Mindestens 88 Aktivisten starben nach Amnesty-Recherchen in Haft, viele sind offenkundig zuvor gefoltert worden. Die Menschenrechtsorganisation schränkte ein, es handle sich notgedrungen um eine Ferndiagnose - auch auf Basis von aus dem Land geschmuggelten Fotos und Videos.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Danke!
mcaulfield 13.10.2011
Achja, um den Jahreswechsel herum gab es noch Anonymous-Aktionen, die sich ebenfalls sinnvoller Revolutionshilfe gewidmet haben. Da wurden Schutz-Scripte für Tunesier geschrieben (Stichwort Facebook), elektronische Care-Pakete verteilt, es wurde im Chat den Revolutionären geholfen Informationen zu veröffentlichen/verteilen. Dann wurde das den Anonymous-Menschen langweilig und sie beschränkten sich immer mehr auf Cracken, sinnloses Leaken privater Kundendaten, Doxxen, Trollen.. Danke Telecomix! Danke dass wenigstens ihr nicht vergessen habt, worauf es ankommt wenn man für die (elektronische) Freiheit kämpfen will.
2. Anonymous
mr_smith 13.10.2011
Zitat von sysopNetzaktivisten unterstützen seit Monaten die arabische Freiheitsbewegung. Sie sorgen für sichere Verbindungen ins Internet - auch wenn autoritäre Regime es blockieren. http://www.spiegel.de/0,1518,791039,00.html
Netzaktivisten unterstützen ebenfalls *Aufständische in New York/USA.* Klasse, dass sich überall Menschen zusammenschließen und sich für Gerechtigkeit einstzen. So haben Lügen und Machtgier in Zukunft 0 Chancen.
3. gregrtgrs
Marginalius 13.10.2011
Naja, wenigstens ein bisschen Unterstützung für den Arabischen Frühling aus Deutschland ... wenn auch nicht von offizieller, staatlicher Seite. Viele Grüße
4. Wie finanziert sich sowas?
ach 13.10.2011
Bei Okhin klar, der macht es als Hobby. Aber Urbach scheint es full-time zu betreiben.
5. agrehre
Marginalius 13.10.2011
Zitat von achBei Okhin klar, der macht es als Hobby. Aber Urbach scheint es full-time zu betreiben.
Tja. Vielleicht hat der vorher eine Menge Geld gespart. Viele solcher Computer-Nerds verbrauchen nicht viel Geld. Den meisten reicht ein Dach über dem Kopf, was zu Essen und ein guter, sicherer Computer mit einer schnellen Datenleitung. In Legenden und Sagen habe ich gehört, dass es soll wohl auch welche unter ihnen geben soll, die manchmal noch raus gehen in die Natur, ins Kino, sich mit echten Menschen treffen oder Geld für eine Reise oder sowas ausgeben, aber den meisten dürfte die von mir zuerst genannte Computernerd-Grundausstattung wohl schon reichen .... und die kostet halt nicht viel, sodass man einen großen Teil seines Gehaltes sparen und für solche Projekte, die auch ich für absolut sinnvoll halte, verwenden kann. Viele Grüße PS an alle Nerds: Ist nicht böse gemeint mit dem Generde ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Arabischer Frühling
RSS

© DER SPIEGEL 41/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 41/2011 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Bundessicherheitsrat: Panzer für die Saudis - die Chronik eines Paradigmenwechsels deutscher Außenpolitik
  • - Affären: Der Formel-1-Krimi um den BayernLB-Banker Gerhard Gribkowsky
  • - Umwelt: Wie die Ausbeutung der kanadischen Ölsande unberührte Wildnis zerstört
  • - Lebensläufe: Veruschka Lehndorff, Deutschlands erstes Topmodel, veröffentlicht eine Interview-Biografie

Abo bestellen!



Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.