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Ausgabe 42/2011

Integration: Hässliche Heimat

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Der deutsch-türkische Anwalt Mehmet Daimagüler galt lange als Vorzeigezuwanderer. Nun rechnet der frühere FDP-Mann mit Staat und Gesellschaft ab.

Autor Daimagüler: "Moralische Bankrotterklärung" Zur Großansicht
Maurice Weiss/ Ostkreuz/ DER SPIEGEL

Autor Daimagüler: "Moralische Bankrotterklärung"

Mehmet Daimagüler, 43, tritt auf den Balkon seiner Anwaltskanzlei in Berlin-Charlottenburg. "Wäre es nach den Lehrern und Beamten gegangen, wäre ich nicht hier oben." Er blickt auf die Straße hinab. "Ich würde Döner verkaufen oder säße vielleicht im Gefängnis."

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Daimagüler, Sohn türkischer Gastarbeiter, hat es von der Hauptschule bis nach Harvard geschafft, er war Berater bei Boston Consulting und Mitglied des Bundesvorstands der FDP. Doch er sagt: "Meine Geschichte ist keine Erfolgsgeschichte."

Nun hat er sie aufgeschrieben. Es ist die Biografie eines der erfolgreichsten Zuwanderer des Landes - und eine Abrechnung mit der deutschen Integrationspolitik. "Der Staat hat Einwanderung gefördert, aber Integration jahrzehntelang verhindert", sagt Daimagüler, "unser System ist eine moralische Bankrotterklärung."

Ende Oktober jährt sich das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 50. Mal. Die Türken haben die deutsche Wirtschaft gestärkt, sie stellen Dutzende Millionäre, Künstler, Politiker. Und doch sind viele in der neuen Heimat noch immer nicht angekommen. Die Kinder und Enkel der Gastarbeiter sind oft schlechter integriert als ihre Eltern.

Nicht der übliche Klagebericht

Daimagüler tritt in diesen Tagen in Schulen auf und in Messehallen. In seinem Buch schreibt er über die Brüche in seinem Leben, über Gewalt in der Familie, Rassismus im Alltag.

Es ist nicht der übliche Klagebericht überforderter Sozialarbeiter oder die Analyse besorgter Soziologen. Hier teilt ein erfolgreicher Zuwanderer gegen Staat und Gesellschaft aus. Denn eine Erfahrung verbindet den Anwalt mit Millionen Migranten, mit Unternehmern, Regisseuren, den Gemüsehändlern in Neukölln. Er fühlt sich in Deutschland als Außenseiter.

Seine Eltern kamen in den sechziger Jahren aus Istanbul nach Westfalen. Der Vater verdiente Geld als Stahlarbeiter bei Krupp. Für die Familie stand fest: Irgendwann würden sie in die Türkei zurückkehren. Ihr Leben in Deutschland empfanden sie nicht als ihr wirkliches Leben. Es war ein Provisorium. Daimagüler erinnert sich, dass seine Eltern auf Bitten, etwa nach einem Fahrrad, stets dieselbe Antwort gaben: "Türkiye'ye temelli gidince" ("Wenn wir für immer zurück in die Türkei gehen"). Die ersten Gastarbeiter bereiteten ihre Kinder und Enkel nicht auf eine Zukunft in Deutschland vor.

Die Politik hat dieses Versäumnis nicht ausgeglichen. Sie nahm an, dass die Menschen, die man ins Land geholt hatte, es auch irgendwann wieder verlassen würden. "Wir hatten keine Vorbilder, niemanden, den wir hätten um Rat fragen können", sagt Daimagüler.

In der Schule schikanierten ihn Mitschüler, Lehrer demütigten ihn. Nach der Grundschule stand fest, dass er nicht aufs Gymnasium wechseln würde - trotz guter Noten. Daimagüler verachtete seinen Vater: für die Demut gegenüber den Behörden, das schlechte Deutsch. Der Halbbruder wurde kriminell, mit 14 stand er das erste Mal vor Gericht. Mit Anfang 20 wurde er ausgewiesen.

Daimagüler litt unter Depressionen, die er mit Alkohol betäubte. Selbsthass quälte ihn auch dann noch, als er nach Haupt-, dann Realschulabschluss und schließlich doch Abitur in Bonn Jura studierte. Daimagüler sagt, er habe seine Kommilitonen stets um ihre Gelassenheit beneidet.

"Du musst besser als die Deutschen sein"

Er selbst konnte seine Aggressionen nur schwer kontrollieren. "Mit etwas weniger Glück wäre es mir ergangen wie meinem Halbbruder." Sein Ehrgeiz habe ihn gerettet. "Wenn du es als Türke in Deutschland schaffen willst, musst du besser als die Deutschen sein", mahnte die Mutter später.

Viele Einwanderer resignieren. Fast ein Drittel der Männer ausländischer Herkunft zwischen 25 und 35 besitzt keinen Berufsabschluss. Dabei ist Deutschland zunehmend auf sie angewiesen. In wenigen Jahren wird ihr Anteil bei den unter 40-Jährigen in vielen westdeutschen Großstädten bei 50 Prozent liegen.

Daimagüler fordert eine Bildungsoffensive ähnlich wie in den siebziger Jahren, als Hunderttausende Arbeiterkinder an die Universitäten strömten. Die Erziehung müsse schon im Kindergarten mit Sprachkursen beginnen. Und sich in der Schule fortsetzen. Klassen, in denen ausschließlich Kinder ausländischer Herkunft unterrichtet würden, schadeten der Integration.

Die Selbstverständlichkeit, mit der bis heute von "wir" und "ihr" gesprochen werde, entsetze ihn, sagt Daimagüler. Migranten dürften bei der Jobsuche nicht länger benachteiligt werden. Im Gegenzug müssten sie sich stärker in die Gesellschaft einbringen.

Moderne Integrationspolitik, glaubt er, sei für Deutschland überlebensnotwendig. Nach Voraussagen des Forschungsinstituts Prognos werden der Bundesrepublik im Jahr 2015 fast drei Millionen Arbeitskräfte fehlen. Ohne die Kinder und Enkel der Gastarbeiter wird es nicht gehen.

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insgesamt 205 Beiträge
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1. Und immer wieder ist die Gesellschaft schuld ...
cinder_cone 18.10.2011
Wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, waren seine Eltern und das zugehoerige Umfeld das wesentliche Problem. Jeder, der nicht aus der Oberschicht kommt, muss(te) sich besonders anstrengen, die gebratenen Tauben, die einem in den Mund fliegen, gibt es nicht. Die deutschen Arbeiterkinder, die sich um Karriere bemuehten, hatten allerdings keine Sozialarbeiter an ihrer Seite, und wussten, dass Jammern nichts bringt.
2. Schwierig
Bondurant 18.10.2011
Zitat von sysopDer deutsch-türkische Anwalt Mehmet Daimagüler galt lange als Vorzeigezuwanderer. Nun rechnet der frühere FDP-Mann mit Staat und Gesellschaft ab. http://www.spiegel.de/0,1518,792399,00.html
Aus dem Bericht Also, wenn man Herrn Daimagüler richtig versteht, beschwert er sich, dass der deutsche Staat nicht gegen die Vorstellungen seiner Eltern eingeschritten ist. Das sollte man sich im Hinblick auf heutige Integrationsanstrengungen gut merken.
3. .
jeby 18.10.2011
"Die Erziehung müsse schon im Kindergarten mit Sprachkursen beginnen. Und sich in der Schule fortsetzen." Wir wäre es denn, wenn die Eltern ihren Kinder Deutsch beibringen? Die meisten Kindergartenkinder und Grundschüler mit Migrationshintergrund haben Eltern, die doch auch schon in Deutschland geboren sind oder zumindest seit Jahren hier wohnen. Es würde auch helfen, wenn zu Hause nicht nur ausländisches Fernsehen laufen würde.
4. dieser Mann liegt falsch!
BaywatchamStrandvonMalibu 18.10.2011
Zitat von sysopDer deutsch-türkische Anwalt Mehmet Daimagüler galt lange als Vorzeigezuwanderer. Nun rechnet der frühere FDP-Mann mit Staat und Gesellschaft ab. http://www.spiegel.de/0,1518,792399,00.html
Dieser Artikel ist typisch für so manch einen Einwanderer. Die Schuld für den eigenen Misserfolg immer bei der Gesellschaft suchen, das ist schön einfach. Nur: wieso schaffen es Einwanderer aus verschiedenen Kulturkreisen, in höchst unterschiedlichem Maße, in der deutschen Gesellschaft aufzusteigen bzw. ihren Erfolg zu finden? Das ist doch die Verfifizierung, dass es möglich ist und insbesondere vom eigenen Einsatz und Willen abhängt! Dieser Mann noch im Grunde der Beleg dafür ist, das es an der Mentalität einiger Einwanderer liegt! Während Einwanderer aus Griechenland gut integriert sind, schaffen es andere nicht so gut. Beide kamen aber zur gleichen Zeit nach Deutschland und hatten die gleichen Voraussetzungen. Zudem zeigt sich doch gerade z.B. an dem mangelnden Sprachkenntnissen, wie hoch der Grad der Anstrengung in Sachen Migration ist. Will mir jemand erzählen, er könne nach 25 Jahren in einem fremden Land nicht mal die Sprache erlernen? Deutschland hat nur insofern Schuld an der Misere, als dass niemals verbindliche Standards geschaffen wurde, was hier von einem Migranten erwartet wird. So gesehen wurde zu viel Freiheit gelassen. Es hätte (wie in anderen erfolgreichen Ländern) klare Vorgaben geben müssen. Und der Gipfel dieser Gesellschaftskritik ist ja noch, dass die "Deutschen" jetzt noch deswegen verurteilt werden, weil sie eben mit dem täglichen Integrationsmisserfolg konfrontiert werden. Mal ganz ehrlich - wer würde denn als Ladeninhaber das Risiko eingehen, jemanden z.B. mit stark dogmatischer Lebensweise in religiöser Hinsicht, einzustellen? Gesetzlich darf niemand diskriminiert werden, aber solange es genug Bewerber gibt, ist es selbstverständlich, wenn manche Menschen mit so einer Einstellung nicht einverstanden sind. Außerdem ist auch schon wieder die angebliche Diskriminierung in der Schule usw. eine falsche Behauptung, jedenfalls in Bezug auf die Auswirkungen für die Integration. Während vielleicht früher noch ein "rauer" Ton gegenüber den Einwanderkindern herrschte, wird kein Realist heute behaupten, dass ein Lehrer mit "Nazisprüchen" nicht direkt vom Unterricht suspendiert würde. Aber trotzdem sind die Einwanderer der 1. Generation besser integriert als die Einwanderer der 3. Generation. Wie kann man das denn erklären?
5. Ein Schichtenproblem!
holy heinz !, 18.10.2011
Dem deutschen Arbeiterkind geht es auch nicht anders. Die anachronistische Trennung nach vier Jahren Schule in "Dumm", "Mittelmäßig" und "Schlau" gehört abgeschafft. Das gibt es nur in DE und AT. So begabt kann dieser Mann aber auch nicht sein, wenn er mal in der "Fast Drei Prozent" - Partei war. Das spricht nicht gerade für einen hohen Intellekt.
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Der Bericht empfiehlt, die Integrationskurse mehr zu nutzen, um die Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen. So sollten Migranten stärker auf berufsbezogene Deutschkurse im Anschluss an den Integrationskurs hingewiesen werden. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Zeit vom Abschluss des Integrationskurses bis zu einem Eintritt in den Beruf vergehe.
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Die Experten plädieren dafür, mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen. Sie seien an deutschen Schulen immer noch die Ausnahme. Sie könnten Kenntnisse in Herkunftssprachen und Einblicke in andere Traditionen und Kulturen in den Unterricht einbringen. Damit die Aufnahme eines Studiums - auch auf Lehramt - nicht am Geld scheitert, werden Stipendienprogramme angesprochen.
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