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Ausgabe 43/2011

Norwegen "Auf Autopilot"

Seit drei Monaten wird Anders Behring Breivik verhört. Der Attentäter von Oslo und Utøya redet und redet, doch von Reue und Reflexion finden die Ermittler bisher keine Spur.

Von und

Verhafteter Breivik: Wohnlich soll es sein
REUTERS/ Aftenposten

Verhafteter Breivik: Wohnlich soll es sein


Der Zeuge, sagt der Ermittler, achte penibel auf seinen Wasserhaushalt: Während er befragt wird, greift Anders Behring Breivik in regelmäßigen Abständen zur Wasserflasche. Er schraubt sie auf, nimmt einen kleinen Schluck. Dann schaut er zur Digitaluhr an der Wand. Und spricht weiter.

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Für den Ermittler, den Polizeipsychologen Asbjørn Rachlew, ist Anders Breivik nicht nur der Mörder sehr vieler Menschen, er ist vor allem auch Kronzeuge. Bis zu zehn Stunden pro Vernehmungstag dauern die Befragungen Breiviks; Rachlew verfolgt sie hinter verspiegelten Scheiben. Manchmal sind die Ermittler erschöpft, Breivik nicht: "Lassen Sie uns doch weitermachen", sage er nur.

Anders Breivik hat 77 Menschen getötet. Er hat mit einer Bombe das Zentrum Oslos verwüstet, hat sich als Polizist verkleidet und auf einer kleinen Fjord-Insel 69 Kinder und Jugendliche erschossen, manche hat er regelrecht mit Kugeln durchsiebt.

Seine Tat hat Breivik gestanden, bereut hat er sie nicht. Er sagt, dass er noch eine Bombe hätte zünden, dass er noch mehr Menschen hätte umbringen wollen.

Bei den Befragungen erklärt er, antwortet höflich, artikuliert sich klar. "Man hat den Eindruck", sagt Rachlew, "er möchte gar nicht mehr aufhören zu sprechen." Gute Manieren habe Breivik auch.

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Anders Breivik: Der Unauffällige
Seit seiner Verhaftung am 22. Juli sitzt Anders Breivik mindestens einmal in der Woche auf einem der beiden hellblauen Sessel, an einem kleinen, runden Tisch aus Fichtenholz. Nichts wird dem Zufall überlassen in Raum 6030, im sechsten Stock des Osloer Polizeigebäudes. Die Zimmertemperatur liegt bei 20 Grad, ein Thermostat regelt die Luftfeuchtigkeit. Die Sessel stehen einander nicht direkt gegenüber. Breivik, der Täter, der Zeuge, muss dem, der ihn befragt, nicht in die Augen sehen.

"Wir wollen keine Konfrontation", sagt Rachlew. Wohnlich soll es sein. Deshalb die karierten Vorhänge vor den verspiegelten Scheiben, deshalb die himmelblauen Polster.

"Er soll mit uns sprechen. Er soll sich erinnern." An jedes einzelne Gesicht, in das er geschaut hat, bevor er geschossen hat.

Insgesamt 14-mal hat Breivik bereits hier gesessen, über hundert Stunden lang. 430 Seiten umfasst die Abschrift dessen, was er über die Autobombe und sein Massaker im Jugendcamp auf Utøya erzählt hat. Der Inhalt der Befragungen ist geheim, sie sind Grundlage für den Prozess, der im nächsten Jahr beginnen soll.

"Wir gehen jede Erschießung mit ihm durch"

Die Ermittler müssen sich ein Bild machen von ihm und seinen Taten. Die Angehörigen möchten wissen, wie er ihre Kinder getötet hat, wo sie sich versteckten, ob sie lange leiden mussten.

"Wir gehen jede Erschießung mit ihm durch, alle Details", sagt Rachlew.

Ungeklärt und unbegreiflich für die Ermittler, für die Angehörigen, auch für den Rest der Welt ist das Warum.

Was lässt einen Menschen derart kaltblütig handeln? Wie kann jemand vom spinnerten Anhänger einer perfiden Verschwörungstheorie zu einem Terroristen werden, einem Massenmörder?

Breivik kooperiere "zur vollsten Zufriedenheit" mit der Polizei, sagt, fast widerstrebend, Christian Hatlo. Der Psychologe Rachlew und er sind die Einzigen, die über die Befragungen sprechen dürfen. Genau wie Breivik, genau wie Rachlew ist Hatlo blond und groß, seit kurzem ist er Vater. Der Jurist verfasst die Anklage und ist, wie der Psychologe, bei beinahe jedem Treffen mit Breivik zugegen. Normale Mörder wollen nicht reden, sagt er. Breivik aber rede stundenlang: "Das ist ermüdend." Nur ab und zu unterbreche er für eine Zigarette oder einen Hamburger, den er sich von seinem Anwalt aus seinem Lieblingsrestaurant bestellen lässt.

Geduldig und ausführlich erkläre Breivik, wie er dieses Mädchen oder jenen Jungen auf Utøya gesehen, wie er sie aus ihren Verstecken gelockt und auf sie gezielt habe. Dass er die Jugendlichen selektiert habe: Die Kleineren habe er verschont, weil sie, so hat er es den Ermittlern gesagt, noch nicht von der Arbeiterpartei, von den "Kulturmarxisten", indoktriniert gewesen seien.

Breivik will dieses Verhör; er will, dass alles, was er sagt, aufgezeichnet und mitgeschnitten wird.

"Kein Wunder, dass er bei seiner Festnahme so darauf geachtet hat, nicht erschossen zu werden", sagt Asbjørn Rachlew. Er schüttelt den Kopf. Breivik sei jetzt das "seltene Tier im Zoo", normalerweise töteten sich Täter wie er selbst.

Umgeschaltet auf Autopilot

Bei den ersten vier Menschen sei es ihm schwergefallen zu schießen, erzählte er Rachlew und Hatlo. Aber da war die Musik, "Lux Aeterna" aus "Herr der Ringe", die ihn über Kopfhörer aufputschte, ihn euphorisierte. Da waren die Drogen, die Amphetamine. Er habe umgeschaltet "auf Autopilot", so hat er es genannt. Vor allem aber war da seine Überzeugung.

Wieder und wieder erzählt Breivik den Ermittlern, dass er verpflichtet sei, diesen sechzigjährigen Krieg zu führen. Gegen die Verlottertheit der Welt. Für Norwegen. Für Europa. Die Norweger, sagt Breivik, werden ihm irgendwann dankbar dafür sein.

Es ist Wahnsinn. Und es ist grausam: Alle, die mit Anders Behring Breivik zu tun haben seit seiner Verhaftung - es sind nicht sehr viele -, treibt die Frage nach der Dimension des Bösen um, mit dem sie es hier zu tun haben. Breiviks Tat, seine Reaktion darauf, ja seine schiere Existenz stellen ihre Professionalität in Frage.

"Er scheint so zufrieden", sagt Asbjørn Rachlew.

"Er zeigt keine Gefühle. Keine Empathie", sagt Christian Hatlo. Wenn Breivik seine Tat als "schrecklich" bezeichne, dann sei das für ihn bloß ein Wort. Eine Vokabel. Er empfinde dabei nichts.

Für Geir Lippestad, der vier Tage nach der Tat die Verteidigung Anders Behring Breiviks übernommen hat, ist seine Rolle auch drei Monate später nicht leichter geworden: "Ich muss ihn verteidigen, er ist mein Klient", sagt der Anwalt. Zugleich aber muss er sich von Breivik distanzieren. Als Mensch.

Dreimal die Woche sieht er ihn, bei den Verhören im "Politihus", dem Polizeigebäude, sitzt er mal im Raum, mal hinter der verspiegelten Scheibe.

Breiviks Reaktionen, so Lippestad, seien schwer zu deuten. Auch nach drei Monaten. Der Mörder von 77 Menschen sei nie aggressiv, er spreche besonnen, reflektiert. Aber was er sage, sei einfach nicht nachvollziehbar. "Ich kann ihm nicht folgen", sagt Lippestad.

Auf der Suche nach einer Antwort auf das unfassbare Warum will der Anwalt jetzt die frühe Kindheit seines Mandanten untersuchen lassen. Der Zeitung "Dagbladet" hat er gesagt, diese sei "alles andere als normal" verlaufen.

Es ist mehr als bloß Verteidigungsstrategie, es gibt diese Hinweise auf eine frühe Störung in seiner Entwicklung.

Breiviks Eltern, ein Diplomat und eine Krankenschwester, ließen sich scheiden, als er vier war, getrennt lebten sie schon vorher. Zwischen der Mutter und dem Vater kam es zu einem Sorgerechtsstreit, auch das Jugendamt wurde informiert. Die Mutter bat um Hilfe bei der Betreuung ihres Sohnes für die Wochenenden.

"Das Kind läuft Gefahr, psychischen Schaden zu nehmen"

Die Umstände schienen dem Amt so besorgniserregend, dass schließlich ein Psychologe das Kind untersuchte. Der soll anschließend zwei Gutachten geschrieben haben, mit der Schlussfolgerung, dass "das Kind Anders Breivik Gefahr läuft, psychischen Schaden zu nehmen".

"Uns hat Breivik erklärt, seine Kindheit sei völlig normal verlaufen", sagt Christian Hatlo. Im sogenannten Manifest, diesem über tausendseitigen Dokument seines Wahns, schreibt er, er habe wohl "zu viele Freiheiten gehabt". Dass er eben "eines dieser privilegierten Kinder" aus dem reichen Westen Oslos sei.

Psychologen sind der Meinung, Breivik wolle den Anschein erwecken, sich normal entwickelt zu haben, normal aufgewachsen zu sein. Damit er seine Tat als das bewusst begangene politische Fanal darstellen kann, als das er sie betrachtet. Sein Massaker als Notwendigkeit für den Fortbestand der christlichen Zivilisation.

Es gibt noch eine zweite nicht vollständig aufgeklärte Zäsur in seinem Leben. "Ein Ereignis in seiner Jugend", sagt Christian Hatlo.

Mit 15 Jahren hat Breivik den Kontakt zum Vater abgebrochen und sich von da an mehr und mehr zurückgezogen. In einem Jahrbucheintrag seiner Schule wird er 1995 so beschrieben: "Anders war Mitglied der ,Gang', hörte dann aber plötzlich auf, mit den anderen befreundet zu sein." Einmal soll Breivik sogar den Rektor geschlagen haben; im Jahrbuch steht, er mache oft "unberechenbare, dumme Sachen". Und dass er sich danach sehne, einen perfekten Körper zu besitzen.

Zu dieser Zeit beginnt Breivik mit seinem rigiden Fitnessprogramm, das er bis zum Tag der Tat im Juli, mal mehr, mal weniger extrem, durchexerziert.

Die Freude über den "Kick"

Ein Schulfreund beschreibt ihn als jemanden, der sehr kalt wirken könne, wenig Emotionen zeige - bis auf die Freude über den "Kick". Der größte Kick für den jugendlichen Anders sei es gewesen, Dinge zu tun, die andere nicht von ihm erwarteten oder die sie sich selbst niemals getraut hätten.

"Aber waren wir nicht alle so, damals, mit 15?", fragt der Freund.

Immer wieder hat er Anschluss gesucht, in der HipHop-Szene, in der Graffiti-Szene. So richtig geklappt hat es nie, sagen die Ermittler.

Vor kurzem ist ein Video von Breivik aufgetaucht, aufgenommen bei einer Party der Fortschrittspartei, bei der er ein paar Jahre lang Mitglied war. Dort sitzt er einsam und ein bisschen moppelig mit einer seltsam getönten Brille auf dem Sofa und raucht, während um ihn herum wild getanzt und gejohlt wird. Mädchen ziehen sich aus. Verlegen grinst er kurz in die Kamera, dann wendet er sich ab und zieht an seiner Zigarette.

Zwei Psychiater untersuchen ihn derzeit, unabhängig von den polizeilichen Ermittlungen. 120 Personen, die eine "engere Beziehung" zu Breivik hatten, stehen auf der Liste der Ermittler, 50 wurden bereits befragt. 40 Stunden lang ist allein Breiviks Mutter verhört worden, sie steht unter psychologischer Betreuung. "Manchmal wünsche ich mir, er hätte sich selbst umgebracht, statt so viel Leid über andere zu bringen", hat Breiviks Vater über seinen Sohn gesagt.

Die forensischen Psychiater wollen jetzt prüfen, ob es eine mögliche neurologische Ursache für seine Grausamkeit gibt. Ein Magnetresonanztomograf zum Beispiel soll messen, ob wichtige Verbindungen zwischen den Emotionszentren in seinem Gehirn gestört sind. Kurz: ob Anders Behring Breivik überhaupt in der Lage ist, ein Gefühl wie Mitleid zu empfinden.



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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
muwe6161 26.10.2011
1. Interessant
Sollte sich herausstellen das er keinerlei neurologische Auffälligkeiten hat, muss er ein Produkt aus Genen, Umfeld und Erziehung sein. Das macht mir Angst.
svfox 26.10.2011
2. Kindheit des Täters?
Menschen wie Breivik müssen ein hohes Maß an elterlicher Gewalt erlebt haben, um dermaßen Emotionen abspalten zu können. Spekulationen über die Trennung der Eltern und ähnliches sind schön und gut. Aber sie gehen nicht wirklich in die Tiefe. Ich bin gespant auf die angekündigte Untersuchung seienr Kindheit. Probleme wie Trennung usw. reichen nicht aus, um einen menschen derart zu spalten. Es bedarf langfristiger, schwerer körperlicher und/oder emotionaler Gewalt. Dies zeigen Studien über Gewalttäter immer wieder auf.
cingulator 26.10.2011
3. Sein Anwalt...
...möchte ich nicht sein. Dann bräuchte ich wohl selbst irgendwann psychologische Betreuung. Aber was ist mit den armen Eltern der toten Kinder?
Marvel Master 26.10.2011
4.
Zitat von svfoxMenschen wie Breivik müssen ein hohes Maß an elterlicher Gewalt erlebt haben, um dermaßen Emotionen abspalten zu können. Spekulationen über die Trennung der Eltern und ähnliches sind schön und gut. Aber sie gehen nicht wirklich in die Tiefe. Ich bin gespant auf die angekündigte Untersuchung seienr Kindheit. Probleme wie Trennung usw. reichen nicht aus, um einen menschen derart zu spalten. Es bedarf langfristiger, schwerer körperlicher und/oder emotionaler Gewalt. Dies zeigen Studien über Gewalttäter immer wieder auf.
Ich behaupte, dass ein Mensch, welcher in einem tollen Elternhaus liebevoll und vernünftig erzogen wurde, bzw. nach den westlichen Gesellschaftsregeln aufgewachsen ist, genau so emotionslos sein kann. Sprich, es gibt Menschen, bei denen man überhaupt keine Schäden bzw Benachteiligungen etc. finden wird und trotzdem so eine Tat durchziehen würden. Bei 7 Mrd. Menschen gibt es einfach alles. VG Marvel
drspieler 26.10.2011
5. aha
Breivik soll stundenlang über seine Beweggründe gesprochen haben und was bekommen wir über diese zu lesen: Nichts. Wie kann man im Dunkeln über die Motive tappen und diese in einer schweren Kindheit oder einer neurologischen Störung vermuten, wenn er doch diese bereits anscheinend in stundenlangen Verhören genannt hat? Irgendwie sieht mir das nach Verdrängung aus.
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