AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2011

Unfälle Todesfahrt mit Ansage

Ein Epileptiker verursachte seit 2004 drei schwere Verkehrsunfälle. Weil er trotzdem seinen Führerschein behielt, konnte es im März zur Katastrophe kommen: In Hamburg starben vier Menschen. Jetzt wird Anklage erhoben wegen fahrlässiger Tötung.

DPA

Von Bruno Schrep


Die Lebensfreude der Kauffrau Barbara Prinz endete an einem sonnigen Vorfrühlingsnachmittag auf dem Bürgersteig einer stark befahrenen Hamburger Straßenkreuzung. "Bis zu diesem Tag war ich ein glücklicher Mensch", sagt die sportlich wirkende 50-Jährige, "seitdem hat sich alles verändert, grausam verändert."

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Heft 45/2011
Triumph und Tragödie eines Preussenkönigs

Prinz kann kaum noch schlafen, sich nicht mehr konzentrieren, bricht scheinbar grundlos in Tränen aus. Die Bilder dieses Sonnabends verfolgen sie Tag und Nacht.

Für das, was sie am 12. März dieses Jahres sah, hörte und miterlebte, fallen der dreifachen Mutter nur Begriffe wie Krieg, Chaos, Inferno ein: "Überall war Blut, auf der Straße lagen zerstörte Fahrräder, einzelne Schuhe, Einkaufstüten und Brillen. Unter einem Autowrack ragte ein Kopf hervor."

Barbara Prinz wurde Zeugin eines der schlimmsten Verkehrsunfälle in der Geschichte der Hansestadt. Auf einer großen mehrspurigen Kreuzung im gediegenen Stadtteil Eppendorf geriet ein silbergrauer Fiat Punto auf die Gegenfahrbahn, raste mit rund hundert Stundenkilometern bei Rot über eine Ampel, rammte ein schwarzes Golf-Cabrio, überschlug sich mehrfach und zerschellte inmitten einer Gruppe Passanten. Drei Radfahrer, die an einer Verkehrsampel auf Grün warteten, waren sofort tot, eine Frau starb kurz danach im Krankenhaus. Mehrere Personen wurden verletzt, einige Zeugen erlitten einen Schock. So auch Barbara Prinz.

Das Geschehen löste bundesweit Erschütterung und Anteilnahme aus, denn etliche Opfer waren prominent. Vom Unglückswagen erschlagen wurden der Schauspieler Dietmar Mues, 65, bekannt als Darsteller in Fernsehserien wie dem "Tatort", und seine 60-jährige Ehefrau Sibylle, eine Grundschullehrerin. Beide waren mit ihrem Tandem unterwegs.

Ebenfalls ums Leben kamen der renommierte Sozialwissenschaftler Günter Amendt, 71, Autor von Büchern über Sexualforschung und Drogenpolitik, sowie die Hamburger Designerin Angela Kurrer. Im gerammten Cabrio überlebten der Schauspieler Peter Striebeck, 73, ehemals Intendant des Hamburger Thalia Theaters, und seine Ehefrau Ulla, 69, früher Schauspielerin am Wiener Burgtheater.

"Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort", beklagt ein Freund von Dietmar Mues. Der Satz soll die Schicksalhaftigkeit des Geschehens ausdrücken, als sei alles zufällig passiert, unabwendbar, höhere Gewalt.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft sieht das ganz anders. Noch in diesem Jahr soll der Mann am Steuer des Fiat, Caesar S., wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung angeklagt werden.

S. ist seit vielen Jahren Epileptiker. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Katastrophe mit hoher Wahrscheinlichkeit durch einen schweren Krampfanfall des Autofahrers ausgelöst wurde. Und dass Caesar S. jederzeit mit einem epileptischen Anfall rechnen musste.

Der Mann, so legt seine Biografie nahe, war wie eine Art tickende Zeitbombe im Straßenverkehr unterwegs. Er hätte eigentlich längst nicht mehr im Besitz eines Führerscheins sein dürfen. Dass er ihn doch noch hatte, beruhte auf juristischen Winkelzügen, großzügigen Richtern, nachlässigen Ärzten und offenbar auch eigener Verantwortungslosigkeit. Denn schon vor seiner Todesfahrt in Hamburg-Eppendorf verursachte der heute 39-Jährige drei schwere Verkehrsunfälle.

Im Alter von 21 Jahren wurde bei Caesar S. erstmals Epilepsie vermutet, eine Krankheit, an der in Deutschland über eine halbe Million Menschen leiden. Epileptische Anfälle werden durch abnormale, sich schnell wiederholende elektrische Entladungen ganzer Nervenzellengruppen im Hirn ausgelöst. Sie reichen von kurzen Bewusstseinsstörungen und leichten motorischen Ausfällen bis zu schweren Verkrampfungen und Zuckungen des ganzen Körpers bei gleichzeitiger Bewusstlosigkeit.

Einen derart heftigen Krampfanfall, einen sogenannten Grand Mal, erlitt Caesar S. erstmals in einer Nacht des Jahres 1993. In den Tagen zuvor hatte er offenbar zu wenig geschlafen und zu viel Alkohol getrunken. Beim anschließenden Klinikaufenthalt wurde ein Gelegenheitsanfall vermutet und noch keine regelmäßige Einnahme von Medikamenten verordnet. Ob es bis zum ersten Verkehrsunfall zu weiteren Anfällen kam, ist nicht bekannt.

Den Rat seines Hausarztes, er solle, "eher zu Fuß gehen", ignorierte S.

Dieser Verkehrsunfall geschah am 5. Juli 2004. Caesar S. geriet mit seinem Auto auf der Bundesstraße 5 Richtung Pinneberg ohne erkennbaren Grund auf die Gegenfahrbahn. Sein Wagen prallte mit zwei entgegenkommenden Fahrzeugen zusammen, riss ein Verkehrszeichen aus der Verankerung und kam schließlich an einem Baum zum Stehen. Eine Frau wurde erheblich verletzt, S. erlitt eine Platzwunde am Kopf und einen Bandscheibenvorfall. Der Fahrer habe "zitternd und mit weit aufgerissenen Augen" im Auto gesessen, erinnert sich ein Zeuge.

Zum Unfallhergang gab S. an, ihm fehle jede Erinnerung - ein Phänomen, das sich noch mehrfach wiederholen sollte. Ein Verfahren gegen ihn wurde von einem Itzehoer Amtsanwalt gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt.

Nur knapp sechs Monate später, zwei Tage vor Heiligabend 2004, verursachte Caesar S. erneut eine folgenschwere Kollision. Mit dem Audi seiner Mutter rammte er auf einer Landstraße bei Elmshorn dreimal den vor ihm fahrenden Wagen, kam dann in einer Linkskurve von der Fahrbahn ab. Der Audi flog zehn Meter durch die Luft und stieß gegen eine Lärmschutzwand. S., der aus den Trümmern herausgeschnitten werden musste, brach sich zahlreiche Knochen, schwebte tagelang in Lebensgefahr.

Wieder versicherte er, sich an nichts erinnern zu können. Zeugen war aufgefallen, dass Caesar S. unmittelbar nach dem Unfall, noch hinter dem Steuer eingeklemmt, heftig gekrampft hatte. Auch im Krankenhaus, wo er vier Wochen lang stationär behandelt wurde, vermuteten die Ärzte einen cerebralen Krampfanfall als Unfallursache. Sie forderten S. dringend auf, nicht mehr Auto zu fahren und seine Fahrtüchtigkeit überprüfen zu lassen. Ein Ermittlungsverfahren wurde wie nach dem ersten Unfall eingestellt. Die Staatsanwaltschaft schloss sich dem Argument des damaligen Verteidigers Vinzenz Graf von Baudissin an, S. habe mit so einem Krampfanfall nicht rechnen müssen.

Bei einer neurologischen Untersuchung im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, bei der auch eine Kernspin-Untersuchung vorgenommen wurde, diagnostizierten die Ärzte im Juli 2005 eine "generalisierte idiopathische Epilepsie" - eine Epilepsieform, deren Ursache weitgehend ungeklärt ist. Erbliche Veranlagungen können eine Rolle spielen.

Die Mediziner verschrieben S. das Anti-Epileptikum Valproinsäure, ein Medikament, das die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn vermindert, aber auch dämpfend wirken kann.

Trotz der Krankheit bescheinigte eine Hamburger Nervenärztin im Oktober 2005 Caesar S. per Attest die Fahrtüchtigkeit. Dabei blieb unberücksichtigt, dass nach den Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahrereignung Epileptikern in der Regel erst dann das Autofahren gestattet werden kann, wenn sie mindestens ein Jahr anfallsfrei geblieben sind. Der letzte Unfall lag zum Zeitpunkt des Attests jedoch erst neuneinhalb Monate zurück.

Zwischen 2006 und 2008 musste Caesar S. mehrfach zum Arzt, diagnostiziert wurden unter anderem eine Gehirnerschütterung, eine Platzwunde und eine Schädelprellung. Ob es sich um epileptische Anfälle handelte, blieb ungeklärt.

Den Rat seines Hausarztes, er solle, statt Auto zu fahren, "eher zu Fuß gehen", ignorierte S. Der gelernte Immobilienkaufmann, der seit April 2004 für eine kommunale Wirtschaftsförderungsgesellschaft den Verkauf von Gewerbegrundstücken abwickelte, fuhr regelmäßig zu Terminen.

So verursachte er am 28. November 2008 seinen dritten schweren Unfall, diesmal auf der A 7 in Höhe der Anschlussstelle Kaltenkirchen. Sein Auto krachte auf der freien Überholspur plötzlich links in die Mittelschutzplanke, schleuderte quer über den Asphalt in die rechte Außenschutzplanke und landete entgegen der Fahrtrichtung wieder auf der Überholspur. Ein nachfolgender Wagen, dessen Fahrer nur durch eine Notbremsung einen Zusammenstoß verhindern konnte, wurde von einem Lastwagen gerammt.

Auch diesmal vermochte sich Caesar S. nicht zu erinnern, wie es zu der Karambolage kommen konnte. Noch am Unfallort berichtete er Autobahnpolizisten und Zeugen von seinem Blackout, seiner Epilepsieerkrankung und seiner Medikamenteneinnahme - Grund genug für die Polizei, den Führerschein von S. zu beschlagnahmen. Und Anlass für das Amtsgericht Kiel, die Fahrerlaubnis vorläufig zu entziehen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 10.11.2011
1. Typisch....
...ein unverantwortlicher Mensch der sich trotz einiger Unfälle wieder ans Steuer setzt und andere totfährt. Wahrscheinlich erwartet der Mann, der das ganze wohl mit einem Schulterzucken abtut, das man ihm verständnisvoll auf die Schulter klopft und weiterfahren läßt. Das bei dem Ganzen nur eine Bewährungsstrafe im Raum steht und diese wahrscheinlich durch Gutachter noch abgemildert wird ist schon jetzt klar. Die Opfer hatten halt Pech...wie so oft...
brazolino 10.11.2011
2. Was soll man da sagen?
Zitat von sysopEin Epileptiker verursachte seit 2004 drei schwere Verkehrsunfälle. Weil er trotzdem seinen Führerschein behielt, konnte es im März zur Katastrophe kommen: In Hamburg starben vier Menschen. Jetzt wird Anklage erhoben wegen fahrlässiger Tötung. http://www.spiegel.de/0,1518,796047,00.html
Àls ich unter diesem Beitrag das übliche "Diskutieren Sie diesen Artikel ..." sah, konnte ich nur müde den Kopf schütteln: Was gibt es da eigentlich zu diskutieren? Da lassen Ärzte, Richter und weiß-der-Geier-wer zu, dass Jahre lang eine tickende Zeitbombe durch die Gegend fährt, ein Mann also, in dessen Händen ein PKW regelmäßig zu einer potentiell tödlichen Waffe wird ... da fährt einer durch die Gegend, der genau wissen müsste, dass er jederzeit durch einen Anfall Menschen schwer verletzen oder töten könnte. Was dann auch passierte. Und jetzt? Wer wird zur Verantwortung gezogen? Auch rückwirkend? Wahrscheinlich mal wieder "keine Sau". Also - Diskussion? Über was denn, bitteschön?
gunman, 10.11.2011
3. Hochreck
Zitat von sysopEin Epileptiker verursachte seit 2004 drei schwere Verkehrsunfälle. Weil er trotzdem seinen Führerschein behielt, konnte es im März zur Katastrophe kommen: In Hamburg starben vier Menschen. Jetzt wird Anklage erhoben wegen fahrlässiger Tötung. http://www.spiegel.de/0,1518,796047,00.html
Fahrlässige "actio libera in causa". Wird sich die Saatsanwaltschft schwer tun, was man schon an der späten Anklage sieht. Der Angeklagte wird auf Schuldunfähigkeit zum Unfallzeitpunkt plädieren. Die StA muss nachweisen, dass der Angeklagte im Vorfeld hätte wissen müssen, dass es zu einem Unfall an dem Tattag wegen seiner Krankheit kommen könnte und er insoweit fahrlässig gehandelt hat, als er die Fahrt began. Freispruch ist möglich. Die "actio" ist Hochreck ibs. in ihrer fahrlässigen Form!
nemesis001 10.11.2011
4. Aw
Zitat von fatherted98...ein unverantwortlicher Mensch der sich trotz einiger Unfälle wieder ans Steuer setzt und andere totfährt. Wahrscheinlich erwartet der Mann, der das ganze wohl mit einem Schulterzucken abtut, das man ihm verständnisvoll auf die Schulter klopft und weiterfahren läßt. Das bei dem Ganzen nur eine Bewährungsstrafe im Raum steht und diese wahrscheinlich durch Gutachter noch abgemildert wird ist schon jetzt klar. Die Opfer hatten halt Pech...wie so oft...
Es geht hier ja uch nur um Menschenleben, nicht um Geld. Da wären 15 Jahre Knast kein Problem.
mr_supersonic 10.11.2011
5. Selbsteinschätzung funktioniert nicht...
Zitat von sysopEin Epileptiker verursachte seit 2004 drei schwere Verkehrsunfälle. Weil er trotzdem seinen Führerschein behielt, konnte es im März zur Katastrophe kommen: In Hamburg starben vier Menschen. Jetzt wird Anklage erhoben wegen fahrlässiger Tötung. http://www.spiegel.de/0,1518,796047,00.html
Fälle wie dieser müssten eigentlich mehr als deutlich machen, dass die Sicherheit im Strassenverkehr oftmals mehr als Leichtsinnig aufs Spiel gesetzt wird. Ich bin daher für wiederkehrende ärztliche und psychologische Begutachtung jedes Autofahrers. Und diesem Autofahrer, der mehr als Leichtsinnig das Leben anderer aufs Spiel gesetzt hat, sollte wegen Totschlags ins Gefängnis. Ich weiß schon gar nicht mehr welche Geschichte ich zuerst erzählen soll, die ich mit manchen Autofahrern erlebt habe. Aber von z.B. älteren Autofahrern, die Unfälle mit Todesfolge beim Unfallgegner produzieren, höre ich öfters und kenne persönlich Menschen, die dadurch Familienangehörige verloren haben.
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