Die Zielperson, auf die es die Beamten abgesehen hatten, war nicht zu Hause, dafür aber die Tochter. Mit Zustimmung der Ermittler rief das Mädchen bei seinem Vater an. Es war kein langes Telefonat. Er müsse bitte umgehend kommen. Überraschender Besuch stünde in der Tür: die Steuerfahndung.
Salver, 42, zeigte den Fahndern vom Finanzamt Stuttgart II den Ort, wo er seine Unterlagen aufbewahrt. Und er übergab, unaufgefordert, auch einen Ordner, in dem sich unter anderem Hinweise auf ein ungewöhnliches Konto befanden - bei der Liechtensteiner LGT-Bank.
Es war der Montag vor zwei Wochen, als die Beamten bei Salver aufmarschierten. Es war kein guter Tag für das deutsche Schiedsrichterwesen.
Denn neben Salver suchten Steuerfahnder noch weitere DFB-Referees auf. Monatelang war die Aktion "Abseits" von den Ermittlern vorbereitet worden, bereits Anfang August stand der Termin der Razzia fest: der Morgen des 24. Oktober. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, Einkünfte aus Spieleinsätzen vor allem im Ausland am Fiskus vorbeigeschleust zu haben.
Der Fall weckt Zweifel an der Integrität deutscher Schiedsrichter. Zwar versuchte der DFB, in dessen Frankfurter Zentrale die Ermittler ebenfalls Unterlagen einsammelten, in den Tagen danach den Vorgang herunterzuspielen. "Ich gehe davon aus, dass bei den allermeisten Fällen eher wenig oder überhaupt nichts herauskommen wird", erklärte Präsident Theo Zwanziger. Tatsächlich weitet sich die Affäre immer weiter aus.
Als die Aktion "Abseits" vorvergangene Woche anlief, richteten sich die Untersuchungen gegen 21 Unparteiische, darunter die Erstliga-Referees Felix Brych aus München und Markus Schmidt aus Stuttgart. Mittlerweile überprüfen die Behörden sämtliche Schiedsrichter, die in "den letzten zehn bis zwölf Jahren" vom DFB international eingesetzt worden sind. Es handelt sich um einen Kreis von rund 70 Personen.
Von Kavaliersdelikten könne nicht die Rede sein
Von Kavaliersdelikten könne nicht die Rede sein, heißt es aus Kreisen der Ermittler. Vielmehr müsse "von einem System ausgegangen werden", so steht es in einer Notiz der Fahnder. Manche der Beschuldigten sollen über 100.000 Euro an Einnahmen verschwiegen haben, vor allem für die Leitung internationaler Spiele. Die Honorare wurden demnach von der Fifa und der Uefa auch auf Konten im Ausland überwiesen, im Falle der Fifa häufig in der Schweiz und in Liechtenstein. Auch soll ein Steuerberater aus Bayern, ein ehemaliger Erstliga-Schiedsrichter, mit frisierten Steuererklärungen bei Tricksereien geholfen haben.
Was rollt da auf den Deutschen Fußball-Bund zu? Je tiefer die Ermittler in der Schiedsrichterszene schürfen, desto mehr legen sie das Bild einer fragwürdigen Gesellschaft frei.
Der Job des Unparteiischen ist manchmal undankbar. Wenn Zehntausende Fans im Stadion ihre Wut über Entscheidungen herausbrüllen, wenn es Beschimpfungen hagelt, wenn Bierbecher fliegen. Und wenn hinterher die Fernsehsender jeden Fehler sezieren.
Der Job des Schiedsrichters hat aber auch seinen Reiz. Bis zu 5800 Euro verdienen die Besten pro Einsatz. Wer es in der Rangordnung des DFB zum Fifa-Schiedsrichter gebracht hat, lernt zudem die Welt kennen.
Deutsche Schiedsrichter sind beliebt im Ausland. Sie gelten als kompetent, konsequent und unbestechlich. Deutsche Referees pfeifen Spiele in der saudi-arabischen Premier League, der Stars League in Katar oder in der J-League in Japan. Sie werden gebucht für wichtige Meisterschaftsspiele in Rumänien, Moldau oder Aserbaidschan, in Ländern also, wo man wenig Vertrauen in die eigenen Leute hat. Und immer gibt es gutes Geld zu verdienen.
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© DER SPIEGEL 45/2011
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