AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2011

Essay Europas schleichende Auflösung

Warum die Währungsunion zwangsläufig zur Desintegration führt.

Von Niall Ferguson


Im März 2000 veröffentlichten der Kollege Larry Kotlikoff und ich einen Text in der Zeitschrift "Foreign Affairs": Thema war die Degeneration der Europäischen Währungsunion. Wir schrieben: "In der Geschichte gibt es einige Beispiele für Währungsbünde, die sich auflösten, weil die Ausgabenpolitik der Staaten nicht länger mit den Zwängen einer gemeinsamen Währung vereinbar war." Und wir schrieben auch, dass unsere Forschungsergebnisse damals Hinweise darauf gaben, dass diese Union tatsächlich degenerieren könnte - "nicht über Nacht, aber im Lauf des kommenden Jahrzehnts".

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Unser Timing war nicht schlecht. Tatsächlich hat im Jahr 2010 der Zerfall der gemeinsamen Währung begonnen, auch wenn sich ihre Krise erst in den vergangenen Monaten derart verschärft hat, dass sie mittlerweile sogar die Finanznachrichten in den Vereinigten Staaten beherrscht.

Den Begriff "Degeneration" hatten wir mit Bedacht gewählt. Die Währungsunion ist instabil, weil das Gleichgewicht zwischen den Generationen gestört ist: Die Bevölkerung altert, gleichzeitig leisten sich die europäischen Gesellschaften großzügige Sozialsysteme. Auch ohne die vom amerikanischen Hypothekenmarkt ausgelöste Finanzkrise wäre die Währungsunion zwangsläufig degeneriert, da die Verschuldung der öffentlichen Hand ein unerträgliches Ausmaß erreicht hat.

Der Begriff der Degeneration schien uns auch deshalb treffend, weil wir eigentlich keine Möglichkeit sahen, wie die Euro-Zone, nachdem sie einmal eingerichtet worden war, jemals wieder aufgelöst werden könnte. Und so ist es auch heute: Die Kosten eines Ausstiegs für ein kleines Land wie Griechenland wären unannehmbar hoch, weil das Land über Nacht den Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten verlieren würde. Und ein Ausstieg Griechenlands würde die Wahrscheinlichkeit weiterer Austritte erhöhen. Sollten sogar alle schwächeren Mitglieder die Währungsunion verlassen und nur Deutschland, Österreich, die Niederlande, Finnland und Frankreich übrig bleiben, würde die folgende Aufwertung des Euro den exportorientierten Industrien dieser Länder sehr zusetzen. So kann eigentlich niemand von einer Auflösung der gemeinsamen Währung profitieren. Das ist der Grund dafür, dass die Regierungen der Mitgliedsländer heute unter großer Mühe und erbittertem Streit versuchen, die Währungsunion zu flicken.

Die Währungsunion stirbt also nicht, sondern sie degeneriert. Aber meiner Meinung nach gibt es eine noch wichtigere Erkenntnis zum Schicksal der Europäischen Union: Zukünftige Historiker werden die Einführung der gemeinsamen Währung als Höhepunkt der Bemühungen um die europäische Integration beschreiben, die vor 60 Jahren mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl begann. Und sie werden zu dem Urteil gelangen, dass die Gemeinschaftswährung geradezu zwangsläufig einen Prozess der europäischen Desintegration auslöste. Und dass dieser Prozess schon damit begann, dass sich nicht alle EU-Mitglieder der Währungsunion anschlossen.

Wenn wir die Details der letzten Episode in der Euro-Seifenoper ("Ist jetzt alles aus zwischen Nicolas und Angela?" "Wird Silvio erneut mit heruntergelassenen Hosen erwischt werden?") einmal beiseitelassen, so können wir feststellen, dass die europäische Desintegration zweigleisig verläuft: Erstens breitet sich die Krise des Wohlfahrtsstaats in einigen Ländern schneller aus, je nachdem, wie ihre Sozialsysteme angelegt sind. Zweitens hat die Einführung der gemeinsamen Währung entgegen den ursprünglichen Versprechungen dazu geführt, dass der europäische Arbeitsmarkt heute nicht einheitlicher, sondern uneinheitlicher ist als vor der Währungsunion, da die Lohnstückkosten in den Ländern am Rand der Euro-Zone rasant gestiegen sind.

Wer die Geschehnisse in den neunziger Jahren aufmerksam verfolgte, konnte sich vorstellen, welche Folgen eine europäische Währungsunion haben könnte, an der Deutschland beteiligt ist. Damals mussten die ehemaligen Bürger der DDR feststellen, dass ihnen die D-Mark zwar kurzfristig eine höhere Kaufkraft bescherte, aber langfristig vor allem Massenarbeitslosigkeit. Seit der deutschen Wiedervereinigung also bezahlen die westdeutschen Steuerzahler im Grunde einen großen Teil der ostdeutschen Bürger fürs Nichtstun. Die meisten Arbeitskräfte aus der früheren DDR hatten keine Chance, die Produktivitätslücke zu schließen. Sie bekamen die D-Mark und das Arbeitslosengeld.

Nun lautet die Frage, ob der (west-)deutsche Steuerzahler sich am Ende damit abfinden wird, dieselbe Last auch in der sehr viel größeren Währungsunion zu tragen, die Deutschland im Jahr 1999 zunächst mit zehn anderen europäischen Ländern gebildet hat. Die Meinungsumfragen deuten nicht darauf hin.

Wenn man sich die europäische Integration als ein einvernehmliches System von Kriegsreparationen vorstellt, so entsprechen die Leistungen Deutschlands etwa denen, die ihm nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag aufgebürdet wurden. Berücksichtigt man nur die Nettobeiträge zum Budget des gemeinschaftlichen Europas, so zahlte Deutschland zwischen 1958 und 1992 mehr als 163 Milliarden D-Mark an den Rest Europas. Dazu kamen 379,8 Milliarden D-Mark an "Transferzahlungen ohne Gegenleistungen" (17,4 Prozent davon entfielen auf offizielle Entschädigungsleistungen wie jene an Israel und einzelne Opfer des NS-Regimes).

Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Deutschen mittlerweile keine Lust mehr haben, Reparationen zu zahlen. Ihre Stimmung hat sich seit den Tagen Helmut Kohls geändert. Damals betrachtete die Bundesrepublik es wohl noch als ihre moralische Pflicht, für Europa zu bezahlen. Möglicherweise gelingt es auch langfristig, an die gemeinsame nationale Identität zu appellieren, damit die Westdeutschen ihre Landsleute in Leipzig für Nichtstun bezahlen, aber es ist nur schwer vorstellbar, dass man sie davon überzeugen kann, andere Europäer, in diesem Fall die Griechen, dafür zu bezahlen, dass sie auf Lesbos nichts tun.

In meinem Buch "Der Westen und der Rest der Welt" stelle ich die These auf, dass der Westen - das heißt Europa und später seine Kolonien in der Neuen Welt - die übrigen Zivilisationen ab dem Jahr 1500 dank einer Reihe von Innovationen überflügelte, die ich als "Killer-Applikationen" bezeichne:

  • Wettbewerb Europa war zersplittert in zahlreiche Monarchien und Republiken. Innerhalb dieser Kleinstaaten kämpften konkurrierende Körperschaften, unter denen auch die Vorläufer der modernen Unternehmen waren, um politischen Einfluss.
  • Wissenschaftliche Revolution Sämtliche bahnbrechenden Entdeckungen in Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie und Biologie wurden in Westeuropa gemacht.
  • Rechtsstaatlichkeit / Repräsentatives System In der englischsprachigen Welt entstand eine optimale gesellschaftliche und politische Ordnung, die ursprünglich auf dem Schutz des Privateigentums und der parlamentarischen Vertretung der Grundeigentümer beruhte.
  • Medizin Fast alle wichtigen medizinischen Fortschritte im 19. und 20. Jahrhundert fanden in Westeuropa und Nordamerika statt.
  • Konsum Die industrielle Revolution fand dort statt, wo Technologien zur Erhöhung der Produktivität zur Verfügung standen und Nachfrage nach mehr, besseren und billigeren Gütern bestand, beginnend mit Kleidung aus Baumwolle.
  • Arbeitsethik Die westlichen Gesellschaften waren die ersten, die eine extensivere und intensivere Arbeit mit höheren Sparquoten verbanden, was es ihnen erlaubte, stetig Kapital anzuhäufen.

Und nun die traurige Wahrheit: Aus einem Bericht des Weltwirtschaftsforums zur globalen Wettbewerbsfähigkeit geht hervor, dass gerade in den wichtigen Bereichen Wettbewerb, Rechtsstaatlichkeit und Arbeitsethik Europa überhaupt nicht zusammengewachsen ist, sondern im Gegenteil auseinanderdriftet.

So brach vorvergangene Woche eine europäische Delegation zu einer demütigenden Reise nach Peking auf, um dort um Geld für den erweiterten Euro-Rettungsschirm zu betteln.

Was die Chinesen von uns halten, sehen wir daran, dass Jin Liqun, der Aufsichtsratsvorsitzende des Staatsfonds CIC (China Investment Corporation), die Europäer ermahnte: "Die Wurzel des Übels sind der überlastete Wohlfahrtsstaat, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa errichtet wurde - und die zur Faulheit und Trägheit verleitenden Arbeitsmarktregelungen. Die Menschen sollten ein wenig härter und länger arbeiten, und sie sollten innovativer sein. Wir Chinesen arbeiten wie verrückt."

Wahrscheinlich hat er recht. Aber ein deutscher Leser wird den Vorwurf der Faulheit als Beleidigung empfinden. Solange die Bürger der Bundesrepublik das Gefühl haben, als Einzige in Europa hart zu arbeiten - und obendrein die Schecks auszustellen -, wird sich das Projekt der europäischen Integration weiter rückwärtsentwickeln, während sich die Degeneration der Währungsunion fortsetzen dürfte.

Niall Ferguson, 47, ist Wirtschaftshistoriker und lehrt in Harvard. Sein Buch "Der Westen und der Rest der Welt" ist im Propyläen Verlag erschienen.



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