Von Philip Bethge
Wie Wehklagen hallen die Rufe durch den Wald, ein dumpfes "Whoop", dreimal hintereinander. Brandon Kiel hält inne und lauscht in die Nacht hinein. Dann saugt er erneut Luft in seine Lungen.
"Die Jahreszeit ist eigentlich günstig", sagt Kiel enttäuscht. Die Blaubeeren seien reif, die Kälber des Wapitihirschs, eine Lieblingsspeise des Bigfoot, noch nicht ausgewachsen. "Aber es kann natürlich immer sein, dass die Tiere gerade nicht in der Gegend sind."
Kiel, 41, ist Feldforscher der US-amerikanischen "Bigfoot Field Researchers Organization" (BFRO). Das Wesen, das er sucht, soll schlau, scheu und heimlich sein - ein Champion der Tarnung. Doch hier in den Redwood-Wäldern Nordkaliforniens hofft Kiel auf Weidmanns Glück. Mit 20 Gleichgesinnten ist er auf einer Expedition, um den Bigfoot zu finden.
"Squatch" nennt Kiel das ominöse Wesen, kurz für "Sasquatch", den "wilden Mann aus den Wäldern". Der wundersame Zottel - halb Affe, halb Mensch - schleicht angeblich muskulös, zweieinhalb Meter groß und bis zu 230 Kilogramm schwer durch die Wälder Nordamerikas. Ein Beweis für die Existenz der vermeintlichen Primatenart steht bislang aus. Noch nie geriet ein Exemplar in Menschenhand - weder tot noch lebendig.
Doch erfahrene "Squatcher" wie Kiel sind sich sicher: Das Tier gibt es wirklich. Schon die Indianer der Gegend besangen den mysteriösen Mini-King-Kong. Dutzende Fußabdrücke der Schuhgröße 60 plus sind sichergestellt. Von British Columbia bis hinunter nach Florida wollen Hunderte Augenzeugen die Kreatur gesichtet haben, unter ihnen Polizisten, Parkaufseher und Professoren. Sogar von Haarbüscheln und einem Bigfoot-Zehennagel, geborgen in der Nähe des Grand Canyon, ist in der einschlägigen Literatur die Rede.
Nächtlicher Bigfoot-Besuch im Zeltlager
"Ich bin überzeugt davon, dass der Sasquatch existiert", sagt der Wildtierbiologe John Bindernagel aus der kanadischen Provinz British Columbia. Der Akademiker setzt schon seit Jahren seine Reputation in der Fachwelt aufs Spiel, weil er nicht nur an den Sasquatch glaubt, sondern ihn auch noch studiert. "Ich schätze die Population des Tiers auf mehrere tausend Exemplare", sagt Bindernagel, der schon einige Bücher zum Zottel verfasste.
Bindernagel hat auch eine Theorie, wie der Bigfoot in die amerikanische Wildnis gelangte: Demnach sei der heute ausgestorbene Riesenaffe Gigantopithecus einst aus Asien über jene Landverbindung in der Beringstraße eingewandert, über die auch die ersten Menschen nach Amerika gelangten.
Als Hotspot der Bigfoot-Verbreitung gilt die Gegend um den Ort Klamath in Nordkalifornien, an dem sich an diesem Tag im Oktober eine Schar von Wagemutigen versammelt hat. Die Tarnanzug-Dichte ist hoch, die Stimmung euphorisch. Wer fleißig war, hat das "Expeditionshandbuch" der BFRO studiert. Mit "type 1 inspections" müsse gerechnet werden, heißt es darin: dem Besuch von "einem oder mehreren" Bigfoots im Zeltlager, während alle schlafen - "meist zwischen zwei und fünf Uhr nachts".
Intimer Blickwechsel am Bluff Creek
Dass das Tier existiert, stellt hier niemand mehr in Frage. Stattdessen wird die Biologie der Spezies diskutiert. "Überwiegend nachtaktiv" sei der Squatch, berichtet Kiel. Er lebe in Gruppen und "stinke nach Moschus". Zu seiner Nahrung gehörten "Wurzeln, Schnecken, Frösche, Rehe, Hirsche, Fische, Pilze und Beeren". Nach "Stinktierkohl" lecke er sich geradezu die Finger.
Kiels Gesicht ist rund, sein Haupthaar kurzgeschoren. Um den Mund trägt er einen Jägerbart. Ob er selbst der Kreatur schon begegnet sei? "Natürlich", sagt der 41-Jährige, "erst vor wenigen Wochen."
Am Bluff Creek - kaum 20 Meilen nach Osten über die Berge - trafen sich die Squatcher Ende Juli. "Wir waren etwa anderthalb Meilen gelaufen, als jemand plötzlich sagte: ,Da sitzt ein Sasquatch am Wegesrand'", berichtet Kiel. "Ich glaubte ihm nicht und fragte: ,Ist es ein Bär?', doch er blieb hartnäckig."
Kiel nahm eine Infrarotkamera zur Hand und spähte hindurch: "Da sah ich etwa 50 Meter entfernt die Wärmesignatur eines großen Tiers, das mit dem Rücken zu uns saß, ohne Hals, mit gewaltig breiten Schultern und nach oben spitz zulaufendem Kopf. Ich war baff." Zweimal habe sich die Kreatur umgedreht und ihn angeblickt, sagt Kiel. Etwa 15 Minuten dauerte der intime Blickwechsel. Dann beschloss der Expeditionsleiter abzurücken: "Ich wollte respektvoll sein."
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