SPIEGEL: Herr Minister, in diesen Tagen reisen Unterhändler und Minister aus fast 200 Ländern zum Klimagipfel ins südafrikanische Durban - aber schon jetzt lässt sich sagen, dass die Konferenz keine verbindlichen Ziele zur Reduktion von Treibhausgasen beschließen wird. Steht die Weltklimapolitik vor dem Scheitern?
SPIEGEL: Lohnt es sich überhaupt, zur Konferenz in Durban zu reisen?
Röttgen: Selbstverständlich lohnt es sich. Das Ganze ist ein Marathonlauf. Wir haben nur ein Gesprächsforum für den globalen Klimaschutz, und das ist die Uno.
SPIEGEL: Die Botschaft von Durban wird also lauten: Schön, dass wir miteinander geredet haben?
Röttgen: Nein, sie wird hoffentlich sein, dass wir ein Stück vorangekommen sind. Es geht zum Beispiel darum, ob sich vor allem die Schwellenländer auf einen Prozess einlassen, der am Ende dazu führt, dass sie sich einem Regime zur Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes unterwerfen. Es geht auch darum, wie wir die Regeln des Kyoto-Protokolls am Leben erhalten können, obwohl es jetzt keine zweite Periode von Verpflichtungen gibt.
SPIEGEL: Die Internationale Energieagentur hat kürzlich erklärt, dass sie inzwischen von einer Erderwärmung von sechs Grad ausgeht, sollte der Kohlendioxid-Ausstoß weitergehen wie bisher. Müssen Sie nicht langsam eingestehen, dass das von der Staatengemeinschaft verfolgte Zwei-Grad-Ziel nicht mehr erreichbar ist?
Röttgen: Noch ist es nicht zu spät. Der Scheitelpunkt, von dem aus der Klimawandel nicht mehr zu stoppen ist, liegt noch vor uns. Es besteht die Chance, den Klimawandel in Grenzen zu halten.
SPIEGEL: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus? Im vergangenen Jahr wurden so viele Treibhausgase in die Atmosphäre gepustet wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.
Röttgen: Es gelingt im Moment noch nicht, das wirtschaftliche Wachstum von der Produktion von Treibhausgasen abzukoppeln, und das ist eines der großen Probleme unserer Zeit. Meine Botschaft lautet aber: Die Welt hat die Chance noch nicht verspielt.
SPIEGEL: Wer trägt die Verantwortung für die ernüchternde Bilanz der Weltklimapolitik?
Röttgen: Entscheidend ist die Rolle der großen Emittenten USA, China, Indien. Die politische Situation in den USA verhindert eine nationale Klimagesetzgebung, Präsident Obama hat beim Klimaschutz kein innenpolitisches Mandat. China macht innerstaatlich einiges, zögert aber aus machtpolitischen Gründen, sich international zu verpflichten. Und Indien fürchtet, beim Wirtschaftswachstum zurückzufallen, wenn es sich zur CO²-Reduktion verpflichtet.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass es in den USA einen solchen Widerstand gegen die Klimaschutzpolitik gibt?
Röttgen: Zum einen sehen sich die USA derzeit in einer massiven Konkurrenz zu China, und es gibt die Befürchtung, dass jedes Klimaschutzziel zu einem Wettbewerbsnachteil führt. Andererseits beruht der American Way of Life sehr stark auf individueller Freiheit und auf Konsum, da ist es schwer, einen Lebensstil durchzusetzen, der auf Ressourcenschonung und Effizienz setzt. Klimaschutz ist in den USA kein politisches Gewinnerthema. Das gilt für die Republikaner, hat sich aber auch in weiten Kreisen der Demokraten durchgesetzt.
SPIEGEL: Wenn der Präsident einer Weltregierung Norbert Röttgen hieße und Sie allein die Weltklimapolitik bestimmen könnten - was würden Sie tun?
Röttgen: Ich kann nur die Perspektive des deutschen Umweltministers bieten. Und aus der ist es vernünftig und geboten, eine globale Wettbewerbsordnung zum Schutz des Klimas einzuführen. Das Endziel wäre dann ein Pro-Kopf-Budget für die Emission von Treibhausgasen, das für jeden Menschen auf der Welt gilt. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Gerechtigkeit.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass das Thema Klimaschutz in den vergangenen Monaten so aus dem Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt ist?
Röttgen: In den letzten Monaten hat die Sorge um den Euro die öffentliche Debatte bestimmt, das ist keine Frage. Aber ich würde daraus nicht den Schluss ziehen, dass sich die Menschen nicht mehr für den Klimaschutz interessieren. Das Thema ist bei uns tief verwurzelt, sowohl was die Gefahren betrifft als auch die wirtschaftlichen Chancen. Das können wir im Vergleich etwa zu Amerika durchaus als positives kulturelles Kapital unseres Landes verbuchen.
SPIEGEL: Kanzlerin Angela Merkel hat gesagt, dass die Umweltkrise und die Finanzkrise gemeinsame Ursachen haben. Stimmt das denn?
Röttgen: Das sehe ich genauso wie die Kanzlerin. Die großen Krisen unserer Zeit erwachsen aus einem Denken und einer Politik, die kein Morgen kennen. Die Staaten und Finanzmärkte leben vom Pump, die Sozialsysteme sind auch in Deutschland nicht nachhaltig genug, und wir leiten unseren Wohlstand aus Ressourcen ab, die eigentlich kommenden Generationen zur Verfügung stehen müssten. Wir machen Finanzschulden, Sozialschulden, Ökoschulden. Das summiert sich zu einem Schuldenleben, das die Verantwortung für die Zukunft ausblendet.
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© DER SPIEGEL 48/2011
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