Von Frank Thadeusz
Wenn Polizei und Feuerwehr den internen Code "Person hinter Tür" verwenden, ist meist etwas Schlimmes passiert. Denn so bezeichnen die Einsatzkräfte jene heiklen Zugriffe, bei denen ein lebloser Mensch in einer Wohnung vermutet wird.
Der ohnehin verstörende Anblick wurde durch ein schauriges Detail verschlimmert: Dem Toten fehlte der Kopf.
Ähnlich grausam verstümmelt fanden Polizisten eine 50-jährige Frau in ihrer Wohnung vor. Ihren Kopf entdeckten die Ermittler nur einen Meter vom Leichnam entfernt - der Schädel war weitgehend von Haut und Fleisch befreit.
Dargestellt werden diese grausigen Vorkommnisse von deutschen Rechtsmedizinern in der neuesten Ausgabe des Fachmagazins "Forensic Science, Medicine and Pathology". Die schockierenden Funde haben das besondere Interesse der Autoren geweckt. Denn für die horriblen Leichenfunde gibt es eine verblüffende Auflösung.
Mitnichten handelt es sich um die blutige Enthauptungsserie eines Serienkillers: Die Köpfe wurden erst dekapitiert, nachdem der Tod bereits eingetreten war. Die Betroffenen waren an den Folgen von Alkoholismus gestorben oder hatten Suizid begangen. Ein Mordopfer war nicht dabei.
Die bizarre Erklärung für ihre Kopflosigkeit: Offenkundig war den Verschiedenen das Haupt nach dem Ableben von ihren Vierbeinern abgefressen worden.
In sämtlichen Wohnungen hatten die Ermittler neben den Leichen auch Deutsche Schäferhunde angetroffen. Nach Meinung der Experten ist es allerdings Zufall, dass die Übeltäter stets Vertreter dieser Rasse waren; die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass im Prinzip alle Züchtungen dazu in der Lage sind, sich durch die Hälse ihrer verstorbenen Herrchen zu nagen.
Nicht minder befremdlich erscheint auch die Beobachtung der Forensiker, wonach die Haustiere ihren toten Haltern gelegentlich die Genitalien abbeißen.
Bei posthum übel zugerichteten Leichen sei die Identifikation des Toten deutlich erschwert, konstatiert der Chef-Rechtsmediziner der Berliner Charité und Mitautor Michael Tsokos. Überdies könnten derlei verwirrende Verschandelungen "dem unbedarften Ermittler ein Tötungsdelikt vortäuschen".
Diese Gefahr ist in der Rechtsmedizin insbesondere im Zusammenhang mit Leichen bekannt, die im Freien geborgen werden. Vornehmlich Ratten und Füchse verursachen dort den sogenannten postmortalen Tierfraß, der Kripo und Leichenbeschauer immer wieder in die Irre führt.
Grotesk anmutende Hund-frisst-Mensch-Fälle
"Für Notfallmediziner ist es wichtig, diese postmortalen Veränderungen nicht mit Verletzungen vor Todeseintritt zu verwechseln - hierüber gibt es häufig Unsicherheiten", heißt es im Handbuch "Rechtsmedizinische Aspekte der Notfallmedizin".
Die grotesk anmutenden Hund-frisst-Mensch-Fälle stellen für die Ermittler freilich eine besondere Herausforderung dar. Der selbst für Hartgesottene schockierende Anblick deutet auf eine schwere Straftat hin. Nicht immer lässt sich das Geschehen so simpel rekonstruieren wie im Fall jenes Mannes, dem Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre zum Verhängnis geworden waren. Im Hundekot fanden die Polizisten Reste seines überkronten Gebisses.
Rätselhaft bleibt für die Rechtsmediziner vor allem, warum einige Haushunde die Leichen ihrer Besitzer überhaupt derart zurichten. Denn Hunger treibt die Kläffer offenbar nicht zu ihren Taten.
Verbrieft ist der Fall eines Hundes, der sich bereits 45 Minuten nach dem Ableben seines Halters über dessen Körper hermachte. Anschließend würgte das Tier menschliches Gewebe samt größerer Mengen Hundefutter hervor.
Womöglich reagieren die Hunde nur auf das ungekannte Verhalten ihrer Bezugsperson. Drehen die Beißer durch, wenn der gewohnte Geruch ihres menschlichen Rudelführers plötzlich verschwunden ist?
Zunächst versuchten die Tiere, die Aufmerksamkeit ihrer Herrchen und Frauchen durch Lecken und Anstupsen zu gewinnen, vermuten die Wissenschaftler. Bleiben diese Versuche ohne Erfolg, "fangen die Hunde an zu beißen".
Denkbar auch, dass der an straffe Hierarchie und Führung gewöhnte Canis lupus familiaris nicht mit der ungewohnten Situation umgehen kann, seinem auf dem Boden liegenden Herren plötzlich augenfällig überlegen zu sein.
Das jähe Ausbleiben von Auslauf und Bewegung mag die enthemmten Tiere zusätzlich reizen, mutmaßen die Experten.
Als Hilfestellung für ihre Kollegen haben die Rechtsmediziner eine Checkliste erstellt. "In Fällen, die mit einen dekapitierten Körper einhergehen", wird dort geraten, sei "unbedingt in Betracht zu ziehen, dass ein Hund die Verletzungen verursacht haben könnte".
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© DER SPIEGEL 48/2011
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