Von Barbara Schmid
Sie haben der Mutter das Baby auf den Bauch gelegt. Charlotte, 28 Zentimeter klein, 460 Gramm leicht, wird sterben. Ein Frühchen mit winzigen Füßen, die Platz fänden in einer Streichholzschachtel; der kleine Körper übersät von blauroten Hämatomen, Folgen einer qualvollen Geburt.
Für die Chance, vielleicht zu überleben, fehlten Charlotte drei, vier Tage im Mutterleib. Drei, vier Tage, und ein hochspezialisiertes Ärzteteam hätte sich des Mädchens angenommen, hätte es mit einem Kaiserschnitt geholt, hätte es in einen Brutkasten gebettet, bei exakt 33,5 Grad Wärme und 65 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und die ganze Maschinerie der Hightech-Medizin wäre angelaufen.
Doch Charlotte kam in einer medizinischen und juristischen Grauzone zur Welt. Kinder, die in der 22. oder der 23. Schwangerschaftswoche geboren werden, gelten als Frühgeburten an der Grenze der Lebensfähigkeit. In Deutschland sind das etwa hundert Baby im Jahr. Sie können, aber sie müssen nicht behandelt werden, so lauten die ärztlichen Leitlinien.
Für beide Haltungen gibt es gute Argumente: Etliche der extremen Frühchen holen ihren Entwicklungsrückstand gut auf und führen später ein normales oder fast normales Leben. Doch je unreifer ein Kind geboren wird, desto größer ist das Risiko, dass es blind oder taub wird oder ein Leben lang auf Hilfe angewiesen ist. "Chancen, aber auch das Risiko schwerer Behinderungen müssen mit den Eltern besprochen werden, auch wenn das Verzicht oder Abbruch einer Therapie bedeuten könnte", sagt Rainer Rossi, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin. "Die Erhaltung des Lebens des Kindes muss gegen die Vermeidung einer vermutlich aussichtslosen Therapie abgewogen werden", so steht es in den Leitlinien, die sich die medizinischen Fachgesellschaften dazu gegeben haben.
"Wir spürten, wie sich unser Kind bewegte"
Deutschland, Japan und Österreich gehören zu den wenigen Ländern der Welt, in denen Frühchen überhaupt behandelt werden, wenn sie in der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Anderswo gilt die 24. oder 25. Schwangerschaftswoche als Untergrenze. Frühgeburten werden dort nur palliativ behandelt, mit Schmerzmitteln und oft auch Morphium, das zur Atemlähmung und schließlich zum Tod führen kann.
Melanie Lang war in der 22. Woche, als ein Rettungswagen sie am 11. Juni 2007 in die Kölner Frauenklinik Holweide brachte, mit einem Blasensprung. Die Fernsehproduzentin glaubte sich dort in guten Händen, bis ihr die Hebamme eröffnete: "Ihr Kind ist zu unreif, da können wir nichts machen. Besser Sie verabschieden sich von ihm." Mit dem gleichen Urteil empfing die Geburtshelferin auch Georg B., Charlottes Vater. "Wir spürten, wie sich unser Kind bewegte", erinnert er sich, "und sollten uns damit abfinden, dass unsere Tochter sterben würde."
Im Krankenhaus von Köln-Holweide werden Frühchen in der Regel erst ab der 23. Schwangerschaftswoche behandelt. Das hatte Melanie Lang nicht gewusst, als sie sich für die renommierte Klinik entschied, die sogar ein Perinatalzentrum Level 1 hat. Sie ist wie 138 andere Kliniken in Deutschland auf die Behandlung von frühgeborenen Kindern spezialisiert. "Zurzeit keine Versorgung im Falle der Geburt, frühestens ab 23 + 1 SSW", steht in Langs Krankenblatt. Eine Ärztin fragte Melanie Lang, ob sie einer Abtreibung zustimmen würde; bis nach der 24. Woche ist das in Deutschland möglich. Die werdende Mutter lehnte entsetzt ab - sie hoffte, es trotz geplatzter Fruchtblase in die nächste Schwangerschaftswoche zu schaffen.
Zwei Tage lang lag Melanie Lang zwischen Hoffen und Bangen. "Ich wusste, dass die Chancen denkbar schlecht sind, aber ich wollte unser Kind nicht aufgeben. Ich habe sie doch die ganze Zeit über in mir gespürt", sagt sie.
Am 13. Juni 2007 wurde Charlotte geboren, es war eine quälende Geburt. Das Kind lag falsch, steckte über eine Stunde lang im Geburtskanal fest. Das Mädchen kam um 3.43 Uhr. "Charlotte schnappte nach Luft und zeigte einen unheimlichen Lebenswillen", erinnert sich Georg B.
Kalt habe sich sein kleines Mädchen angefühlt. Die Haut solcher extrem frühgeborenen Säuglinge ist papierdünn, das Fettgewebe ist noch nicht ausgebildet, die kleinen Körper kühlen schnell aus. Zum Verlust des Kindes kommt für die Eltern das traumatische Erlebnis der eigenen Hilflosigkeit: "Wir konnten sie nicht einmal wärmen", klagt der Vater. Er kann nicht akzeptieren, dass die Ärzte sich von starren Zeitvorgaben leiten ließen.
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© DER SPIEGEL 49/2011
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