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Ausgabe 49/2011

Medizin: Zum Sterben geboren

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Wann müssen Ärzte extrem frühgeborene Babys retten? Kölner Richter entscheiden jetzt im Fall einer Klinik, die ein Frühchen gar nicht erst behandelt hat.

Sie haben der Mutter das Baby auf den Bauch gelegt. Charlotte, 28 Zentimeter klein, 460 Gramm leicht, wird sterben. Ein Frühchen mit winzigen Füßen, die Platz fänden in einer Streichholzschachtel; der kleine Körper übersät von blauroten Hämatomen, Folgen einer qualvollen Geburt.

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54 Minuten dauerte Charlottes Leben. Niemand auf der Geburtsstation nabelte sie ab, saugte ihr die Luftröhre frei. "Wir hatten nicht einmal eine warme Decke für unsere Tochter", erinnert sich Melanie Lang, die Mutter, "wir haben versucht, sie zu wärmen, mit unseren Händen."

Für die Chance, vielleicht zu überleben, fehlten Charlotte drei, vier Tage im Mutterleib. Drei, vier Tage, und ein hochspezialisiertes Ärzteteam hätte sich des Mädchens angenommen, hätte es mit einem Kaiserschnitt geholt, hätte es in einen Brutkasten gebettet, bei exakt 33,5 Grad Wärme und 65 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und die ganze Maschinerie der Hightech-Medizin wäre angelaufen.

Doch Charlotte kam in einer medizinischen und juristischen Grauzone zur Welt. Kinder, die in der 22. oder der 23. Schwangerschaftswoche geboren werden, gelten als Frühgeburten an der Grenze der Lebensfähigkeit. In Deutschland sind das etwa hundert Baby im Jahr. Sie können, aber sie müssen nicht behandelt werden, so lauten die ärztlichen Leitlinien.

Für beide Haltungen gibt es gute Argumente: Etliche der extremen Frühchen holen ihren Entwicklungsrückstand gut auf und führen später ein normales oder fast normales Leben. Doch je unreifer ein Kind geboren wird, desto größer ist das Risiko, dass es blind oder taub wird oder ein Leben lang auf Hilfe angewiesen ist. "Chancen, aber auch das Risiko schwerer Behinderungen müssen mit den Eltern besprochen werden, auch wenn das Verzicht oder Abbruch einer Therapie bedeuten könnte", sagt Rainer Rossi, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin. "Die Erhaltung des Lebens des Kindes muss gegen die Vermeidung einer vermutlich aussichtslosen Therapie abgewogen werden", so steht es in den Leitlinien, die sich die medizinischen Fachgesellschaften dazu gegeben haben.

"Wir spürten, wie sich unser Kind bewegte"

Deutschland, Japan und Österreich gehören zu den wenigen Ländern der Welt, in denen Frühchen überhaupt behandelt werden, wenn sie in der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Anderswo gilt die 24. oder 25. Schwangerschaftswoche als Untergrenze. Frühgeburten werden dort nur palliativ behandelt, mit Schmerzmitteln und oft auch Morphium, das zur Atemlähmung und schließlich zum Tod führen kann.

Melanie Lang war in der 22. Woche, als ein Rettungswagen sie am 11. Juni 2007 in die Kölner Frauenklinik Holweide brachte, mit einem Blasensprung. Die Fernsehproduzentin glaubte sich dort in guten Händen, bis ihr die Hebamme eröffnete: "Ihr Kind ist zu unreif, da können wir nichts machen. Besser Sie verabschieden sich von ihm." Mit dem gleichen Urteil empfing die Geburtshelferin auch Georg B., Charlottes Vater. "Wir spürten, wie sich unser Kind bewegte", erinnert er sich, "und sollten uns damit abfinden, dass unsere Tochter sterben würde."

Im Krankenhaus von Köln-Holweide werden Frühchen in der Regel erst ab der 23. Schwangerschaftswoche behandelt. Das hatte Melanie Lang nicht gewusst, als sie sich für die renommierte Klinik entschied, die sogar ein Perinatalzentrum Level 1 hat. Sie ist wie 138 andere Kliniken in Deutschland auf die Behandlung von frühgeborenen Kindern spezialisiert. "Zurzeit keine Versorgung im Falle der Geburt, frühestens ab 23 + 1 SSW", steht in Langs Krankenblatt. Eine Ärztin fragte Melanie Lang, ob sie einer Abtreibung zustimmen würde; bis nach der 24. Woche ist das in Deutschland möglich. Die werdende Mutter lehnte entsetzt ab - sie hoffte, es trotz geplatzter Fruchtblase in die nächste Schwangerschaftswoche zu schaffen.

Zwei Tage lang lag Melanie Lang zwischen Hoffen und Bangen. "Ich wusste, dass die Chancen denkbar schlecht sind, aber ich wollte unser Kind nicht aufgeben. Ich habe sie doch die ganze Zeit über in mir gespürt", sagt sie.

Am 13. Juni 2007 wurde Charlotte geboren, es war eine quälende Geburt. Das Kind lag falsch, steckte über eine Stunde lang im Geburtskanal fest. Das Mädchen kam um 3.43 Uhr. "Charlotte schnappte nach Luft und zeigte einen unheimlichen Lebenswillen", erinnert sich Georg B.

Kalt habe sich sein kleines Mädchen angefühlt. Die Haut solcher extrem frühgeborenen Säuglinge ist papierdünn, das Fettgewebe ist noch nicht ausgebildet, die kleinen Körper kühlen schnell aus. Zum Verlust des Kindes kommt für die Eltern das traumatische Erlebnis der eigenen Hilflosigkeit: "Wir konnten sie nicht einmal wärmen", klagt der Vater. Er kann nicht akzeptieren, dass die Ärzte sich von starren Zeitvorgaben leiten ließen.

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insgesamt 112 Beiträge
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1. Rechtssicherheit
Leser161 09.12.2011
Wo kommen wir denn da hin wenn heute jeder jeden verklagen kann, wenn ihm etwas nicht passt? Für die Eltern ist es ein schrecklicher Unglücksfall, ihr Kind verloren zu haben. Aber die Hebamme hat doch nur ihren Job gem. der geltenden Regeln gemacht. Und jetzt wird Sie mit hohen Schadenersatzforderungen bedroht ggf. muss Sie sich einen teuren Anwalt nehmen, der nur vielleicht von der Klinik getragen wird, schliesslich sind Hebammen selbstständig. Was gibt den Eltern das Recht diese arme Frau solchen Druck auszusetzen, eigenes Leid kann für sowas keine Entschuldigung sein.
2. Uns geht es sehr gut, aber unsere Kinder lassen wir sterben.
sttn 09.12.2011
"Die Erhaltung des Lebens des Kindes muss gegen die Vermeidung einer vermutlich aussichtslosen Therapie abgewogen werden". Diesen Satz ist der Horror schlechthin. Wer denkt das Ärzte mit dem Eid des Hippokrates schwören Leben zu retten täuscht sich. Es geht nicht immer um Leben retten, sondern zu oft um Gutdünken (Natürlich gilt das nicht für alle Ärzte!!!). Das menschliche Leben ist nichts wert in der BRD. Es werden Kinder im Mutterleib getötet nur weil sie behindert sind - dabei könnte unsere Gesellschaft ohne Probleme sich um jedes Kind kümmern was auf die Welt kommt. Da unsere Gesellschaft das nicht macht und alles den Eltern aufbürdet lässt man den Ausweg Abtreibung. Und wer das nicht macht wird dann schon mal auf der Straße angeschnautzt, weil man sein Kind mit Down-Syndrom nicht abgetrieben hat. Geschieht im Jahr 2011. Es werden Kinder im Mutterleib getötet nur weil sie unerwünscht sind. Weil sie nicht in die Lebensplanung passen. Würde ich meinen Nachbarn oder Kollegen umbringen weil er meine Lebensplanung durchkreuzt, dann komme ich ins Gefängnis. Bringe ich mein eigenes Kind im Mutterleib um, also einen Menschen der mich innig liebt wenn er auf die Welt kommt, dann ist es OK, ja wird sogar gefordert wenn ich zu wenig Geld habe um mein Kind den Luxus zu bieten der bei uns normal ist. Dabei könnten wir anbetracht der Bevölkerungsentwicklung dringend jedes Kind brauchen das abgetrieben wird. Und es werden Kinder auf die Welt gebracht und es wird jede Hilfe verweigert. Nicht einmal Wärme gibt man den kleinen Wesen. Das ist nicht nur unterlassene Hilfeleistung, das ist viel schlimmer, das ist Folter. Und es ist ganz normal. Wir blicken Arogant auf unsere Vorfahren zurück. Auf die Menschen im Mittelalter die wir als unterentwickelt bezeichnen, auf die Menschen im 3. Reich die wir als fehlgeleitet bezeichnen. Aber sind wir besser? Uns geht es besser, aber unsere Kinder, also die Menschen die uns absolute Liebe entgegen bringen, die töten wir. Und das sind Jahr für Jahr mehrere Millionen in Europa. So viele das die häufigste Todesursache keine Krankheit, sondern Abtreibung ist. Im Vergleich zu den Menschen im Mittelalter sind wir primitiv, unterentwickelt und herzlos. PS.: Ich empfehle jeden mal den ursprünglichen Eid des Hippokrates auf Wikipedia nachzulesen. Er wurde ziemlich entschäft, modernisiert nennt man das, also Menschenfeindlich.
3.
_stordyr_ 09.12.2011
Zitat von Leser161Wo kommen wir denn da hin wenn heute jeder jeden verklagen kann, wenn ihm etwas nicht passt? Für die Eltern ist es ein schrecklicher Unglücksfall, ihr Kind verloren zu haben. Aber die Hebamme hat doch nur ihren Job gem. der geltenden Regeln gemacht. Und jetzt wird Sie mit hohen Schadenersatzforderungen bedroht ggf. muss Sie sich einen teuren Anwalt nehmen, der nur vielleicht von der Klinik getragen wird, schliesslich sind Hebammen selbstständig. Was gibt den Eltern das Recht diese arme Frau solchen Druck auszusetzen, eigenes Leid kann für sowas keine Entschuldigung sein.
Ist das so? Können Sie das Leid nachempfinden? und die Ungerechtigkeit, die diese Eltern empfinden müssen? Ich glaube kaum. Die Reaktion ist zumindest nachvollziehbar... Ob man sie unterstützt, ist dann ein anderes Thema. Schwierige Situation...
4.
masc74 09.12.2011
Zitat von Leser161Wo kommen wir denn da hin wenn heute jeder jeden verklagen kann, wenn ihm etwas nicht passt? Für die Eltern ist es ein schrecklicher Unglücksfall, ihr Kind verloren zu haben. Aber die Hebamme hat doch nur ihren Job gem. der geltenden Regeln gemacht. Und jetzt wird Sie mit hohen Schadenersatzforderungen bedroht ggf. muss Sie sich einen teuren Anwalt nehmen, der nur vielleicht von der Klinik getragen wird, schliesslich sind Hebammen selbstständig. Was gibt den Eltern das Recht diese arme Frau solchen Druck auszusetzen, eigenes Leid kann für sowas keine Entschuldigung sein.
Das Recht zur Klage gibt den Eltern der Rechtstaat. Und es ist ein hohes Gut in Deutschland, dass sich niemand einfach auf "geltende Regeln" berufen kann. Gerade in Fällen, wo es um Leib und Leben geht, ist es geradezu zwingend für jeden dort Tätigen, die "geltenden Regeln" ständig zu hinterfragen und auf Tauglichkeit im Einzelfall zu prüfen. Im Gegenteil, ich werfe dem klinischen Personal, auch der Hebamme, Hybris vor, ohne Mitsprache der Eltern über Leben und Tod des Kindes zu entscheiden. Sollte ihr Verhalten durch das Recht nicht gedeckt sein, so gehören alle Beteiligten verurteilt und bestraft. So greife ich Ihren Satz verändert auf: Wo kämen wir dahin, wenn jeder einfach selbstgerecht über Leben und Tod entscheiden darf.
5.
Matzescd 09.12.2011
Zitat von Leser161Wo kommen wir denn da hin wenn heute jeder jeden verklagen kann, wenn ihm etwas nicht passt? Für die Eltern ist es ein schrecklicher Unglücksfall, ihr Kind verloren zu haben. Aber die Hebamme hat doch nur ihren Job gem. der geltenden Regeln gemacht. Und jetzt wird Sie mit hohen Schadenersatzforderungen bedroht ggf. muss Sie sich einen teuren Anwalt nehmen, der nur vielleicht von der Klinik getragen wird, schliesslich sind Hebammen selbstständig. Was gibt den Eltern das Recht diese arme Frau solchen Druck auszusetzen, eigenes Leid kann für sowas keine Entschuldigung sein.
Ich musste gerade die Tränen zurückhalten beim lesen des Artikels. Und wissen Sie was. Ich würde auch klagen. Und das zu Recht! Sie haben wohl keine Kinder?
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