AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2011

Verbrechen Tödliche Spur

Im April starb in Bayern ein Motorradfahrer, weil er über Öl rutschte, das ein Unbekannter auf einer Landstraße vergossen hatte. Die Kripo sucht fieberhaft nach dem Täter.

Polizei

Von und


Der Himmel war ohne Wolken, die Luft angenehm mild. Der 17. April dieses Jahres war einer dieser strahlenden Frühlingssonntage, an denen man keinen Gedanken daran verschwendet, dass alles Glück im Bruchteil einer Sekunde zerstört sein kann.

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Heft 49/2011
Wer beherrscht das Internet?

Die vierköpfige Familie war nach dem Mittagessen im Ort spazieren gegangen, danach gab es Waffeln für die Kinder. Und als sich Heike Deniffel mit einem Buch in die Sonne legte, beschloss ihr Mann Josef, noch eine Runde mit dem Motorrad zu drehen. Er holte seine zehn Jahre alte Honda aus der Garage, freute sich auf die Ausfahrt über die Hügel des Unterallgäus. Der 37-Jährige setzte sich auf die Maschine, bog auf die Landstraße ein. Es waren noch 5,25 Kilometer bis zu der Stelle, an der er sterben sollte.

Gegen 17 Uhr steuerte Josef Deniffel auf der Staatsstraße 2013 westlich von Markt Rettenbach eine leichte, ansteigende Rechtskurve an. Die Nachmittagssonne schien ihm ins Gesicht, die Ahornbäume am Straßenrand warfen Schatten auf die Fahrbahn. Deniffel konnte weder die Glassplitter erkennen noch das Motoröl, das als dunkler Fleck auf der geflickten Teerdecke schimmerte.

Seine Maschine kam ins Rutschen, stellte sich auf und schleuderte den Fahrer wie ein Katapult auf die Gegenfahrbahn. So hat es die Fahrerin des entgegenkommenden Autos in Erinnerung. Sie werde, sagte sie, niemals den Knall vergessen, mit dem Deniffel in die linke Seite ihres grünen Fords einschlug. Sie hatte keine Chance auszuweichen, er hatte keine zu überleben.

Die Polizei geht fest von einem gezielten Anschlag aus

Der Tod des Familienvaters Josef Deniffel am Palmsonntag, dem Sonntag vor Ostern, hat nicht nur im bayerischen Schwaben wochenlang Zeitungsseiten gefüllt und die Menschen erschüttert. Er sprach sich unter Motorradfahrern in der ganzen Republik herum, wurde in Biker-Foren diskutiert; mehrere hundert Fahrer aus Süddeutschland trafen sich drei Wochen später zu einer Gedenkminute am Unfallort. Ein Geschäftsmann aus Düsseldorf, selbst Motorradfahrer, stiftete 42.000 Euro zur Aufstockung der Belohnung, damit der Verantwortliche für Deniffels Tod gefunden werde.

Denn das hat die Polizei eindeutig ermittelt: Es war kein Unfall, wie er auf beliebten Motorradstrecken häufig passiert, wenn die Fahrer öffentliche Straßen mit einem Rennkurs verwechseln. Josef Deniffel war mit angemessener Geschwindigkeit unterwegs, betonen die Kripo-Beamten im nahegelegenen Memmingen. Sie sind sich sicher, dass er Opfer eines gezielten Anschlags wurde; eines Attentats vielleicht nicht gegen ihn persönlich, aber gegen ihn als Motorradfahrer. Die Memminger Staatsanwaltschaft ermittelt seit April wegen Mordverdachts.

"Ich glaube nicht, dass es so einen Fall in Deutschland schon mal gegeben hat", sagt Kriminalhauptkommissar Hermann Albrecht. Er ist ein ruhiger, freundlicher Mittfünfziger und ein erfahrener Ermittler. Albrecht war an Deniffels Todestag im Einsatz, nicht als Polizist, sondern als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Über Funk hatte er damals gehört, dass es einen tödlichen Unfall gegeben habe. Die Feuerwehr sollte kommen und absperren.

Ölbomben aus einem fahrenden Fahrzeug geworfen

Jetzt sitzt Albrecht im Besprechungsraum der Memminger Polizeiinspektion und hat die Fotos vom Tatort vor sich ausgebreitet: Vorn liegt Deniffels Motorrad mit verbogener Lenkstange, weiter hinten steht ein Rettungswagen, vor dem Sanitäter sich vergebens mühen, das Leben des am Boden liegenden Mannes zu retten.

Der Ermittler holt eine kleine Pappschachtel aus seinem Büro. Darin liegen, in Plastikbeutelchen verpackt, sechs Flaschenhälse, teils mit Schraubverschluss, teils mit Plastikstopfen. Es gibt nicht viele handfeste Spuren, auf die sich die Polizei bei ihrer Suche nach dem Täter stützen kann: ein paar Scherben von Wein- und Sektflaschen, die von einem großen Abfüllbetrieb aus der Region Stuttgart stammen und in Supermärkten verkauft worden waren. Dazu Proben der aufgesammelten Ölreste von der Straße.

An dem Sonntagnachmittag, als Josef Deniffel zum letzten Mal auf sein Motorrad stieg, hatte jemand in der Gegend um die "Schwäbische Bäderstraße" bei Memmingen neun solcher Flaschen aus einem fahrenden Fahrzeug geworfen. Alle Flaschen waren mit Motorenöl gefüllt und sorgfältig verschlossen worden. Falls der Werfer allein unterwegs war, muss er die Ölbomben in Griffweite gehabt haben, vielleicht lagen sie in seinem Auto auf dem Beifahrersitz.



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