Von Veronika Hackenbroch und Laura Höflinger
Nur eines war noch schrecklicher als die Zahnschmerzen, die den jungen Klempner aus dem Ruhrpott plagten: seine Angst vor dem Zahnarzt. Drei Tage lang versuchte er seine schreiende Nervenwurzel mit Schmerzmitteln zu betäuben. Am Ende hatte er 50 Tabletten Paracetamol geschluckt.
"Da hilft nur eins", sagt Ali Canbay, Leberspezialist am Uni-Klinikum Essen, wo der Mann behandelt wurde. "Man muss, so schnell es geht, mit einem Gegengift verhindern, dass noch mehr von dem toxischen Abbauprodukt gebildet wird." Der Mann hatte Glück: Seine Leber erholte sich unter der Therapie wieder.
Der Klempner, sagt Canbay, sei vor allem in einem Punkt ein typischer Fall: "Der Mann hatte keine Ahnung, dass Paracetamol gefährlich werden kann."
Im Umgang mit rezeptfreien Schmerzmitteln herrscht eine verblüffende Sorglosigkeit vor. Obwohl Paracetamol schon in vergleichsweise geringer Überdosierung lebertoxisch wirkt und obwohl es unter dem Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) bei mindestens jedem 10.000sten Patienten zu einer lebensbedrohlichen Magenblutung kommt, gelten diese Mittel gemeinhin als harmlos. Die Risiken von Ibuprofen oder Diclofenac - neben Magenblutungen auch Herzinfarkte - werden allen Beipackzetteln zum Trotz ebenfalls systematisch unterschätzt.
"Bei rezeptfreien Schmerzmitteln verhalten sich die Menschen irrational"
Eigentlich vernünftige Menschen schwören auf Kombi-Tabletten aus Paracetamol und ASS, auf Paracetamol-haltige Erkältungssäfte oder Tabletten in doppelter Dosierung - obwohl all diese Mittel und Verabreichungsformen nach Ansicht vieler Experten nicht nur gefährlich, sondern auch überflüssig sind.
"Bei den rezeptfreien Schmerzmitteln verhalten sich die Menschen total irrational", klagt Kay Brune, Pharmakologe und Sachverständiger des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). "Die Leute denken, wenn man das einfach so kaufen kann, dann wird es schon nicht gefährlich sein", sagt Canbay. "Es muss in der Bevölkerung bekannt werden, dass diese Schmerzmittel nicht harmlos sind."
Genau dies ist das Ziel einer aktuellen Initiative des BfArM: Es will die rezeptfrei verkäufliche Packungsgröße für die Schmerzmittel ASS, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Phenazon und Propyphenazon auf eine Viertagesdosis beschränken. Im neuen Jahr soll über den Vorschlag abgestimmt werden.
Paracetamol wird schon heute in kleineren Schachteln verpackt: Seit 2009 ist es verboten, mehr als 20 Tabletten à 500 Milligramm rezeptfrei zu verkaufen. Jetzt möchte der BfArM-Sachverständige Brune noch weiter gehen: Er würde den Wirkstoff am liebsten ganz der Verschreibungspflicht unterstellen.
Pharmaindustrie wehrt sich gegen die Verschreibungspflicht
Die Pharmaindustrie hingegen plädiert dafür, alles beim Alten zu lassen: "Paracetamol ist nach übereinstimmender Auffassung nahezu aller Experten ein sicherer und wirksamer Arzneistoff", beteuert Elmar Kroth, Geschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller. "Bei bestimmungsgemäßer Anwendung ist Aspirin ein sicheres und gut verträgliches Arzneimittel", versichert auch der Hersteller Bayer über sein Produkt.
"Für uns steht außer Frage, dass eine übermäßige Anwendung von Schmerzmitteln im Einzelfall schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann", sagt hingegen BfArM-Leiter Walter Schwerdtfeger. Mit einer Begrenzung der Packungsgrößen wolle seine Behörde "die Patienten für die Risiken sensibilisieren und deutlich machen, dass Schmerzmittel mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein können".
Beim Wirkstoff Paracetamol bereitet es den Experten besonders große Sorgen, dass die Spanne zwischen therapeutischer und toxischer Dosis so gering ist. "Schon ab sechs Gramm kann es kritisch werden", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des industriekritischen "Arznei-Telegramms". Das ist gerade einmal das Doppelte der empfohlenen Tageshöchstdosis. Noch gefährlicher ist das Mittel für Patienten mit vorgeschädigter Leber; sie sollten am besten ganz auf Paracetamol verzichten.
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© DER SPIEGEL 50/2011
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