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Ausgabe 50/2011

Medizin: Verblüffende Sorglosigkeit

Von und Laura Höflinger

Schmerzmittel wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen gelten als harmlos. Doch Vergiftungen und Missbrauch sind verbreitet. Um den Patienten die Gefahr bewusst zu machen, sollen jetzt die Packungen kleiner werden.

Lebertransplantation (Symbolbild): Letzte Rettung bei Paracetamol-Vergiftung Zur Großansicht
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Lebertransplantation (Symbolbild): Letzte Rettung bei Paracetamol-Vergiftung

Nur eines war noch schrecklicher als die Zahnschmerzen, die den jungen Klempner aus dem Ruhrpott plagten: seine Angst vor dem Zahnarzt. Drei Tage lang versuchte er seine schreiende Nervenwurzel mit Schmerzmitteln zu betäuben. Am Ende hatte er 50 Tabletten Paracetamol geschluckt.

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Danach blieb ihm der Zahnarzt zunächst erspart - er musste in die Notaufnahme. Der Mann hatte sich in seiner Not regelrecht selbst vergiftet. Die Folge: beginnendes Leberversagen. Ein hoch toxisches Abbauprodukt des Wirkstoffs Paracetamol hatte das Organ bereits so weit geschädigt, dass Giftstoffe Blut und Gehirn überfluteten. Der Mann fühlte sich unendlich schlapp, das Weiße in seinen Augen wurde gelb wie bei einer Hepatitis.

"Da hilft nur eins", sagt Ali Canbay, Leberspezialist am Uni-Klinikum Essen, wo der Mann behandelt wurde. "Man muss, so schnell es geht, mit einem Gegengift verhindern, dass noch mehr von dem toxischen Abbauprodukt gebildet wird." Der Mann hatte Glück: Seine Leber erholte sich unter der Therapie wieder.

Der Klempner, sagt Canbay, sei vor allem in einem Punkt ein typischer Fall: "Der Mann hatte keine Ahnung, dass Paracetamol gefährlich werden kann."

Im Umgang mit rezeptfreien Schmerzmitteln herrscht eine verblüffende Sorglosigkeit vor. Obwohl Paracetamol schon in vergleichsweise geringer Überdosierung lebertoxisch wirkt und obwohl es unter dem Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) bei mindestens jedem 10.000sten Patienten zu einer lebensbedrohlichen Magenblutung kommt, gelten diese Mittel gemeinhin als harmlos. Die Risiken von Ibuprofen oder Diclofenac - neben Magenblutungen auch Herzinfarkte - werden allen Beipackzetteln zum Trotz ebenfalls systematisch unterschätzt.

"Bei rezeptfreien Schmerzmitteln verhalten sich die Menschen irrational"

Eigentlich vernünftige Menschen schwören auf Kombi-Tabletten aus Paracetamol und ASS, auf Paracetamol-haltige Erkältungssäfte oder Tabletten in doppelter Dosierung - obwohl all diese Mittel und Verabreichungsformen nach Ansicht vieler Experten nicht nur gefährlich, sondern auch überflüssig sind.

"Bei den rezeptfreien Schmerzmitteln verhalten sich die Menschen total irrational", klagt Kay Brune, Pharmakologe und Sachverständiger des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). "Die Leute denken, wenn man das einfach so kaufen kann, dann wird es schon nicht gefährlich sein", sagt Canbay. "Es muss in der Bevölkerung bekannt werden, dass diese Schmerzmittel nicht harmlos sind."

Genau dies ist das Ziel einer aktuellen Initiative des BfArM: Es will die rezeptfrei verkäufliche Packungsgröße für die Schmerzmittel ASS, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Phenazon und Propyphenazon auf eine Viertagesdosis beschränken. Im neuen Jahr soll über den Vorschlag abgestimmt werden.

Paracetamol wird schon heute in kleineren Schachteln verpackt: Seit 2009 ist es verboten, mehr als 20 Tabletten à 500 Milligramm rezeptfrei zu verkaufen. Jetzt möchte der BfArM-Sachverständige Brune noch weiter gehen: Er würde den Wirkstoff am liebsten ganz der Verschreibungspflicht unterstellen.

Pharmaindustrie wehrt sich gegen die Verschreibungspflicht

Die Pharmaindustrie hingegen plädiert dafür, alles beim Alten zu lassen: "Paracetamol ist nach übereinstimmender Auffassung nahezu aller Experten ein sicherer und wirksamer Arzneistoff", beteuert Elmar Kroth, Geschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller. "Bei bestimmungsgemäßer Anwendung ist Aspirin ein sicheres und gut verträgliches Arzneimittel", versichert auch der Hersteller Bayer über sein Produkt.

"Für uns steht außer Frage, dass eine übermäßige Anwendung von Schmerzmitteln im Einzelfall schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann", sagt hingegen BfArM-Leiter Walter Schwerdtfeger. Mit einer Begrenzung der Packungsgrößen wolle seine Behörde "die Patienten für die Risiken sensibilisieren und deutlich machen, dass Schmerzmittel mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein können".

Beim Wirkstoff Paracetamol bereitet es den Experten besonders große Sorgen, dass die Spanne zwischen therapeutischer und toxischer Dosis so gering ist. "Schon ab sechs Gramm kann es kritisch werden", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des industriekritischen "Arznei-Telegramms". Das ist gerade einmal das Doppelte der empfohlenen Tageshöchstdosis. Noch gefährlicher ist das Mittel für Patienten mit vorgeschädigter Leber; sie sollten am besten ganz auf Paracetamol verzichten.

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1. Idioten
flusser 15.12.2011
Zitat von sysopSchmerzmittel wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen gelten als harmlos. Doch Vergiftungen und Missbrauch sind verbreitet. Um den Patienten die Gefahr bewusst zu machen, sollen jetzt die Packungen kleiner werden. http://www.spiegel.de/0,1518,802955,00.html
Nur weil ein paar Idioten nicht mit Scherzmitteln umgehen können, soll jetzt der Reste der Gesellschaft für ein paar Aspirin zum Artzt geschickt werden? Wer soetwas vorschlägt kann nicht alle Tassen im Schrank haben, So bekommen wir die Gesundheitskosten nie in den Griff. Stattdessen sollte man an eine Rationierung von Alkohol denken, mit der Dosierung dieser Mittel sind noch viel Mehr Menschen überfordert und die Auswirkungen sind weit gravierender als die von zu viel Paracetamol.
2. Infantilisierung der Patienten
peligro 15.12.2011
Muss man jedes Fehlverhalten einer kleinen Minderheit zum Anlass für Beschränkungen der Entscheidungsfreiheit der Mehrheit nehmen? Soll jetzt jeder wegen kleiner Kopfschmerzen zum Arzt rennen müssen?
3. ...
timorieth 15.12.2011
Zitat von sysopSchmerzmittel wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen gelten als harmlos. Doch Vergiftungen und Missbrauch sind verbreitet. Um den Patienten die Gefahr bewusst zu machen, sollen jetzt die Packungen kleiner werden. http://www.spiegel.de/0,1518,802955,00.html
Mediziner fordern Verschreibungspflicht für Ibuprofen und Aspirin? Es wird immer lachhafter. Geltungsdrang, sonst nix.
4. Wollen wir jetzt noch ...
MashMashMusic 15.12.2011
... Abflussreiniger verbieten? Das Zeug taugt fantastisch dazu, sich die Speiseröhre ein für allemal zu verätzen. Wollen wir eine in Watte gepackte Welt, in der niemandem mehr was passieren kann? Dass Aspirin und Paracetamol überdosiert werden kann, weiß jeder Mensch, der sich dafür interessiert. Oder vielleicht mal die Packungsbeilage liest. Man kann sich übrigens auch den Finger am DVD-Player klemmen, wenn man die Hand nicht schnell genug wegzieht, wenn die Schublade einfährt. Man kann sich auch mit vom Arzt verschriebenem Aspirin vergiften. Oder einfach mehrere Schachteln kaufen, wenn die Packungsgröße vermindert wird. Ich weiß auch nicht, wozu man da 100er-Schachteln braucht, aber wenn ich daran denke, dass die so teuer sind wie früher die 10er-Packungen ...
5. drstrang3love
DrStrang3love 15.12.2011
Ich kann mich nicht entsinnen, dass bei frei verkäuflichen Medikamenten die Beratungs*pflicht* der Apotheker nicht gilt. Macht da etwa jemand seinen Job nicht?
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