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Ausgabe 51/2011

Bildung Massen-Uni 2.0

Ein Deutscher unterrichtet an der Elite-Universität Stanford - und per Internet Zehntausende Studenten in der ganzen Welt. Ist das die Zukunft der Hochschulen oder ihr Tod?

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Der Revolutionär kommt freundlich und ordentlich daher, mit einem Lächeln auf den Lippen und einer Krawatte auf dem blauen Hemd. "Hallo", sagt er in die Videokamera, "ich bin Professor Sebastian Thrun."

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Wer zu seinen Studenten zählen wollte, hatte es bis vor kurzem ganz schön schwer. Er musste beste Noten nachweisen, einen Test ablegen, Lehrer um Empfehlungsschreiben bitten und dann hoffen, dass er irgendwie die Auswahl überstehen würde. Wie es eben üblich ist an einer dieser US-Eliteschmieden, der Stanford University, wo die Ansprüche ebenso hoch sind wie die Gebühren.

In diesem Jahr aber unterrichtet Professor Thrun jeden und kostenlos, denn er lehrt nicht nur im Hörsaal, sondern auch im Internet. "Willkommen zu unserem Online-Einführungskurs über Künstliche Intelligenz", so begrüßt der 44-Jährige seine Studenten, den Blick fest in die Kamera gerichtet. Er halte "diesen Kurs in Stanford und jetzt auch für die ganze Welt". Statt 200 Studenten hatte er plötzlich 160.000. "Sie stammen aus 190 Staaten", sagt Thrun, "nur aus Nordkorea ist leider keiner dabei".

Zeitenwende für die Hochschulen

Was der Professor als Experiment bezeichnet, könnte für die Hochschulen eine Zeitenwende einläuten. Über Jahrhunderte hat sich ausgerechnet an denjenigen Institutionen, die nach immer neuen Erkenntnissen streben, erstaunlich wenig getan. Vorn im Hörsaal steht der Professor, auf den Bänken sitzen die Studenten, so ist's seit dem Mittelalter. Die digitale Revolution dient den Hochschulen vor allem als Forschungsprojekt, vom vielgepriesenen E-Learning ist wenig zu sehen.

Der Alltag der Studenten hat sich vor allem in der Freizeit verändert. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, sich über Facebook auszutauschen, per Twitter zu informieren oder bei YouTube abzulenken. Auch die Hochschulen nutzen durchaus das Internet, sie stellen Vorlesungsverzeichnisse und Prüfungsergebnisse ins Netz und lassen die Seminaranmeldung online laufen. In den Veranstaltungen selbst aber werden die Möglichkeiten längst nicht ausgereizt. Die Lehre an den Unis ist größtenteils, wie sie schon immer war, vom schleichenden Aussterben der Kreidetafeln einmal abgesehen.

Professor Thrun will das ändern. Er ist in Deutschland geboren und ausgebildet worden, sein Diplom und auch seinen Doktortitel hat er an der Universität Bonn erworben. Seit 16 Jahren lebt er in den Vereinigten Staaten. Wer den Herrn Professor heute anschreibt und um ein Gespräch bittet, darf mit einer informellen Antwort rechnen, per E-Mail und auf Englisch: "happy to chat".

Thrun ist ein führender Experte für Künstliche Intelligenz, ein ausgezeichneter Forscher mit praktisch verwertbaren Erkenntnissen. Auch ein Konzern unweit der Uni im kalifornischen Palo Alto schätzt seinen Rat, Thrun schuf mit anderen die Grundlagen für Google Street View. Bekannt ist er auch für seine Arbeiten am VW Touareg "Stanley". Der flitzte 2005 durch die Mojave-Wüste, ohne dass ein Mensch ihn steuerte.

Kostenloser Kurs über Künstliche Intelligenz im Netz

Wie so etwas geht, kann nun jeder lernen, jedenfalls in den Grundzügen. Im Sommer verschickten Thrun und sein Kompagnon, der Google-Forscher Peter Norvig, eine E-Mail mit der Nachricht, dass sie einen kostenlosen Kurs über Künstliche Intelligenz im Netz anbieten. Die Nachricht verbreitete sich schneller, als Lauffeuer es jemals konnten, über Ländergrenzen und sogar Ozeane hinweg.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hochschullehrer im Internet ihre Erkenntnisse offerieren, aber das Interesse an Thruns Veranstaltung ist außergewöhnlich. Von seinen Online-Studenten kämen "ein Drittel aus den USA, ein Drittel aus Europa, ein Drittel aus dem Rest der Welt", sagt Thrun. Sie müssen Hausaufgaben im Netz lösen, Fragen werden in einem Forum diskutiert. Weil die beiden Dozenten nicht Zehntausenden Studenten antworten können, stimmen die Teilnehmer im Forum darüber ab, welche Fragen die wichtigsten sind. Was viele bewegt, wird dann geklärt.

"Das Niveau ist hoch, es ist ja der gleiche Kurs wie an der Uni", sagt Thrun. Viele Studenten hätten aufgegeben, immerhin 28.000 seien noch dabei. Wer durchhält und die Tests besteht, erhält ein Zertifikat, ausgestellt von Thrun und seinem Mitstreiter persönlich, nicht etwa von der Universität Stanford. Die muss das Treiben der beiden misstrauisch beäugen, denn ihr Geschäftsmodell wird in Frage gestellt.

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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Björn Borg 22.12.2011
1. Schwachsinniger Einfall
Zitat von sysopEin Deutscher unterrichtet an der Elite-Universität Stanford - und per Internet Zehntausende Studenten in der ganzen Welt. Ist das die Zukunft der Hochschulen oder ihr Tod? http://www.spiegel.de/0,1518,805028,00.html
Kostenlose Bildung im Internet. Ich bin beeindruckt: Und wer bezahlt künftig und wovon die dazu notwendigen qualifizierten Hochschullehrer?
trgoe 22.12.2011
2.
An der Universität Göttinen werden seit Jahren viele Vorlesungen an einem Smartboard gehalten und aufgezeichnet - auch Austauschvorlesungen per Videokonferenz mit anderen Universitäten sind inzwischen nichts besonderes mehr. So weit hinterher, wie in dem Artikel beschrieben, sind deutsche Universitäten längst nicht mehr, die Studenten hier sind es sehr wohl gewohnt, ihre Vorlesungen als Podcast bei der Bahnfahrt zu hören und Fragen in Foren und Wikis zu diskutieren. Georg-August-Universität Göttingen - E-Learning: Anwendungsunterstützung (http://www.uni-goettingen.de/de/102369.html) Georg-August-Universität Göttingen - Stud.IP (http://www.uni-goettingen.de/de/124889.html)
alexkie 22.12.2011
3. Einfache Antwort
Zitat von Björn BorgKostenlose Bildung im Internet. Ich bin beeindruckt: Und wer bezahlt künftig und wovon die dazu notwendigen qualifizierten Hochschullehrer?
Wie jetzt auch schon: Der Staat? Hauptsächlich beschäftigen sich Hochschullehrer ohnehin mit der Forschung.
schuworld@online.de 22.12.2011
4. Kein ersatz
Zitat von sysopEin Deutscher unterrichtet an der Elite-Universität Stanford - und per Internet Zehntausende Studenten in der ganzen Welt. Ist das die Zukunft der Hochschulen oder ihr Tod? http://www.spiegel.de/0,1518,805028,00.html
Eine online-Vorlesung ist bequem und einem digitalen Lehrbuch gleichzusetzen. Entgegen der weitverbreiteten Meinung wird die Hauptlernarbeit nicht in Vorlesungen geleistet, sondern in den angeschlossenen Seminaren und Praktika, in denen es eine direkte Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden gibt. Niemand kann sich ohne Kommunikation weiter entwickeln. Ich sage dies als erfahrener Studierender und Lehrender.
pragmat 22.12.2011
5. Dejavu
Zitat von sysopEin Deutscher unterrichtet an der Elite-Universität Stanford - und per Internet Zehntausende Studenten in der ganzen Welt. Ist das die Zukunft der Hochschulen oder ihr Tod? http://www.spiegel.de/0,1518,805028,00.html
Das hat man doch schon mal gehört? Die Hörsäle sollten mit Videos und Life-Stream-Vorlesungen gefüllt werden. Ist so ungefähr 20 Jahre her. Pech nur, dass das Auditorium während des Gebabbels auf dem Bildschirm einschlief! Und so schlief denn auch die Technik ein.
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