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Ausgabe 52/2011

Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht

Von

Die hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21.

Protest gegen Flughafen: Trillern gegen das Dröhnen Fotos
dapd

Sie beginnen ihre Macht zu spüren, von Montag zu Montag ein bisschen mehr. "Mindestens 5000", sagen die Bürgerinitiativen, seien es in dieser Woche im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens gewesen; die Polizei zählte, zurückhaltend, mehr als 3000 Demonstranten. Es sind auffallend viele Grauhaarige unter ihnen, aber auch Familien mit Kindern, Bewohner von Reihenhäusern und von teuren Immobilien in Villenlage.

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Sie demonstrieren, seit Ende Oktober die neue Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen eröffnet wurde. Sie ziehen trommelnd, pfeifend, wütend durch das Abfertigungsgebäude, halten Schilder mit vielen verschiedenen Ortsnamen aus der Rhein-Main-Region in die Höhe.

Und ihre wöchentlichen Aufmärsche zeigen Wirkung: Als die Protestler am vergangenen Montagabend unter der großen schwarzen Tafel mit den Abfluginformationen eine Version von "Stille Nacht" anstimmten, in der von Lärm, Gestank und Bürgerwut die Rede war, bemühte sich der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier im nahen Wiesbaden um eilige Schadensbegrenzung. Der CDU-Politiker saß mit dem Chef der Flughafengesellschaft Fraport sowie Vertretern von Fluglinien und Flugsicherung in seiner Staatskanzlei und suchte verzweifelt nach Möglichkeiten, wie es doch vielleicht wenigstens ein ganz klein wenig stiller werden könnte am Himmel über dem Rhein-Main-Gebiet.

Dieser Termin, den Bouffier erst drei Tage zuvor bekannt gegeben hatte, war das unausgesprochene Eingeständnis einer groben Fahrlässigkeit. Die auf Wachstum und Arbeitsplätze fixierte Landesregierung hatte über Jahre unterschätzt, wie massiv der Lärm durch die Flughafenerweiterung die Anwohner belasten würde. Und sie stellt jetzt erschrocken fest, dass es vielfach ihre eigenen Wähler sind, die sie mit einem Lärmteppich überzogen hat.

Der Wutpegel steigt von Woche zu Woche

Entsetzt beobachten Bouffiers Leute, wie der Wutpegel ihrer Klientel von Woche zu Woche steigt. Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen etwa oder im grünen Lerchesberg-Viertel, das jetzt oft im Minutenabstand in wenigen hundert Meter Höhe überflogen wird.

Dort, im Süden Frankfurts, leben Ärzte, Anwälte, Richter, Ingenieure und prominente Sportler. Kürzlich ließ sich ein promovierter Akademiker aus dem waldnahen Nobelstadtteil von einer Frankfurter Tageszeitung mit der Bemerkung zitieren, dass er ein Dachzimmer seiner Villa sogar an al-Qaida-Terroristen vermieten würde, wenn die nur den dröhnenden Maschinen am Himmel den Garaus machen würden. Eine Mutter schrieb einen herzzerreißenden Leserbrief über ihren Zweijährigen, der um fünf Uhr morgens von den Jets über ihrem Hausdach geweckt werde und "Mama, mir ist so laut" schreie. Im Radio erzählten Schüler, dass im Unterricht Diktate abgebrochen werden müssten, weil selbst bei geschlossenem Fenster alle paar Minuten Lärm den Klassenraum beherrsche.

Dass es so laut werden würde, hätten sie sich einfach nicht vorstellen können, sagen viele Demonstranten. Und auch die Regierenden in Wiesbaden scheinen erst jetzt zu realisieren, dass auch Schulen, Kindergärten, Altenheime und Arztpraxen in der neuen, zusätzlichen Einflugschneise des verkehrsreichsten deutschen Flughafens liegen.

"Die Reaktionen der Bürger haben uns in dieser Intensität überrascht"

Die Angst, die unerwartete Empörungswelle könnte das Niveau der Proteste gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 noch übertreffen, treibt die Landespolitiker in die Defensive: Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) etwa, bislang einer der entschiedenen Befürworter des Flughafenausbaus, lässt sich nun mit dem bemerkenswerten Satz zitieren: "Die Höhe der zusätzlichen Lärmbelastung, aber auch die Reaktionen der Bürger haben uns in dieser Intensität überrascht."

Ein Eingeständnis, das weitreichende Folgen haben könnte: Denn Posch leitet jene Behörde, die für die Genehmigung des Ausbaus zuständig war und die Belastung eigentlich korrekt und gerichtsfest hätte abschätzen sollen. Wurde der Lärm aber von den Genehmigungsbehörden selbst unterschätzt, stellt sich die Frage, ob die Landebahn in dieser Form überhaupt hätte gebaut werden dürfen.

Viele Anwohner fühlen sich ohnehin von der Politik hinters Licht geführt. Bouffiers Vorgänger Roland Koch, der das Projekt im vergangenen Jahrzehnt mit aller Macht vorangetrieben hatte, verband die umstrittene Erweiterung mit der "Garantie", dass für den gesamten Flughafen ein "absolutes Nachtflugverbot" von 23 bis 5 Uhr eingeführt werde: "Ohne Nachtflugverbot keine neue Landebahn", beteuerte Koch, inzwischen Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger, jahrelang bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Doch kurz bevor die Baugenehmigung erteilt wurde, schwenkte der damalige Regierungschef um: Das Verbot sei juristisch wohl nicht durchzusetzen, verkündete Koch nun. Statt aber die versprochene Konsequenz zu ziehen und den Bau der Landebahn abzublasen, sprach der Christdemokrat vernebelnd von "Ausnahmen vom Nachtflugverbot".

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1.
lori13 27.12.2011
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Interessant ist ja, dass es durchaus Varianten gab (z.B. Bahn im Süden des Airports) von denen weniger Menschen betroffen gewesen wären. Die dürften allerdings nicht gebaut werden, weil damit mehr als die angestrebte Anzahl an Flugbewegungen möglich gewesen wäre...
2. Kein Titel
Repast 27.12.2011
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Wenn hier jetzt wieder eine Rolle rückwärts vollzogen wird, dann bitte aber auch für das bescheuerte Nachtflugverbot, das unbedingt abgeschafft oder zumindest etwas kulanter gestaltet werden muss.
3. Pardon...
rokokokokotte 27.12.2011
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
...die Landesregierung hat die Lärmbelästigung unterschätzt!? UNTERSCHÄTZT?? Schon dieses Eingeständnis dokumentiert die epochale Verlogenheit von Politik und Administration.... Es wurde halt einfach gemacht, durchgesetzt der wirtschaftlichen und politischen Interessen wegen. Piepegal die dantaesken Lebensumstände der Menschen hier. Entsetzt sind diese verantwortungslosen Vögel jetzt nur wegen der nicht vorhergesehenen Intensität der Bürgerproteste und den daraus resultierenden Brüchen in Karriereplanung, angenehmem Leben und angepeilten Politpöstchen. Bei den Wahlen - fegt alle Lügner und Märchenonkel/Tanten fort, vergesst nicht EINEN dieser Tage, die Euch gestohlen wurden.
4. Bürger auf der Erbse
webersi 27.12.2011
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Motiviert durch die Berichterstattung der lokalen Medien machte ich mich dieser Tage selber auf den Weg nach Sachsenhausen und ging die Suche nach dem "unerträglichen" Fluglärm an. Dabei lief ich die Sachsenhäuser Landwehr ab, eine Wohnstrasse unmittelbar unter der Einflugschneise. In der Tat fliegen regelmäßig im Abstand von einigen Minuten die Maschinen ein, zumeist handelt es sich um zweimotorige, häufig kleinere Maschinen im Landeanflug. Zu hören sind allerdings sie erst, wenn sie sich beinahe über dem Kopf befinden und sie entfernen sich auch wieder schnell mit einem grummelndem Ton im Schlepp, der jedoch bald von vorbeifahrenden Autos übertönt wird. Es ist eine Geräuschkulisse, wie sie vorher auch schon in anderen Gegenden Frankfurts zu vernehmen war, auch bei mir, wenn die Flieger Warteschleifen über der Stadt drehen. Die Gegend in Sachsenhausen ist ein schöne Wohnlage. Wer rumtönt, da wegziehen zu wollen, mit dem tausche ich gerne. Will sagen: Nur wer den Lärm unbedingt hören will, um sich drüber zu empören, der kriegt ihn auch mit. Nach dem Motto: "Kinder, dreht doch mal den Fernseher leiser! Man kann sich sonst gar nicht über den Fluglärm aufregen!"
5. unterschätzt?
dumb nut 27.12.2011
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Wie bei S21 hat man sich in Frankfurt offenbar auch "unter bzw. verschätzt". Dem Wort "schätzen" mit einem Präfix kommt da wohl eine neue Bedeutung zu, wenn es von Regierenden verwendet wird, nämlich "die Bevölkerung auf den Arm nehmen", um es vorsichtig zu formulieren.
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