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Ausgabe 52/2011

Proteste: Der Aufstand hinter der Maske

Von Georg Diez

Sie zelten gegen den Kapitalismus. Zuerst besetzten sie einen Park in New York, dann eroberten sie den weltweiten Diskurs. Die Occupy-Bewegung zeigt, wie Revolution im 21. Jahrhundert geht.

Occupy-Bewegung: Wir sind viele! Fotos
REUTERS

Es ist ein Wort wie ein Virus. Es setzt sich fest im Kopf, verändert, wie man sich durchs Leben bewegt, eröffnet einen neuen Blick auf die Welt.

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David Graeber lächelt. Er ist klitschnass, das Wasser tropft aus seinen Haaren und läuft ihm über die Stirn. Er hat eine graue Trekkingjacke an, über der Schulter hängt eine Tasche. Er schaut auf die Menge, 500 sind es wohl, er schaut auf die Schilder, "Housing is a Human Right" steht da, schaut in diesen vom Regen weggewischten Brooklyner Tag hinein und sagt: "This is nice. This is so nice."

David Graeber ist als Theoretiker ein Star. Er ist hier, um Häuser zu besetzen.

"Wir haben", sagt er, "auf abstrakte Art klargemacht, was wir wollen. Jetzt müssen wir uns um die konkreten Probleme der Menschen kümmern." Occupy Wall Street goes Main Street.

Diese Bewegung hat Geschichte gemacht, jetzt sucht sie eine Gegenwart, es geschieht in New York, überall in Amerika und in Teilen der Welt. Es entscheidet sich in diesen kalten Monaten bis zum Frühling, ob Occupy eine Zukunft hat.

Auf den Stufen vor dem schmalen Reihenhaus im armen, schwarzen Teil von Brooklyn steht ein Vater und strahlt, steht eine Mutter und strahlt, steht der Sohn, er ist neun oder zehn, und weiß nicht recht, ob er lachen oder weinen soll. Die Menge ist gekommen, damit die Familie wieder ein Zuhause hat. Sie wollen ihr das Haus zurückgeben, das sich die Bank genommen hat, weil die Familie ihren Kredit nicht bezahlen konnte.

Neben der Familie steht der große, würdevolle Stadtrat und strahlt. Die 40, 50 Polizisten sind entspannt und schauen zu.

"Mike check", ruft jemand. Mikrofonprobe heißt das. Es ist das Zeichen, dass es jetzt losgeht. Weil Lautsprecher bei der ersten Occupy-Besetzung in New York verboten waren, nutzen die Demonstranten eine Art Stille-Post-Methode.

"Mike check", ruft noch jemand.

"Mike check", ruft David Graeber, 50, mit der Menge.

"Unsere Häuser werden angegriffen", ruft der Erste.

"Unsere Häuser werden angegriffen", ruft der Zweite.

"Unsere Häuser werden angegriffen", ruft David Graeber mit der Menge.

"Was machen wir", ruft der Erste.

"Was machen wir", ruft der Zweite.

"Was machen wir", ruft David Graeber mit der Menge.

"Stand up, fight back", ruft der Erste.

"Stand up, fight back", ruft der Zweite.

"Stand up, fight back", ruft David Graeber mit der Menge.

Es ist diese Gemeinschaft, die sie suchen, es sind Aktionen wie "Occupy Our Homes", die zeigen, wie die Occupy-Bewegung funktioniert und wohin sie gehen könnte. Für manche ist es ein Versuch, den Kapitalismus zu verändern. Für manche ist es eine Vision, wie das Leben völlig anders sein könnte.

Im Revolutionsjahr 2011 stand Occupy für die hellere, heiterere Seite des Aufstands gegen die Verhältnisse - und das geheime Hacker-Kollektiv Anonymous für die dunklere, aggressivere Seite. Die einen sind viele, die anderen eine Elite, die einen suchen die Öffentlichkeit, die anderen arbeiten im Verborgenen, die einen bauen Zelte, die anderen attackieren Großrechner. Sie sind wie Kreise, die sich überlappen, und sie teilen ein Symbol: die Maske des Guy Fawkes.

Heute verkauft sich das Rebellionssymbol millionenfach

Die Hacker von Anonymous wählten sich diese Maske, die auch im Zuccotti-Park und überall später zu sehen war: ein widersprüchliches Symbol, das auf einen katholischen Verschwörer zurückgeht, der 1605 das englische Parlament sprengen wollte. 1982 dann prägte es der Comic-Schreiber Alan Moore für seinen charismatischen Widerständler, der gegen ein zukünftiges faschistisches Regime bombt, mit dem das Thatcher-England gemeint war. 2006 schließlich wurde die Maske durch den Film "V wie Vendetta" weltweit bekannt - und heute verkauft sich das Rebellionssymbol millionenfach und bringt dem Weltkonzern Time Warner, der die Rechte besitzt, gutes Geld.

Occupy wollte die Menschen in die Lage versetzen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Occupy wollte ihnen Kraft geben.

"Occupy Our Homes" markierte Anfang Dezember eine neue Phase dieser Bewegung, die so schnell so bekannt wurde und doch noch ein Rätsel ist. Immer noch überlagern die Bilder des Zuccotti-Parks den Blick auf die Realität dieser Bewegung, immer noch ist unklar, ob es eine Laune der Geschichte war oder doch ein neues 1968, immer noch liegt der Schatten eines möglichen Scheiterns über Occupy.

Ja, aber gibt es die denn noch, nachdem der Zuccotti-Park in New York im November geräumt wurde?, fragen die, die gewohnt sind, dass nur die Dinge existieren, über die die Medien berichten.

Wir sind hier, sagt die Menge im Regen von Brooklyn, wir gehen nicht einfach wieder weg, wir sind hier, um das Leben und das Land zu verändern.

Da ist die Rhetorik, klar und moralisch und entschieden, verstärkt durch das "People's mike", das Menschenmikrofon - die Wirkung ist hypnotisch und stimulierend, erzeugt einen Sound und einen Sog.

"This is what democracy looks like", ruft der Erste.

"This is what democracy looks like", ruft der Zweite.

"This is what democracy looks like", ruft David Graeber mit der Menge, es klingt jetzt fast, als würden sie singen.

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1. Revolution?
AKI CHIBA 28.12.2011
Zitat von sysopSie zelten gegen den Kapitalismus. Zuerst besetzten sie einen Park in New York, dann eroberten sie den weltweiten Diskurs. Die Occupy-Bewegung zeigt, wie Revolution im 21. Jahrhundert geht. http://www.spiegel.de/0,1518,805637,00.html
Der oft geschmähte oder auch schräg karikierte Wutbürger könnte sich zu einer fortgeschrittenen Entwicklungsform der Spezies homo sapiens mausern. Auf jeden Fall ist diese Wesenheit seinem Kokon entschlüpft. Sie versucht sich in vielfältigen Erscheinungsbildern. Sie vermag sich im Winter um Bahnhöfe herum einrichten und mehr oder weniger illegale Zeltstädte bilden. Sonderformen existieren in Parkbäumen und beschützen bedrohte Juchtenkäfer. Andere ketten sich an Eisenbahnschienen an um der Atombedrohung angemessen zu begegnen. Der aufgebahrte Lenin muss mit amsehen, wie um den Kreml herum sich das Proletariat versammelt. Die ruhmreiche Sowjetunion ist dahin und der Epigone Putin bekommt kalte Füße. Der Wall-Street wir unverhohlen ein "occupy" angedroht. In China wird man lernen müssen, dass mit Hunderten von Millionen armer Teufel bald nicht mehr gut Kirschen essen ist. Mord und Totschlag in großem Stile findet sich nur (oder erst) im islamischen Bereich. Es fragt sich allerdings, ob die Aufständischen zur o.a. fortgeschrittenen Wesenheit gezählt werden kann. Mit Juchtenkäfern haben diese "Revolutionäre" nichts zu tun. Sie riechen nur nach Yasmin und der Frühling ist vorbei. Es steht zu vermuten, dass Karl Marx milde lächelnd auf seinen fehlgeleiteten Epigonen Lenin herabblickt, welcher im Kälteschlaf erstarrt ist. Der Wutbürger ist vielleicht ein Zeichen für einsetzende Evolution - nicht Revolution.
2. Immunsystem der Menschheit
taoistictraveller 28.12.2011
Ich stand letztends vor der EZB im Camp und unterhielt mich mit einer älteren Dame die Professorin war. Ihr Plan ist es über all in der Welt Regionalgeldsysteme miteinander zu vernetzen und Neugründungen zu erleichtern - was ich für einen sehr guten Plan halte. Irgendwann stand sie mit leuchtenden Augen vor mir und erzählte, dass dies die wichtigste Zeit der Menschheit ist und es ein solch belebendes Geschenk ist genau in dieser Zeit zu leben und sich für den Fortbestand unserer Spezies einzusetzen. Und dass alle Initiativen in ihrer Gesamtheit die sich für den gesunden Menschenverstand weltweit einsetzen, das Immunsystem der Menschheit darstellen. Ich sehe es ähnlich. Ich bin so glücklich mich in dieser wichtigen Zeit für uns die Menschheit einzusetzen, damit wie dieses Jarhundert halbwegs überleben - wir brauchen endlich ein Gesellschaftsystem, welches nicht in einer unablässigen Folge alte Probleme verschärft wärend es ständig neue erschafft - denn wer glaubt wir könnten die Wissenschaft und den gesunden Menschenverstand auf ewig ignorieren und dabei gut wegkommen, der ist Naiv! Daher kann ich nur hoffen, dass immer mehr Menschen auf unserem Planeten erkennen werden, dass sie nur ein lebenswertes Jahrhundert erleben werden, wenn sie sich einsetzen und Verantwortung übernehmen! Schafe werden geschoren und der einzige Ausweg der Schafen in dieser Gesellschaft bleibt ist Anpassung bis der Artzt kommt und ich will kein Schaf mehr sein! Von einem jungem Menschen der eine Zukunft haben will!
3. Die Bewegung beginnt erst
steveable 28.12.2011
Zitat von sysopSie zelten gegen den Kapitalismus. Zuerst besetzten sie einen Park in New York, dann eroberten sie den weltweiten Diskurs. Die Occupy-Bewegung zeigt, wie Revolution im 21. Jahrhundert geht. http://www.spiegel.de/0,1518,805637,00.html
Hallo, also, auch wenn die Occupy-Bewegung den Winter quasi nicht "Überstehen" sollte - so wird der Protest gegen einen unregulierten Markt nicht enden. Auch im Jahr 2012 wird der Protest gegen einen ungezügelten Kapitalismus weitergehen.
4. Wenn uns Korruption, Vetternwirtschaft, Amtsmissbrauch ständig öffentlich, und .....
prologo1 28.12.2011
Zitat von sysopSie zelten gegen den Kapitalismus. Zuerst besetzten sie einen Park in New York, dann eroberten sie den weltweiten Diskurs. Die Occupy-Bewegung zeigt, wie Revolution im 21. Jahrhundert geht. http://www.spiegel.de/0,1518,805637,00.html
....und das auch noch ohne rechtliche Konsequenzen vom obersten Moralappostel, unserem BP vorgeführt wird, dann wird die Occupy Bewegung damit soviel Nahrung erhalten, dass unseren Parteispendenbestechungsbetrüger-Politikern noch Angst und Bange werden wird!! Und das ist gut so, denn diese korrupten Machenschaften nehmen auch in unserem Lande ungstraft zu. Wir haben ja keinen Rechtsstaat mehr, sondern einen Unrechtsstaat, in dem diese Betrügereien ja von höchsten Stellen auch noch gebilligt werden! Welche moralische Vorbilder soll ich meinen Kindern noch zeigen können? Etwa unseren Zinsvorteilsbundespräsidenten, oder unseren Abschreiberbetrüger Guttenberg? Genau solche Politiker sind der Nährboden für die Occupybewegung, wie auch noch vieles andere Ungerechte, in diesem und anderen westlichen Staaten. Linksradikale und Rechtradikale entstehen nur durch soziale Ungerechtigkeiten, offene Korruption und offener Betrug. Aber genau in der Mitte, da nistet sich jetzt Occupy ein, und das kann die Rettung werden, für neue Gerechtigkeiten in diesem Lande, denn damit kann sich dann jeder identifizeiren, und das ist gut so, oder....?
5.
Mononatriumglutamat 28.12.2011
Zitat von taoistictravellerIch bin so glücklich mich in dieser wichtigen Zeit für uns die Menschheit einzusetzen, damit wie dieses Jarhundert halbwegs überleben - wir brauchen endlich ein Gesellschaftsystem, welches nicht in einer unablässigen Folge alte Probleme verschärft wärend es ständig neue erschafft - denn wer glaubt wir könnten die Wissenschaft und den gesunden Menschenverstand auf ewig ignorieren und dabei gut wegkommen, der ist Naiv!
Es erscheint mir nicht so, als würden die Menschen die Wissenschaft und den gesunden Menschenverstand ignorieren. Ich befürchte vielmehr, dass die meisten Menschen damit einfach überfordert sind. Deswegen flüchten sie sich in allerlei Scheinreligionen wie die Esoterik und den Kollektivismus, misstrauen grundsätzlich jeder Wissenschaft und jedem Wissenschaftler und wappnen sich mit einem dicken Panzer aus Ignoranz und Arroganz. "Verantwortung übernehmen", am Ende gar noch für sich selbst, hat hierzulande leider keinen guten Ruf. Obwohl das natürlich die wichtigste Voraussetzung für jedwede Freiheit ist, die -- bis heute -- ausschließlich der vielgescholtene Kapitalismus gewährleisten konnte. Zugegeben: nicht überall, wo Kapitalismus herrscht, gibt es Freiheit. Aber wie Kurt Scheel schon sehr richtig erkannt hat: überall dort, wo Freiheit herrscht, gibt es auch Kapitalismus. Bislang ist Kapitalismus also eine Voraussetzung für Freiheit, und bis jemand eine bessere Wirtschaftsordnung erfindet, wird sich daran wohl auch nichts ändern.
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