Von Georg Diez
Es ist ein Wort wie ein Virus. Es setzt sich fest im Kopf, verändert, wie man sich durchs Leben bewegt, eröffnet einen neuen Blick auf die Welt.
David Graeber lächelt. Er ist klitschnass, das Wasser tropft aus seinen Haaren und läuft ihm über die Stirn. Er hat eine graue Trekkingjacke an, über der Schulter hängt eine Tasche. Er schaut auf die Menge, 500 sind es wohl, er schaut auf die Schilder, "Housing is a Human Right" steht da, schaut in diesen vom Regen weggewischten Brooklyner Tag hinein und sagt: "This is nice. This is so nice."
David Graeber ist als Theoretiker ein Star. Er ist hier, um Häuser zu besetzen.
"Wir haben", sagt er, "auf abstrakte Art klargemacht, was wir wollen. Jetzt müssen wir uns um die konkreten Probleme der Menschen kümmern." Occupy Wall Street goes Main Street.
Diese Bewegung hat Geschichte gemacht, jetzt sucht sie eine Gegenwart, es geschieht in New York, überall in Amerika und in Teilen der Welt. Es entscheidet sich in diesen kalten Monaten bis zum Frühling, ob Occupy eine Zukunft hat.
Auf den Stufen vor dem schmalen Reihenhaus im armen, schwarzen Teil von Brooklyn steht ein Vater und strahlt, steht eine Mutter und strahlt, steht der Sohn, er ist neun oder zehn, und weiß nicht recht, ob er lachen oder weinen soll. Die Menge ist gekommen, damit die Familie wieder ein Zuhause hat. Sie wollen ihr das Haus zurückgeben, das sich die Bank genommen hat, weil die Familie ihren Kredit nicht bezahlen konnte.
Neben der Familie steht der große, würdevolle Stadtrat und strahlt. Die 40, 50 Polizisten sind entspannt und schauen zu.
"Mike check", ruft jemand. Mikrofonprobe heißt das. Es ist das Zeichen, dass es jetzt losgeht. Weil Lautsprecher bei der ersten Occupy-Besetzung in New York verboten waren, nutzen die Demonstranten eine Art Stille-Post-Methode.
"Mike check", ruft noch jemand.
"Mike check", ruft David Graeber, 50, mit der Menge.
"Unsere Häuser werden angegriffen", ruft der Erste.
"Unsere Häuser werden angegriffen", ruft der Zweite.
"Unsere Häuser werden angegriffen", ruft David Graeber mit der Menge.
"Was machen wir", ruft der Erste.
"Was machen wir", ruft der Zweite.
"Was machen wir", ruft David Graeber mit der Menge.
"Stand up, fight back", ruft der Erste.
"Stand up, fight back", ruft der Zweite.
"Stand up, fight back", ruft David Graeber mit der Menge.
Es ist diese Gemeinschaft, die sie suchen, es sind Aktionen wie "Occupy Our Homes", die zeigen, wie die Occupy-Bewegung funktioniert und wohin sie gehen könnte. Für manche ist es ein Versuch, den Kapitalismus zu verändern. Für manche ist es eine Vision, wie das Leben völlig anders sein könnte.
Im Revolutionsjahr 2011 stand Occupy für die hellere, heiterere Seite des Aufstands gegen die Verhältnisse - und das geheime Hacker-Kollektiv Anonymous für die dunklere, aggressivere Seite. Die einen sind viele, die anderen eine Elite, die einen suchen die Öffentlichkeit, die anderen arbeiten im Verborgenen, die einen bauen Zelte, die anderen attackieren Großrechner. Sie sind wie Kreise, die sich überlappen, und sie teilen ein Symbol: die Maske des Guy Fawkes.
Heute verkauft sich das Rebellionssymbol millionenfach
Die Hacker von Anonymous wählten sich diese Maske, die auch im Zuccotti-Park und überall später zu sehen war: ein widersprüchliches Symbol, das auf einen katholischen Verschwörer zurückgeht, der 1605 das englische Parlament sprengen wollte. 1982 dann prägte es der Comic-Schreiber Alan Moore für seinen charismatischen Widerständler, der gegen ein zukünftiges faschistisches Regime bombt, mit dem das Thatcher-England gemeint war. 2006 schließlich wurde die Maske durch den Film "V wie Vendetta" weltweit bekannt - und heute verkauft sich das Rebellionssymbol millionenfach und bringt dem Weltkonzern Time Warner, der die Rechte besitzt, gutes Geld.
Occupy wollte die Menschen in die Lage versetzen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Occupy wollte ihnen Kraft geben.
"Occupy Our Homes" markierte Anfang Dezember eine neue Phase dieser Bewegung, die so schnell so bekannt wurde und doch noch ein Rätsel ist. Immer noch überlagern die Bilder des Zuccotti-Parks den Blick auf die Realität dieser Bewegung, immer noch ist unklar, ob es eine Laune der Geschichte war oder doch ein neues 1968, immer noch liegt der Schatten eines möglichen Scheiterns über Occupy.
Ja, aber gibt es die denn noch, nachdem der Zuccotti-Park in New York im November geräumt wurde?, fragen die, die gewohnt sind, dass nur die Dinge existieren, über die die Medien berichten.
Wir sind hier, sagt die Menge im Regen von Brooklyn, wir gehen nicht einfach wieder weg, wir sind hier, um das Leben und das Land zu verändern.
Da ist die Rhetorik, klar und moralisch und entschieden, verstärkt durch das "People's mike", das Menschenmikrofon - die Wirkung ist hypnotisch und stimulierend, erzeugt einen Sound und einen Sog.
"This is what democracy looks like", ruft der Erste.
"This is what democracy looks like", ruft der Zweite.
"This is what democracy looks like", ruft David Graeber mit der Menge, es klingt jetzt fast, als würden sie singen.
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© DER SPIEGEL 52/2011
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