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Ausgabe 1/2012

Währung: Shoppen gegen die Angst

Von Nils Klawitter

Die Finanz- und Schuldenkrise verunsichert viele Menschen. Sie sorgen sich um ihre Ersparnisse - und geben ihr Geld lieber aus.

Geldanlage: Von Goldbarren bis Fußballclubs Fotos
DPA

Franz Herrmann, erster Vorstand des Bundes der Sparer, hat sich ein halbes Jahrhundert lang gemüht, ein guter Anleger zu sein. Als Kind füllte er Spardosen, als Jugendlicher das Sparbuch. Später kamen der Bausparvertrag dazu und zwölf Lebensversicherungen. "Geld zieht Geld an", hatte ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben. "Ich war aufs Sparen gepolt", sagt Herrmann.

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Mit 52 Jahren habe er dann kapiert, "was hier passiert". Geld verdiente er durch sein Geschäft in der Münchner Innenstadt, Herrmann verkaufte dort Schmuck und Bierkrüge. Mit den Sparanlagen dagegen hat er nach seiner festen Überzeugung nur verloren - die Versicherungen kündigte er, die Mini-Zinsen der sonstigen Sparbücher habe "die Inflation gefressen".

Um sich zu wehren, gründete Herrmann den Bund der Sparer. Jetzt tingelt er durchs Land und warnt in Vorträgen vor "Geldvernichtungsinstrumenten". Sparen, da ist sich Herrmann inzwischen sicher, sei "staatlich verordnete Beraubung".

Ärmer durchs Sparen?

Ärmer durchs Sparen? So radikal Herrmanns Ansicht auch ist, sein Misstrauen wird von immer mehr Menschen geteilt. Den Renditeversprechen der Finanzbranche glauben sie nicht mehr, Sparbücher und Festgeldkonten werfen nur mickrige Zinsen ab und die nicht enden wollende Euro-Krise nährt die Angst vor Inflation - oder einem Währungsschnitt. Manche sehen gar das Ende des ganzen Geldsystems nahen.

Umfragen von TNS Infratest und Allensbach spiegeln die aktuelle Sinnkrise wider: Fast die Hälfte der Befragten fürchtet sich mittlerweile vor einer Geldentwertung. Und jeder zweite Berufstätige fragt sich, welche private Anlageform überhaupt noch Sinn macht.

"Die Leute werden immer vorsichtiger, den Banken ihr sauer verdientes Geld anzuvertrauen", sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Noch ist es keine Massenbewegung, aber viele Menschen schichten ihr Vermögen um. Sie lösen etwa vermeintliche Sorglos-Produkte wie Lebensversicherungen auf. Vor zwei Jahren, berichtet Philipp Vorndran, Kapitalmarktexperte des Vermögensverwalters Flossbach von Storch, hätten seine Kunden bereits vermehrt die schwache Rendite solcher Anlagen kritisiert. "Jetzt fragen sich viele, was sie da eigentlich für ein Produkt haben."

Statt auf die deutschen Kreditinstitute zu vertrauen, setzen manche Anleger lieber auf altbewährte Institutionen, etwa den Hamburger Fußballclub St. Pauli: 5000 Fans zeichneten gerade in nur knapp vier Wochen Anleihen für sechs Millionen Euro - das Stadion soll dafür ausgebaut werden, sechs Prozent Rendite sind versprochen. Vielen scheint der Club eine sichere Bank - allen Krisen zum Trotz besteht er seit 1910.

"Aus dem Angstsparer ist ein Angstkonsument geworden"

Marktforscher Bürkl hatten Umfragen und Zahlentabellen bisher immer gezeigt, dass die Deutschen in unsicheren Zeiten mehr sparen. Neuerdings sinkt das Vertrauen ins Finanzsystem aber so rapide, dass die Krise eine Art Schlussverkaufsstimmung auslöst: "Aus dem Angstsparer", so Bürkl, "ist ein Angstkonsument geworden."

Noch lässt sich der Trend nicht in Zahlen fassen, die Sparquote ist bislang nur moderat gesunken. Aber die Konsumfreude steigt, und davon profitierte nicht nur der Handel im Weihnachtsgeschäft.

Wem es möglich ist, der steckt sein Geld ins eigene Haus, er dämmt es oder bessert es aus. Dachdecker sind in vielen Regionen auf Wochen ausgebucht, die Branche ist einer der Krisengewinner und wird 2011 um fünf Prozent wachsen, auf knapp 8,5 Milliarden Euro Umsatz.

Mal eben kurz das Geld retten - wer kann, investiert in vermeintlich sichere Werte. Auf Kunstauktionen werden Rekordpreise erzielt. Und in Boom-Städten wie Hamburg oder München berichten Makler bereits von Bietergefechten um sogenanntes Betongold.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. *
geroi.truda 05.01.2012
Zitat von sysopDie Finanz- und Schuldenkrise verunsichert viele Menschen. Sie sorgen sich um ihre Ersparnisse - und geben ihr Geld lieber aus. http://www.spiegel.de/0,1518,806887,00.html
Der in dem Artikel zitierte Kauf von Gold (d.h. der Tausch von Papiergeld gegen das einzig echte Geld) ist allerdings das schiere Gegenteil von "Geld ausgeben" und "shoppen"...
2. Spare jederzeit, dann hast Du immer Not
zudummzumzum 05.01.2012
Zitat von sysopDie Finanz- und Schuldenkrise verunsichert viele Menschen. Sie sorgen sich um ihre Ersparnisse - und geben ihr Geld lieber aus. http://www.spiegel.de/0,1518,806887,00.html
Omas Weisheit, leicht abgewandelt. Sparen bedeutet eben sparsam leben. Entgegen dem, was uns Banker eingeflüstert haben, hat das sinnfreie Ansammeln von Geld nicht wirklich etwas mit sparen zu tun, sondern im Gegenteil mit raffen! Habgier gilt in unserer christlichen Leitkultur als Todsünde - und so wird Sparen um des Sparens Willen zum Gegenteil seines ursprünglichen Zwecks. Ob ich meines Nächsten Hab und Gut begehre, oder nur dessen Geld, macht keinen Unterschied. Nichts gegen einen "Notgroschen", nichts gegen einen gewissen Vorrat fürs Alter - aber zuviel ist zuviel. Maßlosigkeit ist ebenfalls eine Todsünde. Wer mehr hat, als er braucht, ist in unserer Gesellschaft zum Abgeben angehalten. Und wer nicht abgeben möchte, könnte eben auch zurücktreten und weniger arbeiten und dadurch weniger ansammeln. Ein Staat, der seine Bürger zu "richtigem" verhalten anleitet, würde, gerade in Anbetracht der Finanzkrise, auch hierzu etwas sagen. Das Schweigen unserer Regierigen zeugt aber davon, wie wenig sie die ethischen Wurzeln jeder Gesellschaft verstanden haben, oder wie unreflektiert sie selbst schon im Hamsterrad der Erwerbsarbeit eingespannt sind. Merke: Dagobert Duck ist arm - hat nur viel Geld!
3.
muellerthomas 05.01.2012
Zitat von geroi.trudad.h. der Tausch von Papiergeld gegen das einzig echte Geld
Weshalb ist Ihrer Meinung nach nur Gold Geld?
4. Nun..
frank_drebin 05.01.2012
Zitat von muellerthomasWeshalb ist Ihrer Meinung nach nur Gold Geld?
..schon Voltaire wusste "Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück – Null“. Das ist bei Gold die letzten viertausend Jahre nicht passiert.
5.
muellerthomas 05.01.2012
Zitat von frank_drebin..schon Voltaire wusste "Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück – Null“. Das ist bei Gold die letzten viertausend Jahre nicht passiert.
Also definieren Sie Geld als etwas, dessen Kaufkraft niemals auf Null sinkt? Dann wäre ein Stück Land für Sie also auch Geld?
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