Währung: Shoppen gegen die Angst
Die Finanz- und Schuldenkrise verunsichert viele Menschen. Sie sorgen sich um ihre Ersparnisse - und geben ihr Geld lieber aus.
Franz Herrmann, erster Vorstand des Bundes der Sparer, hat sich ein halbes Jahrhundert lang gemüht, ein guter Anleger zu sein. Als Kind füllte er Spardosen, als Jugendlicher das Sparbuch. Später kamen der Bausparvertrag dazu und zwölf Lebensversicherungen. "Geld zieht Geld an", hatte ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben. "Ich war aufs Sparen gepolt", sagt Herrmann.
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Um sich zu wehren, gründete Herrmann den Bund der Sparer. Jetzt tingelt er durchs Land und warnt in Vorträgen vor "Geldvernichtungsinstrumenten". Sparen, da ist sich Herrmann inzwischen sicher, sei "staatlich verordnete Beraubung".
Ärmer durchs Sparen?
Ärmer durchs Sparen? So radikal Herrmanns Ansicht auch ist, sein Misstrauen wird von immer mehr Menschen geteilt. Den Renditeversprechen der Finanzbranche glauben sie nicht mehr, Sparbücher und Festgeldkonten werfen nur mickrige Zinsen ab und die nicht enden wollende Euro-Krise nährt die Angst vor Inflation - oder einem Währungsschnitt. Manche sehen gar das Ende des ganzen Geldsystems nahen.
Umfragen von TNS Infratest und Allensbach spiegeln die aktuelle Sinnkrise wider: Fast die Hälfte der Befragten fürchtet sich mittlerweile vor einer Geldentwertung. Und jeder zweite Berufstätige fragt sich, welche private Anlageform überhaupt noch Sinn macht.
"Die Leute werden immer vorsichtiger, den Banken ihr sauer verdientes Geld anzuvertrauen", sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Noch ist es keine Massenbewegung, aber viele Menschen schichten ihr Vermögen um. Sie lösen etwa vermeintliche Sorglos-Produkte wie Lebensversicherungen auf. Vor zwei Jahren, berichtet Philipp Vorndran, Kapitalmarktexperte des Vermögensverwalters Flossbach von Storch, hätten seine Kunden bereits vermehrt die schwache Rendite solcher Anlagen kritisiert. "Jetzt fragen sich viele, was sie da eigentlich für ein Produkt haben."
Statt auf die deutschen Kreditinstitute zu vertrauen, setzen manche Anleger lieber auf altbewährte Institutionen, etwa den Hamburger Fußballclub St. Pauli: 5000 Fans zeichneten gerade in nur knapp vier Wochen Anleihen für sechs Millionen Euro - das Stadion soll dafür ausgebaut werden, sechs Prozent Rendite sind versprochen. Vielen scheint der Club eine sichere Bank - allen Krisen zum Trotz besteht er seit 1910.
"Aus dem Angstsparer ist ein Angstkonsument geworden"
Marktforscher Bürkl hatten Umfragen und Zahlentabellen bisher immer gezeigt, dass die Deutschen in unsicheren Zeiten mehr sparen. Neuerdings sinkt das Vertrauen ins Finanzsystem aber so rapide, dass die Krise eine Art Schlussverkaufsstimmung auslöst: "Aus dem Angstsparer", so Bürkl, "ist ein Angstkonsument geworden."
Noch lässt sich der Trend nicht in Zahlen fassen, die Sparquote ist bislang nur moderat gesunken. Aber die Konsumfreude steigt, und davon profitierte nicht nur der Handel im Weihnachtsgeschäft.
Wem es möglich ist, der steckt sein Geld ins eigene Haus, er dämmt es oder bessert es aus. Dachdecker sind in vielen Regionen auf Wochen ausgebucht, die Branche ist einer der Krisengewinner und wird 2011 um fünf Prozent wachsen, auf knapp 8,5 Milliarden Euro Umsatz.
Mal eben kurz das Geld retten - wer kann, investiert in vermeintlich sichere Werte. Auf Kunstauktionen werden Rekordpreise erzielt. Und in Boom-Städten wie Hamburg oder München berichten Makler bereits von Bietergefechten um sogenanntes Betongold.
- 1. Teil: Shoppen gegen die Angst
- 2. Teil: Krise, welche Krise?
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