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Ausgabe 3/2012

Essay: Lieber nicht

Von Christoph Scheuermann

Junge Frauen klagen über die Verweichlichung einer Generation junger Männer. Selber schuld.

Hassobjekt softer Mann: Die Sehnsucht der Frauen nach dem Macho Zur Großansicht
Corbis

Hassobjekt softer Mann: Die Sehnsucht der Frauen nach dem Macho

Ein neues Hassobjekt wird gerade an die Öffentlichkeit gezerrt. Das Hassobjekt ist der weinerliche Mann. Der weinerliche Mann ist satt von Selbstmitleid, schlurft melancholisch in Röhrenhosen durch die Innenstädte und weigert sich schmollend, so zu werden, wie es Frauen neuerdings angeblich schätzen: stark, entschlossen, cowboyhaft. Er ist das Gegenteil des Anpackers. Ein Anti-Desperado.

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Zuletzt beschwerte sich die Journalistin Nina Pauer im Feuilleton der "Zeit" über die neuen "Schmerzensmänner", die Mädchenmusik hören und in der Birne weich geworden sind, seitdem sie ihr Leben unablässig reflektieren. Dabei habe sich der junge Mann auf einer Metaebene verheddert, von der er nicht herunterkomme. Das Ergebnis ist ein Waschlappen, ein moderner Werther. Tragisch ist vor allem, dass er offenbar nicht mehr weiß, wann es Zeit ist, eine Frau zu küssen. Er denkt nur darüber nach. Für viele Frauen sind Männer Ende zwanzig, Anfang dreißig zu schüchternen Kuschel-Wesen mit Strickjacke und Hornbrille mutiert, die allem Weiblichen, das sich ihnen entgegenwirft, aus Verzweiflung die gute Freundschaft anbieten.

Sehnsucht nach dem Macho

Als Resultat hat sich unter jungen Frauen der starke Wunsch nach einem Typen verbreitet, dem sie "sich flammend an seine starke Brust" werfen können, wie Pauer schreibt. Daraus spricht eine gewisse Sehnsucht nach dem Macho, die sich seit einiger Zeit immer verzweifelter äußert. Bereits Mitte der nuller Jahre forderte die Autorin Wäis Kiani in ihrer Abrechnung "Stirb, Susi!" den Abgang der "männlichen Susi", der Memme.

Das überrascht insofern, als der Mann Anfang dreißig bislang glaubte, Frauen hielten das brennende Interesse des anderen Geschlechts an ihren Anliegen für eine zivilisatorische Errungenschaft. Auch deshalb ist seit Beginn der Neunziger jede Generation pubertierender Jungs damit beschäftigt, sich das Vokabular femininer Problemkommunikation anzueignen.

Die Sehnsucht nach dem Macho aber kokettiert mit Rollenklischees, die sogar wir Männer für glücklich überwunden hielten. Das Problem liegt darin, dass wir irgendwann im 20. Jahrhundert die Lust verloren haben, möglichst früh und möglichst schnell eine Familie zu gründen. Das ist neu. Denn noch im 19. Jahrhundert sei Männlichkeit wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert gewesen, sagt die israelische Soziologin Eva Illouz. Der Abstieg des Mackers ist daher eng verknüpft mit dem Strukturwandel der Männlichkeit. Aber auch das ist nur eine Hälfte der Erklärung.

Seltsame Verweichlichung der Männer

Die zweite Hälfte sitzt in einem Hamburger Restaurant vor Weißweingläsern: eine PR-Beraterin und eine Journalistin, 29 und 33 Jahre alt. Auch sie klagen, wie so viele, über die seltsame Verweichlichung der Männer. Ihnen ist die Gelassenheit abhandengekommen, sagt die Journalistin. Die jungen Männer wollen sich nie festlegen.

Aber weshalb nur fühlen sie sich dauernd unter Druck gesetzt, fragt die PR-Beraterin, warum fangen sie an zu schwitzen, wenn man vorschlägt, eine gemeinsame Küche auszusuchen? Warum, zum Teufel, diese Angst?

Sie sind wie Peter Pan, entgegnet die Journalistin, der Junge von der Insel Nimmerland, der nie erwachsen wurde. Und wie verkorkste Peter Pans wollen die jungen Männer bis ans Lebensende an Bars lehnen, durch Clubs ziehen und mit ihrem Kumpel Frauen gucken, die sie aber nur ansprechen, wenn sie selbst betrunken sind. Der junge Mann ist vom Hai zum Aal degeneriert. Binden will er sich nicht.

Beide, die PR-Beraterin wie die Journalistin, haben in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen mit vom Selbstzweifel zernagten Gestalten machen dürfen. Sie haben sie in die Arme geschlossen und getröstet wie Kinder. Sie wurden zu Therapeutinnen. Wir sind in diese Rolle hineingedrängt worden, sagt die Journalistin. Seufzend, aber doch bereitwillig haben sie diese Herausforderung akzeptiert, wie sie jede Herausforderung akzeptieren. Das wiederum hat ihre Männer noch tiefer in Verzweiflung gestürzt. Opfer wollten sie auch nicht sein.

Ein idealer Mann sähe für die beiden Frauen so aus: selbstbewusst, lässig, ironisch und, wieder dieses Wort, ein Macker. Allerdings kein Arschloch. Verständnisvoll, achtsam, unzynisch, lustig und größer als sie selbst, ab 1,80 Meter aufwärts. Einen kreativen, ab und an rotzigen Sympathen, hart und gleichzeitig weich, eine Kreuzung aus Johnny Depp und Rocky Balboa. Aber mehr wie Johnny Depp. Und das ist die erste gute Nachricht: Die jungen Frauen wissen auch nicht, was sie wollen.

Sie wissen nur, was sie nicht wollen. Sie sind genauso ratlos ins 21. Jahrhundert gestolpert wie wir Männer, mit dem Unterschied, dass sich für sie viel mehr verändert hat. Sie haben mehr Möglichkeiten, im Beruf aufzusteigen, sie haben auch mehr Geld und tendenziell mehr Macht als früher. Das ist schon die zweite gute Nachricht: Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gab es in den westlichen Metropolen derart viele schlaue, gebildete, zielstrebige, selbstbewusste Frauen Ende zwanzig, Anfang dreißig. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, würde das jemals rückgängig machen wollen.

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insgesamt 371 Beiträge
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1. .
flavio1 18.01.2012
Die jungen Männer von heute, sind doch genau das, was die Mütter sich von ihren Jungs erhofften, als sie sie erzogen: Verständnissvolle, einfühlsame Sitzpinkler. Wie soll bei solch einer Erziehung ein Macho heranwachsen? Genau so erziehen die jetzigen jungen Mütter auch ihre Jungs. Also nicht jammern!
2. Ach nöö
j.vantast 18.01.2012
Zitat von sysopJunge Frauen klagen über die Verweichlichung einer Generation junger Männer. Selber schuld. http://www.spiegel.de/0,1518,809420,00.html
Erst sollten die Männer keine Machos sein, sondern einfühlsam, liebevoll, aufopfernd.... Und nun? Nun passt den Damen das auch wieder nicht. Anstatt über "weinerliche Männer" zu palavern sollten sich die Frauen lieber mal entscheiden was sie nun eigentlich wollen, was aber eigentlich schnurzegal ist, denn Recht machen kann man ihnen es sowieso nicht. Am besten wird es hier beschrieben: MC Seizing of Pistons (http://mc-sop.npage.de/lustiges_2031365.html) (Vorsicht: vorher den Ton ausschalten oder leiser stellen)
3. das hat nur einen Haken ...
kamy 18.01.2012
... ich kann auch weinerliche Frauen nicht leiden. Ansonsten ist der Text ekelhaft klischeehaft. Hier sind mal wieder die Maskulisten unterwegs. Und ich denke, dass das Forum von PI-lern nur so wimmeln wird. Ohne mich. Ciao
4. Gegenseitige Abneigung
ak-73 18.01.2012
Zitat von sysopJunge Frauen klagen über die Verweichlichung einer Generation junger Männer. Selber schuld. http://www.spiegel.de/0,1518,809420,00.html
Ich bin Ende 30 und bekkennender Softie und habe gar kein Interesse an diesem Typ Frau. Die starken Männer gelten denen doch auch nur als Trophäen und der ehrgeizige Frauentyp, der diese Männer begehrt - der ist meinen Augen zu einer Partnerschaft, die auf echter Zuneigung basiert, gar nicht fähig. Da geht es statt um Liebe nur um Konkurrenzdenken und Status. Von daher können diese Frauen in kleinem Kreise bei einem Gläschen Wein über die Männer philosophieren - irrelevant für mich.
5. Lieber doch
profundus 18.01.2012
Um es klar zu sagen, mich als Mann interessiert eigentlich mehr, was Frauen bringen. Und so sollte es doch wohl auch sein.
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