AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Abgesagter Literatur-Nobelpreis Die Skandalakte "Schwedische Akademie"

In diesem Jahr wird es keinen Nobelpreis für Literatur geben. Und in Zukunft?

Festakt der Schwedischen Akademie 2011: Klub ohne lästige Kontrolle
Henrik Montgomery/AFP

Festakt der Schwedischen Akademie 2011: Klub ohne lästige Kontrolle

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Es geht so lange gut, bis es nicht mehr gut geht. Dann drehen sich alle um und schauen zurück und staunen über die zerstörten Menschen und die zerstörte Ehre und überhaupt den moralischen Morast und fragen sich: Wie konnten wir glauben, dass das gut gehen könnte?

Das ist, kurz gefasst, die Geschichte der Schwedischen Akademie und des Nobelpreises für Literatur, eine bittere Farce, als wäre August Strindberg aus seinem Grab gestiegen, um zu sehen, wie sie sich die feinen Champagnerkelche an den Kopf werfen, die Gecken von der Akademie, die Strindberg, der große schwedische Hasser, nicht einmal hassen würde, so sehr würde er sie verachten.

Zwei Männer sind es vor allem, die im Zentrum der ganzen Affäre stehen, die den Preis zerstören könnte, der einmal der wichtigste der Welt war, goldenes Tamtam, das die Tür öffnet für all die Wichtigtuer, die sich mit solchem Ruhm schmücken wollen: Männer wie Horace Engdahl und Jean-Claude Arnault, zwei Gestalten, als hätte sie sich Strindberg ausgedacht, der sich wünschte, dass auf seinem Grab einmal ein Penis aus rotem Sandstein stehen würde.

Engdahl, 69, ist die Spinne im Netz, der langjährige Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, ein Manipulator wie Arnault, ein Alleskönner, der die Menschen fasziniert, durch seine Bildung, durch seine Reden, durch die Lieder, die er singt, in Schwedisch, in Russisch, bis in den frühen Morgen, und erst als er einmal anfing, Jazzlieder zu singen, erinnert sich der Verleger Svante Weyler, der Engdahl seit Studienzeiten kennt, wurde klar: Synkopen wenigstens kann er nicht.

Weyler sitzt in seinem Büro in der Altstadt von Stockholm, nur ein paar enge Gassen von der Akademie entfernt, alles in allem ein Museum der Vormoderne, das nur noch als Kulisse taugt für Touristen in ihrer Trägheit, das Leben hat es schwer an diesem Ort und auch die Realität, die Zeiten verschwimmen, ideal für jemanden wie Engdahl, machthungrig, geltungssüchtig, männerbündisch, der die deutsche Romantik liebt und den Kult des Genies, der Frauen in die Rolle der Muse drängt.

"Die Penetration ist immer eine Niederlage für die Frau und ein Sieg für den Mann", so lautet einer der Aphorismen, die Engdahl, Sohn eines Offiziers, als Buch veröffentlicht hat. "Es gibt eine Kammer im Inneren eines Mannes, wo nur Platz ist für eine Sache, ihn selbst", so lautet ein anderer Aphorismus. "Auch im Inneren einer Frau gibt es eine Kammer. Sie ist leer. Sie ist nicht einmal selbst darin. Die Frau wartet davor, bis jemand dieses Zentrum füllt."

Die Akademie war für ihn das ideale Machtmittel, eine Art Geheimbund von 18 Mitgliedern, manche davon altersschwach und leicht zu beherrschen, ein Klub mit Privilegien wie vergünstigten Wohnungen und kulturellem Superprestige und ohne die demokratische Kontrolle, die so lästig ist, wenn man unter sich bleiben will.

Es war ein feudales Regime, das hier weiter bestand und jedes Jahr nicht nur den Literaturnobelpreis vergab, sondern Preise und Stipendien in Millionenhöhe, es war eine Adelsclique in einem Land, das egalitär sein will und es in vielem auch ist und sich dennoch diese Anachronismen gönnt, ja manchmal sogar genießt, einen König etwa oder ebendiese Akademie, deren Missbrauch im Grunde nur die überraschen kann, die ein Misstrauen gegen die Demokratie hegen.

Denn das ist der tiefere, der symbolische, der politische Kern dieses schwedischen Weltskandals, und ein Mann wie Engdahl wirkt da eher wie die dunkle Figur in einem Roman, der einen Glutkern von Gier, Sex, Verbrechen hat und dabei die größere Geschichte erzählt, wie Traditionen entstehen und vergehen, wie Veränderungen möglich sind und was der Preis ist, für das eine und für das andere.

Womit wir bei Jean-Claude Arnault sind, 71, der anderen dunklen Gestalt, Franzose, Grapscher, Tatscher, möglicherweise Vergewaltiger, Manipulator, Mythomane, Ehemann von Katarina Frostenson, die in ihrer Erscheinung genauso kalt ist, wie es ihr Name suggeriert, gefeierte Dichterin und Mitglied der Akademie, ein Traumpaar, ein Albtraumpaar, denn die sexuellen Vergehen, die Arnault vorgeworfen werden, sind langjährig und systemisch und letztlich eine Frage an diese Ehe.

Beschuldigter Arnault: Weites Spektrum der Vorwürfe
Malin Hoelstad/ SvD/ TT/ DPA

Beschuldigter Arnault: Weites Spektrum der Vorwürfe

Sie lernten sich kennen, als Frostenson 17 war und Arnault, der Anarchist gewesen war im Paris von 1968, gerade nach Schweden gekommen war - und die, die ihn damals schon kannten, erzählen von einem Aufreißer, von einem Angeber, von einem Charmeur mit destruktiver Energie, der am Ende alle mit sich in den Abgrund reißen könnte, das ist wiederum die Sicht von heute auf diesen Mann, von dem sich weder Frostenson noch Engdahl distanziert haben.

Was Engdahl und Arnault verbindet, ist dabei mehr als eine Freundschaft. Sie sind wie zwei Seiten derselben Person, böse Zwillinge, das Janusgesicht, Doktor Jekyll und Mister Hyde, Engdahl, geistig, gebildet, geschickt, der Kopf ohne Körper, so würden ihn Kinder zeichnen, sagt Svante Weyler, ein Kopffußmensch, und Arnault ganz Gier und geil und grob, vor allem Körper und, so sagen es viele, eher wenig Kopf.

Es war Arnault, der die Akademie in die existenzielle Krise stürzte, als im November bekannt wurde, dass 18 Frauen ihm vorwerfen, dass er sie sexuell belästigt oder genötigt haben soll - es war aber ein ganzes System, das verantwortlich ist dafür, dass dieses Verhalten, das allgemein bekannt war, so lange geduldet wurde.

Die Vorwürfe beginnen bei finanzieller Vorteilsnahme, Arnault und Frostenson betrieben gemeinsam einen kulturellen Klub, das Forum, das von der Akademie gefördert wurde, und sie reichen bis zu Insiderinformationen, die genutzt wurden, um vorab auf Nobelpreisträger zu wetten - am schwersten und verstörendsten aber sind immer noch die Anschuldigungen der Frauen, manche von ihnen wirken mehr und manche weniger traumatisiert durch das, was Arnault ihnen angetan haben soll. Herr Arnault war für eine Stellungnahme bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Zeugin Elin: Es war ein System
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Zeugin Elin: Es war ein System

Da ist zum Beispiel Elin, die ihren echten Namen nicht nennen will. Sie war 23 Jahre alt, als sie Arnault 1991 kennenlernte, und erzählt ruhig und selbstbewusst davon, was damals passierte, als er sie auf einem Filmfestival ansprach, mit dem plumpen Satz: Du schaust aus wie meine Schwester.

"Ich fand ihn auf den ersten Blick schleimig", sagt sie, auf einer Bank im Schatten im Vasa-Park, ganz in der Nähe, wo sich all das abgespielt hat, was sie erzählt, ganz in der Nähe auch des Forums, das heute geschlossen ist, eine dunkelrote Tür ist alles, was davon geblieben ist. "Und er war alt. Aber es kann ja trotzdem Spaß machen, mit so jemandem zu reden."

Sie tranken Wein, sie gingen ins schicke Café Opera, wo Arnault sie elegant an der Warteschlange vorbeilenkte, viel Wein trank sie nicht, so erinnert Elin sich heute, sie habe eine Art Blackout gehabt, obwohl sie sonst sehr genau darauf achtete, dass sie nicht zu viel trank.

Sie nahmen ein Taxi, er brachte sie zu sich in die Wohnung, zog sie aus, hatte Sex mit ihr. "Am Morgen wollte ich einfach aus der Wohnung verschwinden. Ich schämte mich so, ich fühlte mich so dumm, so schlecht, dass ich so etwas zugelassen hatte. Er wollte unbedingt meine Nummer. Und weil ich gehen wollte, gab ich sie ihm." Er rief sie an, immer wieder, sie machte ihm klar, dass sie keinen Sex wollte mit älteren Männern, die sie an Warteschlangen vorbei ins Café Opera brachten, und als sie glaubte, er habe das verstanden, trafen sie sich auf ein Bier. Es schien Elin, dass sie ihre Würde wiederbekommen könnte, wenn sie es schaffte, dass zwischen Arnault und ihr Freundschaft wäre und Respekt. Sie trafen sich zum Abendessen, er bezahlte, im Gegenzug lud sie ihn zu sich ein, sie kochte. Sie wurden Freunde, so schien es ihr, auch wenn die Kellner in den Restaurants, in die sie Arnault führte, sie mit einem Blick musterten, wie sie ihn noch nicht gekannt hatte: Ah, das ist also die Neue.

Ein Jahr lang ging das so. Bis zu dem Abend im Herbst 1992, dem Jahr, in dem Katarina Frostenson in die Schwedische Akademie gewählt wurde und Jean-Claude Arnault, der den Spitznamen Jean-Kladd trägt, Jean mit der Hand am Hintern, Elin vergewaltigte.

Er war stark, so erinnert sie sich, sie waren in einer anderen Wohnung als der, die er mit Frostenson bewohnte, es gab keinen Tee, wie versprochen, sondern eine Attacke und erst den Versuch, sie in den Hintern zu ficken, das sind die Worte, die Elin wählt, die sich so bewegte, dass das nicht passiert; dann vergewaltigte er sie in der gleichen Stellung vaginal.

Sie ging damals nicht zur Polizei, weil ihr die Worte fehlten, um das zu beschreiben, was geschehen war. "Ich entschied mich, was ich erlebt hatte, aus meinem Leben herauszuschneiden", sagt sie. Bis zu dem Tag, an dem sie den Text las über die 18 Frauen, die Arnault sexuelle Übergriffe vorwarfen. Elins Fall war verjährt. Aber weil es jetzt einen neuen Vergewaltigungsvorwurf gibt, der noch nicht verjährt ist, entschied sie sich, nun, 26 Jahre danach, zur Polizei zu gehen, um zu belegen, dass es ein System Arnault gab.

Autorin Karlsson
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Autorin Karlsson

Es war die #MeToo-Bewegung, die den 18 Frauen den Mut gegeben hatte zu sprechen, Frauen wie Elise Karlsson, 36, eine Autorin und Verlagsmitarbeiterin, die an einem Abend im Jahr 2008 die Hand von Arnault an ihrem Hintern hatte, als sie nachts in einem Foyer stand und auf Freunde wartete. "Ich drehte mich um und sah ihn und dachte, Mist, es ist Jean-Kladd, und ich bin allein mit ihm."

"Fass mich nicht an", sagte sie.

"Was passiert, wenn ich es tue?", fragte er und grinste.

Da gab sie ihm eine Ohrfeige.

Es hätte an diesem Punkt enden können. Aber sie trafen sich wieder an diesem Abend, Karlsson und Arnault waren in derselben Bar, er kam auf sie zu und schrie sie an, vor allen Leuten, er schrie, sie werde nie wieder einen Job finden in dieser Stadt, sie sei eine Psychopathin, und wenn sie kein stabiles System gehabt hätte, fragt sie sich heute, wenn sie keine Sicherheit gehabt hätte, was dann?

Einmal begegneten sie sich noch, auf einer Brücke in der Stadt, und als er sie sah, spuckte Arnault ihr entgegen: "Fette Sau!" Es sind die cleveren, die sicheren, die etablierten Frauen, sagt Karlsson, die Arnault oft mögen, weil er sie gut behandelt; es sind die schwachen und die unsicheren und die jungen, die er sich sucht, mit all seiner Vulgarität und seiner kaum unterdrückten Wut.

Frauen wie Anna-Karin Bylund, 53, in vielem ein Schlüsselfall, weil sie schon 1996 auf die Übergriffe und das System Arnault hinwies, weil sie Briefe schrieb an die Schwedische Akademie und die städtische Kulturbehörde, von denen keine Reaktion kam - dafür berichtete die Zeitung "Expressen" darüber, nichts geschah.

Bylund, die heute weit von Stockholm lebt, auf dem Land als Grundschullehrerin, und weiter an ihren Kunstprojekten arbeitet, war damals eine junge Künstlerin, und der sexuelle Übergriff, von dem sie in dem Brief berichtete, hatte ein paar Jahre zuvor stattgefunden, 1994, als sie eine Ausstellung in Arnaults Forum vorbereitete.

"Er lud mich zum Essen zu sich ein, um die Ausstellung zu besprechen", erzählt Bylund. "Ich war noch Studentin damals, ich war jung und unsicher, aber er war immer nett zu mir gewesen. Nach dem Essen, im Wohnzimmer, wollte er auf einmal Sex. Ich dachte, oh shit, was mache ich nun? Wir hatten Sex. Ich wusste, dass ich so tun musste, als sei nichts passiert, weil ich sonst nicht mehr hätte arbeiten können."

Sie hatte eine weitere Ausstellung im Forum, sie hielt Arnault fern, aber mehr und mehr hörte sie, wie er über sie sprach, was er über sie erzählte, eine Nutte sei sie, ein "pussy artist", eine, die ihr Geschlecht zum Teil ihrer Arbeit macht, und tatsächlich war das letzte Kunstwerk, das Bylund im Forum zeigte, eine Arbeit, bei der 1500 Stoffmäuse in der Form der weiblichen Scham in einer riesigen Mausefalle saßen.

Lehrerin Bylund
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Lehrerin Bylund

"Er hat seinen Einfluss benutzt, um Frauen zu bekommen", sagt Bylund. "Das Geld, das er für seinen Klub bekam, war nur der Rahmen für seine sexuellen Aktivitäten. Ich fühlte mich elend. Etwas in mir war zerbrochen. Ich wusste, dass ich etwas tun musste, also schrieb ich diese Briefe." Und was dann passierte, formte die Freundschaft und Verbundenheit von Arnault und Engdahl, eine Verbindung, die ganz auf Treue und Loyalität gegründet scheint.

So beschreibt es Ebba Witt-Brattström, 64, die Ex-Frau von Engdahl, Literaturprofessorin und bekannte feministische Autorin. Im Frühjahr 1997, als im "Expressen" über die Vorwürfe von Bylund berichtet wurde, so erinnert sie sich, kam Engdahl zu ihr und bat sie, für seinen Freund Arnault tätig zu werden, er werde der sexuellen Nötigung beschuldigt, es ging um Solidaritätsbekundungen, die Witt-Brattström einholen sollte. Im Herbst 1997 wurde Engdahl in die Akademie gewählt.

"Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag", sagt Witt-Brattström, deren Ehe mit Engdahl, mit dem sie drei erwachsene Söhne hat, 2014 geschieden wurde: "Ich kam nach Hause von einem Vortrag über die Geschichte des weiblichen Widerstands. Horace sah aus, als hätte er Heroin genommen. Er tanzte herum. Er hatte gerade die Wahl in die schlimmste Bastion des Kulturpatriarchats angenommen."

Feministin Witt-Brattström
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Feministin Witt-Brattström

Die Reaktion von Witt-Brattström war, dass sie erst einmal ihren kleinsten Sohn in den Arm nahm, der Schnupfen hatte und weinte. "Ich glaube, er hat mir nie vergeben, dass ich mich nicht mit ihm gefreut habe", sagt sie. Und weil die Akademie für ihn wie eine Frau war, weil von ihr auch nur in der weiblichen Form gesprochen wird, habe sie sich von dem Tag an gefühlt, "als sei ich mit einem Bigamisten verheiratet".

Alles änderte sich, so erinnert sie sich heute, so beschreibt sie es in ihrem Buch über die Ehe, das 2016 erschien, unter großem literarischen Getöse, "Der Liebeskrieg des Jahrhunderts", so heißt es, und sie nannte den Mann darin unter anderem eine "verstoßene Ratte" und eine "psychoanalytische Kernschmelze". Engdahl antwortete nur einen Monat später mit einem eigenen Buch, das den Titel trägt: "Das letzte Schwein".

Er, der im Guten wie im Schlechten für diesen Job gemacht schien, war spätestens seit 1997 einer der "Jungs", wie sie sich nannten, eine Camorra, so nennt es Witt-Brattström - unangreifbar hätten sie sich gefühlt, ausgestattet mit zu viel Geld und zu viel Privilegien und zu wenig Kontrolle. 1999 übernahm Engdahl das Amt des Ständigen Sekretärs von Sture Allén, der den Brief von Anna-Karin Bylund ignoriert hatte, der heutige kommissarische Ständige Sekretär ist Anders Olsson, auch einer der "Jungs".

Von den 18 Mitgliedern sind derzeit nur noch 10 aktiv, auf dem Höhepunkt des Streits um Arnault hatten die bisherige Ständige Sekretärin Sara Danius und auch Arnaults Frau Katarina Frostenson ihren Rückzug bekannt gegeben. Der König als oberster Dienstherr erließ eine Regeländerung, wonach man nicht lebenslang Mitglied sein muss und austreten kann.

Worauf Kerstin Ekman, eine bekannte Autorin, die 1989 aus Protest gegen die passive Haltung der Akademie in Bezug auf Salman Rushdie ihren Rückzug erklärt hatte, schäumte: "Sie haben nicht das Recht, mir etwas zu bewilligen, was seit 1989 Fakt ist."

Akademie-Mitglied Engdahl: "Horace sah aus, als hätte er Heroin genommen"
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Akademie-Mitglied Engdahl: "Horace sah aus, als hätte er Heroin genommen"

Im Grunde ist die Akademie funktionsunfähig. Für dieses Jahr ist die Preisvergabe ausgesetzt, und auch rückblickend erscheinen manche Preise in anderem Licht, als Produkt eines Geheimklubs mit dunklen Seiten und schalen Kompromissen.

Manche sagen, das Nobelkomitee solle der Schwedischen Akademie einfach den Preis wegnehmen und einer anderen Akademie übertragen, nur so sei der Preis, wenn überhaupt, noch zu retten. Lars Heikensten, der Chef der Nobelstiftung, hat dazu eine klare Meinung: "Wir werden uns nicht einmischen", sagt er, "es ist Sache der Akademie, die strukturellen, institutionellen und persönlichen Probleme zu lösen. Wir werden das natürlich genau beobachten. Und wenn wir das Gefühl haben, dass das nicht auf überzeugende Art und Weise geschieht, dann können wir natürlich entscheiden, der Akademie den Preis zu entziehen."

Die nächsten Monate seien entscheidend, sagt Heikensten. Die Akademie hat sich externe Berater geholt, um die dringendsten Fragen zu regeln: Es soll künftig möglich sein, aus der Akademie auszutreten, mehr noch und wichtiger, die Zeit in der Akademie sollte, das findet Heikensten, begrenzt sein, wie auch in anderen Gremien, mit denen die Nobelstiftung bei den Nobelpreisen zusammenarbeitet. "Um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, wäre eine Kombination aus alten und neuen Mitgliedern das Beste. Die Gruppe muss sich einig sein, dass Veränderungen notwendig sind."

Auch Heikensten sieht die Schwedische Akademie als ein Zwitterwesen zwischen den Zeiten, ein Schicksal, das sie mit anderen Institutionen teilt in einer Epoche der Verunsicherung und Disruption - wodurch die Affäre eine Bedeutung gewinnt, über die Fragen der Literatur, der Lust und der Lügen hinaus.

Die Erschütterung ist grundsätzlich: Ohne Social Media kein #MeToo und ohne #MeToo keine Krise der Akademie. Das 21. Jahrhundert trifft hier auf das 18. Jahrhundert, was einen Literaturpreis des 20. Jahrhunderts berührt und Männer, wie sie sich seit der Steinzeit benehmen. Und, braucht man überhaupt ein Königshaus?

Diese Geschichte ist, wie gesagt, so reich und traurig wie ein Buch von Strindberg, ein vielschichtiger Eheroman von monströsen Dimensionen. "Ich bin nur theoretisch ein Frauenhasser", hat Strindberg einmal über sich gesagt. Über das Zitat, eingelassen in den Boden einer Stockholmer Fußgängerzone, laufen sie relativ achtlos, die Spätmodernen unserer Tage.



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