AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Hitlers Diätköchin Constanze Manziarly "Der F. hat gut gegessen"

Hirsebrei, Pilze, Quark mit Leinöl: Constanze Manziarly bekochte Hitler in den letzten Kriegsmonaten. Ein Historiker hat die Beziehung der beiden mit Hilfe handgeschriebener Briefe rekonstruiert.

Adolf Hitler (rechts) und Joseph Goebbels beim öffentlichen Eintopfessen
DPA/ IMAGNO

Adolf Hitler (rechts) und Joseph Goebbels beim öffentlichen Eintopfessen


Sie ist sogar in die Filmgeschichte eingegangen, auch wenn ihr darin nur ein recht kurzer Moment vergönnt ist: In dem Spielfilm "Der Untergang" (2004) mümmelt ein greisenhafter Adolf Hitler, dargestellt von dem Schauspieler Bruno Ganz, am 30. April 1945 im Führerbunker einen letzten Teller Pasta mit Tomatensoße. Anschließend bedankt sich der Despot artig bei seiner Köchin: "Das war sehr gut, Fräulein Manziarly." Die Frau gab es wirklich. Gemeint ist Constanze Manziarly, die den magenkranken Hitler ab März 1944 mit Schonkost bekochte. In den letzten Monaten des Krieges war sie Teil von Hitlers Hofstaat und verbrachte fast jede Mahlzeit und viele nächtliche "Teestunden" mit dem obersten Nazi. Doch für Historiker blieb sie bislang ein Phantom.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

So scheiterten die Hitler-Biografen Joachim Fest und Ian Kershaw in ihren Werken bereits bei dem Versuch, Manziarlys Namen richtig zu schreiben. Erst dem Innsbrucker Heimatforscher Stefan Dietrich ist es in einem wissenschaftlichen Aufsatz jetzt gelungen, die reale Person hinter Hitlers rätselhafter Mitbewohnerin in der Wolfsschanze oder später im Führerbunker sichtbar werden zu lassen.

Dietrich hat die hochbetagte und inzwischen verstorbene Schwester Manziarlys ausfindig gemacht, in deren Besitz sich 13 handgeschriebene Briefe von Hitlers Diätköchin befanden. Die Schriftstücke zeugen von einer Zermürbten, die für den Diktator und andere Nazigrößen pausenlos im Kochtopf rührte.In einem Brief vom 28. August 1944 klagte die damals 24-Jährige trotz ihrer Jugend bereits über eine angegriffene Gesundheit. "Unkontrollierte Ernährung, auch das viele Abkosten" nagten an Manziarlys Konstitution. In unmittelbarer Nähe zur Nazielite geriet sie zwangsläufig unter Stress: "Man stößt auf ungeahnte Schwierigkeiten, die ich nicht berichten kann. Immer m. 1 Fuß im Grabe, nicht übertrieben!", schrieb sie ihrer Schwester.

Der Knochenjob in der Tyrannenküche war keine Berufung für Manziarly. Die Tirolerin wollte eigentlich als Lehrerin für Hauswirtschaft arbeiten. Doch ein Praktikum als "Rohkostdame" in einer Privatklinik bei Berchtesgaden brachte die angehende Pädagogin zufällig in die Nähe der Macht.

Die Küche des Kurheims belieferte Hitler mit bekömmlichen Speisen, wenn dieser auf dem Obersalzberg weilte. Recht bald bereitete Hospitantin Manziarly die Mahlzeiten nicht nur zu, sie musste das Gekochte auch zum Berghof transportieren - eine Aufgabe, die sie als Frondienst auffasste. "Ich habe so lange zu bleiben, solange Er da ist", klagte sie gegenüber ihrer Familie. Schon wenige Tage nach Dienstantritt meldet sie ihren Verwandten im April 1944: "Was mich ganz mürbe macht, ist die ungeheure Last der Verantwortung, die ich damit zu tragen habe."

Schonkostexpertin Constanze Manziarly um 1944
Heinrich Hoffmann / bpk

Schonkostexpertin Constanze Manziarly um 1944

Hitler, der schon seit den Dreißigerjahren auf Fleisch verzichtete, war indes begeistert von ihr. "Ich habe eine Köchin mit einem Mozartnamen!", schwärmte er - Mozarts Ehefrau "Stanzerl" trug den gleichen Vornamen.Gegen die bedrängende Umarmung des Diktators in Form einer Festanstellung habe sie sich kaum wehren können, glaubt Historiker Dietrich: "Frei nach dem Spielfilm ,Der Pate' hat man ihr wohl ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnte." So schrieb sie am 3. April 1944 an "meine Lieben": "Jeder Widerspruch völlig zwecklos u. ich würde mich höchstens vor Gericht bringen."

Der ihr anvertraute Kostgänger war nicht einmal eine kulinarische Herausforderung. Hitler verspeist bevorzugt Hirsebrei oder Quark mit Leinöl. Als Fleischersatz verzehrte er gehackte Pilze. Seit Kriegsbeginn gönnte sich der auf soldatische Genügsamkeit pochende Feldherr zum Nachtisch nur noch einen statt zwei geriebener Äpfel. Seine Köchin wachte derweil über die Einhaltung der Essroutine. "Der F. hat gut gegessen", vermerkte Manziarly dann gewissenhaft auf der Speisekarte.

Nur in den nächtlichen Plauderrunden verlor der selbststilisierte Asket regelmäßig die Beherrschung; hemmungslos fiel er über das Kuchenbuffet her. "Ich backe täglich viel, oft stundenlang, aber abends ist immer alles weg", kommentierte Manziarly Hitlers Neigung zur Mehlspeise.

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Der Tyrann erwiderte die Bemühungen um sein leibliches Wohl mit einer bizarren Zuwendung. Im Herbst 1944 ließ er Manziarly "mausgraue dicke Uniformstrümpfe" schenken - offenbar in dem Glauben, der modischen Vorliebe der jungen Frau damit voll zu entsprechen. "Der Chef wurde über Damengeschmack falsch unterrichtet", amüsierte sich die Chronistin.

Um gegenüber unbefugten Mitlesern ihren wahren Vorgesetzten und ihren jeweiligen Aufenthaltsort zu verschleiern, verwendete Manziarly ab Oktober 1944 in den Briefen nur noch Codenamen: Hitler selbst firmierte von nun an als "Oberarzt", Hitlers Bergfeste bei Berchtesgaden als "Kurheim", und die Reichskanzlei in Berlin bekam den Tarnnamen "Erholungsheim".

Von den SS-Leuten in Hitlers Umgebung wurde die Köchin nur "Fräulein Marzipani" genannt. Abseits solcher Neckereien verlief ihre Mission deprimierend. Einen besonders düsteren Moment erlebte die Bunkergesellschaft, als Hitler kurz vor seinem Selbstmord mit knackendem Kiefer die Einnahme der zuvor verteilten Giftkapseln demonstrierte. Bei dieser Gelegenheit soll sich Constanze Manziarly vor Schreck auf die Zunge gebissen haben.

Am Abend des 30. April 1945 kochte sie eine allerletzte Mahlzeit (Spiegeleier mit Kartoffelbrei) für ihren Chef - obwohl der längst tot war. Die posthume Henkersmahlzeit sollte offenbar verschleiern, dass Hitler sich der Verantwortung für seine Untaten bereits durch einen Schuss in den Kopf entzogen hatte.

Nur zwei Tage später war auch das Schicksal von Manziarly besiegelt: Gemeinsam mit der Sekretärin Traudl Junge gelang ihr zunächst die Flucht aus der Bunkeranlage. Doch am 2. Mai wurde sie von zwei sowjetischen Soldaten festgesetzt.

"Sie wollen meinen Pass sehen", rief sie Junge noch zu. Dann verschwand die 25-Jährige mit den Soldaten in einem U-Bahn-Schacht und wurde nie wieder gesehen.



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