AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Afghanistans junge, liberale Elite "Du riechst nach Blut. Küss mich"

Sie brechen Tabus und mischen sich ein in die Politik: Afghanistans Jugend wehrt sich gegen autoritäre Alte und die Gewalt der Taliban. Susanne Koelbl hat die junge Elite Kabuls besucht.

Pariza Rahmani, Pressesprecherin der "Upraising for change" Bewegung
Johanna-Maria Fritz / DER SPIEGEL

Pariza Rahmani, Pressesprecherin der "Upraising for change" Bewegung


Shaharzad Akbar redet über den Hass, den sie verspürt und den sie überwinden will. Sie sitzt in ihrem Haus in Kabul, von der Straße aus Sicherheitsgründen durch zwei Stahltore getrennt. Sie ist 29 Jahre alt, trägt ein bunt besticktes Beduinenkleid über der engen Jeans. In Oxford hat sie Entwicklungsforschung studiert.

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Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Im Januar haben die Taliban einen ihrer besten Freunde ermordet: Abdul Ali Shamsi, den stellvertretenden Gouverneur von Kandahar, er war kaum älter als sie. Er hatte an jenem Tag diplomatischen Besuch aus den Vereinigten Arabischen Emiraten empfangen. Die Bombe war in dem Sofapolster des Gouverneursbüros versteckt. 13 Menschen starben.

Gemeinsam haben Shamsi und Akbar einst die Gruppe "Afghanistan 1400" mitbegründet, eine Bewegung junger, gut ausgebildeter Afghanen, die sich dafür einsetzen, den Bürgerkrieg zu beenden. Ausgerechnet am Tag der Ermordung ihres Freundes, sagt Akbar, habe auch ein junger Sprecher der Taliban am Treffen der Bewegung teilgenommen.

"In diesem Moment hasste ich diesen Typen aus tiefstem Herzen, weil es ja die Taliban waren, die meinen Freund getötet hatten", sagt Akbar, "aber genau darum geht es: Wir müssen aufhören zu hassen."

Auch viele Taliban, sagt sie, wollten nach 16 Jahren Kampf endlich Frieden.

Wie kann man weitermachen, wenn der beste Freund, der Bruder, das Kind von der Bombe eines Selbstmordattentäters zerrissen wurde? Wie hält man diese Brutalität aus, die hier tagtäglich alles umgibt?

Johanna-Maria Fritz / Der Spiegel

3498 Zivilisten wurden vergangenes Jahr getötet, die meisten durch Attentate. Auch rund 7000 afghanische Sicherheitskräfte starben, das sind rund 30 Tote am Tag, eine unerträgliche Zahl.

Die Hauptstadt Kabul ist eine einzige Festung, sie erfährt gerade ihre blutigste Zeit seit Beginn der US-Invasion. Laufend gibt es Anschläge. Eines der schwersten Attentate, die es in der Hauptstadt je gegeben hat, traf am 31. Mai die deutsche Botschaft. Bei der Explosion der 1,5 Tonnen Sprengstoff starben mehr als 150 Menschen, 460 wurden verletzt. Das Botschaftsgebäude war fast leer, aber die Terroristen töteten viele Angestellte der Telefongesellschaft Roshan, die gegenüber untergebracht war - fast alle junge Hochschulabsolventen, die ihr Land hätten aufbauen können.

"Dieser Blutrausch muss aufhören", sagt Shaharzad Akbar. In einer Kunstaktion hat sie mit anderen Aktivisten von "Afghanistan 1400" im Februar den Kabul-Fluss eine Stunde lang rot gefärbt, als wäre er aus Blut, das durch das Herz der Hauptstadt fließt. "Mit ökologischer Lebensmittelfarbe", betont Akbar. Die Botschaft, dass dieser Krieg nicht gottgegeben ist, sondern von Menschen gemacht, sollte ins Bewusstsein der Bürger sickern. Die Medien berichteten darüber. Hunderte Passanten blieben an der Brücke stehen und diskutierten.

Aktivistin Akbar
Johanna-Maria Fritz / DER SPIEGEL

Aktivistin Akbar

Seit anderthalb Jahrzehnten scheitert die Weltgemeinschaft daran, die politischen Probleme in dieser Gegend zu lösen. Dabei wird durchaus vieles besser: Straßen durchziehen heute das Land, wo zuvor keine waren. Die Gesundheitsversorgung verbessert sich. Sogar die Post wird einigermaßen zuverlässig zugestellt.

Das Land hat Dirigentinnen hervorgebracht, Pilotinnen, Fallschirmjägerinnen, Unternehmerinnen. In fast allen Provinzen gibt es von Frauen geführte Radiosender und Tageszeitungen. Dutzende Fernsehstationen produzieren täglich politische Talkshows und senden Nachrichten aus aller Welt. 80 Prozent der Afghanen haben ein Handy, und die Universitäten und Hochschulen bringen jedes Jahr Zehntausende Absolventen hervor. Tausende junge Menschen haben im Ausland studiert.

Das Aufwachsen der neuen, gebildeten Generation ist vielleicht die revolutionärste Entwicklung der vergangenen Jahre. Diese Saat des Westens scheint aufgegangen. Die jungen Leute sind Kinder der globalen Weltgemeinschaft, die in vielerlei Hinsicht ähnlich denken wie junge Menschen in Europa oder den USA.

Vom Frieden ist Afghanistan trotz dieser gesellschaftlichen Fortschritte weiter entfernt denn je seit Beginn der westlichen Invasion vor 16 Jahren. Zu den ungeschriebenen Gesetzen des Überlebens in Kabul gehört es zu wissen, dass acht Uhr morgens die bevorzugte Uhrzeit der Selbstmordattentäter ist, mittwochs und samstags, also vor und nach dem islamischen Wochenende. Da sind die meisten Menschen auf der Straße. Viele Bewohner Kabuls gehen deshalb eine halbe Stunde früher oder später aus dem Haus. Sie meiden den Massoud-Kreisel nahe der US-Botschaft und die Flughafenstraße. Dort schlagen immer wieder Attentäter zu.

Der Kirmesplatz am Kabuler Zoo zählt neuerdings zu den gefährlichen Orten, weil sich dort angeblich Liebespaare treffen. Auch Gebetshäuser, in denen prominente Regierungsmitglieder beten, sind zu umgehen. Trendlokale wie das iCafe, Slice oder der 24/7-Pizza-Shop gelten als riskant, aber auch das schöne Spogmai-Restaurant am Qargha-See, wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt.

Stadtansicht von Kabul
DPA

Stadtansicht von Kabul

Zur Strategie der Taliban gehört, so viel Schrecken wie möglich zu verbreiten. Der afghanische Geheimdienst fand heraus, dass eine Koranschule in Chaman, einer pakistanischen Grenzstadt, angeblich Selbstmordattentäter für die Anschläge in Afghanistan ausbildet. Ziel sei es, so viele Menschen zu töten, dass das afghanische Volk gegen die Regierung in Kabul rebelliert, weil der Staat sie nicht schützen kann.

Die junge Elite stellt sich gegen diese Kultur der Gewalt, sie kämpft für tief greifende Veränderungen im Land. Im Hörsaal der Jahan-e-Noor-Universität, einem privaten Bildungsinstitut im Zentrum von Kabul, dürfen Frauen und Männer nebeneinander sitzen. Hier werden Journalisten ausgebildet, bald auch Politologen und Ökonomen. "Wir fordern einen funktionierenden Staat, soziale Gerechtigkeit, Chancen", sagt der Student Mohammed Shoib, 23, aus Baghlan. Das größte Problem für ihn und seine Freunde sei die traditionelle afghanische Gesellschaft. "Die Alten verstehen nichts, aber sie wollen noch immer alles bestimmen", sagt Shoib.

Der Kanzler der Jahan-e-Noor-Universität ist selbst erst 27 Jahre alt. Muslim Shirzad ist ein Medienstar. Sechs Jahre lang moderierte er eine prominente Politshow beim TV-Sender Tolo TV. Shirzad hat die politischen Schwergewichte des Landes interviewt, selbst mutmaßliche Kriegsverbrecher wie den amtierenden Vizepräsidenten Rashid Dostum. Ihn fragte Shirzad, woher er sein Vermögen habe und die vielen Waffen. Vor 15 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein so junger Mann öffentlich einen mächtigen Milizenchef herausfordert.

Unikanzler Shirzad
Johanna-Maria Fritz / DER SPIEGEL

Unikanzler Shirzad

"Ich bin in 50 Länder gereist, und am Ende wollte ich doch nur hier sein", sagt Shirzad. Er trägt seinen Kurzhaarschnitt mit Scheitel und einen eng anliegenden Anzug, dazu eine senfgelbe Krawatte. "Europa ist gut für Europäer, Australien ist gut für Australier, und Afghanistan ist gut für uns. Wir haben eine große Zukunft."

Was ist mit der Korruption, der Arbeitslosigkeit, den Bomben? Er halte sich an ein afghanisches Sprichwort, sagt Shirzad, in dem es heißt, man solle sich nicht verlieben, wenn man nicht das Herz eines Löwen habe. Das heißt: Wer keinen Mut besitzt, bleibt besser zu Hause. Das lehre er auf seiner Universität: "Hab Selbstvertrauen, du kannst es schaffen, du bist ein Held."

Seine Studentin Basira Joya lebt danach. Sie sagt: "Ich will den Frauen Gehör verschaffen, deren Stimme erstickt wurde." Sie ist 20, trägt ein loses Kopftuch über dem hochgesteckten Dutt, rote Schuhe und einen Minirock über den Leggins. Ihre Augenbrauen hat sie nachgezogen, den Mund rosa geschminkt. In die Hauptstadt ist sie erst vor zwei Jahren gezogen, sie wohnt hier mit ihren Brüdern. Inzwischen moderiert Joya die Nachrichten des Privatsenders Zan TV. Damit verdient sie ihr Geld fürs Studium und ihren Unterhalt.

Die neue Bildungselite verfolgt andere Ziele als die alten Kämpfer. Sie ist nicht mehr bereit, die ethnischen Feindschaften ihrer Väter weiterzuführen, nach denen das Land sortiert ist. Die jungen Leute wollen nicht mehr auf alte Männer hören, die Waffen besitzen, aber nicht mal lesen und schreiben können. Viele Ältere wiederum belächeln Bürgerbewegungen wie "Afghanistan 1400" als weltfremd und naiv.

Die Aktivisten treffen sich in ihrem kleinen Büro im Stadtteil Kolola Pushta einmal wöchentlich zu Strategiegesprächen. Es geht oft darum, ob man sich innerhalb oder außerhalb der Institutionen engagieren soll, die "gänzlich verrottet und disfunktional" seien. An der Wand steht "Give Peace a Chance".

Doch in einer Umgebung, in der die Gewalt regiert, ist es nicht einfach, noch an Frieden zu glauben. Die Aktivistin Shaharzad Akbar versuchte, sich nach dem Tod ihres Freundes mit dem Gedicht einer afghanischen Dichterin zu trösten: "Du riechst nach dem Stahl deiner Waffen, du riechst nach Blut, du riechst nach Opium. Küss mich, und lass all das hinter dir." Sie machte sich frühmorgens zu einer Wanderung in die Berge von Kabul auf und sagte die Worte immer wieder vor sich her.

Noch bevor die Sonne über der Hauptstadt stand, um fünf Uhr früh, war sie oben angekommen. Dort ist der Himmel klar, und der Blick ist frei auf das sandfarbene Kabul. Die Suche nach Schönheit helfe ihr, die Depression zu verscheuchen, sagt sie.

Shaharzad Akbar will die Gesellschaft weiter aufrütteln. Zuletzt pflanzte sie mit ihrer Bürgerbewegung "Afghanistan 1400" in den afghanischen Provinzen genau 3498 Bäume, als ehrenvolles Gedächtnis an jeden Zivilisten, der hier vergangenes Jahr unschuldig starb. "Das sind nicht nur Zahlen", sagt sie, "das sind Menschen, das sind wir."



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