AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Künstliche Intelligenz Wie Japan den Roboter neu erfinden will  

Regierungschef Shinzo Abe hat die "Roboterrevolution" ausgerufen: Automaten sollen den Personalmangel im Land lindern. Doch wie kreativ sind Japans Konzerne noch?

Roboterhund Aibo
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Roboterhund Aibo

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Tomoaki Kasuga, 61, erinnert sich noch genau an seinen letzten Arbeitstag bei Sony. Er dachte nur daran, möglichst schnell selbst eine Firma zu gründen und eigene Roboter zu entwickeln. Seine Bosse bei Sony, das spürte er seit Langem, interessierten sich kaum noch für Aibo, den Roboterhund, den Kasuga mitentwickelt hatte.

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Heft 46/2017
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Das war 2001, fünf Jahre später stellte der japanische Elektronikhersteller die Produktion des Aibo ein. Fortan war Sony mit sich selbst beschäftigt und mit seinem Niedergang als Kultmarke. Nach und nach zog sich das Unternehmen auch aus der Herstellung von Laptops und Flachbildschirmen zurück.

Japan war einmal das "Roboter-Königreich" - so ein Buchtitel. Doch in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten verloren auch andere japanische Konzerne ihren Ehrgeiz, Roboter für Unterhaltungszwecke zu entwickeln: Autobauer Toyota besitzt zwar Zweibeiner, die Trompete oder Geige spielen - aber auch um die wurde es still. Asimo, der Roboter von Konkurrent Honda, macht höchstens noch mal von sich reden, wenn er ausländischen Staatsgästen die Hände schüttelt.

Zwar produzieren die Japaner nach wie vor Armeen von Industrierobotern - Spezialhersteller wie Fanuc oder Yaskawa gehören zu den Weltmarktführern. Doch der japanische Traum, dem auch Ex-Sony-Mann Kasuga anhängt, schien ausgeträumt: Roboter zu ertüfteln, die auf zwei oder vier Beinen gehen und Menschen im Alltag begleiten. Nun meldet sich ausgerechnet Sony als Roboterwerkstatt zurück.

Mit einer neuen Version des Aibo. Im Januar wolle man den Roboterhund reanimieren, kündigte der Konzern vergangene Woche in Tokio an. Dann soll der smarte Köter nicht mehr nur mit dem Kopf wackeln können und über Wohnzimmerteppiche krabbeln. Ausgestattet mit künstlicher Intelligenz soll Aibo auch mit dem Internet verbunden sein. Als eine Art lernendes und sich laufend erneuerndes Cyberhaustier. Zum Einstiegspreis von 1500 Euro.

Aibos geplante Wiederbelebung passt in die industriepolitische Landschaft. Premier Shinzo Abe hat eine "Roboterrevolution" ausgerufen, er will verstärkt Automaten mobilisieren, um den Personalmangel in der alternden und schrumpfenden Gesellschaft zu lindern. Allein in der Altenpflege dürften in Japan Schätzungen zufolge im Jahr 2025 rund 380.000 Arbeitskräfte fehlen.

Der Anstoß für die geplante Renaissance der Roboter kommt von außen: Amerikanische Herausforderer wie Google oder Amazon sind dabei, den Alltag mithilfe künstlicher Intelligenz umzuwälzen. Japan fürchtet, immer weiter zurückzufallen.

Als der frühere Aibo-Entwickler Kasuga von der Wiederkehr des Roboterhundes erfuhr, freute er sich. Als er den Prototyp dann aber im Fernsehen sah, war er nur noch enttäuscht. Sony habe sich, meint er, wenig Neues einfallen lassen. "Der neue Aibo sieht zwar etwas niedlicher aus, dagegen wirkte der frühere aber moderner, futuristischer."

Künftig soll Aibo über WLAN mit einer Cloud verbunden sein. "Doch dafür braucht man keinen Roboter", bemängelt Kasuga, "dafür kann man sich auch einen Lautsprecher mit künstlicher Intelligenz etwa von Google oder Amazon hinstellen." Sony fehle offenbar der Mut, die Roboter-Evolution voranzutreiben und die Welt mit etwas völlig Neuem zu überraschen.

In welche Richtung sich die nächste Generation der Unterhaltungsroboter entwickeln müsste, führt Kasuga bei Speecys, seiner Tokioter Firma, vor. Kosaka Cocona heißt das jüngste Geschöpf aus seiner Produktion. Sie ist bildhübsch, hat blaue Augen und rote Haare. Sie sieht aus wie eine Comicfigur, und sie bewegt sich exakt so, wie ihr Besitzer es gern möchte.

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Kasuga tippt einen Befehl in den Computer: Kosaka Cocona hebt die Arme und beginnt zu tanzen. Im Rhythmus einer Popmelodie wiegt sie den Kopf und schiebt ein Bein vor das andere. Die Figur ist besonders leicht, weil ihre 34 Gelenke nicht mehr von einzelnen Motoren bewegt werden, sondern von dünnen Kunststofffäden - und die werden von einem zentralen Antrieb aus gelenkt.

"Roboter sollten elegant sein", sagt Kasuga. Sein Tanzroboter ist individuell programmierbar und 45 Zentimeter groß. Derzeit entwickelt Kasuga eine Version, die mehr als dreimal so groß sein wird. Er will sie an Manga-Fans verkaufen und an Geschäfte, die damit Kunden anlocken.

Japaner sind von der Idee besessen, menschenähnliche Roboter, sogenannte Humanoide, zu erschaffen. Einer, der den Traum nie aufgegeben hat, ist Atsuo Takanishi, Präsident der Gesellschaft für Robotik. In seinem Institut für Humanoide an der Waseda-Universität in Tokio stellt er seine bislang klügste Kreatur vor. Kobian heißt der Maschinenmensch, er misst 1,45 Meter. Damit sei er etwa so groß wie eine durchschnittliche Japanerin, sagt Takanishi. Mit seiner Mimik kann er sechs Gefühle ausdrücken: Angst, Glück, Überraschung, Trauer, Ärger, Abscheu.

"Wenn Roboter Emotionen verstehen, könnten sie Menschen dienen, ohne auf Kommandos zu warten." In etwa fünfzig Jahren, hofft Takanishi, können Humanoide so viel leisten wie Menschen. Auch Fahrzeuge sollen sie dann steuern. Das hält der Professor für praktikabler, als selbstfahrende Autos zu entwickeln.

Doch er sorgt sich um die Zukunft. Heimische Hersteller schaffen es meist nicht, für ihre Roboter attraktive Software zu entwickeln. Die Situation sei ähnlich wie bei den Handys, bei denen Apple die einst führenden Japaner mit dem iPhone übertrumpft hat.

Besserung ist nicht in Sicht: Die Nation der Mechaniker hat es versäumt, genügend Informatiker auszubilden, die zum Beispiel Algorithmen für künstliche Intelligenz entwickeln. Insgesamt fehlen rund 130.000 IT-Experten, bis 2020 könnte sich der Fehlbestand gar auf 190.000 Fachkräfte erhöhen, schätzt die Regierung in Tokio.

Den Konzernbossen mangelt es überdies an Risikobereitschaft. "In Japan veröffentlichen wir viele wissenschaftliche Arbeiten über Roboter", sagt Takanishi. "Aber wenn die Firmen unsere Erkenntnisse nicht nutzen, um marktreife Produkte zu entwickeln, fallen wir global zurück."

Stattdessen kaufen die Japaner verstärkt Know-how im Ausland. Masayoshi Son, der koreanischstämmige Gründerboss des Telekombetreibers Softbank, hat es mit Firmenkäufen und -beteiligungen zum Internetmilliardär gebracht. Er sieht kluge Roboter als Schlüssel für die nächste Stufe der IT-Revolution.

Ingeniuer Takanishi mit Kobian: Mimik für sechs Gefühle
Androniki Christodoulou / Agentur Focus

Ingeniuer Takanishi mit Kobian: Mimik für sechs Gefühle

Vor einigen Jahren erwarb Softbank Aldebaran, den französischen Hersteller des Roboters Pepper. In japanischen Banken und Geschäften begrüßt Pepper bereits die Kunden. An seiner Brust ist ein Tabletcomputer befestigt. Pepper bewegt sich auf Rollen und spricht mit piepsiger Stimme. Er ist der erste marktreife Humanoide, der menschliche Emotionen deuten kann, etwa anhand der Stimme seines Gesprächspartners. Pepper wird auch in Altersheimen in Tokio als Betreuer eingesetzt. Er animiert Greise zu Gymnastikübungen. Indes ist er nicht in der Lage, menschliche Pfleger voll zu ersetzen. Er ist vor allem ein Spielkamerad.

Demnächst könnte Sonys Aibo ihm Gesellschaft leisten. Mit dem Roboterhund will Sony offenbar beweisen, dass es seine Krise überwunden hat. Für das laufende Geschäftsjahr, das am 31. März endet, rechnet es mit einem Rekordgewinn von 630 Milliarden Yen. Neue Geräte tragen nur noch relativ wenig zur Bilanz bei. Sony ist heute der führende Zulieferer von optischen Sensoren, damit beliefert es insbesondere Smartphone-Hersteller wie Apple. Auch der wiedererweckte Aibo soll mithilfe der Sensoren seine Umwelt wahrnehmen.

Das heutige Sony hat nur noch wenig gemein mit der coolen Marke, die einst Weltneuheiten wie den Walkman erfand. "Die Kreativität ging verloren", sagt der frühere Sony-Mann Kasuga. Wenn jemand eine brillante Idee geäußert habe, hätten zehn Kollegen sogleich Bedenken angemeldet. Er ist froh, dass er nicht mehr dabei ist. Sonst hätte sein innovativer Manga-Roboter Kosaka Cocona nie das Licht der Welt erblickt. Wenn Roboter denn blicken können.



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