AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Fußballprofi Alan Ruschel Er überlebte den Flugzeugabsturz seines Teams - und jetzt?

Bei einem Flugzeugabsturz wurde Alan Ruschels Mannschaft Chapecoense fast komplett ausgelöscht. Er überlebte wie durch ein Wunder. Gelingt ihm nun sein Comeback?

Rekonvaleszent Ruschel in Barcelona
action press / zuma press

Rekonvaleszent Ruschel in Barcelona

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Als der brasilianische Fußballspieler Alan Ruschel am frühen Morgen des 29. November 2016 in die Notaufnahme eines Krankenhauses in den kolumbianischen Anden eingeliefert wurde, befürchteten die Ärzte das Schlimmste. Röntgenbilder zeigten einen glatten Bruch des zehnten Brustwirbels, der das Rückenmark beschädigt haben könnte. Ruschels Becken und ein Schienbein waren gebrochen. Er hatte Risse in der Bauchmuskulatur und tiefe Schnittwunden am ganzen Körper, die vermutlich vom Geäst der Bäume stammten, die die Wucht des aufprallenden Flugzeugs noch etwas gebremst hatten. Seine Blase war entzündet, weil er bis zu seiner Bergung fünf Stunden lang im kalten Regen eingeklemmt zwischen den Trümmern gelegen hatte.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

71 Menschen starben in dieser Nacht, als eine Chartermaschine der bolivianischen Fluggesellschaft LaMia an einem Berg vor Medellín zerschellte, darunter 19 Spieler des brasilianischen Fußballvereins Chapecoense, ihr Trainer, der Präsident, der Manager, der Pressesprecher sowie 20 Journalisten, die die Mannschaft zum wichtigsten Spiel ihrer Geschichte begleiteten. Ein ganzer Fußballklub, so schien es, wurde innerhalb weniger Sekunden ausgelöscht, aber Ruschel hatte es wie durch ein Wunder lebend aus dem Wrack geschafft. Sein Zustand stabilisierte sich, auch wenn noch nicht abzusehen war, ob er jemals wieder laufen würde.

Manchmal, wenn er in den Tagen danach kurz die Augen öffnete, erkannte er neben dem Bett die Umrisse seiner Verlobten. Er hörte das Gemurmel ihrer Gebete und die Stimme seines Vaters, der ihm vorsichtig erklärte, was geschehen war, aber die Worte drangen nicht zu ihm durch. Als die Ärzte wenig später den Schlauch des Beatmungsgeräts aus seinem Hals entfernten, erkundigte sich Ruschel, ob sie wenigstens das Spiel gewonnen hätten.

Er sei an einem Ort gewesen, der nicht mehr Diesseits war und noch nicht Jenseits, so beschrieb es Ruschel selbst einmal, und man muss sich das in Erinnerung rufen, wenn man ihn an einem Februarmorgen, 67 Tage nach dem Absturz, in einem fensterlosen Raum im Bauch des Stadions von Chapecó über ein Laufband joggen sieht. Es hat etwas Unwirkliches.

Ruschel trägt ein ärmelloses Trainingshemd und kurze blaue Shorts. Auf den vernarbten Schrammen, die seine Beine überziehen, glänzt der Schweiß. Sein Kopf ist noch ziemlich kahl. Rato haben ihn die anderen, die nicht mehr da sind, gerufen, Maus, weil er so klein und drahtig ist und ein spitzes Gesicht mit abstehenden Ohren hat. Ruschel bläst die Backen auf, während er versucht, mit dem entspannten Takt der Countrymusik Schritt zu halten, die aus Boxen dröhnt, die er hier kürzlich an die Wand gehängt hat. Als die Sänger Henrique und Diego zum Refrain ansetzen, singt Ruschel laut mit.

Bevor der Morgen dämmert,

Kommen wir zurück.

Ein Grinsen huscht über sein Gesicht. Dann dreht er sich zur Seite und blickt zu seinem Kumpel Hélio Neto, der neben ihm auf einem Fitnessfahrrad strampelt und mit einem stillen Lächeln nickt. In der Nacht des Absturzes saß Neto ein paar Reihen entfernt von Ruschel. Der dritte Überlebende des Vereins, der Ersatztorhüter Jakson Follmann, ist gerade in São Paulo, wo er mit einer neuen Beinprothese die ersten Schritte macht.

"Verdammte Scheiße, Neto, irgendwann stehen wir da draußen wieder auf dem Platz!"

Es ist Ruschels großer Traum, für den er in jenen Februartagen das Training wieder aufnimmt. Er selbst nennt es eine Mission, die Gott ihm mit auf seinen Weg gegeben habe, als er ihn für einen kurzen Augenblick in seinen Schoß nahm. Mai könnte es werden, vielleicht Juni, sagen die Ärzte, die keine wirkliche Erklärung für die Geschwindigkeit seiner Genesung haben, außer, dass er einfach unfassbares Glück gehabt hat.

Ruschel ist noch mal davongekommen, wie seine beiden Mannschaftskameraden, wie der Radioreporter Rafael Henzel und zwei Mitglieder der Crew, aber das Überleben war nur das eine. Das andere, nicht unbedingt Leichtere, ist das Weiterleben.

Ruschel muss jetzt klarkommen mit all den widersprüchlichen Gefühlen, die ihn abends vor dem Schlafen überfallen. Er muss versuchen, sich in eine Wirklichkeit zurückzutasten, die nicht mehr dieselbe ist. Es ist ziemlich viel, was derzeit auf ihn einprasselt.

Bis zu jener Nacht war Ruschel ein weitgehend unbekannter Provinzverteidiger, der auch mit 27 Jahren noch von einer Karriere in Europa träumte, von Duellen mit Messi, die er zu Hause an der Playstation durchspielte. Seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus begleiten Kameras so gut wie jeden seiner Schritte. Sie filmten, wie er sich zum ersten Mal aus seinem Rollstuhl hob. Sie waren dabei, als ihn nach seiner Rückkehr die Familie in die Arme schloss, und sie zoomten auf seine Tränen, als er wenig später in dem engen Pressekabuff des Vereins erklärte, dass er alles dafür tun werde, den Menschen in der Stadt etwas zurückzugeben.

Verlage wollen seine Geschichte drucken, und niemand würde sich wundern, wenn bald auch Hollywood anfragte.

Ruschel ist in diesen ersten Monaten des Jahres kein Sportler mehr, den man an Zweikampfwerten oder abgerissenen Kilometern misst. Er ist jetzt, wie Neto und auch Follmann, vor allem ein Symbol der Hoffnung, an dem man sich in Zeiten tiefster Trauer aufrichtet. Wenn es ihm gelingt, tatsächlich aus den Trümmern dieses Flugzeugwracks aufs Fußballfeld zurückzukehren, dann sind viele alltägliche Sorgen in ein anderes Licht gerückt. Das ist der Grund, weshalb die Welt nun Anteil nimmt an seiner Geschichte: Ruschels Auferstehung ist eigentlich ein Stoff wie aus der Bibel.

Chapecó ist eine Stadt im ländlichen Süden Brasiliens, deren Sound das Knattern rostiger Viehtransporter ist. Es gibt auffällig viele Eisdielen im Ort, ein paar Burgerbuden, und es gibt die Arena Condá, ein kleines, grün und weiß gestrichenes Fußballstadion, in dem Tausende Fans im November den Einzug ihrer Mannschaft in das Finale der Copa Sudamericana feierten. Es war der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Tage später besangen sie die Särge.

Trauernde Chapecoense-Anhängerinnen im November 2016
Buda Mendes / DER SPIEGEL

Trauernde Chapecoense-Anhängerinnen im November 2016

Noch heute kommen an normalen Wochentagen Menschen durch die offenen Tore, um für einige Minuten ihren Gedanken nachzuhängen. Sie setzen sich auf die Tribünen und blicken auf den leeren Rasen, auf dem die neue Mannschaft Ende Januar ein Freundschaftsspiel gegen Palmeiras bestritt. Vor dem Anpfiff schoben Ruschel und Neto den noch im Rollstuhl sitzenden Follmann in den Mittelkreis, wo sie gemeinsam den Pokal entgegennahmen, den ihnen der Finalgegner aus Medellín in einer großzügigen Geste überlassen hatte. Follmann trug ihn auf dem Schoß, als er ein letztes Mal den Fans zuwinkte.

An diesem Morgen wird die Stille nur von jener Countrymusik unterbrochen, die aus dem Kraftraum dringt, in dem Ruschel jetzt versucht, all diese Dinge langsam auszublenden.

Zwölf Kilo hat er verloren durch das lange Liegen. Ein paar sind mittlerweile wieder drauf. Acht Kilometer joggt er täglich auf dem Laufband, vier morgens und vier nachmittags. Dann folgen Etappen auf dem Hometrainer, Hanteltraining, Dehnübungen, ehe er sich auf den Boden legt und mit einem Gummiband an der Stabilität seiner Wirbelsäule arbeitet. Während Neto wohl noch einmal operiert wird, steigert Ruschel die Belastung jetzt kontinuierlich, aber er muss aufpassen, dass er nicht überzieht. An manchen Tagen sind die Schmerzen nach dem Training fast nicht auszuhalten.

Um sie zu lindern, steckt ihm der Physiotherapeut Guilherme Dias Carli nach dem Duschen ein paar lange Nadeln in den Rücken. Ruschel liegt ausgestreckt auf einer Massagebank. Hin und wieder stöhnt er auf. Er erzählt Guilherme, dass er für ein paar Tage den dreijährigen Sohn des Torhüters Danilo bei sich habe. Der Kleine frage ihn noch immer manchmal, wo sein Vater sei.

"Und, was sagst du ihm?"

Ruschel zeigt zur Decke.

"Was soll ich sagen, ein Stern am Himmel. Wie die anderen."

"Danilo", sagt er etwas später, als Guilherme aus dem Raum raus ist. "Hätte er im Halbfinale kurz vor Schluss den Ball nicht rausgefischt, dann wäre er noch hier. Warum ist er gestorben und nicht ich? Kann ich nicht sagen. Genauso wenig wie ich sagen kann, warum Follmann so darauf beharrt hat, dass ich mich auf einen freien Platz in seiner Reihe setze - wo ich vorher saß, sind alle tot. Hat er was geahnt? Wie Neto, der Tage vor dem Flug geträumt hat, dass wir abstürzen? Warum kann Neto sich erinnern, während in meinem Kopf alles gelöscht ist? Ich weiß es nicht, und vielleicht ist es auch besser so."

Ruschel spricht mit klaren, abgeklärten Sätzen. "Alles, was ich sagen kann", sagt er "ich arbeite so hart wie nie zuvor."

Ruschel hat Erfahrung im Zurückkommen. Kurz bevor er im Frühjahr 2016 nach Chapecó wechselte, war ihm das Kreuzband gerissen. Schon damals hat er Monate in diesem Fitnessraum verbracht. Er kämpfte sich ans Team heran, und ein paar Einsätze im Herbst machten ihm Hoffnung für das Spiel in Medellín. Es sollte der Höhepunkt seiner Karriere werden.

Ruschel ist schon für so viele Vereine aufgelaufen, dass er beim Aufzählen der Namen durcheinanderkommt. Er wechselte, er wurde verliehen und wieder verliehen, ohne dass er jemals irgendwo zur Ruhe kam. In Chapecó ist er bereits das zweite Mal. Es sei ein guter Ort, sagt er. Ein familiärer, solide wirtschaftender Verein, der in den letzten Jahren von der vierten in die erste Liga durchmarschiert ist. Ruschels verstorbener Trainer Caio Júnior nannte den Klub einmal das "Leicester von Brasilien".

Ruschels Vertrag läuft noch bis Ende Mai. Der neue Manager hat ihm versprochen, dass er verlängert wird, wenn Ruschel will, aber das ist eine Frage, die sich eigentlich nicht stellt. Ruschel sagt, es sei nicht der Moment zu gehen. Er gehöre jetzt hierher. Und abgesehen davon: Welcher Klub verpflichte einen Spieler, der nicht mal weiß, ob sein Körper jemals wieder der Belastung eines Profispiels standhält?

Was, wenn es nichts wird?

Ruschel richtet sich auf seiner Liege auf.

"Ich weiß es nicht", sagt er. "Seit ich so alt war wie Danilos Sohn heute, drehte sich mein Leben nur um Fußball. Ich hatte nie einen Plan B."

Sein Vater, sagt er, habe zwar eine kleine Lederschuhfabrik, wo immer eine Stelle für ihn frei sei, aber trotzdem sei er es, der die Familie im Wesentlichen unterhalte. Ruschels Verlobte Marina Storchi, eine Designerin, die während seiner Zeit beim Zweitligisten Juventude zum schönsten Fan des Klubs gewählt wurde, hatte nach dem Absturz ihren Job gekündigt, um sich ganz um ihn zu kümmern. Es kommt vieles zusammen. Die Karriere eines Profifußballers sei kurz, sagt der Physiotherapeut Guilherme. Ruschel stehe unter Druck. Man müsse ihn bremsen in seiner Ungeduld, aber das ist es nicht allein.

Die Welt, in der sich Ruschel seit seiner Jugend bewegt, ist auch ein Schutzraum, in dem das Leben weitgehend abgeschottet von der Öffentlichkeit den immer gleichen Abläufen folgt. Es ist eine Gegenwartsblase, deren Horizont das nächste Spiel ist, das nächste Interview, die nächste Einheit auf dem Laufband. Man lernt in dieser Blase, nicht zurückzublicken. Statt verlorenen Chancen nachzutrauern, setzt man sich täglich neue, überschaubare Ziele.

Kreuz an der Unfallstelle bei Medellín
Nicolò Filippo Rosso / DER SPIEGEL

Kreuz an der Unfallstelle bei Medellín

Nachdem es Ruschel vorübergehend aus der Geborgenheit dieser Routine herauskatapultiert hat, schlüpft er dort jetzt wieder hinein. Er bleibt länger beim Training, als er muss. Ganze Tage verbringt er in diesem Kabinentrakt, wo er nach dem Duschen häufig einfach auf den Liegen rumhängt, auf sein Smartphone starrt oder mit denen quatscht, die gerade da sind. Anders als zu Hause ist hier immer irgendjemand.

Hier ist Guilherme, ein nachdenklicher junger Mann, der sagt, er habe einen älteren Kollegen auf dem Gewissen, weil er ihm bei der Reise nach Kolumbien den Vortritt ließ. Hier ist Sirli, die früher im Bürgermeisteramt gejobbt hat und jetzt die Pressesprecherstelle ihres toten Mannes übernommen hat, um ihre beiden Kinder durchzubringen. Sie alle haben ihre eigene Geschichte. Sie teilen ihre Trauer, und es braucht nicht viele Worte.

Weißt du noch, wie der Rangel mal hier stand und groß erklärte, dass er als Mittelstürmer doch nicht mit zurückmüsse, um beim Verteidigen zu helfen?, sagt Ruschel einmal zu Guilherme.

Weiß ich noch. Der Trainer stand hinter der Tür und lauschte.

Und im nächsten Spiel macht er zwei Buden.

Im März stellt Ruschel ein Foto auf seinen Instagram-Kanal, das ihn auf einer Trage zeigt. Marina beugt sich über ihn. "Zu unserem Vierjährigen: ein Bild statt tausend Worten", schreibt er darunter. Er postet ein Video, auf dem er beim Gewichtdrücken beinahe kotzt. Er filmt, wie Follmann mit seiner neuen Beinprothese durch die Kabine tanzt.

Anders als Ruschel erinnert Follmann sich an jene Stunden, als er eingeklemmt zwischen den Wrackteilen lag. An den kalten Regen, der ihm ins Gesicht klatschte. Er weiß noch, wie er zitterte und wartete und wie seine Hilferufe durch die Totenstille hallten. 56 Tage hat er danach im Krankenhaus verbracht, wo ihm die Ärzte unterhalb des rechten Knies das Bein abnahmen. Jetzt ist er wieder hier, um seine Reha fortzusetzen.

Follmann ist ein groß gewachsener, kräftiger Mann mit kurzen blonden Haaren, dessen Gesicht noch die verschwommenen Züge eines Abiturienten hat. An einem Vormittag im April liegt er neben Ruschel auf einer der Massagebänke. Sein linker Fuß, in dem weiterhin eine 24-Zentimeter-Metallplatte steckt, ist an eine Kühlmaschine angeschlossen.

Ruschel filmt ihn mit dem Handy.

"Der beste Torwart aller Zeiten", ruft er.

"Witzig, Rato."

Eigentlich war geplant, dass Follmann in dieser Saison die Stelle von Danilo einnimmt, der vor einem Wechsel zu einem größeren Klub stand. Jetzt lernt er wieder, sich allein anzuziehen. Zum Stadion fährt ihn seine Freundin Andressa, weil er bis jetzt noch nicht dazu gekommen ist, den Führerschein für Behinderte zu machen.

Trotzdem ist Follmann für viele das größte Phänomen. Als ihm Andressa nach dem Aufwachen im Krankenhaus einen Kuss gab, lächelte er sie an und sagte, dass es Wichtigeres gebe als ein Bein. Tage später erklärte er in einer Fernsehshow, dass er sein Lachen nicht verlieren wolle. Dann legte er eine Gitarre auf sein halbes Bein und sang ein Liebeslied.

"Es war unglaublich", sagt Andressa einmal während einer Autofahrt, "immer wenn wir litten, baute er uns auf."

Sollte es in Follmann eine Sehnsucht auslösen, dass Ruschel bald wieder spielt, er lässt es sich nicht anmerken. "Ich freue mich für ihn", sagt er. "Mein Traum ist unterbrochen worden, aber Rato lebt seinen jetzt wieder."

Sie kennen sich, seit sie vor ein paar Jahren bei Juventude gemeinsam ihre ersten Schritte in den Profifußball machten. Der Absturz, sagen beide, habe ihre Freundschaft noch vertieft. Follmann hat Ruschel kürzlich gebeten, bei seiner Hochzeit im August sein Trauzeuge zu sein. Umgekehrt ist Follmann jetzt der Mensch, dem Ruschel anvertraut, dass er das Haus nicht mehr verlässt, ohne sich mit einer Umarmung zu verabschieden. Ihm erzählt er es, wenn er sich fragt, ob die Ärzte vielleicht doch etwas übersehen haben.

Ruhig bleiben, Rato, sagt Follmann ihm dann. Das war kein Mofaunfall. Ich will nie wieder irgendwelche Klagen hören.

Es gibt kein Drehbuch dafür, wie ein Mensch aus einem Flugzeugwrack herauskommt. Jeder hat seinen eigenen Weg. Während Ruschel Halt findet in den vertrauten Abläufen, taucht Neto immer tiefer in seine Gebete ab. Follmann, so sieht es aus, umarmt das Leben. Er versucht jetzt, Möglichkeiten zu erkennen, die er vorher nicht gesehen hat. Ein Studium an der Uni. Ein Job beim Fernsehen. Was Repräsentatives für den Klub. Auf jeden Fall, sagt er, wolle er wie Ruschel jetzt nicht aus Chapecó wegziehen.

Es scheint, als wären sie in dem Augenblick, in dem sie fast gegangen wären, zum ersten Mal irgendwo angekommen.

Es war ein Zufall, dass sich das Unglück ausgerechnet in einer Woche ereignete, in der das Unbehagen am modernen Fußball in Europa wieder einmal wuchs. Während Football Leaks immer neue, dubiose Geschäftspraktiken der Branche enthüllte, zeigte der Sport in Südamerika, was er in seinem Wesen ist: ein einfaches, die Welt verbindendes Spiel, das Emotionen freisetzt wie kein zweites. Anders jedenfalls lässt sich die Welle von Solidarität, die auf den Absturz folgte, kaum erklären.

Am Abend des Finales standen knapp 50.000 weiß gekleidete Kolumbianer im Stadion von Medellín und sangen die Vereinshymne der Brasilianer, die nicht angekommen waren. Im Januar trafen sich die Nationalmannschaften beider Länder zu einem Freundschaftsspiel, dessen Einnahmen den Angehörigen zugutekamen, und Stars wie Ronaldinho brachten sich als Aushilfsspieler ins Gespräch. Wertvoller aber war, dass der Finalgegner Atletico Nacional Chapecoense den Titel überließ, was gleichbedeutend war mit der Qualifikation für die südamerikanische Champions League. Rui Costa, der neue Manager, nennt dies die "Finanzspritze", die dem Klub das Leben rettete.

Costa, ein 46-jähriger Jurist, war im Mai 2016 beim brasilianischen Erstligisten Grêmio Porto Alegre entlassen worden. Den Sommer verbrachte er in Europa, um sich bei Vereinen wie dem FC Barcelona fortzubilden. Als er am 9. Dezember, elf Tage nach dem Absturz, sein neues Amt antrat, fand er einen einzigen einsatzfähigen Spieler vor, der aufgrund einer Verletzung nicht mit nach Kolumbien gereist war.

"Es war ein Wahnsinn", sagt Costa an einem Morgen in dem kleinen Besprechungszimmer neben dem Kraftraum. "Hätten wir nicht bis zum 3. Januar ein neues Team gemeldet, würde es uns heute nicht mehr geben."

Es waren Tage, in denen Costa in keiner Nacht mehr als vier Stunden schlief. Während vor seinem Büro verzweifelte Mütter standen, die nicht mehr wussten, wer jetzt ihre Medikamente oder Hauskredite zahlen würde, versuchte er, Spielerberater davon zu überzeugen, dass sein Verein für ihre Klienten eine Chance sei.

"Wir sind jetzt eine Vitrine", sagt Costa. "Die ganze Welt schaut uns beim Aufbau einer neuen Mannschaft zu."

Es war nicht das schlechteste Argument.

Costa gelang es, ein paar Juniorennationalspieler auf Leihbasis nach Chapecó zu lotsen, die die Aussicht auf mehr Spielanteile lockte. Dazu kamen ablösefreie Talente, die unzufrieden waren bei ihren Klubs, oder Veteranen wie der Innenverteidiger Douglas Grolli, der schon einmal für Chapecoense spielte und sich im Advent aus dem Italienurlaub meldete, weil er beim Wiederaufbau helfen wolle.

Einer wie Grolli, ein bodenständiger, langer Kerl mit roten Sommersprossen, das ist eher ihre Kragenweite als ein Weltstar wie Ronaldinho, bei dem sich viele im Klub fragten, was er in ihrer Schweinezüchtergegend will.

Wenn man Costa fragt, welche Rolle Ruschel künftig spielen werde, dann sagt er, dass er eine Brücke darstelle zwischen der Vergangenheit des Klubs und seiner Zukunft. "Wenn er zum ersten Mal da draußen wieder einläuft, das wird ein Gänsehautmoment für unsere Stadt."

Es ist schwer zu sagen, was das größere Wunder ist: Ruschels rasche Genesung oder die parallel verlaufende Wiedergeburt des Vereins, der Anfang Mai das Endspiel um die Meisterschaft des Bundesstaates Santa Catarina gewinnen sollte.

An einem sonnigen Morgen kurz vor diesem Spiel geht Ruschel erstmals auf Tuchfühlung mit seiner neuen Mannschaft. Auf einem der Plätze des Trainingszentrums, das sich draußen in den grünen Hügeln vor der Stadt befindet, steht er mit den anderen in einem Kreis. Der Geruch von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. Der Trainer spricht ein paar Worte zur Begrüßung, ehe Ruschel kurz darauf am Rand des Platzes seine Übungen aufnimmt.

Es ist wie in der D-Jugend: ein paar Schritte nach vorn, Pass, ein paar Schritte zurück. Ein paar Schritte nach vorn, Pass, ein paar Schritte zurück. Dann dribbelt er sich mit dem Ball am Fuß durch ein paar Slalomstangen und schießt aus kurzer Distanz auf ein kleines Tor, und auch, wenn er es meistens noch verfehlt, wirkt Ruschel frei und übermütig wie ein kleiner Junge.

Er weiß jetzt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis er zu den anderen stoßen wird, die auf dem Nebenplatz ein lockeres Trainingsspielchen machen. Der Abstand wird mit jedem Tag geringer. Es sind Wochen, in denen das Vertrauen in den Körper langsam wiederkommt, das Gefühl für den Ball. Als er Anfang Mai ins Mannschaftstraining einsteigt, bestreitet er die ersten Zweikämpfe, und je weniger die anderen ihn schonen, desto mehr fühlt er sich wieder wie ein ganz normaler Spieler.

Er werde ruhiger, sagt Guilherme.

Er gibt jetzt kaum noch Interviews.

Wenn Ruschel nach dem Duschen wortlos abrauscht, tritt er das Gaspedal seines weißen Range Rover kräftig nach unten. Die Kurven nimmt er auf der Gegenfahrbahn. Er fährt nicht wie ein Mann, der immer noch andauernd daran denkt, dass er vor Kurzem in einen größeren Verkehrsunfall verwickelt war.

Traumaforscher aus den USA haben herausgefunden, dass Soldaten, die schwer verwundet aus einem Krieg heimkehren, nicht selten besser mit ihren Erfahrungen zurechtkommen als andere, die äußerlich so gut wie unversehrt sind. Sie glauben, dass die Offensichtlichkeit einer Verletzung die Situation greifbarer erscheinen lässt. Und die Konzentration auf die körperliche Wiederherstellung bedeutet, dass es in der ersten Phase nach dem Schock weniger Raum gibt für beunruhigende Fragen. Aber die Rolle des Überlebenden streift man nicht so einfach ab.

Es ist eine Erfahrung, die Ruschel, Follmann und Neto machen, als sie sich an einem Tag im Mai im Nieselregen auf einem dicht bewachsenen Trampelpfad in Richtung der Unfallstelle schlagen. Cerro El Gordo hieß der Berg, der Dicke, heute heißt er Cerro Chapecoense. Ruschel hält Marina an der Hand. Neto hat seine drei Kinder im Schlepptau. Follmann stützt sich auf die Schultern zweier Rettungskräfte, die ihn vor Monaten hier aus dem Wrack gezogen haben. Seine Prothese versinkt im Matsch.

Überlebender Follmann im Januar im Stadion von Chapecó
picture alliance / DPA / Antonio Cicer

Überlebender Follmann im Januar im Stadion von Chapecó

Nach einer Weile öffnet sich die Böschung, und sie stehen oben auf einem Grat, der den Blick freigibt auf eine kleine Bergspalte. Gegenüber, auf der anderen Kuppe, wo das Flugzeug gegen den Fels prallte, steht ein Holzkreuz mit zwei gelben Schwimmwesten. Von dort rutschte es den Hang hinunter und schlug eine skipistenartige Schneise in den Wald, ehe es weiter unten auf einer Lichtung völlig zerborsten zum Stillstand kam.

"Wir können da nicht runter", meint einer der Männer, die Follmann stützen. "Der Boden ist zu seifig, das Gelände ist zu steil."

"Ich habe es bis hier geschafft", sagt Follmann. "Jetzt gehe ich auch noch den Rest."

Sie sind in Medellín, weil der Spielplan es so wollte. Chapecoense trifft wieder auf Atlético Nacional. Als sie gestern im Hotel eincheckten, wurden sie wie Staatsgäste begrüßt, mit Hymne und weißen Rosen. Der neue Präsident sagte in einer bewegenden Rede, dass sie nun stellvertretend für die anderen in Medellín gelandet seien. Ruschel, Follmann und Neto sind Teil der Delegation, weil sie sich bedanken wollen bei den Rettungskräften, und irgendjemand kam dann auf die Idee mit dem Besuch der Unfallstelle.

Ruschel, der insgeheim darauf gehofft hatte, noch in den Kader für das Spiel zu rutschen, war zunächst dagegen. Er fürchtete, dass alte Wunden aufreißen könnten. Auch Follmann zögerte, aber dann redete Neto auf die beiden ein, weil er seine Erinnerungen nicht allein einem Wirklichkeitsabgleich unterziehen wollte.

Also stapfen sie jetzt durch Matsch, in dem noch immer Trümmerteile stecken, Schrauben, Adapter, Teebeutel. Anwohner haben einen Altar errichtet, vor dem einige Poster verstorbener Spieler liegen.

Neto beugt sich darüber.

"Da vorne, Ananias", flüstert er einem Mann in orangefarbener Weste zu. "Der war so jung, den wollten alle haben."

Ruschel und seine Verlobte entfernen sich ein paar Schritte bis zu einer Anhöhe, von der sie einen guten Blick auf die Schneise haben. Mit seinen Armen simuliert Ruschel das Abrutschen des Flugzeugs. Dann deutet er mit Kopfschütteln hinüber zum Fuß des Hangs, wo sich Follmann gerade schwer atmend auf einem herausgerissenen Baumstamm niedergelassen hat. Ein Sanitäter sagt ihm, dass er jetzt in etwa an der Stelle sitze, wo sie ihn gefunden hätten, neben einer Turbine, begraben von der Leiche eines Journalisten.

"Schwierig", murmelt Follmann.

Andressa, die neben ihm sitzt, bricht in Tränen aus. Nachdem sie sich minutenlang schweigend im Arm gehalten haben, findet Follmann seine Fassung wieder.

"Rato!", ruft er. "Komm mal rüber."

Als sich Ruschel zu ihm hockt, fragt Follmann ihn im Flüsterton, ob er gewusst habe, dass sie 50 Meter auseinanderlagen, obwohl sie in derselben Reihe saßen. Ruschel nickt, als würde er in seinem Kopf nach dem Reset-Knopf suchen, der seine Erinnerungen wieder aktiviert. "Unglaublich", sagt er. "Hast du gesehen, von da drüben sieht man die Landebahn?"

Dann schweigen sie wieder.

Neto setzt an zu einem Gebet.

Immer dann, wenn Flugzeuglärm die Stille unterbricht, blicken sie zum Himmel.

Es ist ein Ort, der sprachlos macht. Ein Ort, der nichts erklärt, auch wenn sie jetzt besser verstehen, wie sie aus dem Wrack gefunden haben. War es Pech, dass ihnen vier Minuten vor dem Ziel der Treibstoff ausging? Oder war es Glück im Unglück, weil das Flugzeug durch die leeren Tanks nicht explodierte? Wie kann es sein, dass niemand mitbekam, dass diese Charterfirma, die nur über eine einzige flugfähige Maschine verfügte, schon häufiger aus Spargründen auf kostspielige Tankstopps verzichtet hatte? Warum hat es Messi nicht erwischt, der zwei Wochen zuvor im selben Flieger saß?

Ob dieser Tag ein Abschluss für ihn sei, wollen ein paar Fernsehjournalisten von Follmann wissen, bevor er wieder in den Hang steigt. Follmann versucht ein Lächeln. Dann sagt er: "Ich fürchte, es ist viel eher ein Anfang."

Kurz zuvor hatte Follmann einen Vertrag beim Fernsehsender Fox Sports unterschrieben, für den er künftig vor allem die Spiele von Chapecoense kommentieren wird. Seit Juli ist er offizieller Botschafter des Klubs. Während seines ersten Auftritts erklärt er einer Schulklasse aus Chapecó, dass man neben dem Sport das Lernen nicht vergessen sollte.

"Das Wissen", sagt Follmann, "ist etwas, das uns niemand nimmt."

Überreste der abgestürzten Maschine
AP

Überreste der abgestürzten Maschine

Ruschels Geduld hingegen wird in diesen Tagen noch einmal auf die Probe gestellt. Nachdem ihn die medizinische Abteilung im Mai für vollständig gesund erklärt hat, ziehen sich die Verhandlungen zu seinem auslaufenden Vertrag. Es hängt jetzt an bürokratischen Details, weil sich durch Ruschels Unfall ein paar Versicherungsfragen neu stellen. Bis sich die Dinge Ende Juni klären, rutscht seine furios in die Erstligasaison gestartete Mannschaft immer tiefer in den Keller der Tabelle. Als der neue Manager Rui Costa im Juli nach fünf sieglosen Spielen überraschend den Trainer entlässt, gilt dies vielen als weiterer Schritt zurück in die Normalität.

Anfang August reist der Verein zum ersten Mal in seiner Geschichte nach Europa. Der FC Barcelona hat Chapecoense eingeladen, um mit einem Freundschaftsspiel die Toten zu ehren. An diesem Montag, 252 Tage nach der Tragödie, scheint die Sonne über dem Camp Nou, als Alan Ruschel seine neue Mannschaft mit der Kapitänsbinde am Arm aufs Feld führt. Während Ruschel nach den Hymnen von Messi in den Arm genommen wird, stockt dem Radioreporter Henzel, der damals auch im Flugzeug saß, die Stimme.

"Was für eine Feier des Lebens!", ruft Henzel oben in seinem Kabuff.

Wenig später ist Ruschels Warten dann endgültig vorbei. Sekunden nachdem Neto und Follmann das Spiel symbolisch angestoßen haben, lässt er den spanischen Mittelfeldspieler Sergio Busquets mit einem Dribbling stehen und passt den Ball so scharf zu einem Mitspieler, dass sich das Stadion erhebt.

Ich will kein Mitleid, hatte Ruschel vor dem Spiel gesagt. Wenn es nicht reicht, dann suche ich mir etwas anderes, aber jetzt rennt und grätscht er, als wollte er es seinem neuen Trainer zeigen. 35 Minuten hält er durch. Als er nach dem Duschen in der Mixed Zone vor den Reportern steht, strahlen seine Augen. "Vor mir liegen jetzt noch acht oder zehn Jahre als Fußballer", sagt er. "Und die will ich nutzen."



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grainer16 16.08.2017
1. Danke
für diese Geschichte. Dafür habe ich den Spiegel abonniert. Vielleicht bin ich sentimental, aber mir kamen beim Lesen die Tränen. Der Stoff für Hollywood.
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