AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Kolumne Als deutscher Trinker in die Welt

Unser Autor zieht ins Ausland und fragt sich: Wohin mit den Schnapsflaschen, die sich über die Jahre angesammelt haben?

Alexander Osang / DER SPIEGEL


Gerade waren die Möbelpacker bei uns zu Hause, um die Sachen einzuladen, die uns nach Israel begleiten, wo wir demnächst hinziehen. Ich musste entscheiden, was mitgeht und was eingelagert wird. Für jemanden wie mich, der sich schwer von Dingen trennen kann, ist das wie Therapie. Ich kann Sachen loswerden, ohne sie wegzuwerfen. Man lagert all die wichtigen Bücher, die man sowieso nie liest, im Fegefeuer, wo schon die Belegexemplare der eigenen Bücher kokeln und die vielen unnützen Geschenke von Freunden und Verwandten, die man liebt.

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Irgendwann hatte sich einer der Packer zum Fach mit den Schnapsvorräten vorgearbeitet. Dort stand neben Gin, Tequila, Grappa und verschiedenen Whiskys auch eine Flasche Champagner, die ich vor vielen Jahren von meinem Herausgeber Rudolf Augstein geschenkt bekommen habe. Es handelt sich um Jahrgangschampagner. Ich habe nie einen angemessenen Zeitpunkt gefunden, die Flasche zu öffnen. Mit Augsteins Tod war das noch schwieriger geworden. Mein eigener Tod wäre vielleicht ein Anlass. Für diesen Fall sollte man die Flasche vielleicht mitnehmen, dachte ich. Man weiß nie, wann es einen trifft. Dann steht meine Frau in Tel Aviv neben meinem Sarg, und Augsteins Champagner liegt irgendwo zwischen dem "Mann ohne Eigenschaften" und den Marx-Bänden in einem Container am Kieler Hafen. Das sind so die Gedanken, die ich habe, wenn's ans Einpacken geht. Ich denke an meinen Tod, wenn ich mich von einer Socke trenne.

"Wat is'n mit Alkohol in Israel?", rief der Möbelpacker in die Tiefen unserer Wohnung, wo seine Kollegen Dinge einpackten, die man im Laufe eines Lebens ansammelt.

Es ist ein renommiertes Umzugsunternehmen, sie haben die Schreibtische von vielen SPIEGEL-Korrespondenten durch die Welt bewegt.

"Alkohol ist bei Arabern nicht erlaubt", rief der Kollege.

"Ich weiß", sagte der andere. "In Amerika darf man auch keinen einführen. Aber in Israel leben ja eher Juden."

Er sah mich an. Ich nickte.

Das konnte man so sagen.

Mir fiel ein, wie ich vor ein paar Jahren im Hobbykeller eines engen Beraters von Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah in Kuwait so viele Biere getrunken hatte wie zuletzt während des Studentenfaschings in Leipzig. Irgendwann, nach einem Abschiedsschnaps und einem zweiten, fuhr mich der Wingman des Scheichs, der nicht weniger Bier im Kopf hatte, in seinem Bentley ins Hotel. In Teheran, Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, nahm ich mal an einer Hochzeitsfeier teil, auf der der Whisky in Strömen floss. Die Party fand in einer Tiefgarage statt. Das Trinkverhalten der Iraner erinnerte mich an das der Amerikaner, der Russen und der Schweden. Shots trinken, bis man alles vergessen hat. Schmerz, Dunkelheit, Gott und die Hypothek aufs Haus. Ich war mal auf einem Barbecue von Tabakfarmern in North Carolina, einem amerikanischen Bundesstaat, in dem man Schnaps nur in gut gesicherten Läden kaufen kann, die mich immer an Sexshops erinnerten. Es gab nur Brause, aber die männlichen Farmer schwankten immer bedenklicher, je später es wurde. Irgendwann sagte mir die Tochter des Gastgebers, dass die Gäste zum Saufen in die Scheune gingen.

Der Packer sah mich an. Die Uhr tickte. Sollte ich ihm vom Scheich erzählen?

Vielleicht war es der Abschiedsschmerz, aber ich hatte den Eindruck: Wir berührten die ganz großen Fragen. Sage mir, ob du Schnaps in mein Land bringen willst, und ich sage dir, wer du bist. Und du sage mir, ob du mir meine Flasche an der Grenze abnehmen willst, dann sage ich dir, wer du bist.

Ich komme aus einem Teil Deutschlands, in dem man sich mit einer Flasche Schnaps in die Ferien verabschiedete und mit einer weiteren zurückmeldete. Während meines Volontariats bei der außenpolitischen Zeitschrift "Horizont" gingen die Redakteure mittags gern in die Kneipe "Zur letzten Instanz", aßen ein Eisbein, tranken drei große Biere und kehrten dann an ihre Schreibtische zurück, um den Weltimperialismus zu sezieren. Auf einer Reise an die Erdgastrasse im Ural sah ich an Tagen, als Schnaps ausgeschenkt wurde, bewusstlose Männer am Straßenrand herumliegen wie Roadkill. Es war die Zeit, in der Gorbatschow neben Perestroika und Glasnost auch ein neues Trinkverhalten seiner Landsleute durchsetzen wollte. Hat alles nicht funktioniert. Wir trinken, wie wir sind.

Ende vorigen Jahres, um die Weihnachtszeit, erzählte mir ein Bekannter in einem Berliner Restaurant, dass er die Italiener dafür bewundere, dass sie nach zwei Gläsern Wein aufhörten zu trinken. Dann bestellte er die dritte Flasche Rotwein. Wenig später wandten wir uns der #MeToo-Debatte zu. Man muss ein bisschen vorsichtig sein, aber ich habe das Gefühl, dass wir Deutschen trinken, um reden zu können.

Es fällt einem besonders auf, wenn man nicht trinkt, wie ich gerade. Es kommt vor, dass mir ein Freund auf einer Party dreimal am Abend dieselbe Geschichte erzählt. Am emotionalsten, am detailliertesten, am ausschweifendsten ist sie beim dritten Mal. Keine Vorsicht mehr, kein Misstrauen, die pure Freude am Erzählen. In diesen Momenten hätte ich gern einen Drink. Auch, weil ich keine Apfelschorle mehr sehen kann.

Nach einem kurzen Telefonat mit der Firmenzentrale erklärte mir der Packer: Wurst darf man nicht einführen, Schnaps geht aber in Israel.

Ich finde, das klingt nicht schlecht.

Ich schickte Gin und Whisky auf die Reise nach Tel Aviv, trug Rudolf Augsteins Champagner aber in den Berliner Keller. Ich weiß gar nicht, ob er noch gut ist. Ich habe gelesen, dass man ihn kühl, dunkel und liegend lagern sollte. Bei mir stand er jahrelang wie ein Pokal in der Sonne.

Ich glaub, ich nehme ihn mit ins Grab.

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