AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

AfD-Spitzenkandidatin Das erste Leben der Alice Weidel

Sie ist lesbisch und zieht zwei Kinder mit einer in Sri Lanka geborenen Partnerin groß: Wie kommt diese Frau an die Spitze der AfD? Eine Spurensuche bei ehemaligen Weggefährten.

Alice Weidel
Hermann Bredehorst

Alice Weidel


Dieser Beitrag gehört zu den meistgelesenen SPIEGEL-Plus-Texten 2017


Alice Weidel steht im Foyer des Kölner Maritim-Hotels, Ende April, der zweite Tag des AfD-Bundesparteitags. Tags zuvor wurde Parteichefin Frauke Petry auf offener Bühne gedemütigt, nun müssen die Delegierten entscheiden, wer die Partei an ihrer Stelle in die Bundestagswahl führen soll.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Alice Weidel gilt als heißer Tipp.

Wie schätzt sie selbst ihre Chancen ein? Weidel erklärt, das sei alles ein großes Missverständnis.

"Ich muss gar nicht Spitzenkandidatin sein, ich brauche das nicht. Ganz ehrlich, ich würde mich sogar verschlechtern. Ich stehe sowieso vorn auf der Liste, ich habe eine Firma, ich habe ein Privatleben." Weidel spricht immer lauter. Umstehende Journalisten und Parteifreunde horchen auf, schlendern neugierig zu ihr. Die AfD-Frau fasst jeden scharf ins Auge, der neu in die Runde tritt: "Verzeihung, sind Sie AfD-Mitglied oder Journalist?" AfD-Leute schickt Weidel gleich wieder fort. "Bitte haben Sie Verständnis, ich spreche jetzt mit den Medien. Meine Rede vor der Partei halte ich ja gleich noch." Der AfD wird Weidel später auf der Bühne eine ganz andere Geschichte erzählen. Ihrer Partei sagt sie, dass sie "für unser Deutschland kämpfen", das Land "rocken" wolle, "so wahr mir Gott helfe". Sie tut so, als wäre die Spitzenkandidatur die höchste Auszeichnung, die sie je erfahren hätte.

Seither führt Weidel mit Alexander Gauland den Wahlkampf der AfD, und immer noch ist unklar, was sie eigentlich antreibt. Wieso kandidiert eine lesbische Frau für eine Partei, die schwule Paare mit Kindern nicht für vollwertige Familien hält? Wieso verharmlost Weidel den Rassismus der AfD, obwohl ihre Lebenspartnerin aus Sri Lanka stammt, die gemeinsamen Kinder dunkelhäutig sind?

Wieso engagiert sich die stets elegant gekleidete Ökonomin für die selbst ernannte "Partei der kleinen Leute", deren Anhänger sich auf Marktplätzen vor Wut die Lunge aus dem Leib brüllen? Im Machttableau der Rechtspopulisten ist Weidel die Rolle der gemäßigten Liberalen zugewiesen, sie soll den letzten Rest der braven Lucke-AfD verkörpern, die bürgerliche Wähler noch mit Zahlen und nicht mit Stammtischparolen locken wollte.

Doch von Anfang an hatte Weidels Fassade Risse, und es brechen ständig neue auf: Schweizer Zeitungen machten publik, dass Weidel gar nicht in Deutschland lebt, sondern in einer Kleinstadt in der Nähe von Bern.

Die "Welt" publizierte eine angebliche Mail von Weidel, in der sie Politiker als "Schweine" und "Marionetten der Siegermächte" schmäht - die AfD dementiert.

Zuletzt meldete die "Zeit", dass ausgerechnet die scharfe Flüchtlingskritikerin Weidel eine syrische Asylbewerberin schwarz bei sich habe putzen lassen.

Die Medien wollten "das schöne Gesicht von Alice Weidel zerkratzen", klagt ihr Co-Spitzenkandidat Gauland. Weidel selbst sagt wenig. Während die AfD in den Umfragen steigt, stützt sie mit aller Kraft ihre Schutzmauer, stemmt sich gegen die Medien, die immer weiter bohren, ohne ihre Zustimmung oder Kontrolle.

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Seit Wochen lehnt sie Terminanfragen ab, "da ich momentan keine Porträts mehr bediene, sondern nur Wortlautinterviews mit Leitmedien". Ihr Sprecher reagiert nicht auf Mails, Anrufe oder SMS, Weidels Anwalt dafür umso schneller.

Man muss sich Weidel über Studienfreunde und Ex-Kollegen nähern, viele wollen sich nur anonym äußern. Sie zeichnen das Bild einer hochintelligenten, aber zutiefst unsicheren Frau, die persönliche Schwächen durch große Härte gegen sich und andere kompensiert.

BINZ, INSEL RÜGEN, 19. AUGUST

Im Hotel Arkona referiert die AfD-Spitzenkandidatin zum Thema "Warum Merkel vor Gericht gehört". Wer das Hotel über die Strandpromenade betritt, durchquert zuerst das Restaurant. Dort sitzen Weidel und Albrecht Glaser vor zwei Tellern mit Sahnegeschnetzeltem. Glaser war AfD-Kandidat zur Bundespräsidentenwahl. Seine Stärke, sagte er damals, sei eine "sehr große Abwesenheit von Eitelkeit".

Glaser redet auf Weidel ein, gestikuliert mit Messer und Gabel, während sie mit verschränkten Armen auf ihrem Stuhl sitzt und stumm auf das Tischtuch blickt. Es wirkt, als redete ein Boxtrainer seinem Schützling vor dem Kampf Mut zu.

Im Saal warten 200 Zuhörer, mehr Männer als Frauen, mehr Alte als Junge. Vor Weidel redet Glaser. Er zeigt Folien zur Geburtenrate in Afrika und Deutschland, zur Kriminalität von Ausländern und Deutschen. Die Kurven der Deutschen zeigen stets nach unten. Weidel klatscht, als Glaser sagt, es finde "ein Bevölkerungsaustausch" statt. Nach dieser rechten Verschwörungstheorie will die Regierung die Bürger durch willfährige Muslime ersetzen.

Als Weidel nach 56 Minuten Glaser endlich an der Reihe ist, widerspricht sie ihm nicht. Was Parteifreunde sagen, dafür ist sie nicht zuständig. Als politische Ich-AG steht Weidel nur für ihre eigenen Inhalte und Zahlen. Und heute Abend will sie über Wirtschaftsthemen sprechen.

"Wir erleben eine gigantische Vermögensumverteilung." "Wir sind praktisch pleite." "Sie verlieren Ihre Privatautonomie." "Sie sollen, ich muss es leider so sagen, ent-eig-net wer-den." Immer wieder zerhackt Weidel ihre Wörter, setzt dramatische Kunstpausen. Ihre Rede ist eine Geisterbahnfahrt, in der überall dunkle Mächte nach dem Portemonnaie des braven Bürgers greifen. Das Publikum lauscht halb fasziniert, halb eingeschüchtert, während die Scheinwerfer grüne Punkte auf Weidels Brille werfen.

Schon die Freunde in ihrem Heimatort Harsewinkel in NRW sahen "Lilles" Ehrgeiz. Im Abi-Jahrbuch beschreibt einer ihren "dominanten Charakter", zeichnet sie als "äußerst durchsetzungsfähig anderen gegenüber, jedoch auch sehr verletzlich".

Weidel kommt aus einer wohlhabenden Familie, der Vater verdient als Handelsvertreter so gut, dass die Mutter sich als Hausfrau um die drei Kinder und den Dackel kümmert. Man kennt die Weidels im Ort, der ältere Bruder hat lange Haare und spielt in einer Band, das Familienhaus hat einen Partykeller, in dem viel gefeiert wird und wo Alice lernt, Bier zu zapfen.

Wie viele AfD-Funktionäre stammt Weidel aus einer Familie von Vertriebenen. Wie den Höckes oder Storchs gelang es auch den Weidels offenbar nie, sich von der Erinnerung an das erlittene Unrecht zu lösen. Sie konservierten die Erinnerung an die Mühe der Familie, sich nach dem Krieg eine neue Existenz aufzubauen.

Vater Gerhard Weidel ist anspruchsvoll, "Lille" muss Leistung zeigen. Eigentlich habe sie Medizin studieren wollen, erzählt sie vor der AfD in Leipzig, aber irgendwie landete sie bei VWL. Sie schafft Spitzennoten an der Universität Bayreuth, ihre Promotion in China wird auch von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) gefördert, obwohl der Vater skeptisch gewesen sei, sagt eine Studienfreundin: Soll Alice sich von einer politischen Stiftung alimentieren lassen? Sie gab das Stipendium vorzeitig auf, erinnert sich die ehemalige Freundin.

Vater Gerhard Weidel, auch AfD-Mitglied und zeitweise Kreisvorsitzender am Bodensee, zeige wenig Sympathie für Leute, die ihren Lebensunterhalt nicht auf dem freien Markt bestreiten könnten, heißt es. Vielleicht schlug Weidel deshalb keine wissenschaftliche Karriere ein, obwohl sie ihr fraglos offenstand.

In KAS-Seminaren fiel Weidel den Mitstipendiaten wegen ihrer abfälligen Sprüche über Politiker und den Bundestag als Geldverschwendungsmaschine auf. Seit wann bedeute soziale Marktwirtschaft, dass Arme sich auf Kosten der Reichen ausruhen dürften, habe sie gefragt.

Die Leitmotive aus Weidels Studium ziehen sich nun durch die Reden der AfD-Politikerin. Ausländer akzeptiert die Ökonomin, wenn sie qualifiziert sind und Leistung bringen, wie die indischen Computerexperten. Aber Flüchtlinge ohne Ausbildung sind für sie der "Sargnagel zu unserem Sozialsystem". Und die Integrationsbeauftragte Aydan Özouz gehört für sie "achtkantig rausgeworfen".

Soweit sich Weidels Berufsstationen rekonstruieren lassen, waren sie glamourös, aber kurz. Bei der AfD hat Weidel es länger ausgehalten als bei allen Arbeitgebern.

"Sie ist hoch qualifiziert, hätte bei uns sicher alle Chancen gehabt", sagt der Amerikaner James Dilworth, Weidels Chef bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors. "Sie hat einen scharfen Verstand, ich mochte ihren Humor." Glücklich habe sie aber nicht gewirkt in der Finanzindustrie.

Dilworth kennt Weidel auch als ungeduldig - und als unerbittliche Diskussionspartnerin, wenn es um die Folgen des Euro für Deutschland ging.

Weidels letzter Job war 2013 bei der Heristo AG, einem Fleischkonzern in Bad Rothenfelde, der aus der niedersächsischen Provinz in alle Welt exportiert. Heristo braucht international erfahrene Finanzexperten wie Weidel. Aber Heristo ist auch ein hierarchisch geführter Familienbetrieb, der Juniorchef ist ein Schulfreund Weidels.

Damalige Nachbarn sagen, Weidel sei höchstens ein halbes Jahr in Bad Rothenfelde geblieben, bis man sich gütlich trennte. Die Chemie stimmte einfach nicht.

Wenn Weidel also im AfD-Werbespot sagt, sie habe ihren "Job an den Nagel gehängt" für die Partei, stimmt das nicht: Zuletzt war sie selbstständige Beraterin, und nur ein Kunde, Rocket Internet, ist bekannt. Bei Rocket sei man zufrieden mit Weidel gewesen, sagen Eingeweihte. Aber sie sei eine Beraterin von vielen gewesen.

BIEL, SCHWEIZ, 8. SEPTEMBER

Der Wohnort von Alice Weidel ist aus Deutschland nicht leicht zu erreichen, er hat keinen Flughafen, nur einen Bahnhof. Biel ist eine alte Arbeiterstadt, die von der Uhrenindustrie lebt. Für schweizerische Verhältnisse ist Biel arm und links, es gibt hier einen höheren Anteil von Muslimen und Sozialhilfeempfängern als im Rest der Schweiz. Der Bürgermeister ist ein Sozialdemokrat.

Die SVP, Schwester im Geiste der AfD, hätte hier mal im Problemviertel gefilmt, erzählen die Bieler. Die Graffiti, die dunkelhäutigen Menschen und die Frauen mit Kopftuch. "Wollt Ihr so eine Schweiz?", habe das Motto des Films gelautet.

Auch Weidels Lebensgefährtin hätte die SVP filmen können. Geboren in Sri Lanka, wurde Sarah B. von einer Schweizer Pastorenfamilie adoptiert und wuchs in Biel auf. Auf Fotos hat sie pechschwarze Haare und dunkle Haut, auf Pegida-Demonstrationen könnte es für sie ungemütlich werden.

Sarah B. arbeitet für eine Filmproduktionsfirma, wirkte an einer Komödie über die Einführung des Frauenwahlrechts mit und an einer Kampagne zum Schutz bedrohter Tiere. Der Slogan: "Everybody is good at something." Es ist quasi der Gegenslogan zur AfD-Philosophie. Biel selbst wirkt wie ein Gegenmodell zur AfD-Welt: zweisprachig, multikulturell, tolerant.

Dino Pedolin, 35, war Nachbar von Sarah und Alice, ehe sie umzogen. Der Koch betreibt ein Kulturcafé, bietet Näh- und Musikkurse, Konzerte und Restaurantabende. "Wahnsinnig nett" sei die Sarah, sagt Pedolin, und auch Alice eigentlich total okay. Dass Weidel bei der AfD ist, erfuhr er bei einem Abendessen, als die Runde über direkte Demokratie diskutierte. Plötzlich habe Alice so anders geklungen, schärfer und unerbittlicher. Die Deutschen sollten auch mitbestimmen dürfen, forderte sie, auf eine Art, die für Dino nichts mit der Schweizer Demokratie zu tun hat. Stammtischmäßig eben.

"Mich befremdet es", sagt Pedolin, "dass Alice sich in unserer toleranten Stadt in 'alternativen Kreisen' bewegt und dann zu euch rüberfährt zum Hetzen." Neulich traf er Weidel auf der Straße, und sie klagte, die Presse spioniere ihr Bieler Leben aus. "Hey, was hast du denn erwartet?", habe er geantwortet. "So, wie du politisierst, war doch klar, dass das Medieninteresse an deinem Schweizer Wohnsitz kommen musste."

In der AfD findet mancher Weidels sexuelle Orientierung abnormal, aber niemand spricht sie an - die Kandidatin bringt ja volle Leistung und lebt diskret. Sie spottet in ihren Reden sogar über Schwule: Der Grüne Volker Beck habe bei der "Ehe für alle" im Bundestag eine "Glitterparty" gefeiert, lästert Weidel. Sie meint das Konfetti, das Grüne nach der Abstimmung über Beck verstreuten. Aus Weidels Stimme trieft die Abscheu, wenn sie das Bild beschreibt. "Da war der Volker Beck so im Glitterregen, so uuuääähh." Weidel krümmt sich am Pult, wirft die Hände in die Luft, schüttelt sich theatralisch.

Wer Weidel eine Weile begleitet, fragt sich irgendwann, wie viele Widersprüche ein Mensch erträgt. "Das Recht auf Adoption muss Ehepaaren vorbehalten bleiben", schreibt die AfD in Baden-Württemberg, für die Weidel 2016 zur Landtagswahl antrat. Kinder müssten "von Vater und Mutter umsorgt aufwachsen".

Wahrscheinlich hat es Weidel geschafft, sich eine ganz eigene Realität zu konstruieren - so wie die AfD.

CHEMNITZ, 29. AUGUST

"Das Erste, was ich morgens mache", sagt Weidel, "ist, in meinem Handy Nachrichten zu lesen." Dann suche sie bei Google nach den Wörtern "Mann" und "Messer". Das tut sie nun auch auf der Bühne und liest wahllos Nachrichten vor.

"19-Jähriger verletzt Mann mit Messer." "Einparken dauert zu lange, Mann zieht Messer." "Blutiger Streit in Asylunterkunft: Mann geht mit Messer auf Helfer los." Mann, Messer, Messer, Mann, Messer. "So geht das die ganze Zeit nach zwölf Jahren Merkel", ruft Weidel. Der Saal tobt.

Es gibt keine Belege in der Kriminalstatistik, dass die Zahl der Messerangriffe gestiegen ist. Aber davon sagt Weidel nichts.



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