AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Alice Weidel Die Sonnenkönigin der AfD

Alice Weidel führt die AfD-Bundestagsfraktion mit harter Hand - vor allem ihre Gegner vom rechten Parteiflügel bekommen das zu spüren. Wer ihr nicht folgt, bekommt Ärger.

Politikerin Weidel: "Top-down-Approach"
Metodi Popow / 360-Berlin

Politikerin Weidel: "Top-down-Approach"


Im März will die Führungsriege der neuen AfD-Bundestagsfraktion in die märkische Tiefebene reisen: Eine Klausurtagung steht an. Die Fraktionsspitze muss dringende Fragen klären: Welche Strategie soll die Partei verfolgen, welche Themen im Plenum setzen? Fast sechs Millionen Bürger haben die Rechtspopulisten gewählt, wie kann die AfD nun zeigen, dass diese Stimmen nicht verschenkt waren?

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Heft 5/2018
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Doch um Sachfragen wird es bei dem eintägigen Treffen nur am Rande gehen. Die Hälfte der Zeit soll einem Mediator gehören, der die AfD-Leute mit Teambuilding-Übungen und psychologischem Coaching zusammenführen soll. Denn in nur vier Monaten im Bundestag hat die AfD-Fraktionsspitze es geschafft, sich gründlich zu zerstreiten.

Als Schuldige gilt vielen Fraktionschefin Alice Weidel. Die 38-Jährige, die als liberale Eurokritikerin in die AfD kam, fürchte um ihre Macht in der 92 Köpfe starken Fraktion, heißt es. Zwar will niemand Weidel den Posten streitig machen, schon gar nicht ihr greiser Co-Chef Alexander Gauland. Doch schon die Sorge vor Angriffen verleite die Spitzenfrau zu Präventivschlägen, klagen Kollegen. Das schädige nicht nur den AfD-Teamspirit, sondern die Arbeit der ganzen Fraktion.

Weidels Gegner kommen aus dem rechten Parteiflügel um den thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke, mit dem sie seit Monaten ein giftiges Duell führt. Sie war dafür, ihn wegen seiner Tiraden gegen das Holocaust-Mahnmal aus der Partei zu werfen. Er brachte die "liebe Frau Weidel" auf dem jüngsten Bundesparteitag mit dem Begriff "verhinderte Sonnenkönigin" in Verbindung und fragte spitz, ob sie nicht auch finde, dass in der Parteiführung möglichst wenige Bundestagsabgeordnete sitzen sollten.

Seither sei Weidel regelrecht in Panik, berichten Eingeweihte. Sie fürchte, dass Höckes Leute sie stürzen könnten, obwohl die Rechten in der Fraktionsspitze sogar in der Unterzahl sind. Entsprechend scharf geht Weidel gegen illoyales Verhalten vor, das sie mitunter schon dann vermutet, wenn Kollegen mehr Medienauftritte haben als sie selbst. Wenn Parteifreunde Interviews im "Morgenmagazin" geben oder in der "Frankfurter Allgemeinen" über Liberalismus streiten, kann sich das parteieigene Presseteam auf empörte Nachrichten von Weidel einstellen, warum nicht sie "on air" sei.

Gern meldet sich die AfD-Frau selbst auf Twitter zu Wort, und das längst nicht mehr mit gepflegter Eurokritik. Wenn Weidel gegen "importierte, marodierende, grapschende, prügelnde, Messer stechende Migrantenmobs" hetzt, hat sie wohl vor allem Höckes Zielgruppe im Auge.

Den scharfen Ton pflege Weidel auch in Sitzungen der Fraktionsführung, sagen Teilnehmer. Ihr Führungsstil sei am besten mit dem Manager-Schlagwort "Top-down-Approach" beschrieben: von oben herab. Gelegentlich lege Gauland seiner Co-Vorsitzenden deshalb die Hand auf den Arm, um sie zu zügeln, haben Umsitzende beobachtet. "Gauland ist der Einzige, mit dem Weidel sich auf Augenhöhe sieht."

Schon werden alle Personalentscheidungen darauf abgeklopft, ob sie als pro- oder anti-Weidel eingestuft werden können. Peter Boehringer etwa, AfD-Kandidat für den wichtigen Vorsitz des Haushaltsausschusses, gilt als Pluspunkt für die Fraktionschefin - der Finanzberater ist wie sie Mitglied in der wirtschaftsliberalen Hayek-Gesellschaft. Ihn sähe Weidel auch gern an der Spitze der künftigen Parteistiftung, heißt es, denn diese Einrichtung wird eines Tages viel Geld und interessante Posten zu verteilen haben.

Dagegen gilt der AfD-Kandidat für den Vorsitz im Rechtsausschuss, Stephan Brandner, als Weidel-Gegner. Er stammt aus Höckes Verband und geizte nie mit Solidaritätsadressen an seinen Vorsitzenden.

Kürzlich warf der Fraktionsgeschäftsführer sein Amt nach einem kritischen Zeitungsbericht hin. Viele vermuten, dass hinter dem Bericht der "Bild"-Zeitung, der dem Mann zum Verhängnis wurde, Weidels Leute standen. Seither schlingert die Fraktion ohne Organisator dahin, liegen wichtige Personal- und Technikprobleme brach.

Neuerdings liegt Weidel noch mit einem weiteren Spitzenfunktionär über Kreuz, dem Parlamentarischen Geschäftsführer Bernd Baumann. Der Abgeordnete gilt zwar nicht als Höcke-Fan, sieht sich aber auch nicht als Befehlsempfänger der Fraktionschefin - für die auf Gehorsam versessene Weidel kein akzeptabler Zustand.

Da dürfte ihr zupasskommen, dass Baumann Fehler macht. So verpasste die AfD-Fraktion wichtige Fristen, sei es zur Änderung der Tagesordnung, zu Gesetzentwürfen oder zur Nominierung eines Kandidaten für die G10-Kommission zur Genehmigung von Abhörmaßnahmen der Geheimdienste. Und als der Bundestag jüngst eine Resolution zum Jubiläum des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags verabschiedete, versäumte es die AfD, Änderungswünsche einzureichen. Im Plenum aber klagten die Rechten später wie so oft, man habe sie nicht einbezogen.

Den anderen Fraktionen wird dieses Spiel langsam zu bunt. "Es ist schon verwunderlich", sagt Michael Grosse-Brömer, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, "dass AfD-Vertreter in internen Besprechungen regelmäßig um Rat und Hilfe bitten, öffentlich aber die Schuld für ihre Fehler immer anderen zuschieben und sich als Opfer darstellen."

Schon jetzt sorgen Weidels Leute dafür, dass Baumanns Fehler intern diskutiert werden. Auch öffentlich wird er düpiert: Während die Parlamentarischen Geschäftsführer anderer Fraktionen ihre Pressekonferenzen in Sitzungswochen allein bestreiten, tritt Baumann in Gesellschaft von mindestens einem Aufpasser auf. Zum ersten Termin begleitete ihn die Fraktionschefin sogar persönlich.

Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.



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