AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Alltagsgeschichten nordkoreanischer Frauen Schluchzen ist Bürgerpflicht

In einer südkoreanischen TV-Show erzählen Überläuferinnen von ihrem Alltag in Nordkorea. Es sind kuriose Geschichten.

Ex-Schmugglerin Park: "Als Kim Il Sung starb, habe ich zwei Monate lang geweint"
Uno Yi/ DER SPIEGEL

Ex-Schmugglerin Park: "Als Kim Il Sung starb, habe ich zwei Monate lang geweint"

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Ohne Dich gäbe es uns nicht!
Ohne Dich gäbe es kein Mutterland!
(Refrain aus "Ode an Kim Jong Il",
nordkoreanischer Propagandasong)

Zwischen verspiegelten Hochhäusern und schäbigen Imbissbuden im Norden der Millionenstadt Seoul, an einem Januarmorgen, so eisig, dass ihr Atem blickdichte Wolken bildet, steigt eine ehemalige Schwarzmarkthändlerin aus Nordkorea aus einem Metroschacht an der Haltestelle Digital Media City. Sie will die Wiedervereinigung Koreas vorbereiten.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Park Hyun Sook ist 49 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern; klein, schwarze Augen, rot geschminkte Lippen, mit rundem Gesicht und heller Haut. Sie stammt aus einer Industriestadt an der Grenze zu China. Ihr Name ist ein Deckname, doch die Fernsehmacher nennen sie ohnehin "Frau Americano", weil sie so viel Kaffee trinkt.

Mehr als drei Jahre ist es her, dass Park aus Nordkorea geflohen ist. Sie habe der Elite des Landes angehört, erzählt sie, ihr Vater habe im Finanzministerium des Regimes gearbeitet. Sie besaß ein eigenes Zimmer, Jeans, eine Sonnenbrille. Hunger habe sie nicht gekannt, sagt sie, aber frei sei sie auch nicht gewesen. Zwölf Jahre lang handelte sie illegal mit Holz, um Geld zu verdienen. Dann sei sie aufgeflogen, verhaftet und gefoltert worden. In einer Nacht im Mai 2014, erzählt sie, schwamm sie schließlich ohne Kleider durch den Fluss Yalu nach China.

An diesem Morgen tritt Park Hyun Sook in einer Fernsehshow für nordkoreanische Überläufer auf. Sie wird den Südkoreanern erzählen, wie sie als Schmugglerin im Reich des Kim Jong Un überlebte. Wie das Leben im "Riesengefängnis" ist, so sagt sie das.

In Seoul sind solche Auftritte für Frauen wie Park nicht ungewöhnlich. Überläufer-TV ist im südkoreanischen Fernsehen ein äußerst erfolgreiches Format. Das Fernsehen ist einer der wenigen Orte, an dem Nordkoreas Flüchtlinge sichtbar werden.

Fernsehstudio von "Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" in Seoul: Reden über das Raketenprogramm, Popmusik und die beste Zubereitung von Kimchi
Uno Yi/ DER SPIEGEL

Fernsehstudio von "Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" in Seoul: Reden über das Raketenprogramm, Popmusik und die beste Zubereitung von Kimchi

"Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" ist die älteste Show für die sogenannten Überläufer. Park und die anderen erzählen im Studio vom Alltag in ihrer Heimat, sprechen über nordkoreanische Popmusik, Kim Jong Uns Raketenprogramm, Propaganda in Schulen, Hinrichtungen, die beste Zubereitung von Kimchi, Datingkultur, Mode, geschmuggelte DVDs, Nachtklubs, Beerdigungen oder nordkoreanisches Bier.

Die meisten Südkoreaner wissen nicht viel über den Alltag in Nordkorea. Sie dürfen in der Regel nicht dorthin reisen. Der Koreakrieg wurde 1953 mit einem Waffenstillstand beendet, nicht mit einem Friedensvertrag. Offiziell befinden sich beide Länder immer noch im Krieg.

Mehr als 31.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben heute in Südkorea - bei 50 Millionen Einwohnern. Fast drei Viertel der Überläufer sind weiblich. Die Frauen sind in nordkoreanischen Familien inzwischen meist die Ernährerinnen, und viele haben sich durch den Schwarzmarkthandel emanzipiert. Nordkoreanische Männer sind oft enger in das Regime eingebunden, was ihre Flucht schwieriger macht.

In den Tagen von Olympia sprechen die verfeindeten Nachbarstaaten wieder miteinander, nach zwei Jahren Funkstille. Bei der Eröffnungsfeier in Pyeongchang ziehen Sportler aus Nord und Süd gemeinsam ins Stadion ein, nordkoreanische Cheerleader sorgen in den folgenden Tagen für Aufsehen, die Schwester Kim Jong Uns kommt zu Besuch und wird zum Star der Spiele. Doch es braucht mehr als ein Megaevent, um die Idee von Frieden und Völkerverständigung im Bewusstsein der Menschen beider Länder zu verankern.

Und da kommen die TV-Shows ins Spiel: Wenn die Politik versagt, sollen die Bürger sich schon einmal verstehen lernen. Ist das nun absurd oder eine den Umständen entsprechend geniale Idee?

Park läuft an der Hauptstraße entlang auf das turmhohe TV-Gebäude zu, in dem der Privatsender Channel A seine Show produziert. Sie trägt einen pelzbesetzten Daunenmantel, eine weiße Stoffmütze wippt auf ihrem Kopf, ihre Schuhe sind mit kleinen Strasssteinen verziert. Zu Hause schaut Park gern Boxkämpfe im Fernsehen an. Wenn sie nicht schlafen kann, legt sie Bilder aus farbigen Perlen.

In der TV-Show hat sie die Rolle der Spezialistin für Schwarzmarkt und Schmuggel übernommen. Park kennt sich an der Grenze zwischen China und Nordkorea aus, sie kennt die Preise für verbotene Importwaren und weiß, wie man sie unter der Hand verkauft. "Ich hatte in Nordkorea alles im Angebot, außer Waffen", sagt sie. Die Macher des Programms laden Park besonders gern ein, wenn es in der Show um Wirtschaft geht.

Im Sendegebäude steigt sie in einen gläsernen Aufzug, der sie auf den Flur von Channel A fährt. Auf dem Weg in die Maske geht sie vorbei an News-Bildschirmen, hektischen Moderatoren. "Hierhin, Park", sagt eine Assistentin und deutet auf einen Stuhl, sie bügelt eine graue Bluse und einen schwarzen Rock für Park. Sie begrüßt die anderen Überläuferinnen. Sie probieren Pumps an, streichen sich Strähnen aus dem Gesicht, schlüpfen in enge Kleider. Eine Stimmung wie auf einem Abiball.

In den vergangenen Jahren haben 400 nordkoreanische Frauen bei der Show mitgemacht. Manche kommen nur einmal, andere treten seit Jahren auf.

Da ist Yoon, 33, die fünf Jahre in einem nordkoreanischen Gefängnis überlebte und in China von einem alleinstehenden Chinesen als Braut gekauft wurde.

Da ist Ok Byul, 21, die eine Ausbildung zur Kosmetikerin macht und in der Show mit zwei Schwestern und ihrer Mutter auftritt. Sie wissen alle, wie es sich anfühlt, bei Minusgraden hungern zu müssen.

Da ist Ahra, 26, die früher Parolen über den Führer herunterbetete und seit ihrer Flucht in südkoreanischen Dramen auftritt. Sie hat einen eigenen Agenten.

Die Frauen, die sich in der Sendung präsentieren, haben meist lange lockige Haare und schöne Körper. Einige können singen und tanzen. Zwei gehen mit Geige und Akkordeon an Park vorbei, eine spielte früher in einem nordkoreanischen Propagandaorchester, sie proben ein Ständchen.

"Unsere nordkoreanischen Schönheiten" wird der Moderator sie später vor laufender Kamera nennen. Verkauft wird eine Mischung aus Sex und Gruselgeschichten.

Kritiker der Show sagen, es handle sich um eine reißerische und sexistische Veranstaltung, die Klischees bediene. Die nicht nur das Leben der geflüchteten Frauen ausschlachte. Sondern sie auch zu Experten für Nordkorea mache, die sie gar nicht seien. Das stört Park aber nicht.

Sie hat relativ kurze Haare, gehört zu den ältesten Darstellern der Show. Park spielt kein Instrument und kann auch nicht tanzen, aber sie kann aus einer fremden Welt erzählen. Früher, gut 400 Kilometer weiter nördlich, hatte sie sich recht gewöhnlich gefühlt. In der Show ist sie ein Star. "Alles nur, weil ich aus einem schlechten Land komme", sagt sie und lacht.

Parks Heimatstadt heißt Hyesan und liegt im Norden Nordkoreas, direkt am Fluss Yalu, der sich wie ein Drachenschwanz durch die gebirgige Landschaft schlängelt, Nordkorea von China trennt. Park ist nahe dem Berg Paektu aufgewachsen, in einer Gegend für reiche Leute, erzählt sie. Die Familie habe acht Hunde gehalten, um Arme zu vertreiben. Parks Vater sei Mitglied der Arbeiterpartei gewesen, angeblich zuständig für geheime Fonds des Führers. "Er versteckte Geld für Kim Jong Il." Sie hätten zu Hause nicht über Politik gesprochen, aber Park verstand auch so, dass der Führer alles bedeutete.

"Wir lernten, dass der Große Führer die Nation während des Koreakriegs befreit hat", sagt Park. "Wir sangen Lieder für ihn und schluchzten vor Rührung." In der Schule habe sie erfahren, dass Staatsgründer Kim Il Sung im Alter von sechs Jahren einen Regenbogen gejagt habe, über Berge und Täler gesprungen sei, um ihn zu fangen. Park erinnert sich, wie sie und andere Kinder nach dem Regen auf Bäume geklettert seien und versucht hätten, es dem Führer gleichzutun. Als Kim Il Sung 1994 starb, sagt Park, habe sie zwei Monate lang geweint.

Parks Sicht auf Nordkorea änderte sich erst, als sie Ende zwanzig war. Sie habe ihr Wirtschaftsstudium an der Universität in Hyesan beendet und als Sekretärin in einer Süßigkeitenfabrik begonnen, wie ihre Mutter. Das Leben unter Kim Jong Il sei härter gewesen. "Er konnte sein Volk nicht mehr versorgen", sagt Park. "Die Regierung nahm uns den Lohn weg. Wir verdienten kaum Geld."

Während der großen Hungersnot in den Neunzigerjahren, bei der bis zu drei Millionen Bürger starben, habe Park halluzinierende und verhungernde Menschen auf den Straßen liegen sehen. Sie habe ihren Vater gefragt: "Was machen die da?" Der Vater habe geantwortet: "Nichts, die schlafen nur."

Nach der großen Hungersnot zog im Alltag zum ersten Mal so etwas wie Kapitalismus ein. Die Menschen richteten den Blick nicht mehr ganz so starr auf ihren Führer - weil sie überleben mussten. Schwarzmärkte breiteten sich im Land aus, die sogenannten Jangmadangs.

Park lieh sich damals ein Auto, so erzählt sie es, und fuhr mit einem Helfer in die Berge bei Hyesan. Dort oben hätten alte Japanische Pagodenbäume gestanden, aus deren Holz sich wertvolle Möbel bauen ließen. Park wies ein paar Männer an, Bäume für sie zu fällen. Die Stämme habe sie dann mit dem Auto zum Fluss gefahren. Dort holten sie Chinesen mit Booten ab.

Park sagt, sie habe selbst mehrmals die Grenze überquert, einmal habe ein Soldat sie angehalten: "Bitte lass mich arbeiten", habe sie zu ihm gesagt. Er habe geantwortet: "Gut. Aber bring mir Autoreifen aus China mit." Park erzählt, dass sie gehorchte, doch es sei nicht lange gut gegangen. "Die Grenzwächter forderten zu viel", sagt sie, sie habe Bestellungen abgelehnt. Im April 2012 habe sie der nordkoreanische Geheimdienst verhaftet.

Zurück im TV-Studio in Seoul. Es ist elf Uhr. Park stöckelt an den Kameras vorbei und setzt sich auf einen Stuhl in der zweiten Reihe. Das Set zeigt ein Fantasiedorf, eine Welt, in der Nord- und Südkorea eins sind. Hinter ihr stehen bemalte Häuser und Straßenschilder aus Pappe. "Seoul" und "Pjöngjang" steht darauf, als läge nur ein Katzensprung dazwischen. Es gibt eine nachgebaute Bushaltestelle und einen Bahnhof. Park trinkt Kaffee und betrachtet entspannt die Kulisse, als ob sie in Ferien wäre.

Die Show beginnt. Der Moderator spielt das Foto einer Frau ein und sagt: "Es gibt Gerüchte, dass diese Frau die Freundin von Kim Jong Un war." Das Bild zeigt Hyon Song Wol, die Sängerin einer Propagandaband. Sie war gerade zu Besuch in Seoul und bereitete die Anreise der nordkoreanischen Olympiateilnehmer vor. Die südkoreanische Presse stürzte sich auf sie. Nun sollen die Gäste über diese Frau sprechen. Eine Nordkoreanerin sagt: "Ich habe die Sängerin noch nie gesehen, wir hatten keinen Strom zu Hause." Eine zweite sagt: "Die Führer suchen die schönsten Frauen für ihre Propaganda aus." Eine dritte sagt: "Die Frau ist doch zu alt für Kim."

Park schweigt. Olympia, Gossip, Musikerinnen - das sind nicht ihre Themen. Ihre Aufgabe in der ersten Stunde der Show besteht darin, als Nordkoreanerin auf einem Stuhl zu sitzen.

"Kommen wir zu Kaesong", sagt der Moderator - das ist die stillgelegte Sonderwirtschaftszone, in der Nord- und Südkoreaner bis 2016 gemeinsam produzierten. "Wir hoffen, dass Kaesong bald wiederbelebt wird, damit wir der Wiedervereinigung näherkommen." Der Moderator begrüßt einen südkoreanischen Arzt, der Arbeiter in Kaesong versorgt hatte.

Der Arzt lobt die gute Qualität der Töpfe, die in Kaesong produziert wurden. Er sagt: "Es gab vorzügliche Schokoküchlein in der Kantine. Aber die nordkoreanischen Arbeiter nahmen sie mit, um sie daheim zu verkaufen." Park richtet sich auf, nun kommt ihr Part. "Die Unterwäsche aus Kaesong war schöner als die im Rest des Landes", sagt sie. "Meine Schmuggler trugen sie am Körper, um nicht mit ausländischen Produkten erwischt zu werden." Sie erzählt, wie sie einmal versucht habe, ein gefälschtes Tigerfell zu verkaufen, ein anderes Mal einen riesigen Kühlschrank.

Auch mit nordkoreanischem Geschenkpapier habe sie gehandelt, es habe Kinder gezeigt, die auf einer Rakete ritten. Der Slogan auf der Rakete habe sich über die Jahre geändert - von "Wir beneiden niemanden in der Welt" zu "Unsere Nation ist stark". Die Schmuggler hätten sich Wettkämpfe geliefert, wer die Produkte am schnellsten zur chinesischen Grenze bringen konnte. Park erzählt es so, als habe sie öfter gewonnen.

In ihren Anekdoten über den Schwarzmarkt in Nordkorea spiegelt sich eine interessante Entwicklung wider. Die Jangmadangs haben eine ganze Generation von Nordkoreanern geprägt. Junge Menschen, die mit dem Schwarzmarkt aufwuchsen, kennen die bedingungslose Abhängigkeit vom Regime nicht mehr. Sie sind mit ausländischen Produkten in Kontakt gekommen, sie wissen etwas über die Welt da draußen. Darin liegt eine Kraft für Veränderung aus dem Inneren.

"Ohhhh", rufen die vier südkoreanischen C-Promis im Studio, als Park geendet hat. Sie staunen darüber, wie brutal, fremd und anders Nordkorea ist. Das Niveau der Show ist flach, um es höflich zu sagen. Niemand im Studio ordnet Park Hyun Sooks Worte ein. Ihr Wissen verpufft, wird Spektakel. Aber Überläufer-TV ist die einzige Plattform, die nordkoreanischen Flüchtlingen eine breite Öffentlichkeit bietet. Besser als nichts, wenn man bedenkt, wie schlecht ihr Image im Süden oft noch ist.

Jenes knappe Dutzend Nordkoreaner, das es Anfang der Neunzigerjahre nach Seoul schaffte, bekam noch Urkunden - sie waren der Beweis für das überlegene südkoreanische System. Heute sind 71 Prozent der jungen Südkoreaner gegen eine Wiedervereinigung, so eine Umfrage des staatlichen Korea Institute for National Reunification in Seoul. Der Süden braucht keine Beweise mehr dafür, dass Kapitalismus richtig sei. Viele Überläufer gelten noch immer als Spione oder Verräter ihres Heimatlandes.

TV-Autorin Jang mit Team: "Gibt es Telefone? Gebratenes Hühnchen? Wie ist es in der Armee?"
Uno Yi/ DER SPIEGEL

TV-Autorin Jang mit Team: "Gibt es Telefone? Gebratenes Hühnchen? Wie ist es in der Armee?"

"Wir sind in Seoul taub für Leidensgeschichten aus Nordkorea", sagt die Frau, die Park in die Show eingeladen hat. Hee Jeong Jang, 45, ist Hauptautorin der Sendung. Sie sitzt im Foyer von Channel A, eine resolute Frau, die bei der Begrüßung etwas zu fest die Hand drückt.

Jang hat eine lange Geschichte als Entertainmentautorin, arbeitete in einer Sendung, die "Frauentausch" gleicht, fliegt bald zu einem Dreh nach Spanien, um dort eine Art "Couchsurfing" zu filmen.

"Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" erfand Jang im Jahr 2011 mit. Damals starteten zeitgleich vier neue Privatsender in Südkorea - und die Betreiber mussten sich neue Formate einfallen lassen. Nordkoreanische Flüchtlinge tauchten damals höchstens in den Nachrichten auf - mit Negativschlagzeilen und verpixeltem Gesicht. Die Sonnenscheinpolitik Südkoreas, die sich um eine Annäherung der Länder bemüht hatte, war zu Ende, die Hardliner in der Gesellschaft setzten sich durch.

Jang und ihr Team filmten Familien, die in den Fünfzigern durch den Koreakrieg auseinandergerissen worden waren. Doch das Konzept erschöpfte sich schnell. Die TV-Leute erfanden eine neue Show. Sie konzentrierten sich jetzt auf die hübschesten Überläuferinnen, die ihre Familie in Nordkorea zurückgelassen hatten. Das Aussehen sei wichtig, damit die Leute in Südkorea auch hinschauten, sagt Jang.

"Jahrzehntelang kamen immer mehr Nordkoreaner zu uns, doch Südkoreaner hatten keine Chance, etwas über die Lebensumstände im Norden zu erfahren. Gibt es Telefone? Gebratenes Hühnchen? Wie ist es in der Armee?" Die TV-Autorin sammelte 400 Kontakte, die sie je nach Thema anrufen kann. Jang möchte, dass die Zuschauer etwas fühlen, wenn die Überläufer sprechen.

Sie sagt: "Das ist für eine Wiedervereinigung die beste Vorbereitung."

An diesem Morgen sitzt Park auf einer beheizten Decke in ihrer Wohnung, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie lebt auf 40 Quadratmetern in einem Hochhaus weit im Süden von Seoul. In einem Regal stehen vergoldete Pferde und Delfine. Auf dem Boden liegen Perlenbilder von Schiffen und Rehen im Wald.

Sie erzählt vom Gefängnis, in das man sie im April 2012 wegen illegalen Handels gesteckt hatte. Es habe einem dunklen Loch geglichen, sie habe allein in einer Zelle gesessen und jeden Morgen um sechs Uhr zum Putzen antreten müssen. Danach habe ihr ein Wärter ein Holzscheit in die Kniekehlen gelegt, auf dem sie bis abends habe sitzen müssen, die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden.

Park macht die Folterposition vor. Sie weint. Wenig von Parks Geschichte lässt sich überprüfen, doch ihre Schilderungen gleichen dem, was andere Überläufer erzählen.

"Nach sieben Monaten kam ich aus dem Gefängnis", erzählt sie. Sie habe kein Geständnis abgelegt, um ihre Familie zu schützen. Das Regime habe sie für sechs Monate in ein Arbeitslager geschickt.

Nordkoreanerin Park, Sohn: Sein erster Tag in Freiheit
Jean Chung/ DER SPIEGEL

Nordkoreanerin Park, Sohn: Sein erster Tag in Freiheit

"Ich sollte meine Gesinnung ändern", so sieht Park die Strafe heute. Sie habe Steine geschleppt, um Straßen, Brücken, Häuser zu bauen, erzählt sie. Ihr Körper habe geschmerzt. Doch weil sie Geld hatte, habe sie sich schließlich rauskaufen können. In Freiheit hätten sieben Agenten rund um die Uhr ihre Schritte überwacht. "Meine Familie bekam die Schikane auch zu spüren", sagt sie.

Parks Tochter ist damals 18, sie will Medizin studieren. "Aber weil das Regime mich als Spionin verdächtigte, erlaubte man ihr das nicht", sagt Park. Stattdessen hätten sie das Mädchen zum Arbeiten in ein Kraftwerk geschickt, wo es bei einem Unfall gestorben sei. "Die Partei hat mir danach ein Loyalitätszertifikat versprochen", sagt Park. "Darauf sollte stehen, dass meine Tochter als Patriotin verstorben sei." Es wäre eine Art Trost gewesen. Doch der Geheimdienst habe selbst dieses Zertifikat verweigert. "Stattdessen wollten sie, dass ich für ein Denkmal von Kim Jong Il spende."

Von der Welt wusste Park wenig. In der Schule habe sie gelernt, dass in Seoul viele Mörder lebten und die Stadt extrem schmutzig sei. Später habe sie als Schmugglerin südkoreanische Filme in die Hände bekommen. Sie erinnert sich an "Das Versprechen": Da verliebt sich ein Gangster in eine Ärztin und schenkt ihr Kniestrümpfe. "Ich war geschockt, dass es in dieser kapitalistischen Nation Freundlichkeit zu geben schien", sagt Park. Sie habe nicht gewusst, was sie im Süden erwarte, "aber ich musste fliehen".

In einer Nacht im Mai 2014, sagt sie, habe sie ihre Bewacher ausgetrickst und sei zum Grenzfluss Yalu gelaufen. Sie sei ins eiskalte Wasser gestiegen, sei geschwommen, habe sich treiben lassen, über Stunden. Ein Bauer habe sie aufgelesen, als sie halb bewusstlos am anderen Ufer, in China, angekommen war.

Im September 2014 erreicht Park Hyun Sook schließlich Seoul. Wie jeder nordkoreanische Flüchtling muss Park drei Monate in Hanawon verbringen. Ein Schulungszentrum, rund 80 Kilometer südlich von Seoul. Hier werden Nordkoreaner in die neue Gesellschaft eingeführt. In Hanawon lernt Park Kapitalismus und Demokratie kennen. Lehrer besuchen eine Bank, einen Supermarkt, eine U-Bahn-Station mit ihr. Sie erklären Park, dass man in einem liberalen Staat selbst für seine Handlungen verantwortlich sei.

Sobald Park in Freiheit lebt, rufen die Autoren von "Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" bei ihr an. Doch Park legt auf. Sie fürchtet um die Sicherheit ihrer Familie, um ihren Sohn, der noch in Nordkorea lebt. Stattdessen nimmt sie drei Jobs an, um seine Flucht zu finanzieren. Den Lohn bringt eine Schmugglerin nach Nordkorea. Die Show ruft weiter an.

Aber Park legt jedes Mal auf und weint sich in den Schlaf. So geht das ein Jahr lang. Dann kennt Park sich mit Kapitalismus aus.

Ihre ersten Auftritte aus dem Jahr 2015 kann man im Netz sehen. Park wirkt fülliger und ernster. Sie spricht noch mit starkem nordkoreanischem Akzent. Es geht um Smartphones, das Färben von Haaren und um Kim Jong Uns gerade eröffnetes Skiresort.

Pro Auftritt bekommt Park umgerechnet 500 Dollar. Bald laden sie Stiftungen zu Vorträgen ein. Ihr Netzwerk wächst. "Mein Traum ist es jetzt, erfolgreicher als alle anderen Frauen in der Show zu sein", sagt sie.

Das ist ein erstaunlicher Satz. Doch "Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" basiert auf diesem leicht anrüchigen Deal. Die hübschen Frauen aus Nordkorea sorgen mit ihren kuriosen Alltagsgeschichten für Einschaltquoten. Die Show macht sie dafür mit kapitalistischen Gepflogenheiten vertraut, hilft ihnen, Geld zu verdienen und sich in der Leistungsgesellschaft Südkoreas zu behaupten. Park sagt: "Ich bin der Show dankbar."

Wenige Tage nach ihrem Auftritt führt sie in ein Café an einer Hauptstraße im Süden der Stadt. Ihr Sohn Seong Il, 17, sitzt da, in einem Daunenmantel, der zu groß für ihn ist. Er nippt an einem Glas Apfelsaft, er lächelt schüchtern. Er ist endlich da. Es ist sein erster Tag in Freiheit.

Park hat ihn am Vortag aus Hanawon abgeholt, dem Erziehungscamp für nordkoreanische Flüchtlinge. Ein Team von "Ich bin jetzt auf dem Weg zu Dir" war dabei, zum Filmen. Drei Jahre hat Park auf diesen Moment gewartet, 12000 Dollar für seine Flucht gespart. Seong Il blickt zu Boden. Er wirkt, als wäre er gerade einer Zeitmaschine entstiegen.

"In Nordkorea sagten sie uns, dass Südkoreaner gierig seien und für Geld alles täten", sagt er. "In Hanawon interessierten sich die Lehrer aber nicht für Geld. Sie waren sehr nett zu mir." Seong Il surfte dort auch zum ersten Mal im Internet. "Ich wusste in Nordkorea nicht, dass es so etwas gibt."

Park nimmt Seong Ils Hände. Sie macht sich Sorgen um ihn, um seine Zukunft in der neuen Welt. Was ist, wenn er in der Schule nicht mitkommt? Oder wenn die Jugendlichen ihn mobben? "Er soll Selbstvertrauen gewinnen als Nordkoreaner", sagt Park. Sie weint und lacht durcheinander. Ihrem Sohn soll das Leben gelingen.

An diesem Morgen hat sie ihm ein Handy gekauft, ein Buch zum Englischlernen und eines über Bitcoin. Dann klingelt ihr Telefon, die Fernsehleute rufen an. Park spricht konzentriert.

In acht Tagen werden Park und Seong Il gemeinsam in der Show auftreten.



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