AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Urmenschen Als der Homo sapiens auf den Neandertaler stieß

Ein Urmenschen-Fossil aus Israel stellt bisherige Theorien infrage. Verließ der Homo sapiens Afrika weit früher als gedacht?

3-D-Modell des Oberkieferfragments aus der Misliya-Höhle
Fabian Weiss / DER SPIEGEL

3-D-Modell des Oberkieferfragments aus der Misliya-Höhle

Von und


Gruselig und zugleich faszinierend ist die Sammlung knöcherner Preziosen, die der Anthropologe Israel Hershkovitz in Tel Aviv hütet. Der Schädel eines napoleonischen Hinrichtungsopfers mit Kopfschuss ist ebenso darunter wie ein weiterer, der vor Jahrtausenden von einem steinzeitlichen Chirurgen geöffnet wurde. Und dann ist da jenes berühmte Fersenbein, durch das ein Nagel getrieben ist - das einzige erhaltene Zeugnis einer Kreuzigung aus der Römerzeit.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Jetzt ist seine Kollektion um eine Kostbarkeit reicher geworden. In der Zeitschrift "Science" berichten der israelische Forscher und seine Kollegen, dass sie das Oberkieferfragment des ersten Homo sapiens gefunden haben, der nachweislich jenseits von Afrika lebte. Entdeckt wurde das Fossil vor der Misliya-Höhle, zwölf Kilometer südlich von Haifa. "Dieser Knochen ist mindestens 177.000 Jahre alt, und er stammt von einem modernen Menschen", sagt Hershkovitz.

Dem kann Gerhard Weber nur beipflichten. "Das Ding ist supermodern", sagt der österreichische Anthropologe, der das Fundstück gemeinsam mit Hershkovitz untersucht hat und ein Pionier auf dem Gebiet der virtuellen Anthropologie ist. Im Besprechungszimmer seines Instituts in Wien hält er ein 3-D-Modell des Knochenfragments ins Sonnenlicht und deutet dann auf Jochfortsatz und Backenzähne.
"Wer Ahnung von der Materie hat, erkennt sofort, worum es sich handelt", sagt Weber. Der weit vorn liegende Ansatz des Jochbogens, die relativ kleinen Zähne und die Reduktion von bestimmten Zahnhöckern - all das sei viel graziler und moderner als bei archaischen Menschentypen, die einen kräftigeren Kauapparat brauchten, um stundenlang ungekochte Pflanzenteile und Fleisch zu zerkauen. "Ein Mensch mit Zähnen und einem Kiefer wie diesem hier beherrscht das Feuer und bereitet seine Mahlzeiten zu", sagt Weber.

Aber der Wiener Forscher wollte sichergehen; denn eine Einordnung als moderner Homo sapiens, der sich zu dieser Zeit in Westasien befand, verstößt gegen die landläufige Lehrmeinung. Drei verschiedene Datierungsmethoden hatten übereinstimmend ein Alter von etwa 180.000 Jahren geliefert - und das ist mindestens 60.000 Jahre älter als jeder andere moderne Menschenknochen, der außerhalb Afrikas gefunden wurde.

Deshalb schob Weber den Fund in seinen Mikro-Computertomografen. Stolz führt er das Gerät vor, einen dunkelgrauen Kasten mit den Ausmaßen eines Kleinwagens. Es ist eine Sonderanfertigung, die nur im Erdgeschoss des Wiener Institutsgebäudes aufgestellt werden durfte. Wegen seines Gewichts von fünf Tonnen wäre es durch jede Decke gebrochen.

Weber
Fabian Weiss / DER SPIEGEL

Weber

Das Instrument erlaubt es, jedes noch so winzige Zähnchen oder Knöchelchen mikrometergenau zu vermessen. Im Fall des Kieferfragments von der Misliya-Höhle ließ das Ergebnis keinen Zweifel: Es gehörte einem modernen Menschen. Weber: "Das wird die gängige Theorie der Wanderungsbewegungen auf eine harte Probe stellen."

Lange gingen die Anthropologen davon aus, dass der moderne Mensch den Planeten Erde gleichsam im Sturmlauf erobert hat. Vor rund 60.000 Jahren fanden demzufolge Horden dieser aus Afrika stammenden Spezies den Weg in den Nahen Osten. Von dort überrannten sie innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit Europa, Asien, Australien und schließlich auch Amerika.

Ganz so einfach jedoch kann es nicht gewesen sein. Schon die bisherige Fundlage in der Levante warf Fragen auf: Homo-sapiens-Fossilien, die bereits vor Jahren nicht weit von der Misliya-Höhle entfernt geborgen wurden, sind bis zu 120.000 Jahre alt. Zumindest vereinzelt scheint der moderne Mensch demnach der Region auch in früherer Zeit Besuche abgestattet zu haben. Die Auswertung von genetischen Daten spricht zudem dafür, dass es bei solchen Stippvisiten sogar zur Vermischung mit Neandertalern gekommen sein könnte.

Der neue Fund räumt nun vollends mit der Vorstellung auf, der Homo sapiens habe sich über die längste Zeit seiner Existenz ausschließlich in Afrika aufgehalten: Schon vor 180.000 Jahren unternahm er einen Vorstoß in die Welt jenseits seines Heimatkontinents; und weil stets nur ein winziger Bruchteil aller Knochen erhalten bleibt, scheint es sehr wahrscheinlich, dass es weitere Exkursionen gab, von denen nur bisher kein Zeugnis gefunden wurde.

Ausgerechnet jenes Land, das die Bibel als das Gelobte preist, erweist sich damit als Schicksalsregion der Menschheitsgeschichte. Hier, am Scharnier zwischen afrikanischem und eurasischem Kontinent, tauchten über die Jahrtausende hinweg vermutlich immer wieder afrikanische Steinzeitmenschen auf, die nach neuem Lebensraum suchten.

Was aus ihnen wurde, ist unbekannt. Angesichts ausgedehnter Dürreperioden endete manch ein Ansiedlungsversuch gewiss vergebens. "Wahrscheinlich war die Region für viele kein sicherer Hafen, sondern ein Boulevard der geplatzten Träume", spekuliert der Londoner Paläoanthropologe Chris Stringer.

Auch Jean-Jacques Hublin hält den Knochenfund in Israel für eine bedeutsame Entdeckung. "Es hat mich sehr gefreut, als ich davon erfahren habe", sagt der Paläoanthropologe vom Max-Planck-Institut in Leipzig. Schon länger hegt er den Verdacht, dass es regelmäßige Einwanderungsversuche von Homo sapiens in der Levante gab.

Der Forscher erzählt, dass er als Student an einer Ausgrabung mitarbeitete, die nicht weit von der Misliya-Höhle entfernt liegt. Damals habe ihm der Säugetierexperte des Teams erklärt, dass die winzig kleinen Knöchelchen, die sich in der Sedimentschicht zusammen mit menschlichen Fossilien fanden, von in Afrika heimischen Mäusen stammten.

"Diese Beobachtung hat mich fasziniert", sagt Hublin. Er sah vor seinem inneren Auge ein Szenario, wie alles abgelaufen sein könnte: Immer wieder, glaubt er, habe sich die Klimazone der afrikanischen Savannen nordwärts bis ins heutige Vorderasien ausgedehnt. Die Zebras, Giraffen und Kaffernbüffel fanden hier nun Nahrung und zogen mit der sich verschiebenden Klimazone mit. Die menschlichen Jäger wiederum folgten den Herden und fanden sich irgendwann in der Levante wieder. "Ökologisch gehörte diese Region zeitweise zu Asien, zu anderen Zeiten dagegen zu Afrika", sagt Hublin.

Hublin
Patrick Kovarik / AFP/ Getty Images

Hublin

Bald jedoch wurde der Expansionstrieb der nordwärts strebenden Menschen gestoppt. Denn hier, so Hublin, stießen sie vor ins Territorium der Neandertaler. Dieser stämmig gebaute Menschentyp war ein ebenso gewandter Jäger wie der Homo sapiens, wie dieser beherrschte er das Feuer, und auch der soziale Zusammenhalt seiner Gruppen war ähnlich stark. Ein Unterschied aber gab den Ausschlag: Die der Eiszeit entsprungenen Gestalten kamen mit der Kälte des Nordens besser zurecht als die Neuankömmlinge aus dem Süden.

So also bewegte sich die ökologische Grenze zwischen Afrika und Asien im Laufe der Jahrtausende mal nord-, dann wieder südwärts. Und mit ihr verschob sich jedes Mal auch die Linie, welche die Verbreitungsgebiete der zwei Menschentypen voneinander schied: im Norden die kräftig-gedrungenen Neandertaler, im Süden der grazile Homo sapiens.

In der Tat mehren sich die Belege dafür, dass das Klima dieser Weltregion durchaus wechselhaft war. Wer nur das heutige Afrika betrachtet, der mag versucht sein anzunehmen, dass sich die steinzeitlichen Horden in der ostafrikanischen Savanne einem unüberwindlichen Wüstenriegel gegenübersahen. Wen schließlich könnte es wundern, wenn die glühende Hitze der Sahara selbst die entschlossensten Wanderer abschreckte?

Tatsächlich aber ist die Sahara eine erstaunlich kurzlebige Wüste. Gerade einmal 6000 Jahre ist es her, dass sie zuletzt fast flächendeckend von Grasland überzogen war. Löwen und Antilopen lebten hier an ausgedehnten Seen, Krokodile lauerten am Ufer, und natürlich gingen auch Menschen auf die Jagd. Felsmalereien im Ennedi-Massiv, in das sich heute nur verwegene Abenteurer wagen, zeugen davon.

Die Zeit, in der diese Bilder entstanden, ist keineswegs die einzige, in der die Sahara ergrünte. Zwar war die Wüste über lange Zeiträume hinweg sogar noch trockener und unwirtlicher als heute. Und doch wurden die Dürren immer wieder von kurzen feuchten Episoden unterbrochen, in denen sich für Wanderlustige ein Korridor nach Norden öffnete.

Niemand kann darüber genauer Auskunft geben als Peter deMenocal. Am Lamont-Doherty Earth Observatory der New Yorker Columbia-Universität hat er einen Sedimentkern untersucht, der vom Ozeangrund im Golf von Aden stammt.

Zwar konnte er den Kern nicht selbst ziehen, weil die Gewässer am Horn von Afrika wegen der Gefahr des Kidnappings durch somalische Piraten für Forschungsschiffe gesperrt sind. Doch verfügt sein Institut über eines der umfänglichsten Bohrkernarchive der Welt. Er fand darin eine besonders interessante Probe, die auf einer Expedition des Jahres 1965 genommen wurde.

Eine "Zeitkapsel" nennt deMenocal diese schmutzig braune Säule aus Schlamm, denn in ihr ist Klimageschichte eingeschrieben. Über all die Jahrtausende haben sich am Meeresgrund Schwebstoffe abgelagert - im Durchschnitt rund sechs Zentimeter alle tausend Jahre.

Bestimmte Substanzen im Sediment, die von Algen produziert werden, verraten deMenocal, wie warm das Wasser an der Meeresoberfläche jeweils war. Die chemische Zusammensetzung von Wachs, das von Pflanzen an Land gebildet und dann aufs Meer hinausgeweht wird, gibt ihm Aufschluss über Feucht- und Trockenzeiten.

So konnten deMenocal und sein Team die Klimachronik des nordöstlichen Afrikas rekonstruieren. Im Oktober haben sie ihre Daten veröffentlicht. Deutlich zeichnen sich die Zeitfenster ab, in denen die Sahara ergrünte und der Weg vom Herzen Afrikas in den Nahen Osten offenstand.

Doch wenn wirklich in Afrika heimische Menschen regelmäßig bis an die Mittelmeerküste der Levante strömten, wenn sie wirklich dort stets nur auftauchten, um wenig später in kargeren Dürrezeiten wieder zu verschwinden, warum war dann vor 60.000 Jahren plötzlich alles anders? Warum setzte sich Homo sapiens nun dauerhaft in nördlichen Gefilden fest? Und vor allem: Warum zog er nun aus, den Planeten zu erobern? Warum gelang es ihm diesmal, die kälteadaptierten Neandertaler zurückzudrängen?

Der Leipziger Max-Planck-Forscher Hublin hat auch auf diese Fragen eine Antwort. Die Theorie, die er ersonnen hat, ist kühn - und sie läuft einer weiteren Lehrmeinung zuwider. In dieser Woche, praktisch gleichzeitig mit der Publikation aus Israel, legt er in der Zeitschrift "Science Advances" die Belege vor, auf die er sie stützt.

Der Lehrmeinung zufolge ist der moderne Homo sapiens, wie er bis heute die Erde bevölkert, vor mehr als 300.000 Jahren irgendwo in Afrika entstanden. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt hatte er demnach weitgehend die Gestalt heutiger Menschen. Besonders deutlich zeigte sich das in seinem Gesicht. Die hohe Stirn, das prominente Kinn, die zurückgebildeten Überaugenwülste: Es wies bereits all die charakteristischen Merkmale seiner Spezies auf.

Auch geistig war demnach der frühe afrikanische Homo sapiens heutigen Artgenossen ebenbürtig. Hätte man einen dieser Wildbeuter aus der Savanne an eine moderne Universität geschickt, so die gängige Annahme, dann hätte er auch Raumfahrttechnik, Wirtschaftsstatistik oder Quantenphysik erlernen können.

Hublin jedoch zieht das in Zweifel. Die formenden Kräfte der Evolution seien ja vor 300.000 Jahren nicht plötzlich zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil: Der Mensch blieb dem Selektionsdruck ausgesetzt. Besonders stark wirkte dieser auf jenes Organ, das wie kein anderes den Menschen prägte: das Gehirn.

Um diese Hypothese zu untermauern, haben Hublin und seine Mitarbeiter das Innere von 20 fossilen Schädeln vermessen, die allesamt der Spezies Homo sapiens zugeordnet werden. Sie haben diese dann mit Schädeln von 89 heutigen Menschen aus allen Weltregionen verglichen.

Das Hirnvolumen des Homo sapiens, so das Fazit der Forscher, erreichte von Anfang an für heutige Menschen typische Werte von ungefähr 1350 Kubikzentimetern. Ganz anders aber stellte sich die Sache dar, als die Wissenschaftler die Form des Denkorgans untersuchten. Frühe Homo sapiens verfügten, ähnlich wie die Neandertaler, über ein länglich geformtes Gehirn. Die für heutige Menschen charakteristische Kugelgestalt dagegen bildete sich erst allmählich heraus, im Laufe vieler Zigtausend Jahre. Mit anderen Worten: Anatomisch war Homo sapiens schon vor 300.000 Jahren modern, kognitiv dagegen möglicherweise erst vor 35.000 Jahren.

Noch grübeln die Forscher, was das genau bedeuten könnte. Betroffen von der Umgestaltung im Schädelinneren war besonders der Scheitellappen, in dem die räumliche Orientierung, die Selbstwahrnehmung, die Steuerung der Aufmerksamkeit, aber auch der Werkzeuggebrauch verarbeitet werden. Doch ist all das wirklich bedeutsam? Und, falls ja, welche dieser Fertigkeiten könnte den Ausschlag gegeben haben?

Schädelsammlung an der Uni Wien
Fabian Weiss / DER SPIEGEL

Schädelsammlung an der Uni Wien

Zwar kann Hublin nicht beweisen, dass die Veränderung im Gehirn das Verhalten des Menschen maßgeblich bestimmt hat. Doch scheint es ihm sehr wahrscheinlich. Er kann sich nicht vorstellen, dass ein solch markanter Wandel in ebenjenem Organ, in dem die urmenschlichen Eigenheiten verortet sind, bedeutungslos war.

Der Leipziger Max-Planck-Forscher glaubt, hier einem Wendepunkt in der evolutionären Hirnentwicklung auf der Spur zu sein. Denn im Verlauf von rund drei Millionen Jahren Menschwerdungsgeschichte war das Gehirn zwar bis auf das Dreifache seiner ursprünglichen Größe angeschwollen. Die Proportionen des Denkorgans jedoch blieben während dieses rasanten Wachstumsprozesses weitgehend bestehen.

Das änderte sich erst in der letzten Phase der menschlichen Entwicklung. Plötzlich beginnen sich nun im Oberstübchen des Homo sapiens die Verhältnisse zu verschieben. Die Aufwölbung des Scheitellappens ist kein Wachstumsprozess mehr. Hier vollzieht sich ein neuronaler Umbau, die grauen Zellen werden neu geordnet. Hublin: "Wäre es da nicht sehr erstaunlich, wenn das ohne Folgen für das Verhalten bliebe?"

Auf die Frage, worin denn die Veränderung des Verhaltens gelegen habe, muss der Forscher allerdings vorerst passen. Anhand seiner Hirnformvermessung kann er nicht sagen, ob der Umbau vor 60.000 Jahren schon abgeschlossen war. Doch geht er davon aus, dass die Entwicklung so weit fortgeschritten war, dass der Homo sapiens nun dem Neandertaler in der Levante besser gewappnet gegenübertreten konnte.

"Irgendetwas hat diese Menschen befähigt, sich fortan an jedes Klima anzupassen", sagt Hublin. "Ich kann Ihnen auch nicht sagen, was es war. Aber es war wichtig."



© DER SPIEGEL 5/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.