AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Andrea Nahles im SPIEGEL-Gespräch "Die Mitglieder der SPD haben die Faxen dicke"

Andrea Nahles kämpft für die Große Koalition. Im Interview erklärt die designierte SPD-Chefin, warum sie die Ministerliste vorerst geheim halten will - und erlaubt einen Einblick ins Private.

Sozialdemokratin Nahles: "Die Mitglieder haben die Faxen dicke"
Daniel Hofer / DER SPIEGEL

Sozialdemokratin Nahles: "Die Mitglieder haben die Faxen dicke"

Von , und


Als sie sich am Tag zuvor an die Mikrofone der Presse begeben hatte, um den Rücktritt von Martin Schulz zu erläutern, und neben Olaf Scholz stand, der ankündigte, dass er es nun sei und nicht sie, der die Partei kommissarisch führen werde, war es ihr schon anzumerken: Die Chaostage der SPD haben Andrea Nahles, 47, zugesetzt. Sie ist stark erkältet, kaum bei Stimme, ein Lächeln ringt sie sich ab. Am folgenden Tag empfängt sie um Punkt zwölf Uhr in ihrem Büro am Spreeufer zum Gespräch, noch heiserer, der Blick ernst, lächeln wird sie im Verlauf der nächsten anderthalb Stunden selten. Am Nachmittag - was muss, das muss - steht ihr ein Aschermittwochstermin im Ruhrgebiet bevor. Sie kämpft. Ab jetzt geht es um jeden Satz, um jede Minute. Am 4. März wird sich zeigen, wie die Basis zum Koalitionsvertrag abgestimmt hat. Und wenn das gut geht, gut gehen sollte, muss man ja sagen, in dieser Zeit der Konjunktive, gut gehen sollte in ihrem Sinne, muss man dazu noch sagen, mit einem Ja also der Basis, wird die Partei dann am 22. April bei einem Sonderparteitag abstimmen, ob sie die erste Frau an der Spitze der Sozialdemokratie sein soll.

SPIEGEL: Frau Nahles, kennen Sie Simone Lange?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Nahles: Nein, aber ich freue mich darauf, dass sich das bald ändert.

SPIEGEL: Frau Lange ist die Oberbürgermeisterin aus Flensburg, die neben anderen Bewerbern Ende April gegen Sie um den SPD-Vorsitz kandidieren will. Sind Sie sich eigentlich sicher, dass Sie gewinnen?

Nahles: Es ist das gute Recht jedes Sozialdemokraten und jeder Sozialdemokratin, sich um den Vorsitz zu bewerben. Das ist innerparteiliche Demokratie. Ich erhalte derzeit viel Zuspruch von allen Seiten, daher bin ich zuversichtlich, dass ich eine Mehrheit bekomme. Aber ich habe großen Respekt vor der Aufgabe.

SPIEGEL: Frau Lange versteht ihre Kandidatur auch als Hinweis, dass die SPD-Spitze nicht genügend Rücksicht auf die Parteibasis genommen habe. Können Sie das nachvollziehen?

Nahles: Alle Mitglieder der SPD sind momentan aufgerufen, über den Koalitionsvertrag abzustimmen. Das ist schon ein ziemlich ordentlicher Einfluss der Parteibasis. Und auch sonst bestimmen in der SPD die Mitglieder den Kurs, indem sie die Parteiführung wählen. Es steht außer Frage, dass wir alle in den letzten Monaten Fehler gemacht haben, die an der Basis auf Kritik gestoßen sind. Auf diese Kritik haben wir reagiert. Dass die Basis zu kurz gekommen ist, kann ich deshalb nicht feststellen.

SPIEGEL: Selbst Manuela Schwesig, die stellvertretende Parteivorsitzende, spricht aber von "Chaostagen", wenn sie die jüngsten Vorgänge an der Parteispitze kommentieren soll: die Kehrtwende zur Großen Koalition zum Beispiel oder den Rücktritt von Schulz. Was ist schiefgelaufen?

Nahles: Die SPD hat eine klassische Übergangssituation durchlebt. Es ist kein Wunder, dass da nicht alles glattläuft. Es war turbulent, es war bestimmt auch schmerzhaft für Martin Schulz. Aber ich bin mir sicher, dass wir mit den Beschlüssen dieser Woche nun zu neuer Stabilität gefunden haben und uns wieder auf das Entscheidende konzentrieren können: die Mitglieder vom Ja zur Regierungsbeteiligung zu überzeugen, die SPD zu erneuern und wieder nach vorn zu bringen.

SPIEGEL: Schulz wollte Außenminister werden, obwohl er zuvor erklärt hatte, er werde nie in ein Kabinett Merkel eintreten. Können Sie nicht verstehen, dass die Mitglieder darüber empört sind?

Nahles: Ich kann verstehen, dass der Ablauf der Ereignisse bei vielen auf Kritik gestoßen ist. Ich glaube aber, dass jeder, der am Tag nach der Bundestagswahl auf einer Pressekonferenz gefragt worden wäre, ob die SPD für eine Große Koalition zur Verfügung steht, dasselbe gesagt hätte wie Martin Schulz. Es gab damals in der Partei den Wunsch, erhobenen Hauptes in die Opposition zu gehen und sich keine Hintertüren offenzuhalten. Die Lage war glasklar. Und sie hat sich erst durch das Scheitern von Jamaika dramatisch verändert. Andere Umstände erfordern eben manchmal andere Antworten.

SPIEGEL: Umso entsetzter waren die Genossen, als Schulz wenige Wochen später eine Kehrtwende vollzog und für sich den Posten des Außenministers reklamierte. Es heißt, Sie würden die Partei kennen wie keine andere - warum haben Sie von dieser Stimmung dann nichts mitbekommen?

Nahles: Offensichtlich nicht genug. Wir haben tage- und nächtelang verhandelt und gesehen, wie Martin Schulz für eine echte Kehrtwende in der Europapolitik gekämpft hat. Alle in der SPD-Spitze waren deshalb der Auffassung, dass Martin Schulz ein sehr guter Außenminister gewesen wäre. Aber ja: Wir haben unterschätzt, dass viele Mitglieder eine ganz andere Sicht auf die Dinge hatten.

SPIEGEL: Die Schwester von Martin Schulz wirft Ihnen und der SPD-Führung vor, ihren Bruder "belogen und betrogen" zu haben. Können Sie das nachvollziehen?

Nahles: Nein. Martin Schulz hat uns versichert, dass er ohne Groll und ohne Bitterkeit ist. Ich bin täglich mit ihm im Gespräch, und glauben Sie mir, er kann sich darauf verlassen, dass wir nicht vergessen, was er für die SPD geleistet hat. Was wir entschieden haben, wurde gemeinsam entschieden.

SPIEGEL: Aufgebracht hat viele Genossen auch, wie Außenminister Sigmar Gabriel gegen Schulz nachgetreten hat. Wie groß sind seine Chancen, dass er nach dem Rückzug von Schulz im Amt bleibt?

Nahles: Darüber werden wir nach der Mitgliederbefragung Anfang März entscheiden - und keinen Tag früher. Es ist jetzt nicht die Zeit, dass einzelne eine Kampagne für sich selbst starten.

SPIEGEL: Derzeit setzen sich aber fast täglich Sozialdemokraten für Gabriel ein, weil sie finden, dass er einen guten Job gemacht hat. Sind Sie anderer Auffassung?

Nahles: Nein. Ich bin der Meinung, dass alle SPD-Minister einen guten Job gemacht haben - auch Sigmar Gabriel. Aber es geht jetzt darum, für ein Ja bei unseren Mitgliedern zu werben, damit wir die Verbesserungen für Kinder, für Familien, für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und in der Rente überhaupt in einer Regierung umsetzen können. Sonst brauchen wir uns erst gar keine Gedanken über eine mögliche Kabinettsbesetzung zu machen. Die Mitglieder der SPD haben die Faxen dicke von den ewigen Personaldebatten. Die Frage, wer welchen Kabinettsposten besetzt, steht jetzt nicht im Vordergrund.

SPIEGEL: Es gab nicht nur um Schulz und Gabriel ein quälendes Hin und Her, sondern auch um Sie: Erst hieß es, Sie sollten die SPD bis zum Parteitag kommissarisch führen. Nun soll es Olaf Scholz machen.

Nahles: Es ist ein guter Weg, wenn Olaf Scholz als Stellvertreter mit der meisten Erfahrung jetzt übergangsweise die Geschäfte übernimmt, bis eine Wahl der neuen Vorsitzenden auf dem Parteitag erfolgen kann. Ich habe damit kein Problem, wir werden uns eng abstimmen.

SPIEGEL: Das vergangene Jahr hat Ihrer Partei zunächst ein unerwartetes Hoch und dann einen historischen Absturz bei der Bundestagswahl beschert. Muss sich die SPD nicht eingestehen, dass die Ära Schulz ein großes Missverständnis war?

Nahles: Ich rate meiner Partei dringend, sich nicht ständig mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu beschäftigen. Es gilt jetzt, den Blick nach vorn zu richten. Die SPD hat seit Anfang des letzten Jahres über 50.000 neue Mitglieder gewonnen. Das sind fast so viele, wie FDP oder Grüne insgesamt haben. Und das zeigt doch, dass die SPD höchst attraktiv ist - wenn wir uns anstrengen. Diesen Schwung sollten wir nutzen, um unsere Debattenkultur zu verbessern.

SPIEGEL: Woran denken Sie dabei?

Nahles: Wir müssen überlegen, wie wir die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation stärker für die Parteiarbeit nutzen und auch Nichtmitglieder besser in unsere Programmdebatten einbeziehen können. Zugleich muss sich die SPD inhaltlich erneuern. Unser Lebens- und Gesellschaftsmodell wird derzeit vom Silicon Valley genauso herausgefordert wie vom chinesischen Staatskapitalismus. Die einen reagieren darauf mit den Konzepten von gestern, wie Trump. Die SPD dagegen muss eine Antwort für morgen entwickeln, die Weltoffenheit und Sicherheit verbindet in der Zeit des Wandels. Das haben wir noch nicht richtig ausbuchstabiert.

SPD-Politiker Scholz: "Wir werden uns eng abstimmen"
HC Plambeck

SPD-Politiker Scholz: "Wir werden uns eng abstimmen"

SPIEGEL: Wenn man den Umfragen folgt, trauen Ihnen das nicht genügend Bürger zu. Danach hat die SPD nur noch einen hauchdünnen Vorsprung vor der AfD.

Nahles: Die vergangenen Tage waren sehr schwierig, das stimmt, und das schlägt sich dann auch in solchen Zahlen nieder. Aber ich bin sehr hoffnungsvoll, dass wir nun nach vorn durchstarten können. In Wahrheit hat die SPD alle Chancen. Wir haben bei den Koalitionsverhandlungen ein hervorragendes Ergebnis erzielt und können dem Mitgliedervotum deshalb zuversichtlich entgegenblicken. Wenn wir in den nächsten Monaten darüber hinaus bei der Erneuerung der Partei vorankommen, wird auch die Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger für die SPD deutlich wachsen, da bin ich sicher.

SPIEGEL: Viele Genossen fordern, dass die Parteibasis künftig mehr mitzureden hat, zum Beispiel bei der Wahl des Parteivorsitzenden. Was halten Sie davon?

Nahles: Wir haben zugesagt, dass wir das diskutieren und prüfen, und ich schließe nicht aus, dass wir uns für die Zukunft für Urwahlen bei wichtigen Personalentscheidungen aussprechen. Ich persönlich bin da allerdings eher skeptisch.

SPIEGEL: Warum?

Nahles: Ich habe schon einmal eine Urwahl erlebt. Anfang der Neunzigerjahre hat die SPD Rudolf Scharping zum Kanzlerkandidaten gekürt. Wie sich später herausstellte, war das aber nicht die Lösung, die sich viele davon versprochen hatten. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Basisdemokratie automatisch die besten Ergebnisse hervorbringt. Das werden wir diskutieren.

SPIEGEL: Wenn das Mitgliedervotum über die Große Koalition in Ihrem Sinne ausgeht, muss die SPD nicht nur sich selbst, sondern auch das Land erneuern. Wie heißt ihr Motto für die nächste Große Koalition: "Gut regieren mit Angela Merkel" oder "Volle Attacke gegen die Union"?

Nahles: Das Motto heißt "Aufbruch für Europa, Zusammenhalt für unser Land". Und es heißt: so viel wie möglich von dem umsetzen, was wir verabredet haben.

SPIEGEL: Und dann, nach zwei Jahren, bringen Sie die Koalition zum Platzen und gehen in Neuwahlen.

Nahles: Ich werde manchmal den Eindruck nicht los, dass dieser Gedanke in der Tat bei einigen Unionspolitikern im Kopf herumspukt. Bei mir nicht. Schließlich haben wir jede Menge wichtige Projekte mit hoher Bedeutung ausgehandelt: Wir stärken die gesetzliche Rente und sichern das Rentenniveau, wir beenden die Teilzeitfalle, wir starten eine Investitionsoffensive für bessere Schulen und Infrastruktur, wir entlasten Familien und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das ist ein riesiges Programm. Wir werden uns deshalb richtig ranhalten müssen, dass wir das alles in vier Jahren schaffen, wir fangen sowieso schon spät genug an.

SPIEGEL: Sozialdemokratische Vorhaben gab es in den vergangenen Jahren genug. Viele Ihrer Parteifreunde haben zuletzt eher gefordert, dass sich die SPD stärker von der Union abheben müsse.

Nahles: Die SPD ist ein verlässlicher Partner. Wir werden keine Rosinenpickerei betreiben, das haben wir schon in der vergangenen Amtsperiode nicht getan. Wir werden all das umsetzen, was vereinbart ist, darauf warten die Menschen in unserem Land. Aber glauben Sie mir: Wir meinen es ernst mit der Erneuerung der SPD. Ich will, dass wieder alle wissen, was SPD pur ist.

SPIEGEL: Wenn es so kommt, wie Sie es sich vorstellen, wären Sie die erste Frau auf dem Stuhl von August Bebel und Willy Brandt. Wird das etwas verändern?

Nahles: Das glaube ich schon.

SPIEGEL: Inwiefern?

Nahles: Ich arbeite gern im Team und versuche, möglichst viele meiner Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen. In der SPD galt viele Jahre lang das Prinzip "Top-down". Mein Ansatz ist eher kooperativ, was allerdings nicht zu verwechseln ist mit Laissez-faire.

SPIEGEL: Ihr künftiger Vizekanzler Olaf Scholz sagt dazu: Wer Führung bestellt, bekommt sie auch.

Nahles: Wer für die SPD ins Kabinett geht, steht noch nicht fest. Aber ja, Olaf Scholz hat das mal in einer Situation gesagt, in der in Hamburg die Mäuse auf dem Tisch getanzt haben. Das sehe ich bei uns nicht.

SPIEGEL: Dafür sind Sie zuletzt mit Kraftsätzen bekannt geworden wie "ab morgen kriegen sie in die Fresse" oder Vokabeln aus der Kindersprache wie "Bätschi". Werden wir auch künftig solche Ausdrücke zu hören bekommen?

Nahles: Dazu sage ich nur: Wer Andrea Nahles bestellt, bekommt Andrea Nahles.

SPIEGEL: Haben Sie mal versucht, sich diese Sprache abzugewöhnen?

Nahles: Ich bin der Auffassung, dass Leidenschaft und Emotion zur Politik dazugehören, und das darf man ruhig merken. Ich werde weiter so sein, wie ich bin. Alles andere geht auf Dauer sowieso nicht. Ich gehöre nicht zu jenen, die jeden Tag als Erstes die Zeitung aufschlagen und gucken, was über sie da drinsteht.

SPIEGEL: Weil es Sie nicht interessiert?

Nahles: Nein, weil es meine Art ist, bei mir selbst zu bleiben. Ich lese zum Beispiel keine Porträts mehr, die über mich verfasst werden. Ich will mich nicht ständig kontrollieren und verstellen. Wenn du nicht mehr bist, wie du bist, kannst du am Ende auch keinen von deiner Sache überzeugen.

Nahles, SPIEGEL-Redakteure (Veit Medick, Susanne Beyer und Michael Sauga im Bundestag): "Der menschliche Wille kann viel bewirken"
Daniel Hofer / DER SPIEGEL

Nahles, SPIEGEL-Redakteure (Veit Medick, Susanne Beyer und Michael Sauga im Bundestag): "Der menschliche Wille kann viel bewirken"

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, in der Politik müsse man sich einen Panzer zulegen, um die viele Kritik auszuhalten. Kann es sein, dass eine solche absichtsvolle Verpanzerung dazu führt, dass man nicht mehr sensibel genug ist, um zum Beispiel Stimmungsumschwünge an der Basis wahrzunehmen?

Nahles: Das sehe ich nicht so. In meiner Partei fühle ich mich gut, da brauche ich keinen Schutzpanzer. In den vergangenen Wochen zum Beispiel war ich sehr viel unterwegs, um für das Sondierungsergebnis zu werben. Da rede ich mit den Leuten, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Den Schutzpanzer ziehe ich nur in der Öffentlichkeit an, um unfaire Kritik oder Verletzungen nicht zu nah an mich heranzulassen.

SPIEGEL: Vor einigen Jahren haben Sie in einem Buch über jene Karrierefrauen geschrieben, die wie Sie durchs Leben hetzen, aber eigentlich viel mehr Zeit für sich brauchten. Frauenzeit. Haben Sie so etwas noch, wenn Sie künftig mit dem Partei- und Fraktionsvorsitz gleich zwei Spitzenämter ausfüllen müssen?

Nahles: Das ist eine berechtigte Frage, auf die ich keine richtige Antwort habe, außer: Solche Stunden sind schon heute rar und kostbar. Über Weihnachten konnte ich zuletzt ein bisschen Zeit in Ruhe mit meiner Familie verbringen oder mich auch mal zum Essen oder Spazierengehen mit Freundinnen verabreden. Ansonsten gilt: Wenn ich freie Zeit habe, verbringe ich sie mit meiner Tochter Ella. Ich mache mir keine Illusionen: Die Entscheidung, jetzt auch noch für den Parteivorsitz zu kandidieren, wird meine Lebensqualität nicht unbedingt erhöhen.

SPIEGEL: Wie gut können Sie abschalten?

Nahles: Sagen wir mal so, ich kann immer gut schlafen. Das ist schon mal nicht das Schlechteste bei so arbeitsreichen Tagen und Nächten.

SPIEGEL: Wir fragen das auch deshalb, weil Sie am Tag nach den nächtelangen Koalitionsverhandlungen auch noch Karneval gefeiert haben, verkleidet als Clown. Wie schaffen Sie es, da wach zu bleiben?

Nahles: Der menschliche Wille kann viel bewirken. Oder wie mein Vater im Eifeler Platt zu sagen pflegte: "Wenn ma will, dann jäht et." Ich komme aus einer Familie, wo Arbeit immer großgeschrieben wurde. Ich habe von klein auf gelernt, auf den Knopf mit dem Willen zu drücken.

SPIEGEL: Sie brauchen nur auf einen Knopf zu drücken - und bleiben wach?

Nahles: Na ja, fast immer (lacht). Als ich nach über 40 Stunden Verhandlungsmarathon am nächsten Abend auf der Karnevalsfeier im Dorfsaal war und meine Tochter glücklich getanzt hat, bin ich schließlich auf einem Stuhl eingenickt. Das halbe Dorf hat sich amüsiert, aber es war ja allen klar, warum ich schlafe.

SPIEGEL: Auch die Kanzlerin ist bekannt dafür, mit extrem wenig Schlaf auszukommen. Wenn wir richtig informiert sind, ist das aber nicht der Hauptgrund, warum Sie ihr mit großem Respekt begegnen. Was schätzen Sie an Merkel?

Nahles: Dass sie strukturiert ist, dass sie zäh ist, dass sie eine Frau ist.

SPIEGEL: Heißt das, die nächste Koalition wird durch eine spezielle Form von Frauensolidarität zusammengehalten.

Nahles: Sie kann jedenfalls in manchen männerdominierten Runden sehr wohl hilfreich sein.

SPIEGEL: Weil Merkel so pragmatisch ist.

Nahles: Nein, weil sie sich mit Argumenten offen auseinandersetzt. Sonst kann man keine gemeinsame Regierung bilden.

SPIEGEL: Erst mal müssen Sie nun die SPD-Mitglieder überzeugen. Was machen Sie, wenn Ihnen das nicht gelingt?

Nahles: Ich bin überzeugt, dass wir eine Mehrheit bekommen.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

Nahles: Einen Plan B habe ich nicht.

SPIEGEL: Frau Nahles, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



© DER SPIEGEL 8/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.