AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Andrea Nahles "Egal, was ich mache, es ist immer halb falsch"

Mit ihrer glänzenden Bilanz wird Arbeitsministerin Andrea Nahles nach der Wahl zur Schlüsselfigur in der SPD. Doch ihr Image bleibt mies. Wie geht die SPD-Frau damit um?

Wahlkämpferin Nahles: "Immer nur beobachtet"
Dennis Williamson/ DER SPIEGEL

Wahlkämpferin Nahles: "Immer nur beobachtet"

Von


Ein Tag im Spätsommer, Andrea Nahles rauscht in ihrem Dienstwagen über eine Landstraße am Rhein. In der linken Hand eine Salamistulle, in der rechten ihr BlackBerry, auf der Armlehne ein blaues Aktenmäppchen. Normalerweise ist es gefüllt mit Vermerken, seit Neuestem ist die Mappe leer. Nahles hat nichts dagegen, dass der Eindruck entsteht, sie habe in ihrer Amtszeit alles Wesentliche abgearbeitet.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Die Arbeitsministerin lehnt sich in ihren Rücksitz, ihr Blick schweift aus dem Fenster in Richtung Eifel, ihrer Heimat. Überall sind die Wahlplakate mit ihrem Bild zu sehen, und sie beginnt, ihr Politikerleben zu resümieren. Viel gemacht, viel gelernt, sagt sie. Stress erlebt, Spaß gehabt. "Neulich im Wahlkampf, da kam wieder einer mit der Agenda 2010", erzählt sie. "Meldet sich und meckert rum. Da sage ich dann: Sorry, aber was habe ich mit der Agenda 2010 zu tun? Wovon redest du eigentlich? Ich mache hier seit vier Jahren eine andere Politik!"

Nahles neigt den Kopf zur Seite und blickt über den Brillenrand. "Ich kriege jetzt Applaus, wenn ich solche Leute zur Schnecke mache."

Es läuft eigentlich glänzend für die Arbeitsministerin. Vier Jahre lang hat sie ein Tempo vorgelegt, als gelte es, einen Kabinettsrekord aufzustellen. Den Mindestlohn hat Nahles eingeführt, die Rente mit 63 ebenfalls, sie hat der Leiharbeit Grenzen gesetzt. Sie durfte einige Geschenke verteilen, was ihren Job erleichterte, aber ihr Pensum lässt selbst die Gegner staunen. Unionsminister wie Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière schwärmen von ihrer Professionalität, was interessant ist, wenn man bedenkt, dass die meisten Schwarzen mit der roten Nahles lange Zeit ungefähr so viel anfangen konnten wie mit Margot Honecker.

In der SPD und darüber hinaus richten sich nun viele Augen auf sie, es geht um die Frage, welchen Platz die 47-Jährige in ihrer Partei künftig einnehmen wird. Dass Nahles unabhängig vom Ausgang der Wahl eine Schlüsselfigur bei den Sozialdemokraten werden wird, ist ein offenes Geheimnis. Die Zeit ist reif für eine Frau an der Spitze von Partei oder Fraktion. Also Nahles, oder?

Das Problem ist, dass Nahles auch ein Beispiel dafür ist, wie hartnäckig Etiketten an Politikern kleben, gerade an Frauen. Die Sozialdemokratin hat sich in den vergangenen Jahren an einer Wandlung versucht. Sie ist stiller geworden, hat sich in Sacharbeit vertieft. Nichts erinnert mehr an die Juso-Vorsitzende, die Jubelschreie ausstieß, als Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag 1995 Rudolf Scharping den SPD-Vorsitz abnahm.

Doch was sie auch tat, sie schleppt noch immer das Klischee der Nervensäge mit sich herum, die im Hintergrund Intrigen spinnt. Viele Deutsche machen ein Gesicht, als hätten sie in eine Limette gebissen, sobald sie ihren Namen hören. Nur ein Drittel der Wähler ist mit ihrer Arbeit zufrieden, ergab kürzlich eine Umfrage. Es ist wie ein Fluch. Wie geht sie damit um?

Ein Abend im August, Nahles ist ins rheinland-pfälzische Andernach gereist, Heide Prinzessin von Hohenzollern hat zum "Frauennetzwerktreffen" ins Schloss Burg Namedy geladen. Der Rittersaal ist dicht bestuhlt, an den roten Wänden hängen Hirschgeweihe und präparierte Adler. Rund hundert Frauen sind gekommen, sie tragen Klunker und Perlenketten. Das Schloss liegt in Nahles' Wahlkreis, aber sie ist hier fremd. Die Gegend ist pechschwarz. Bei der Wahl 2013 erhielt ihre Rivalin von der CDU, Mechthild Heil, 55,5 Prozent der Stimmen.

Es ist ein Termin, so anders als im Berliner Regierungsviertel. Persönlich, ruhig, intim. Eine Besucherin erzählt, wie schwierig es ist, Job und Familie in Einklang zu bekommen. Eine andere klagt darüber, für ihre Erziehungsarbeit nicht genügend Anerkennung zu bekommen. Dann ist Nahles an der Reihe.

Vor Jahren, erzählt sie, sei in einem Magazin mal ein Stück über sie geschrieben worden mit der Überschrift "Der letzte Mann der SPD". In der Redaktion habe man ihr daraufhin gesagt, das sei als Kompliment gemeint gewesen. Aber sie habe das getroffen.

"Wenn ich so bin, wie ich bin, ist das nicht richtig. Egal, was ich mache, es ist immer halb falsch."

"Ich bin nicht sehr mädchenhaft", gesteht Nahles. "Ich habe oft das Problem, dass ich dann dargestellt werde mit Beschreibungen, die nicht sehr nett sind, die Bärbeißige, die Königsmörderin, nur weil ich mir nicht gefallen lassen wollte, dass ich mal wieder weggeschubst wurde." Das empfinde sie bis zum heutigen Tag als schwierig. "Denn wenn ich so bin, wie ich bin, ist das nicht richtig. Egal, was ich mache, es ist immer irgendwie halb falsch." Mit 25 Jahren sei sie Juso-Bundesvorsitzende geworden. "Seitdem werde ich öffentlich beobachtet, immer nur beobachtet. Da wird man irgendwann verrückt." Es gibt lauten Applaus.

Nahles hat große Schwächen, aber wie kaum eine andere Politikerin musste sie auch erleben, dass es in Deutschland noch immer einen zu männlichen Blick auf die Politik gibt. Was ihr als Hysterie ausgelegt wird, gilt bei Männern als Entschlossenheit. Wo sie aufmüpfig ist, sind die Kollegen angeblich durchsetzungsstark. Teilt sie die Welt in Gut und Böse, wird das als Kaderdenken eingestuft, bei Männern ist es Strategie. "Die Jungs werden anders kommentiert", klagt sie. "Mir fallen da frühere Parteivorsitzende bei uns ein, die mit solchen Eigenschaften prima durchgekommen sind." Das stimmt. Niemand hat etwa Gerhard Schröder seinen Ehrgeiz vorgeworfen. Er war der Mutige, wenn er Parteifreunde aus dem Weg räumte. Es war Machtwille, wenn er am Zaun des Kanzleramts rüttelte.

Nahles hat daraus ihre Konsequenzen gezogen. Früher sagte sie öffentlich, sie habe nichts dagegen, mal Bundeskanzlerin zu werden. Kein Amt zu hoch, kein Ziel zu weit. Doch nach 25 Jahren in der Politik hat sie eingesehen, dass ihr Demut besser ansteht, wenn sie vorankommen will. Sie hielt als Generalsekretärin ihren Chef Sigmar Gabriel aus, der sie mitunter behandelte, als wäre sie seine Büroleiterin. Sie versuchte, als Wahlkampfmanagerin Peer Steinbrück zu verkaufen, obwohl der Ex-Finanzminister keine Lust hatte, über die Marktplätze zu ziehen. Sie lächelte, als sie als Generalsekretärin auf dem Parteitag 2013 mit 67 Prozent abgestraft wurde, und beklagte sich nicht, als niemand sie zu Jahresbeginn in die Frage einband, wer für die SPD Merkel herausfordern sollte.

Sie schrieb ein Buch, in dem sie einen Einblick in ihre widersprüchliche Biografie gab: heimatverbunden und internationale Netzwerkerin. Links und katholisch. "Immer wenn ich von meinen täglichen politischen Auseinandersetzungen in eine Kirche komme oder bete, wird so einiges in meinem Kopf und in meiner Seele wieder geradegerückt", schrieb sie. Es war ein Aufschrei: Leute, ich bin gar nicht so, wie ihr denkt. Ich bin ganz anders.

Die Zeit als Arbeitsministerin war für Nahles ein Aufstieg, aber auch eine Art Rückzug. Sie schlüpfte in einen Kokon, um sich zu schützen. In ihr Büro im zweiten Stock ihres Ministeriums hängte sie ein Kreuz und ein Porträt von Willy Brandt. Sie brachte Spielzeug für ihre Tochter mit und begann mit der Arbeit. Aus den Parteigremien zog sie sich zurück und redete in Hintergrundgesprächen vor allem über Arbeitsmarktzahlen und Rentendetails. Sie wechselte die Handynummer. Sie stellte die Push-Nachrichten ab und führte Videokonferenzen von ihrem Haus im Eifeldorf Weiler ein, um möglichst viel Zeit mit ihrer Tochter Ella verbringen zu können. Im Fernsehen zeigte sie sich seltener. Und während ihre Kabinettskollegin Manuela Schwesig so auftrat wie sie damals als Juso-Chefin, konferierte Nahles regelmäßig mit Volker Kauder, dem Unionsfraktionschef, um nach Wegen zu suchen, ihre Gesetze durchs Parlament zu bekommen.

Man sollte meinen, dass es anstrengender ist, in der Politik laut und raumgreifend aufzutreten als leise und zurückgezogen. Im Fall von Nahles ist es umgekehrt, für sie ist der Kokon ein strapaziöser Ort. Ständig muss sie aufpassen, dass nicht zwischendurch wieder die Nahles unplugged herauslugt, die heute allenfalls hinter verschlossenen Türen zu besichtigen sein soll.

Sie schimpft dann über eine "windelweiche Arschlochnummer", über Parteifreunde, die "nicht mehr alle Tassen im Schrank haben". Aber die Zusammenhänge dürfen nicht nach außen dringen, denn das könnte ja Aufregung geben. "Was man braucht in so einem Job, ist Disziplin, verdammt noch mal", sagt Nahles. "Ich habe die Entscheidung getroffen: Arbeit und Ella - für mehr habe ich keine Zeit. Das ist aber auch das Leben, das mich froh macht", sagt sie.

Ein Samstagmorgen Anfang August, Nahles ist in München. Sie hat einen Auftritt im Biergarten, die Bundestagsabgeordnete Claudia Tausend hat sie eingeladen, die Sonne scheint, das Weißbier fließt, alle warten auf ein paar deftige Sprüche.

Nahles hält keine berauschende Wahlkampfrede, ihre Auftritte sind im Vergleich zu früher nicht wirklich besser geworden. Sie lobt die SPD-Regierungsarbeit, sie prügelt ein bisschen auf Verkehrsminister Dobrindt und dessen "bescheuerte Maut" ein. Beim Thema "Randzeitbetreuung" und "Rentenniveaustabilisierung" wird es etwas umständlich, aber dann biegt sie schnell ab zu Angela Merkel. "Die hat doch keinen Schwung für die Zukunft, Leute!" Die Maßkrüge gehen nach oben.

Der Wahlkampf ist für sie eine heikle Angelegenheit. Macht sie zu viel, heißt es, sie laufe sich schon warm für den Parteivorsitz. Macht sie zu wenig, gilt sie als illoyal gegenüber dem Kanzlerkandidaten.

In dieser Woche trat Nahles im Fernsehen auf und redete im Bundestag nach Merkels Regierungsbilanz. Es war nur ein kurzer Auftritt, aber man konnte spüren, wie zufrieden ihre Fraktion mit ihr war. Auch die Kanzlerin lauschte aufmerksam.

Natürlich hofft Nahles, für ihre Zeit als Parteisoldatin irgendwann eine Dividende einstreichen zu können. Aber anders als früher hat sie Geduld. Auch die Wahrnehmung der Kanzlerin habe sich nicht von heute auf morgen geändert, sagt sie.

Politisch liegen Welten zwischen ihr und Angela Merkel. Aber Nahles schaut sich die Christdemokratin sehr genau an, und es gibt vieles, was ihr an Merkel imponiert. Sie bewundert, dass die Kanzlerin es in ihrem politischen Alltag schafft, wie ein Uhrwerk zu funktionieren. Sie hat Respekt davor, mit welcher Härte die Kanzlerin Männer ausgebremst hat. Beide kommen aus der Provinz, beide verstehen Politik als Maschinenraum. Nahles kann sich ein Stück weit selbst in Merkel erkennen.

Über das, was nach dem 24. September geschieht, spricht Nahles nicht. Sie versteht sich, anders als das mit früheren SPD-Chefs mitunter der Fall war, gut mit Martin Schulz. Sie ist überzeugt, dass die Wahl für die Partei noch überraschend positiv ausgehen kann. Alles andere kommt später.

Viele glauben, dass ein schlechtes SPD-Ergebnis Nahles' große Chance sein könnte. Aber aus ihrer Perspektive ist das so klar nicht. Im Zweifel brauchen sich Schulz und sie gegenseitig.

In der SPD werden dieser Tage zwei Szenarien durchgespielt. Liegt die Partei am Wahlabend über 25 Prozent, dürfte es darum gehen, ob die SPD noch einmal den Juniorpartner in einer Großen Koalition gibt. Nahles hat öffentlich betont, Ministerin bleiben zu wollen. Es wäre dann neben Schulz ganz wesentlich an ihr, die skeptische Basis davon zu überzeugen, noch einmal in ein solches Bündnis zu gehen.

Gelingt das, liegt eine Arbeitsteilung nahe, er Parteichef und Vizekanzler, sie Ministerin oder Fraktionschefin. Für Nahles könnte Zweiteres ein attraktiver Posten sein. Sie wäre für die Statik der Großen Koalition verantwortlich und könnte auf diese Weise ihr Spektrum erweitern, ohne in die reine Parteipolitik zurückzufallen.

Liegt die SPD bei der Wahl unter 25 Prozent, wird Schulz wohl um sein Amt kämpfen müssen. In der Partei könnte dann eine Stimmung entstehen, einen harten Neuanfang zu starten - in der Opposition. Nahles könnte Oppositionsführerin werden, was kein Traumposten für sie sein dürfte. Denn um wahrgenommen zu werden, müsste sie dann wieder so auftreten wie früher. Und um sie herum säßen sämtliche SPD-Kabinettsrentner aus der Großen Koalition.

Dass Nahles für den Notfall bereitsteht, ist offenkundig. Sie und Olaf Scholz, Hamburgs Erster Bürgermeister, der seit Jahren auf den Parteivorsitz schielt, vertrauen sich. Das Ministerium hat Nahles zu einem Nebenkanzleramt ausgebaut, ihre Staatssekretärin Yasmin Fahimi war mal SPD-Generalsekretärin, auch im Rest des Hauses arbeiten viele Vertraute, die Partei und Fraktion gut kennen. Nahles könnte mit ihrem Team ohne Weiteres weiterziehen, wohin auch immer.

Nahles' Wagen rollt über die Straßen vor ihrem Heimatdorf Weiler. Es ist spät, hinter ihr liegen vier Termine im Wahlkreis. Sie möchte jetzt nach Hause. Ausruhen. Termine planen. Das Telefon klingelt, ihre Mutter ist dran. Sie hat die Tochter ins Bett gebracht. Jetzt würde sie gern noch wissen, wie der Tag war. Nahles seufzt. "Mama", sagt sie, "lass uns morgen sprechen. Es war anstrengend."



© DER SPIEGEL 37/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.