AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Designierte SPD-Chefin Andrea Nahles "Und da denk ich mir: Boah."

Nach 154 Jahren bekommt die SPD erstmals eine Vorsitzende: Andrea Nahles soll die Genossen wieder erfolgreich machen. Kann sie das?

SPD-Spitzenpolitikerin Andrea Nahles
Nikita Teryoshin / DER SPIEGEL

SPD-Spitzenpolitikerin Andrea Nahles

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Wenn Andrea Nahles zuletzt ins Willy-Brandt-Haus ging, machte sie einen Umweg. Klar, sie nahm die Drehtür, spazierte ins Foyer, nahm dann den Aufzug in die höheren Etagen. Aber statt ins Chefbüro in der hinteren Ecke des fünften Stocks zu gehen, schaute sie sich lieber für einen Moment die Porträts jener Herren an, die sie nun beerben soll.

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Heft 17/2018
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Die Fotos von Brandt, Vogel, Schröder, Müntefering. Helden im Siegestaumel. Oder in Denkerpose. Gute Fotos. Aber eben Symbole vergangener Zeiten und Belege dafür, wie gern sich die Sozialdemokraten historisieren. Nahles machte sich ihre Gedanken. "Diese wahnsinnige Ahnengalerie", sagt sie. "Diese Schwarz-Weiß-Bilder. Uiuiui. Ganz viele ernst blickende Männer. Uiuiui."

"Und da denk ich mir: Boah. Jetzt fängt was Neues an."

Es gibt viele Geschichten über Andrea Nahles, aber dass sie mal Angst gehabt hätte vor einer neuen Aufgabe, geschweige denn vor irgendeiner Ikone, hat noch nie jemand erzählt. Wenige sind ähnlich furchtlos bergauf geklettert und haben dabei so viele Parteifreunde hinter sich gelassen wie sie. Es gibt auch nicht viele, die schon immer irgendwie da waren und trotzdem für einen Wandel stehen sollen. Nahles soll von Sonntag an die SPD führen, was ein Teil der Sozialdemokratie völlig logisch findet, weil es schlicht nicht mehr so mutlos weitergehen kann wie zuletzt. Ein anderer Teil findet das aber auch unmöglich. Wegen der vielen Bremsspuren, die Nahles in ihrer Laufbahn hinterlassen hat.

Aber statt ihr wieder ein Mann? Das geht nun noch weniger. Die hatten jetzt 154 Jahre ihre Chance.

Dass sie nun die erste Chefin in der Parteihistorie sein wird, habe "was Befreiendes", sagt sie. Mehr überhöhen möchte sie den Moment nicht, das müssen andere machen. Und außerdem hat sie schon viele Rollen gehabt in ihrer Laufbahn. Nervensäge, Regierungslinke, Streberin, Koalitionsanker. Jetzt eben Chefin. Aber ihr Problem ist, dass sie nun so vieles zugleich sein muss. Sie soll die Kanzlerin treiben und den Betrieb in der Koalition am Laufen halten. Die Union nerven und Konflikte wegmoderieren. Egoshooter und Teamspielerin in einer Person.

Ja, und vor allem wollen ihre Leute natürlich, dass sie die Partei heilt. Dass sie aus diesem Häuflein SPD wieder eine starke Truppe macht. Hokuspokus. Bis 2021, spätestens. Sonst kann es auch schnell vorbei sein für sie mit der Politik und für die SPD mit der Rolle als Volkspartei.

Ums Überleben geht es von nun an. Und von ihr hängt ab, ob das gelingt.

Uiuiui.

Ein Dienstag im Frühjahr, der Ort Weiler in der Eifel, der einzige Flecken in Deutschland, in dem Nahles schon die Superheldin ist, die sie für die SPD erst noch werden soll. 500 Einwohner, eine davon Nahles. Sie ist hier aufgewachsen. Ging zur Schule und wurde Messdienerin. Ritt als Kind durch die Wälder und heiratete in der örtlichen Kirche.

Es gibt Leute, die sagen, man kennt Nahles nicht, ohne Weiler zu kennen. Mit solchen Sätzen muss man vorsichtig sein. Weil Politiker ihre Heimat gern mal nutzen, um sich basisnah zu zeigen. Um eine Distanz zwischen sich und diesem verrückten Hauptstadtbetrieb zu schaffen. Obwohl sie sich im Regierungsviertel in Wahrheit sehr, sehr wohl fühlen.

Aber das Verhältnis Berlin-Weiler-Nahles ist schon eine besondere Geschichte. Weil diese zwei sehr unterschiedlichen Welten, in denen die Sozialdemokratin lebt, eine Spannung erzeugen, die man als Politiker erst einmal aushalten muss. Unter der Woche Dienstwagen, Plenarsaal, Machtspielchen. Am Wochenende zur Tochter auf den modernisierten Bauernhof, der einst ihren Urgroßeltern gehörte. Straße kehren. Brot backen. Hinten der Wald, vorn der Dorfkern. Ein paar Windräder, eine Kirche, ein Gemeindezentrum, viel gibt es nicht in Weiler. Zum Einkauf muss man ins Nachbardorf fahren, Breitbandnetz gibt es nicht.

Eine der beiden Gaststätten im Dorf ist das Kirjässer am Ortsausgang. Über der Tür steht: "Hier ist es doch viel schöner als bei normalen Menschen." Das Kaminfeuer knistert, an der Wand hängen Geweihe, und aus den Boxen schallt Peter Alexanders "Die kleine Kneipe". Wenn Jens Spahn mal wieder genervt ist von den Hipstern in der Hauptstadt - das Kirjässer wäre eine Option.

Am Tresen sitzt Siggi Hüyng. Kurzhaarfrisur und Jeansjacke, Pils und Kippe. Hüyng arbeitet im Altersheim, vor 30 Jahren gründete er mit Nahles und ein paar Freunden einen SPD-Ortsverein, genauer: Nahles gründete ihn mit den anderen, weil sie schon damals ahnte, dass manches nur über Bündnisse geht. "Der Ortsverein war natürlich ihre Idee", sagt Hüyng.

Die Gruppe hatte Spaß, und sie hatte was vor. Sie sammelte Aluminium, um es zur Alteisensammlung zu bringen und die Ortsvereinskasse aufzubessern. Sie rettete einen Berg vor den Schaufelbaggern und trommelte gegen eine örtliche Mülldeponie. "Wir wurden damals schon manchmal schief angeguckt", erzählt Hüyng, was völlig plausibel ist, weil die Eifel ja eine derart schwarze Gegend ist, dass die Union bei Wahlen auch einen Gartenzwerg aufstellen könnte - er würde gewinnen.

Eine hübsche Geschichte ist das mit diesem Ortsverein. Vom Kleinen ins Große, aus Weiler in die weite Welt. Der Wermutstropfen ist, dass Hüyng nicht mehr in der SPD ist. Er wählt sie noch, aber sein Parteibuch gab er 1995 zurück. Wegen Nahles. Die knöpfte sich damals auf dem Mannheimer Parteitag Rudolf Scharping vor. "Das war mir ein bisschen zu viel Lirum, larum, Löffelstiel, Rudolf", hielt sie dem schwankenden Vorsitzenden damals vor. Hüyng fand, dass man einen Parteichef so nicht abservieren dürfe. "Das war nicht meine Sprache", sagt er.

Und war weg.

In Weiler ist Hüyng mit der Haltung eher allein, im Rest der Republik nicht. Die Deutschen haben ihre Probleme mit Nahles, und ihre Sprache spielt wohl eine Rolle. Das ist eigenartig, gibt es doch angeblich eine Sehnsucht nach Politikern, die keine Redemaschinen sind, die man anknipst, nur um ein paar leblose Sätze aus ihrem Mund purzeln zu hören.

Nahles ist selten leblos. Aber wenn sie mal wieder "verdammte Kacke" sagt oder der Union eins "in die Fresse" geben will, wenn sie "Bätschi" ruft oder ihre Leute warnt, dass die Wähler der SPD doch "den Vooogäl" zeigen würden, scheint das vielen dann doch wieder zu weit zu gehen. Ja, ihr Jargon beißt sich zuweilen mit ihrer Machtstellung. Aber an Nahles lässt sich auch studieren, wie schwierig dieser Beruf sein kann. Ist man so wie alle anderen, gilt man als Teil der Blase. Schlüpft man aus dem Korsett, gilt man schnell als schwer vermittelbar. Die Gratwanderung kann Politiker kaputt machen. Martin Schulz etwa. Der lief am Ende wie ein Roboter umher.

Auszug aus Abi-Buch von Nahles' Gymnasium: Zwischen Authentizität und Show

Auszug aus Abi-Buch von Nahles' Gymnasium: Zwischen Authentizität und Show

Nahles hat längst bewiesen, dass sie regieren kann. Sie denkt auch nicht mehr in der klassischen Freund-Feind-Kategorie. Wenn sie zum Beispiel vom "blöden Dobrindt" spricht, ist das ein Stück weit Fassade. In Wahrheit versteht sie sich mit dem CSU-Mann nämlich ganz gut. Beide waren einst Generalsekretäre. Und hatten schwierige Chefs. Das verbindet. Nahles und Dobrindt treffen sich manchmal, um sich auszutauschen. Um zu schauen, was die Gegenseite so denkt. Intellektuelles Pingpong.

Einmal, vor Jahren, hat Dobrindt Hannelore Kraft aus Düsseldorf mal als "faulstes Ei" in der deutschen Politik bezeichnet. Nahles reagierte, indem sie öffentlich an Krafts berührende Trauerrede nach dem Loveparade-Unglück erinnerte, was Kraft ziemlich gut und Dobrindt ziemlich schlecht hat aussehen lassen. Dobrindt fand das böse. Aber sehr professionell. Sie wisse, wie sie den Hammer ansetzen müsse, um den Nagel reinzukriegen, sagt er.

Nahles sitzt in ihrem Wagen, Tempo 130, Lüneburger Heide. Sie holt ein Knoppers aus der Tasche und atmet durch. Wenn sie dieser Tage mal einen Moment Zeit hat, liest sie "Hector und die Kunst der Zuversicht" von François Lelord. Unterhaltungsgeschichten, kurze Kapitel, nicht allzu kompliziert. Genau das Richtige in Phasen wie diesen, in denen das politische Berlin im Hochbetrieb läuft.

Nahles hat schon manche Torheit begangen. Aber sie kann sich einschätzen, sie hat einen guten Blick auf sich selbst. "Dieses ›Darauf achten, wie man zu sein hat‹ - das ist mir total fremd", sagt sie. "Einerseits verursache ich natürlich manchmal ein paar Überschriften, die ich gar nicht haben will. Andererseits sagen mir viele: Das ist authentisch. Man kann halt nicht beides haben."

Neulich, beim Karneval in Weiler, hat sie im Clownskostüm ein paar Sätze in eine Fernsehkamera gesagt. Das hat nicht allen gefallen in der Partei. Aber so etwas kommt vor, wenn man versucht, zwei Welten miteinander zu verbinden.

Es kann sein, dass es bald nur noch eine ist. Im Willy-Brandt-Haus geht man davon aus, dass Nahles bald nach Berlin ziehen wird, damit die Pendelei nicht mehr so viel Zeit verschlingt. Aber sie hängt an Weiler. "Immer wenn ich in mein Heimatdorf komme und merke, dass da von diesen aufgeregten Berliner Debatten maximal eine angekommen ist, ist das für mein Deutschlandbild nicht ganz unerheblich", sagt sie.

Nahles ist klar, dass sie jetzt anders vermessen wird als früher. Nachfolgerin von Bebel und Brandt. Vor sich nur noch die Kanzlerin. Das ist jetzt die Ebene. Sie weiß, dass sie da nicht völlig jenseits aller Regeln handeln und zum Beispiel im "Star Trek"-Outfit auftauchen darf, so wie sie früher manchmal rumlief.

Damals trug sie einen sogenannten Communicator, auf den die TV-Helden drückten, um miteinander zu kommunizieren. Positives Verhältnis zur Technik, Neugierde, ein Stück Utopie. "Auf eine gewisse Weise die Verfilmung der sozialdemokratischen Idee", findet Nahles. Und so ganz anders als "Star Wars". "Das fand ich immer düster. Krieg und so."

Für Nahles gehörten das Authentische und die Show schon immer zusammen. Im Abi-Buch des Megina-Gymnasiums in Mayen aus dem Jahr 1989 werden auf den Seiten 54 bis 60 die Stars und Sternchen ihres Jahrgangs vorgestellt. Die Coolsten und die Schönsten, die größten Schleimer und die schlimmsten Streber. Nahles taucht häufig auf. Platz drei bei den "Stufenclowns". Platz zwei bei den "Geschwätzigsten". Und Platz eins bei der "Emanze". Sie war auch "Mrs Abitur" - Andrea Nahles, die Goldmedaille. Die große Bühne suchte sie schon immer.

Samstagmittag vergangener Woche, die Heidmark-Halle in Bad Fallingbostel. Nahles ist zum Parteitag der Niedersachsen-SPD gekommen. Sie soll den Genossen etwas über die Erneuerung erzählen. Es gelte jetzt, wieder echte "Debatten" zu führen, sagt sie. Als ob das so einfach wäre. Früher, in den Neunzigern, waren die Parteien der Ort, wo man sein musste. Nahles las Zeitung, sprach mit Leuten, setzte eine These in die Welt, fertig war die Debatte. Heutzutage haben alle schon eine These, noch bevor Nahles die Zeitung aufgeschlagen hat. Das Tempo ist einer der Gründe, weswegen Parteien heute so alt wirken.

Für die Erneuerung müsse man "auch den Mumm haben, mal 'n paar heiße Eisen anzufassen", ruft Nahles vorn auf der Bühne und sagt, dass sich die SPD vor allem die Zukunft der Arbeit vornehmen müsse. Ihre "Cousine Roswitha" zum Beispiel habe 23 Jahre bei einer Bank gearbeitet und werde jetzt von einem Algorithmus ersetzt. Gemurmel im Saal. "Ja, für den Namen kann die auch nix", ruft Nahles, und schon ist gute Stimmung.

Als Ministerin hat sie ein Gesetz nach dem anderen gemacht. Sie sehnt sich danach, Dinge wegzuschaffen und abzuarbeiten, man sieht es, wenn man ihr zuguckt. Sie hämmert mit den Fäusten und sticht mit den Fingern. Sie gräbt und greift und presst und schiebt. Sie schiebt so ziemlich alles weg, was ihr in die Quere kommt. Die Kanzlerin, Hartz IV, die Krise der eigenen Partei. "Die SPD muss nicht gerettet werden", ruft sie. Fragende Gesichter der Delegierten.

Wie jetzt, nicht gerettet werden?

"Die SPD wird gebraucht oder nicht!" Und im Moment werde sie sehr gebraucht, sagt Nahles. Als Friedenspartei in Kriegszeiten zum Beispiel. Großer Applaus in der Halle.

Nicht überall tritt Nahles überzeugend auf. Das Fernsehen zum Beispiel mit seinem geschliffenen Stil ist nicht ihr Format. Auch im Bundestag wirkt sie manchmal orientierungslos darin, zwischen der Fraktion, den Kabinettsmitgliedern und den Zuschauern den richtigen Ton zu finden. In sozialdemokratischen Räumen, Parteitagen zumal, funktioniert Nahles besser. In diesen Räumen gibt es Prozesse, die man beherrschen, und Dynamiken, die man lesen können muss. Sie transportieren eine Wirklichkeit, in der die eigene Truppe stets für den Fortschritt steht und die anderen immer die Bösen sind. Und wer vorn auf der Bühne steht, ist irgendwas zwischen Dompteur und Therapeut, je nach Verfassung der SPD.

Nahles hat schon häufig auf der Bühne gestanden, und die Krisen der SPD, die sie selbst erlebt hat, kann sie kaum noch zählen. Sie spürt auch, wenn es mal richtig schiefzugehen droht, wie bei jenem Parteitag im Januar, als es um Koalitionsgespräche mit der Union ging und sie schon eine ziemlich harte Löwennummer hinlegen musste, um die Genossen zur Vernunft zu bringen. "Leute!", schrie sie. "Wir geben doch die Es-Pe-De nicht auf!" Am Ende stand eine knappe Mehrheit für Gespräche mit der Union.

Der Nachteil ist, dass man Nahles praktisch nur vor der sozialdemokratischen Folie sieht. Es ist schwierig, sie sich als Staatsfrau vorzustellen, als Figur, die etwas Größeres repräsentiert als ihre Partei. Deutschland etwa. Sie kennt die SPD in- und auswendig. Aber sie ist auch in ihrer Partei gefangen. Das ist ein Unterschied zu Angela Merkel, mit der sie sonst viel gemein hat: den Umgang mit Macht. Den Fleiß. Den Feuerring an loyalen Mitstreitern, den sie zum Schutz aufgebaut haben.

Wahlurnen auf SPD-Landesparteitag: Rettet Nahles ihre Partei?
Nikita Teryoshin / DER SPIEGEL

Wahlurnen auf SPD-Landesparteitag: Rettet Nahles ihre Partei?

Aber Merkel, die Pastorentochter aus der DDR, kam von außen in die Union. Sie konnte damals die Muster und Abhängigkeiten leichter erkennen, die sich mit dem System Kohl in die CDU eingeschlichen hatten. Nahles dagegen ist in so vielen Systemen der SPD groß geworden, dass die Frage, welches System genau das Problem gewesen sein könnte, für sie gar nicht so leicht zu beantworten sein wird.

Wenn man mal keine Antwort haben will von Andrea Nahles, muss man sie auf eine mögliche Kanzlerkandidatur ansprechen. Sie quietscht dann kurz oder blickt einen über den Brillenrand an, als wolle sie sagen: Nicht ernsthaft, oder? Nahles hält es für absurd, über eine solche Frage nachzudenken, wo die Koalition doch gerade erst ihre Arbeit aufgenommen hat.

Ist ja auch absurd.

Aber der Betrieb funktioniert so. Wenn die Koalition vorzeitig zerbrechen sollte, was wiederum kein so absurder Gedanke ist, muss klar sein, wer es macht. Also lieber vorher planen. Nahles wäre nicht Nahles, wenn sie nicht schon mal einen Gedanken daran verschwendet hätte, wie das werden soll 2021. Oder früher.

Wahrscheinlich wird die Sache irgendwie zwischen ihr und Olaf Scholz ausgemacht, mit dem sie gut kann, angeblich sogar befreundet ist. Manche in der SPD sagen, sie würde für ihn im Zweifel auch auf eine Kandidatur verzichten. Weil er schon mal eine Wahl gewonnen hat. Und sie nicht. Merkel hat auch einmal verzichtet und Edmund Stoiber gedient. Das hat ihr geholfen, wie man weiß.

Kann Nahles dienen?

Franz Müntefering hat seine Erfahrungen mit ihr gemacht. Im Oktober 2005 kandidiert Nahles als Generalsekretärin, obwohl er jemand anderen will. Ein Affront kurz vor den Koalitionsverhandlungen. Sie gewinnt die Abstimmung. Er tritt zurück und ruft die Kanzlerin an. Merkel: O Gott. Was machen wir jetzt mit den Verhandlungen? Er: Na, das kriegen wir noch hin. Wenig später steht das Bündnis, aber das Verhältnis zu Nahles ist im Eimer. Er ein Märtyrer, sie ein Paria. So sehen das manche Genossen auch heute noch.

Die Kurfürstenstraße in Berlin, das Café Einstein. Müntefering bestellt einen "ganz normalen Kaffee", womit er eigentlich sagen will: Bringen Sie mir bloß nicht so einen Schaumquatsch. Müntefering ist jetzt 78, aber diesen wachen Blick hat er immer noch. Stets denkt man: Jetzt kommt gleich wieder irgendwas Schlaues. Oder Fieses.

Müntefering wird nicht mehr der größte Fan von Andrea Nahles, so viel ist gewiss. Aber er hat mit ihr seinen Frieden geschlossen. "Bei mir ist da nichts geblieben", sagt er. "Ich finde es gut, dass sie das jetzt macht. Da ist viel mehr Solidität drin, als man denkt, wenn sie so losbollert."

Er denkt immer noch sehr in Machtstrukturen. Man kann sich wahrscheinlich nie ganz lösen von der alten Rolle, wenn man einmal SPD-Chef war. Dass Nahles dem Kabinett ferngeblieben ist, findet Müntefering nicht optimal. "Ich hoffe, dass sie keine Parteiseparationskiste macht", sagt er. "Wir sind in der Regierung. Wenn wir als Partei die Regierung taktisch angreifen, greifen wir uns selbst an. Das geht den Leuten nicht in den Kopf." Die Fraktion müsse jetzt zum zentralen Platz für Debatten werden. "Der Organisationsimpuls für die Partei ist eine Sache. Das andere ist die Idee: Wie geht das weiter mit der Demokratie?" Das müsse zur Leitfrage werden.

Sein Rat ist wie immer der Fußballwelt entlehnt. "Andrea kann jetzt mit Übersicht aus dem Mittelfeld herausspielen. Sie ist kein Lewandowski und kein Ribéry", sagt er. "Das kann noch werden. Aber sie sollte jetzt nicht die Wahlkampfmaschine anschmeißen." Dann geht er zum Bus.

Müntefering kommt übrigens auch zum Parteitag. Er wird vorn im Saal mit vielen anderen ehemaligen Vorsitzenden der SPD sitzen. Schulz, Gabriel, Platzeck, Beck, Scharping. Eine lebende Ahnengalerie. Symbole vergangener Zeiten. Andrea Nahles wird oben auf der Bühne stehen und merken, wie viel jetzt von ihr abhängt.

Und dann müssen die Herren zugucken, wie jetzt was Neues beginnt in der SPD.


Im Video: "Mrs. Abi 1989" - SPIEGEL-Redakteur Veit Medick hat für sein Porträt SPD-Spitzenpolitikerin Andrea Nahles begleitet - und auch in ihrer früheren Schule recherchiert.

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Roland Bender 21.04.2018
1. Nein. Nahles kann das nicht.
Das hängt aber nicht damit zusammen, daß sie eine Frau ist. Sie ist halt - am Ende - eine Protagonistin aus dem System SPD. Um die SPD überlebensfähig zu machen, müssen aber Querdenker her. Menschen, die sich aus den alten Klassenstrukturen lösen oder sie - zumindest - in die heutige Zeit übersetzen. Und der Mensch ist Andrea Nahles genausowenig wie Schulz vor ihr.
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