AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Kanzlerin Merkel im Interview "Ich bin über diesen Betrug empört wie Sie"

Hat die Kanzlerin ihren Einfluss missbraucht, um sich Vorteile im TV-Duell zu verschaffen? Wie weiter beim Diesel? Und warum arbeiten so viele ihrer ehemaligen Mitarbeiter als Lobbyisten für die Autoindustrie?

  Regierungschefin Merkel:  "Was ist gut für die Menschen, die heute ein Dieselauto besitzen?"
Urban Zintel/ DER SPIEGEL

Regierungschefin Merkel: "Was ist gut für die Menschen, die heute ein Dieselauto besitzen?"

Ein Interview von und


Montag, 12.15 Uhr vor dem Kanzleramt. Ein Tourist fragt: "Ist das hier das Haus, wo der Schröder am Zaun gerüttelt hat?" "Ja", sagen die Beamten, obwohl es das Amt in Bonn war. Die Wagenkolonne rollt heran, Angela Merkel sitzt hinten rechts, das Smartphone in der Hand.

12.30 Uhr: Merkel steht im Vorzimmer, über einen Aktenordner gebeugt. Der Pressespiegel? "Nein, das hier sind die allerwichtigsten Dinge." Sie unterschreibt zweimal, klappt die Mappe zu. Begrüßung, zehn Schritte in ihr Büro, der Fotograf darf die Sitzordnung bestimmen. Kaffee? Sie nimmt Wasser, trinkt nicht. "Fangen wir sofort an", sagt sie.

SPIEGEL: Frau Bundeskanzlerin, wir möchten mit Ihnen über Macht und auch über Filz in der Politik reden. Die meisten Politiker kennen das Gefühl, dass Einfluss und Bedeutung wie eine Droge wirken. Sind Sie inzwischen davon abhängig?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Merkel: Ich hoffe nicht. Nein.

SPIEGEL: Helmut Kohl konnte nicht von der Macht lassen und verpasste den richtigen Zeitpunkt für den Abgang. Seine vierte Amtszeit ist dem Land und der CDU nicht gut bekommen. Tappen Sie nun dennoch in die gleiche Falle wie Kohl?

Merkel: Ich habe bis zum November letzten Jahres ausführlich darüber nachgedacht, ob ich erneut antreten soll. Ich habe das keineswegs als selbstverständlich erachtet und bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich nach aller menschlichen Voraussicht die nötige Kraft dazu habe und dass ich nach wie vor neugierig bin - auf Menschen, darauf, wie das Leben und das Land sich verändern, und auf die Aufgaben, die das der Politik stellt. Ich denke, das ist das Entscheidende: dass man nicht glaubt, schon alles zu kennen.

SPIEGEL: Gibt es Mechanismen, mit denen Sie Hybris und Abhängigkeit von der Macht vorbeugen?

Merkel: (lacht) Kritische Presseartikel lesen.

SPIEGEL: Oha!

Merkel: Als Bundeskanzlerin stehe ich - und das ist auch richtig so - unter ständiger Beobachtung durch die Öffentlichkeit und die Medien. Wichtig sind für mich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mir klar sagen, wie sie die Dinge sehen. Und ein weiterer guter Indikator ist die Stimmung im eigenen Wahlkreis. Wenn ich dort bin, und das ist ziemlich häufig, ist niemand mehr aufgeregt oder beeindruckt, die Bundeskanzlerin zu treffen. Da wird mir sofort gesagt, was gut und was nicht so gut läuft.

SPIEGEL: An diesem Sonntag wird es das erste und einzige TV-Duell zwischen Martin Schulz und Ihnen geben. Die Sender wollten das Format durch Studiopublikum lebendiger halten und durch mehr Freiheiten für die Moderatoren. Wenn Ihnen die freie Presse so am Herzen liegt, warum haben Sie das alles abgelehnt?

Merkel: Dieses TV-Duell ist mir wichtig, deshalb habe ich von vornherein wieder meine Bereitschaft zu einem Duell erklärt. Es ist eine Gelegenheit für Millionen von Zuschauern, sich ein Bild davon zu machen, welche Politik Martin Schulz und ich für die nächsten vier Jahre anbieten. Es ist gute Regel, dass die formalen Modalitäten der Sendung mit den Sendern besprochen werden. Es gibt eine seit 2009 und 2013 bewährte Form der Sendung, die auch dieses Mal wieder angewendet wird. So werden Martin Schulz und ich miteinander diskutieren können, und ich freue mich darauf.

SPIEGEL: Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagt, der Druck durch das Kanzleramt sei sittenwidrig, das jetzige Format sei durch Erpressung zustande gekommen.

Merkel: Ich achte die Pressefreiheit sehr hoch. Zugleich aber hat auch ein Politiker immer die Freiheit zu entscheiden, ob er oder sie eine Einladung in eine Sendung annimmt oder nicht. Wir haben uns jetzt auf ein bewährtes Format geeinigt, und ich hoffe, dass es für die Bürger interessant wird.

SPIEGEL: Der Wahlkampf würde sicher lebendiger werden, wenn es mehrere TV-Duelle gäbe. Warum wollen Sie das partout nicht?

Angela Merkel mit den SPIEGEL-Redakteuren Klaus Brinkbäumer und René Pfister im Berliner Büro der Kanzlerin: "Ich achte die Pressefreiheit sehr hoch"
Urban Zintel/ DER SPIEGEL

Angela Merkel mit den SPIEGEL-Redakteuren Klaus Brinkbäumer und René Pfister im Berliner Büro der Kanzlerin: "Ich achte die Pressefreiheit sehr hoch"

Merkel: Weil die mediale Auseinandersetzung in vielen verschiedenen Formaten stattfindet, zum Beispiel in Bürgerforen oder Townhallsendungen, und weil wir in Deutschland kein Präsidialsystem haben, sondern Parteien wählen. Da ist schon ein einziges TV-Duell aus Sicht der kleineren Parteien eine ungeliebte Besonderheit, weil ja nur die Spitzenkandidaten von Union und SPD dabei sind.

SPIEGEL: Ihre Sorge um die kleinen Parteien ist rührend.

Merkel: Die Vielfalt unserer Wahlkampfformate und damit verbundener Fernsehdebatten spiegelt wider, dass wir in Deutschland nicht eine Person direkt wählen wie in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Frankreich, sondern Parteien. Unser System ist anders.

SPIEGEL: Ist es in Ordnung, wenn Regierungsmitarbeiter, also Ihre engen Vertrauten Steffen Seibert oder Eva Christiansen, die Verhandlungen mit den Sendern führen? Sollte das nicht Sache der Partei sein?

Merkel: Weil wir die berufliche Tätigkeit für die Bundesregierung und eine Tätigkeit für die CDU sauber trennen wollten, haben wir uns für die Zeit dieser Wahlkampfmonate bei drei Mitarbeitern des Bundeskanzleramtes für das Instrument einer angezeigten und genehmigten Nebentätigkeit entschieden. Das Ziel ist Transparenz. Ich begrüße deshalb sehr, dass der Bundesrechnungshof das jetzt noch einmal überprüfen will. Zugleich ist es in der Sache unerlässlich, dass zusätzlich auch der Regierungssprecher an Gesprächen zur Vorbereitung von Interviewformaten und auch des TV-Duells teilnimmt. Das war bei Gerhard Schröder genauso. Auch seine Regierungssprecher haben an den Gesprächen über die TV-Duelle 2002 und 2005 teilgenommen.

SPIEGEL: Ist es wirklich ein Argument, dass Ihr Vorgänger das ähnlich gehalten hat?

Merkel: Ja, es ist geübte Praxis.

SPIEGEL: Warum nutzen Sie für Wahlkampfauftritte die Flugbereitschaft der Bundeswehr?

Merkel: Ich nutze außerdem auch noch die Möglichkeit, mit Hubschraubern der Bundespolizei fliegen zu dürfen, beides natürlich entsprechend den seit Jahrzehnten bestehenden Richtlinien. Ein Bundeskanzler, eine Bundeskanzlerin muss zu jeder Zeit erreichbar und in der Lage sein, die Amtsgeschäfte bestmöglich wahrzunehmen. Ich muss gegebenenfalls von überall sofort nach Berlin zurückkehren können. Hinzu kommen Sicherheitsaspekte. Natürlich muss die Partei die Kosten dieser Flüge entsprechend den Richtlinien tragen, die Dinge sind zudem dem Haushaltsausschuss des Bundestages bekannt. Alles ist transparent. Als ich 2005 Herausforderin von Bundeskanzler Schröder war, der damals als Bundeskanzler auch die Flugbereitschaft in Anspruch nehmen konnte, habe ich ein Flugzeug einer privaten Firma genutzt und nicht von der rechtlich gegebenen Möglichkeit Gebrauch gemacht, als Parteivorsitzende ebenfalls die Flugbereitschaft zu nutzen.

SPIEGEL: Dennoch ist es ein enormer Wettbewerbsvorteil des jeweiligen Bundeskanzlers, dass er die Flugbereitschaft nutzen kann.

Merkel: Das sehe ich nicht so. Ich bin, Urlaube und Parteitermine eingeschlossen, immer im Dienst. Darüber beklage ich mich nicht, im Gegenteil. Umgekehrt könnte man auch sagen, dass es ein Wettbewerbsvorteil sein könnte, wenn sich ein Kandidat ausschließlich auf Parteitermine konzentrieren kann. Das gleicht sich alles aus.

SPIEGEL: Ach ja?

Merkel: Das Zeitmanagement ist bei Wahlkämpfern ohne Regierungsamt anders als bei mir, ich muss immer und an jedem Ort meine Amtsgeschäfte im Blick haben.

SPIEGEL: Sie haben die großen Weltbühnen, während Ihr Herausforderer Fischräuchereien und Marktplätze besucht.

Merkel: Ich bin sehr gern in diesem Wahlkampf und habe gleichzeitig immer noch die Aufgabe, meine Amtsgeschäfte wahrzunehmen, was mir viel Freude macht.

SPIEGEL: Ihr ehemaliger Regierungssprecher Ulrich Wilhelm wurde kurz nach seiner Zeit im Kanzleramt Intendant des Bayerischen Rundfunks. Ihre Medienberaterin Eva Christiansen war jahrelang Mitglied des ZDF-Fernsehrates, Ihr Sprecher Steffen Seibert kommt vom ZDF und hat ein vertraglich zugesichertes Rückkehrrecht. Ist das die berühmte Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, von der immer die Rede ist?

Merkel: Es gibt viele Beispiele für Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft und zwischen Journalismus und Politik. Ehemalige Redakteure des SPIEGEL zum Beispiel beraten Außenminister, das müsste Sie eigentlich mit Freude erfüllen, weil es zeigt, mit welcher Hochachtung wir dem Qualitätsjournalismus gegenüberstehen. Rückkehrrechte übrigens gibt es auch im öffentlichen Dienst, das ist nichts Besonderes.

SPIEGEL: Wenn Herr Wilhelm für einen SPD-Kanzler gearbeitet hätte, wäre er dann auch BR-Intendant geworden?

Merkel: Das müssen Sie den BR fragen.

SPIEGEL: Lassen Sie uns noch einen Moment lang beim Thema Filz bleiben. Ihr ehemaliger Kabinettskollege Matthias Wissmann, mit dem Sie sich duzen, ist Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. Ihr ehemaliger Staatsminister im Kanzleramt Eckart von Klaeden ist nun Cheflobbyist von Daimler. Ihr ehemaliger Chef für Strategische Planung im Konrad-Adenauer-Haus Joachim Koschnicke war zwischendurch Cheflobbyist von Opel und managt nun wieder Ihren Wahlkampf. Ihr ehemaliger Büroleiter im Adenauer-Haus, Michael Jansen, leitet heute die Hauptstadtrepräsentanz von VW ...

Merkel: ... und nicht vergessen: Thomas Steg, ehemals stellvertretender Regierungssprecher und Sozialdemokrat, ist auch bei VW.

SPIEGEL: Richtig. Wundert es Sie eigentlich, dass die deutsche Autoindustrie das Gefühl hat, die Politik im Griff zu haben?

Merkel: Sollte sie das Gefühl tatsächlich haben, täuschte sie sich. Wir kommen wieder zum gleichen Punkt wie vorhin: Darf jemand, der in der Politik tätig war, in die Wirtschaft wechseln? Ich bejahe das. Bei Post und Telekom hatte der Austausch langjährige Tradition. Wenn etwa für die Automobilindustrie bestimmte Umweltrichtlinien eingeführt werden, ist fachlicher Kontakt mit der Industrie hilfreich. Entscheidend ist nicht der Kontakt, sondern entscheidend ist, was die Politik anschließend mit den Informationen und Wünschen der Industrie macht und dass sie dann in Unabhängigkeit handelt. Wir haben zum Beispiel von der Einführung des Katalysators an immer wieder politische Entscheidungen getroffen, die der Automobilindustrie viel abverlangt haben.

13 Uhr. Der Fotograf arbeitet aus der Ferne. Die Kanzlerin blickt streng und ruft: "Ihre Ausflüge in die äußersten Ecken des Zimmers sind zwar total azyklisch, die meisten Ihrer Kollegen rücken mir immer näher auf die Pelle, aber jetzt genügt's." "Ein bisschen noch?", bittet der Fotograf. "Nee, nee, vielleicht haben Sie ja inzwischen schöne Bilder gemacht."

SPIEGEL: Beim Dieselgipfel wurden Softwareupdates beschlossen, die billigste Variante für die Autoindustrie. Das wird nicht ausreichen, um die Stickoxidwerte herunterzubringen. Warum lässt die Bundesregierung die Automobilindustrie immer so schnell vom Haken?

Merkel: So denke ich nicht. Vielmehr geht es darum, dass wir unsere eigenen Vorstellungen davon umsetzen, wie die Automobilindustrie das Vertrauen, das sie zerstört hat, wiederherstellen muss.

SPIEGEL: Die Autoindustrie hat die deutsche Politik systematisch betrogen. Sie hat Computersysteme entwickelt, die auf dem Teststand geschönte Abgaswerte produziert haben. Als alles aufflog, gab es einen Dieselgipfel, der lediglich Softwareupdates beschloss - und alle, die dort saßen, wussten, dass dies nicht reichen wird. Wie soll der Bürger den Eindruck bekommen, die Politik weise die Autoindustrie in die Schranken?

Merkel: Sie stellen die Dinge sehr verkürzt dar. Wir haben von vornherein gesagt, dass das Softwareupdate nur ein erster Schritt ist, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist unbestritten, dass diese Softwareoptimierung etwas bewirkt, denn damit wird behoben, was Sie zu Recht Betrug nennen, nämlich dass die Abgassysteme durch die Software so eingestellt waren, dass sie nur in einem ganz schmalen Temperaturbereich und nur unter ganz bestimmten Fahrbedingungen ihre Wirkung entfalten. Nach dem Update wird die potenzielle Leistungsfähigkeit der Abgasbehandlung immer abgerufen - und nicht nur in einem Ausschnitt.

SPIEGEL: Vertrauen Sie darauf: Aus der Lüge wird Ehrlichkeit?

Merkel: Ich bin über diesen Betrug empört wie Sie auch, über dieses Hinters-Licht-Führen der Kunden. Vom 1. September an gelten endlich neue Vorschriften. Damit können Abgastests unter realen Fahrbedingungen vollzogen werden. Wir brauchen außerdem Prämien für den Umtausch alter Dieselfahrzeuge in neue. Und auf einem weiteren Gipfel im Herbst werden wir bewerten, wie die Maßnahmen der Autoindustrie wirken und ob weitere ergriffen werden müssen. Für den 4. September habe ich darüber hinaus die von der Stickstoffbelastung am stärksten betroffenen Kommunen ins Bundeskanzleramt eingeladen, um zu beraten, wie der Fonds, den Automobilindustrie und Bundesregierung gemeinsam aufgelegt haben, genutzt werden kann, um die Verkehrssysteme in den Städten zu verändern und die Ladeinfrastruktur für Elektroautos zu verbessern. Alles, was wir tun, muss am Ende dazu führen, dass das Vertrauen der Autofahrer wiederhergestellt ist, dass die strengen Schadstoffgrenzwerte eingehalten werden und dass unsere Autoindustrie zukunftsfähige und klimapolitisch vertretbare Modelle anbietet.

SPIEGEL: Sie sind dafür, dass auch die Hardware in den Autos nachgerüstet werden muss?

Merkel: Hardware-Updates sind teuer und technisch enorm aufwendig. Wir müssen uns deshalb sehr genau überlegen, ob eine solche Nachrüstungspflicht für Motoren wirklich die Resultate bringt, die wir brauchen, weil wir damit der Automobilindustrie viel finanziellen Spielraum für Investitionen in neue und moderne Technologien nehmen würden. Ich denke, wir sollten vorher über alle anderen Varianten nachdenken.

SPIEGEL: Da sind Sie ja wieder einmal einer Meinung mit der Autoindustrie.

Merkel: Darum geht es nicht. Ich frage mich, was der Zukunft der so wichtigen deutschen Automobilindustrie dient, weil in ihr über 800.000 Menschen in Deutschland gute Arbeit haben, und ich frage mich, was gut für die Menschen ist, die heute ein Dieselauto besitzen und Angst um seinen Wert haben, und ich frage mich, was dem Klimaschutz sowie dem Abbau der NOx-Emissionen dient. Da komme ich zu Ergebnissen, die der Automobilindustrie mal gefallen können, mal nicht. Die Bundesregierung muss klug abwägen, denn ich will nicht, dass die Automobilindustrie weiter zurückfällt gegenüber dem Stand von heute, das wäre nicht gut für unser Land. Mich interessiert, dass ein starker Wirtschaftszweig stark und innovativ bleiben kann.

SPIEGEL: In den USA bekommen betrogene Kunden bis zu 16.000 Dollar Schadensersatz. Warum verpflichtet die Regierung die Konzerne in Deutschland nicht zu ähnlichen Zahlungen?

Merkel: Wir haben ein grundsätzlich anderes Gewährleistungs- und Haftungsrecht, das mit dem US-amerikanischen nicht vergleichbar ist. Unsere Maßnahmen zielen darauf, dass die Hersteller die Fahrzeuge in einen einwandfreien Zustand versetzen. Die Abgasanlagen müssen so funktionieren wie bei Zulassung vorgesehen. Deswegen haben wir die Unternehmen auch zu Rückrufaktionen verpflichtet. Das muss ohne Kosten für die Kunden geschehen.

SPIEGEL: Sie haben erklärt, dass Sie das Ende des Verbrennungsmotors sähen, gleichzeitig wollen Sie sich aber nicht auf ein Datum festlegen. Ist das nicht das ideale Mittel, um Autofahrer restlos zu verunsichern?

Merkel: Nein. Wir haben auf der Pariser Klimakonferenz beschlossen, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Dekarbonisierung ist. Wir haben uns nationale Vorgaben bis 2050 gegeben: Wir wollen 80 bis 95 Prozent CO² einsparen. Es wird in diesem Jahrhundert dazu kommen, dass die allermeisten Autos CO²-emissionsfrei sind, aber wir müssen das Thema technologieoffen angehen: Elektromobilität, synthetische Kraftstoffe oder die Wasserstoffbrennstoffzelle können entscheidend sein, die Transformation findet über Hybridmodelle oder über reine Elektroautos bereits statt. Diesen Weg müssen wir mit aller Kraft gehen. Wir werden den Verbrennungsmotor als Brückentechnologie noch jahrzehntelang brauchen. Es geht dabei aber nicht um Verbote, sondern um nächste innovative Entwicklungsstufen.

SPIEGEL: Wenn wir das für normale Bürger übersetzen, heißt das: Wenn Sie nach der Wahl mit den Grünen koalieren, wird es dem Verbrennungsmotor schnell an den Kragen gehen; und wenn Sie mit der FDP regieren, dauert es etwas länger.

Merkel: Ich spreche nicht über Koalitionen, sondern über das Regierungsprogramm der Union.

SPIEGEL: Frau Merkel, in den USA verachtet der neue Präsident Justiz und Medien, im Grunde auch die demokratischen Werte. Verliert die demokratische Bewegung weltweit an Kraft?

Merkel: Das hoffe ich nicht. Ich setze mich jedenfalls in allem, was ich tue, für eine starke Demokratie ein, in Deutschland und darüber hinaus. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine starke Demokratie. Wichtig ist, das sehen wir beispielsweise in Polen, auch in Ungarn, dass wir im demokratischen System ausgleichende Mechanismen haben, und die sind in Amerika aus meiner Sicht immer noch stark.

SPIEGEL: Als Barack Obama im November hier war, hat er Sie als Garantin der Demokratie und auch als Bewahrerin der westlichen Werte bezeichnet. Gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen auf einem historischen Tiefstand, seitdem Sie Kanzlerin sind. Wie erklären Sie sich das?

Merkel: Wir haben bei den letzten Landtagswahlen erfreulicherweise höhere Wahlbeteiligungen gehabt als bei den Wahlen zuvor. Wenn die Menschen den Eindruck haben, es ist etwas für sie sehr Wichtiges zu entscheiden, gehen sie zur Wahl. Und die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen liegt tendenziell deutlich höher als bei Landtagswahlen.

SPIEGEL: Seitdem Sie Kanzlerin sind, gibt es einen Strömungsabriss. Trifft Sie der Vorwurf, dass Sie die demokratische Debatte einschläfern?

Merkel: Um präzise zu sein: Die Wahlbeteiligung lag 1998 bei 82,2 Prozent, 2002 bei 79,1 Prozent, 2005 bei 77,7 Prozent, 2009 bei 70,8 Prozent und stieg dann 2013 wieder an, auf damals 71,5 Prozent. Ich sage eine weitere Steigerung bei dieser Wahl voraus. Für mich ist Wahlkampf Werbung für die Vorstellungen meiner Partei über die Zukunft unseres Landes. Über diese Vorstellungen, über die Herausforderungen, die vor uns stehen, und die politischen Lösungen, die wir vorschlagen, spreche ich sehr intensiv, in Interviews oder auf den Plätzen. Nicht nur der, der andere angreift oder beschimpft, betreibt Wahlkampf. Die Menschen spüren, dass sich die Welt rasant ändert, dass es Riesenprobleme und Unsicherheiten gibt. Und nun prüfen sie, mit welcher Partei und welchen Politikern sie am besten die Zukunft gestalten.

SPIEGEL: Helmut Kohl und Franz Josef Strauß waren sich bei aller Rivalität darüber einig, dass es rechts von der Union keine Partei im Bundestag geben darf. Nun steht die AfD vor der Tür. Konnten oder wollten Sie das nicht verhindern?

Merkel: Ich kämpfe dafür, dass die CDU so stark wie möglich ist. Wir hatten große Herausforderungen zu bestehen, einmal die Bewältigung der Eurokrise und 2015 dann die Aufnahme der vielen Flüchtlinge, die zu uns kamen. Wähler, die sich in diesen Jahren vielleicht abgewendet haben, wollen wir mit guten Argumenten wieder zurückholen. Das versuche ich auch bei vielen Veranstaltungen in diesen Tagen. Aber sowohl in der Eurokrise als auch beispielsweise in der Flüchtlingspolitik hatte ich notwendige Entscheidungen entsprechend den Interessen unseres Landes zu treffen - und entsprechend den Werten, zu denen wir uns alle in so vielen Reden bekannt hatten und die nun konkret zu belegen waren.

SPIEGEL: Das Versprechen der CDU war stets, dass Zuwanderung gesteuert stattfinden müsse. Ist der Aufstieg der AfD nicht ein zwangsläufiges Ergebnis Ihrer Politik?

Merkel: Wir hatten im Sommer 2015 eine extrem schwierige humanitäre Situation zu bewältigen. Ich bin überzeugt, dass unsere Reaktion angemessen und richtig war. Aber gerade weil die CDU dafür steht, Zuwanderung zu ordnen und zu steuern, haben wir mit der Bekämpfung von Fluchtursachen, mit dem Kampf gegen die Menschenhändler und dem EU-Türkei-Abkommen entsprechende Maßnahmen beschlossen.

SPIEGEL: Sehen Sie irgendeinen Moment, in dem Sie den Raum rechts von der Union für die AfD zu weit geöffnet haben?

Merkel: Nein. Wenn Sie sich beispielsweise allein unsere Politik der inneren Sicherheit anschauen, dann finden Sie das Notwendige, was wir im Rahmen unserer Werteordnung tun sollten.

SPIEGEL: Empfinden Sie es als Kompliment, wenn man sagt, Sie seien die beste sozialdemokratische Kanzlerin, die Deutschland je hatte?

Merkel: Wenn ich dem Kanzlerkandidaten der SPD zuhöre, scheine ich diesen Titel gerade nicht verdient zu haben. Im Ernst: Das sind Einordnungen, mit denen jedenfalls die Bürger rein gar nichts anfangen können. Die erwarten zu Recht, dass wir unsere Arbeit bestmöglich machen, und das tue ich.

SPIEGEL: Frau Bundeskanzlerin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

13.30 Uhr. Die Kanzlerin bleibt in ihrem Büro zurück. Der Fahrstuhl kommt spät und fährt langsam. Im Erdgeschoss ist die Kanzlerin bereits da und läuft zum Auto. "Überholen, ohne einzuholen", ruft Angela Merkel, es ist ein Satz Walter Ulbrichts. Sie fliegt nach Paris.



insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
crazillo 01.09.2017
1. Erstaunlich kritisches Interview
Finde ich gut, so muss Journalismus sein
zensurgegner2017 01.09.2017
2.
Ein ehrliches Wort Was bringt es uns, wenn wir die Autoindustrie zu Hardwarenachrüstung zwingen (was sicherlich machbar wäre), aber damit zweifelsfrei deren ökonomische Basis vernichten? Klar gibt es Neidhammel, die mit so platten Sprüchen a la Vorstände...Manager...enger schnallen...daherkommen, aber damit wird nur gezeigt, dass man es ökonomisch nicht versteht 2000 Euro pro manipuliertem Dieselfahrzeug würde für VW bedeuten, in etwa 25 weitere Milliarden ausgeben zu müssen
zensurgegner2017 01.09.2017
3.
Ein ehrliches Wort Was bringt es uns, wenn wir die Autoindustrie zu Hardwarenachrüstung zwingen (was sicherlich machbar wäre), aber damit zweifelsfrei deren ökonomische Basis vernichten? Klar gibt es Neidhammel, die mit so platten Sprüchen a la Vorstände...Manager...enger schnallen...daherkommen, aber damit wird nur gezeigt, dass man es ökonomisch nicht versteht 2000 Euro pro manipuliertem Dieselfahrzeug würde für VW bedeuten, in etwa 25 weitere Milliarden ausgeben zu müssen
fky2000 01.09.2017
4. was es bringen würde?
Was es bringen würde die Autohersteller zu verpflichten, versprochene produkteigenschaften und rechtlich verbindliche Vorgaben einzuhalten? Na, wie wäre es mit Wiederherstellung des bürgerlichen Vertrauens in einen unabhängigen Rechtsstaat? Und ob die ach so arme Industrie daran kaputt geht, wage ich zu bezweifeln und steht auf einem anderen Blatt. Es steht dem Bürger einfach bis oberkante unterlippe für lächerlichkeiten bis ins kleinste detail herangezogen zu werden und Konsequenzen tragen zu müssen, während großkonzerne, Banken etc locker aus der Sache rauskommen, weil sie ja "too bog to fail" sind. Gerechtigkeit, Moral, Anstand und so...total oldschool, oder?
allessuper 01.09.2017
5. Frau Merkel ist echt lernfähig.
"Ich bin auch so empört wie Sie" ;So arbeiten auch YouTuber, die machen irgendwas und dann beziehen sie sofort ihre Zuschauer ein, und fragen nach wie die das sehen und was sie wollen. "Und was willst Du als nächstes sehen? Schreib Du mir".. Nebenbei bemerkt hat es etwas von einer Peep-Show, bei der man so tut, als würde man denen das eigene normale Leben zeigen und nachfragen, was als nächstes entblößt werden soll. Auf jeden Fall ist die Masche, so zu tun als wäre man auf Augenhöhe echt der Renner.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 36/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.