AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Angela Merkel und Andrea Nahles Zwei, die sich schätzen

Das gab es noch nie in der deutschen Geschichte: Zwei Frauen führen die Regierungsparteien an. Von der Achse Merkel-Nahles wird abhängen, ob die Große Koalition ein Erfolg wird.

Spitzenpolitikerinnen Nahles, Merkel: Nichts geht ohne sie
Markus Schreiber / Picture Alliance / AP Photo

Spitzenpolitikerinnen Nahles, Merkel: Nichts geht ohne sie

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Es gibt eine Geschichte, an die sich jetzt wieder viele erinnern. Das Kanzleramt in Berlin, kurz nach einer Kabinettssitzung. Angela Merkel und Andrea Nahles sprechen unter vier Augen. Die Kanzlerin will der Sozialdemokratin ein Geschenk machen. Sie fragt Nahles, ob sie die Bundesregierung offiziell in Rom vertreten könne, wo Papst Franziskus zwei seiner Vorgänger heiligsprechen will. Es wäre doch gut, sagt Merkel, wenn eine Katholikin der Zeremonie beiwohne - und nicht eine Protestantin wie sie.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Nahles ist verdutzt, aber sie freut sich. Als Kind war Nahles Messdienerin, als Jugendliche orientierte sie sich an Papst Johannes Paul II. Manche Genossen fremdeln mit Nahles' Glauben; die Kanzlerin, Tochter eines evangelischen Pfarrers, hat davor Respekt. Und so sitzt Nahles Tage später als Merkels Vertreterin auf dem Petersplatz. Vor ihr Franziskus, neben ihr Staatsgäste aus aller Welt, um ihren Hals ein großes Kreuz.

Die Episode ist vier Jahre her, und doch sagt sie viel aus über das Verhältnis der beiden Frauen, das ja plötzlich so wichtig ist in dieser neuen, nur unter Qualen zustande gekommenen Großen Koalition. Zwischen Merkel und Nahles ist über die Jahre eine enge, wenn auch nicht immer spannungsfreie Beziehung entstanden, die wundersam erscheint, weil beide eigentlich so wirken, als stammten sie von zwei unterschiedlichen Planeten: hier die Kontrollfanatikerin Merkel, dort die Impulspolitikerin Nahles.

Hier jemand, der unter Helmut Kohl groß wurde, dort eine, die von Oskar Lafontaine einst als "Gottesgeschenk" bezeichnet wurde.

Von den zwei Politikerinnen wird nun abhängen, ob dieses Experiment gelingt: eine Koalition zwischen einer SPD, in der wesentliche Teile lieber in der Opposition wären; und einer Union, in der viele Konservative schon mit Merkel abgeschlossen haben. Trümmerfrauen hat man Merkel und Nahles zuletzt genannt. Nun müssen sie zusehen, dass das Bündnis, das sie in den vergangenen Wochen so mühsam zusammengebaut haben, nicht gleich wieder zusammenkracht.

Wie so oft in der Politik hat die beiden Frauen zunächst einmal Kalkül zusammengebracht. Schon vor Jahren erkannte Nahles, dass ein enger Draht zu Merkel dabei hilft, ihren Ruf als linke Ideologin zu zerstreuen. Und Merkel sah früh, dass Nahles dabei helfen kann, ihre Macht zu festigen. Vielleicht solle sie lieber gleich Nahles statt Kurt Beck anrufen, wenn sie etwas mit den Sozialdemokraten vereinbaren wolle, unkte die CDU-Chefin, als der damalige SPD-Vorsitzende in Turbulenzen geriet. Das war 2008.

Von nun an sitzt Merkel mit Nahles im Koalitionsausschuss, ohne die beiden Frauen wird nichts gehen. Sigmar Gabriel, Merkels bisheriger Vizekanzler, wurde von Nahles zum Hinterbänkler gemacht. Der neue Vizekanzler Olaf Scholz hat in der SPD längst nicht so einen starken Rückhalt wie Nahles. Merkel muss sich auf die designierte SPD-Chefin verlassen, die aber muss das Bündnis zusammenhalten und gleichzeitig die Kanzlerin in den Ruhestand schicken. Kann das gut gehen?

Nahles kann angreifen, so viel ist sicher. Ein Wochenende im Januar, Parteitag der SPD in Bonn, Nahles steht auf der Bühne des World Conference Center. Es geht um Koalitionsverhandlungen, Ja oder nein, Nahles läuft rot an, sie ist genervt von der Skepsis vieler Genossen. Natürlich müsse die SPD in den nächsten Jahren wieder mehr Vertrauen gewinnen und neue Ideen entwickeln. "Aber was, um alles in der Welt, hat datt mit der Merkel, dem blöden Dobrindt und den anderen zu tun?", ruft die Fraktionschefin. "Das ist ausschließlich unser Problem!"

Nahles hat sich früh entschieden, nicht in ein Kabinett einzutreten, obwohl sie das gekonnt hätte. Aber sie hat im Arbeitsministerium vier Jahre lang fleißig Sacharbeit geleistet, und sie weiß um das Bedürfnis ihrer Partei, endlich wieder zu streiten, nicht nur intern, sondern vor allem mit der Union. Sigmar Gabriel wurde in der SPD aus vielen Gründen misstrauisch beäugt, aber einer war auch, dass er immer im Verdacht stand, sich zu gut mit Merkel zu verstehen.

Nahles erinnert nun wieder gern daran, dass sie auch schon heftig gegen Merkel holzte, vor allem rund um Wahlkämpfe. Sie verspottete die Kanzlerin einst als "innenpolitischen Haubentaucher" und "Dame ohne Unterleib". Sprüche, wie man sie in der Hitze des Gefechts eben so sagt, aber Merkel, die sonst nicht so empfindlich ist, gefällt so etwas trotzdem nicht. Sie schickt nach solchen Angriffen schon mal ihre Emissäre zu Nahles, um sich bei ihr zu beschweren. Ob das wirklich ihr Stil sei?

Mit Beginn der zweiten Großen Koalition im Dezember 2013 beginnt eine neue Ära. Nahles gibt das Amt der SPD-Generalsekretärin ab und rückt in die Regierung ein, es ist auch der Versuch, das Image der immer etwas zu schrillen Parteipolitikerin loszuwerden. Nahles vergräbt sich in Akten und überlasst die SPD dem Vorsitzenden Gabriel.

Die Hackordnung in der Regierung ist klar, Merkel ist die Chefin, aber Nahles hat eines der wichtigsten Ressorts, zudem muss sie fast alle großen Projekte der SPD umsetzen: die Rente mit 63, den Mindestlohn, die Neuregelung der Leiharbeit. Nahles bindet Merkel von Anfang an ein, es kommt nie vor, dass die Kanzlerin erst aus der Zeitung von einer neuen Idee erfährt, wie es bei Gabriel schon mal der Fall ist.

Nahles und Merkel stimmen sich am Telefon ab, sie beraten sich am Rande von Koalitionsklausuren, sprechen im Bundestag. Wenn Gabriel nicht da ist, setzt sich Nahles im Kabinett neben die Kanzlerin. "Disziplin, Zähigkeit und Dranbleiben", das seien die wichtigsten Eigenschaften in der Politik, so hat Andrea Nahles das mal gesagt. Merkel, die sich auch gern in Akten vertieft, sieht das genauso.

Außerdem schätzt Merkel, dass sich Nahles nicht so einfach einschüchtern lässt. Im Kanzleramt hat man in den vergangenen Jahren genau beobachtet, wer in der SPD etwas zu sagen hat und wer nicht. Gabriel hat sich - bis auf wenige Ausnahmen - nicht getraut, die Arbeitsministerin vor Unionsleuten zurückzupfeifen. Als Heiko Maas, der Justizminister, dagegen schon im Frühjahr 2015 auf Geheiß Gabriels seinen Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung aufgeben musste, wusste jeder in der Union, dass Maas im Zweifel keine Prokura hat.

Nahles und Merkel verbindet ein untrügliches Machtbewusstsein, was nun auch dazu geführt hat, dass Nahles den braven Maas zum Außenminister gemacht und nicht Katarina Barley nominiert hat. Nahles hat offenkundig kein Interesse daran, Barley im Außenamt zur populärsten SPD-Ministerin aufsteigen zu lassen. Merkel wiederum hat die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Generalsekretärin gemacht, ein Zug, der ihre konservativen Gegner erst einmal ruhiggestellt hat.


Im Video: SPIEGEL-Redakteur René Pfister über den Eindruck, den Andrea Nahles in der Öffentlichkeit hinterlässt


Natürlich gerieten die beiden Frauen in Konflikte. Im Jahr 2016 stellt Nahles auf einer Klausur des Bundeskabinetts ein Weißbuch zur Digitalisierung der Arbeitswelt vor. Das Projekt steht nicht im Koalitionsvertrag, aber Nahles findet, es sei ein Thema, bei dem die Regierung etwas tun müsse. Nahles fordert in dem Weißbuch flexiblere Arbeitszeitmodelle und Experimentierräume in Unternehmen.

Merkel hört zu, aber sie unterstützt die Ministerin nicht. Die Kanzlerin ist der Meinung, dass Nahles zu weit vorpresche. Wer könne schon sagen, wie sich die Arbeitswelt entwickle? Es ist auch das Aufeinandertreffen von zwei Politikvorstellungen. Nahles will Dinge in ihre Richtung lenken. Merkel beobachtet lieber. Die Haltung der Kanzlerin nervt Nahles kolossal.

Es ist nicht der einzige Konflikt. Nahles setzt sich von Merkels Flüchtlingspolitik ab, die Euphorie, mit der Gabriel zumindest am Anfang die Willkommenskultur der Kanzlerin unterstützt, teilt sie nicht. Nahles sieht von Anfang an die Schwierigkeiten, die der Zustrom an Menschen für das Land und für die Integration auf dem Arbeitsmarkt bedeuten könnte.

Aber wenn es darum geht, die Lieblingsprojekte der Union umzusetzen, wie den Zuschlag bei der Mütterrente, verkneift sich die Sozialdemokratin kritische Einwürfe. Im Gegenzug hilft ihr die Kanzlerin, wenn die Luft dünner wird, etwa im Januar 2014, als Nahles ihr Rentenpaket präsentiert und die gesamte deutsche Wirtschaft Sturm läuft.

Sowohl Merkel als auch Nahles haben ihre Parteien zunächst als Bastionen männlicher Herrschaft kennengelernt. Doch beiden gelingt es, dies zu durchbrechen, auch das verbindet. Merkel schafft den Sprung an die Spitze, als sie sich im Zuge der Spendenaffäre per Namensbeitrag in der "FAZ" indirekt auch vom damaligen Parteichef Wolfgang Schäuble distanziert. Das Manöver trägt ihr den CDU-Vorsitz ein, aber eben auch den Vorwurf, rücksichtslos ihre Interessen durchzusetzen.

Nahles muss ebenfalls mit dem Image der kalten Machtpolitikerin leben, vielen in der SPD sind immer noch die Bilder präsent, wie die junge Juso-Chefin Nahles vor Begeisterung schreit, als Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer SPD-Parteitag im Jahr 1995 Rudolf Scharping stürzt. Zehn Jahre später schmeißt der damalige Parteichef Franz Müntefering hin, als Nahles gegen seinen Willen als Generalsekretärin kandidiert und gewinnt. Sie zieht zurück. Trotzdem gilt Nahles als Frau, die ihren Ehrgeiz nicht zu zügeln weiß; es ist ein Klischee, das auch an Merkel klebte.

Sozialdemokraten Müntefering, Nahles 2005 Schwieriges Verhältnis
DPA

Sozialdemokraten Müntefering, Nahles 2005 Schwieriges Verhältnis

Merkel hat lange nach ihrem Bild als Frau in der Politik gesucht, nach Gesten der weiblichen Macht. Ihr Äußeres ist lange Thema, viel mehr, als es bei einem Mann je der Fall gewesen wäre. Ihr erster Chef, Lothar de Maizière, der letzte Regierungschef der DDR, mokierte sich über Merkels bodenlange Röcke. Später, als Merkel schon CDU-Chefin ist, produziert sie einen kleinen Eklat, als sie Palästinenserpräsident Jassir Arafat im Gazastreifen in einem kurzen Rock besucht.

Als Merkel im Jahr 2005 Kanzlerin wird, legt sie sich eine Art Uniform zu, schwarze Hose und Blazer. Der erste Gang des Tages führt sie in die oberste Etage des Kanzleramts. Dort, wo früher Gerhard Schröder übernachtete, wartet ihre persönliche Stylistin Petra Keller, sie schminkt Merkel und macht ihr die Frisur zurecht.

Auch Nahles hat schon viele Rollen durchgespielt. Die Lässige, mit Turnschuhen. Die Strenge, mit Hosenanzug. Sie tritt auch mal im Dirndl auf. Heute lässt sie sich vor wichtigen Auftritten die Locken zu sanften Wellen föhnen. Dass eine laute Frau noch immer anders bewertet wird als ein lauter Kerl, findet sie unfair. Vor Jahren engagierte sie trotzdem einen Coach. "Frauen in der Öffentlichkeit müssen mehr in ihre Stimme investieren", klagte sie einmal. Laut geblieben ist sie trotzdem.

Merkel stört das nicht. Als Nahles Fraktionschefin wird und sagt, von nun an bekomme die Union "in die Fresse", findet Merkel das nicht weiter schlimm; ein Spruch, mein Gott! Merkel kann manchmal selbst sehr flapsig sein, allerdings nie, wenn die Kameras angeschaltet sind. Außerdem müssen die nächsten Jahre mit Nahles gelingen. Wenn die wichtigste Achse der Regierung nicht hält, dann ist auch alles andere verloren, so jedenfalls war Merkels Erfahrung in den letzten zwölf Jahren.

Die erste Große Koalition startet unter anderem deshalb vernünftig, weil sie einen guten Draht zu Franz Müntefering findet. Auch Guido Westerwelle schätzt Merkel, aber dem liberalen Außenminister entgleitet schon bald nach der Regierungsbildung im Jahr 2009 die eigene Partei. Seinen Nachfolger Philipp Rösler nimmt Merkel nie ernst, sie hält ihn für amateurhaft wie den größten Teil der FDP.

Die Schwierigkeit für Merkel und Nahles wird sein, dass ihre Interessen von nun an auseinanderlaufen. Merkel hat vor allem ein Ziel: Sie will Deutschland die politischen Umwälzungen ersparen, die viele Nachbarländer erschüttern. Sie möchte die CDU als Volkspartei erhalten und gleichzeitig eine Nachfolgerin finden, die ihr Erbe bewahrt. Deshalb hat sie Kramp-Karrenbauer nach Berlin geholt.

Wenn Merkel selbstbestimmt aus dem Amt scheiden will, muss sie verhindern, dass die Koalition vorzeitig zerbricht. Das könnte Kräfte freisetzen, die Merkel aus dem Amt drängen. Auch Nahles hat ein Interesse daran, dass die Koalition erst einmal solide Arbeit abliefert. Die SPD ist im Moment viel zu schwach, um schon wieder in einen Wahlkampf zu ziehen. Andererseits muss sie zeigen, dass die SPD mehr ist als der Mehrheitsbeschaffer. Deshalb sollen die Gesetze der Regierung in der Fraktion penibel geprüft werden, Nahles sieht sich als Korrektiv, nicht als Erfüllungsgehilfin Merkels. Außerdem sieht Nahles, wie die CDU von den Konservativen wieder nach rechts geschoben wird. Für die SPD ist das eine Chance, so sieht sie es.

Es wird nicht leicht für die beiden Frauen in den nächsten vier Jahren, jeder Satz wird abgeklopft im immer etwas hysterischen Berliner Betrieb. Kurz nach Ende der Koalitionsverhandlungen sitzt die Kanzlerin in einer kleineren CDU-Runde. Sie spricht über viele Themen, irgendwann kommt die Rede auf Nahles. Die Kanzlerin lässt durchblicken, dass ihr die Sozialdemokratin leidtue. Es sei eine Mammutaufgabe, eine Partei anzuführen, die so am Boden liege.

CDU-Größen Kohl, Merkel 2001 Kompliziertes Erbe
Stefan Boness /Ipon

CDU-Größen Kohl, Merkel 2001 Kompliziertes Erbe

Es spricht viel dafür, dass die Kanzlerin ganz ohne Hintersinn spricht, sie hat ja selbst die CDU in den dunklen Stunden der Spendenaffäre übernommen. Aber Merkels Parteifreunde wittern sofort eine fiese Finte gegen die neue Frau an der Spitze der SPD.

Denn nichts macht den Gegner kleiner als gut gespieltes Mitleid.



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