AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2018

Anglerglück Der Mann, der wie ein Karpfen denkt

Wie der Hamburger Angler Klaus Brix den größten Fang seines Lebens machte: einen 32 Kilogramm schweren Schuppenkarpfen.

Brix mit Karpfen

Brix mit Karpfen

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In Frankreich, sagt Klaus Brix, haben manche Fische eigene Namen. Sie sind so groß oder so schön oder so schwer zu fangen, dass sie von sehnsüchtigen Anglern getauft werden. "Riffelschweif" heißen sie dann oder "Halbmond", manchmal auch "die Hure". Die meisten Angler fangen diese Fische nie. Karpfen sind schlau und scheu und werden alt. Sie verstecken sich gern am Grund, sie kämpfen zäh, sie lernen dazu.

Aber er sei auch zäh, sagt Brix. Und er habe auch viel gekämpft. Und ihn haben sie auch getauft. "Der Karpfenkönig" heißt er. Er hat sich diesen Namen unter anderem mit einem Video verdient, das den schönen Titel trägt: "32 Kilo Schuppenkarpfen". Während Brix davon erzählt, sitzt er still auf seinem Sofa im Osten Hamburgs, nur manchmal dreht er den Kopf und schaut in den Nebel draußen. Karpfen sind im Winter träge.

Er war neun Jahre alt, als er seine Hausaufgaben schwänzte und die Männer am Osterbekkanal beobachtete, wie sie schweigend am Ufer saßen, als ob sie ein Geheimnis teilten. Irgendetwas beeindruckte ihn daran, er kann nicht genau sagen, was. Vielleicht war es dieses Warten auf ein großes Ereignis, das selten eintrat. Die Möglichkeit, dass etwas passieren könnte, etwas Besonderes vielleicht. "Das Ungewisse", sagt Brix.

Der Junge suchte nachts Tauwürmer im Park und verkaufte sie für einen Pfennig das Stück als Köder. Nach tausend Würmern hatte er seine erste Angel zusammen. Er wartete jetzt auch.

Brix sagt, er habe die Fischnase. Es gibt Menschen, die kaufen sich die teuerste Ausrüstung, stehen wochenlang am Ufer, machen alles nach Vorschrift, aber fangen nie etwas. Brix macht das anders.

Er denke wie der Karpfen, sagt er, er wisse, wie er den See lesen müsse. Schaut, wo die Seerosenfelder sind, die versunkenen Bäume, die zitternden Schilfhalme, die Sandbänke und Muschelfelder und Scharkanten. Dort warten sie auf ihn. Charakterfische, sagt Brix. Ausnahmefische.

Der junge Brix wurde Maschinenbauingenieur und konstruierte in einem großen Betrieb Maschinen für den Bau von Messwandlern. Am Abend fuhr er mit der S-Bahn raus an den Fluss und ging zu Fuß am Ufer durch die Nacht, bis er es glucksen hörte, dann machte er Feuer und warf seine Angel aus. Tagsüber arbeitete er wieder an den Messwandlermaschinen und dachte über Fische nach. Sein Leben gefiel ihm nur zur Hälfte. Er wollte mehr, also schickte sein Chef ihn um die Welt. Brasilien. Mexiko. Australien. Shanghai. Er sah nichts, sagt er, nur kaputte Maschinen. Morgens wurde er mit dem Auto vom Hotel abgeholt, und abends stieg er mit ölverschmierten Händen ins Flugzeug. Manchmal sah er dann aus dem Fenster unten das Meer glitzern. Dort schwammen die Fische. Er flog hier oben. Fischneid, sagt Brix, das ist, wenn die anderen mehr fangen als man selbst.

Man könnte denken, dass Angeln viel mit Geduld zu tun habe, Brix dagegen findet, Angeln habe viel mit Aufregung zu tun. Er sagt, keiner hyperventiliere dabei so wie er. Er denke ständig an Verbesserungen, Köder zum Beispiel, da wolle er mal was zeigen. Er steht auf und geht ins Schlafzimmer. Aus seinem Kleiderschrank zieht er schnaufend eine Maschine hervor. Sie wiegt 50 Kilo und sieht aus wie ein Raketenantrieb. Ein Jahr lang hat er daran gearbeitet. Die Maschine, sagt er, sei sein Geheimnis. Sie stellt Köder her, Karpfenköder aus Eiern und Sojamehl und Duftstoffen wie Vanille oder Schellfisch. Er hat hier mal drei Tage lang 200 Kilogramm Köder abgedreht, bis die Nachbarn kamen und sich über den Geruch beschwerten. Brix sagte ihnen, er backe Plätzchen.

Ein Karpfen über zehn Kilo ist ein mächtiger Fisch, ein Karpfen über zwanzig Kilo selten wie ein Diamant. Die alte "Benson", berühmtester Karpfen Englands, den man dort als Fisch des Volkes verehrte, wog fast 30 Kilogramm. Irgendwann hörte Brix von einem Fisch in Frankreich, der über 30 Kilo wiegen solle. Ein Ungetüm von einem Fisch. Ein Monster. "Die Königin" nannte er den Fisch. Unmöglich zu fangen, hieß es. Brix fuhr hin.

Acht Tage lang saß er am Ufer des französischen Sees und kämpfte. Er studierte den See Tag und Nacht. Er probierte alle Tricks, suchte die Gewässerkanten ab, lotete die Krautfelder aus. Er holte seine besten Köder heraus, die mit dem Krabbenaroma. Die Königin biss nicht an. Irgendwann gab Brix auf. Er fuhr nach Hause.

Mit etwa 50 Jahren beschloss Brix, nur noch zu angeln. Aber sein Chef ließ ihn nicht gehen. Er kannte alle Maschinen, einige hatte er erfunden. Er werde noch gebraucht, um sie zu reparieren, sagte sein Chef. Brix dachte nach. Wie konnte er sich seine Freiheit fangen? Er überlegte sich zu Hause einen Köder: den Bauplan für eine bessere Maschine, die seiner Firma viel Geld sparen würde. Dann sagte er seinem Chef, wenn sie den Plan haben wollten, müssten sie ihn gehen lassen. Am nächsten Tag hatte Brix seine Freiheit.

Er saß zu Hause und träumte von der Königin. Er fand, so könne die Geschichte nicht ausgehen. Er lud seinen Wagen voll und fuhr zurück an den See. Er versuchte nichts Neues, er versuchte es einfach nur noch mal. Und die Königin biss an.

In dem Video "32 Kilo Schuppenkarpfen" sieht man, wie Brix mit ihr kämpft, mit beiden Händen die Angel umklammert hält, die ihn fast ins Wasser reißt, wie er gebeugt, ganz langsam, die Leine einholt, damit sie nicht reißt. Er hebt den Fisch mit seiner ganzen Kraft hoch. Er schaut ihn an. Dann lässt er ihn zurück in die Freiheit. Ein schöner Fisch, sagt Brix, wunderbare Schuppen.



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