AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Weihnachtsmarktattentäter Wie die Polizei die Überwachung von Anis Amri verpatzte

Woher wusste der spätere Weihnachtsmarktattentäter, dass die Behörden hinter ihm her waren? Ermittlungsakten belegen: Überforderte Beamte haben ihn gewarnt.

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Die Ansage der nordrhein-westfälischen Polizei war eindeutig: Wenn Anis Amri mit dem Flixbus von Dortmund in der Hauptstadt ankommt, sollen die Berliner Kollegen ihn beobachten - und ihn auf keinen Fall merken lassen, dass er überwacht wird.

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Heft 39/2017
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Am Tag davor war Amri als sogenannter Gefährder eingestuft worden, er hatte in einem Chat mit IS-Kämpfern in Libyen verklausuliert von einem Selbstmordattentat gesprochen und sich im Netz Bombenbauanleitungen angesehen. Das Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf war alarmiert und bat um dringende Amtshilfe.

Doch die Berliner Polizei konnte auf die Schnelle keine Kräfte auftreiben, um Amri bei seinem Ausflug zu observieren. Also nahmen die Beamten den Islamisten entgegen allen Absprachen mit aufs Präsidium. Und kassierten auch noch sein Handy ein, obwohl die Kollegen aus Düsseldorf zunächst darauf hingewiesen hatten, "das Mobiltelefon der Zielperson nicht anzurühren" - die nordrhein-westfälischen Ermittler hörten das Gerät heimlich ab.

Das war am 18. Februar 2016. Zehn Monate später raste Anis Amri mit einem Sattelschlepper über den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche und tötete zwölf Menschen. Hätte der Anschlag im Dezember verhindert werden können, wenn die vielen Behörden, die sich mit ihm beschäftigten, besser zusammengearbeitet hätten?

Bisher unbekannte Ermittlungsakten, die der SPIEGEL auswerten konnte, zeigen nun, welche Folgen die verpatzte Aktion am Berliner Busbahnhof hatte. Amri war von diesem Tag an nicht nur bewusst, dass er überwacht wird. Der Tunesier warnte auch weitere Islamisten aus seinem Umfeld vor der Polizei. Dadurch wurde ein laufendes Großverfahren des Generalbundesanwalts gefährdet, der gegen das Netzwerk des Hildesheimer Hasspredigers Abu Walaa ermittelte.

Ein V-Mann mit dem Tarnnamen "Murat", den das nordrhein-westfälische LKA in die Szene einschleusen konnte, saß während Amris Berlinabstecher in einer Islamistenrunde in Dortmund bei einem der wichtigsten Köpfe aus dem Radikalennetzwerk. Die Nachricht, dass Amri aufgegriffen wurde, schlug dort ein wie ein Blitz. Amri habe am Abend aufgeregt von einer unbekannten Nummer angerufen und berichtet, dass die Polizei ihn "direkt gepackt" habe, als er in Berlin aus dem Bus gestiegen sei. Sie habe um 12 Uhr am Omnibusbahnhof auf ihn gewartet.

Er habe noch zu einem der Polizisten gesagt, dass er auf einen Freund warte, doch der habe nur geantwortet: Du bist das Problem, nicht dein Freund. "Sie haben mir das Telefon weggenommen, sie haben alles von mir beschlagnahmt", warnte Amri einen seiner Islamistenkumpels. Der "Bruder" solle besser alles löschen.

Der Hassprediger Boban S., genannt "der Serbe", soll daraufhin die anderen Islamisten ermahnt haben, noch vorsichtiger zu sein und die Telefone nicht mehr mitzunehmen, wenn man irgendwohin gehe. Amri solle besser erst mal nicht mehr nach Dortmund und Hildesheim kommen, warnte S. demnach - und meinte damit zwei der wichtigsten Treffpunkte des Islamistennetzwerks um Abu Walaa. Von kommender Woche an stehen der Prediger und seine mutmaßlichen Komplizen in Celle vor Gericht, weil sie dem "Islamischen Staat" Kämpfer zugeführt haben sollen (SPIEGEL 38/2017).

Die Berliner Polizei will sich nicht zu der verkorksten Kontrolle vom Februar 2016 äußern und verweist auf den laufenden Untersuchungsausschuss zum Weihnachtsmarktattentat. Doch der Vorfall ist nicht die einzige Behördenpanne, die die Amri-Ausschüsse in den Landtagen von Berlin und Nordrhein-Westfalen noch beschäftigen wird.

Am 31. März 2016 kam es laut den Akten zu einem weiteren merkwürdigen Vorgang, dieses Mal in Oberhausen. Amri suchte an jenem Morgen, zurückgekehrt nach Nordrhein-Westfalen, das Amt auf, um sich den monatlichen Asylbewerberscheck abzuholen. V-Mann "Murat" begleitete ihn, er war in diesen Wochen sehr nah an dem tunesischen Islamisten dran. Auf dem Flur habe eine Mitarbeiterin der Stadt erzählt, dass Amri aufpassen müsse: Das Landeskriminalamt verdächtige ihn, Leistungen zu erschleichen. So berichtete es "Murat".

Wenn der V-Mann recht hat, war Amri damit ein weiteres Mal gewarnt: Zwei Wochen später initiierte die Düsseldorfer Polizeibehörde gegen ihn ein Verfahren wegen Betrugs, schaffte es aber nicht, ihn in Haft zu bringen. Die Stadt Oberhausen weist die Darstellung scharf zurück. Es gebe "nach unserem Kenntnisstand keinerlei Verdacht, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Stadt Oberhausen Herrn Amri auf Ermittlungen anderer Behörden aufmerksam gemacht hat".

"Murat" verlor wenige Wochen später den Zugang zu Amri. "Du bist von den Sicherheitsbehörden", verdächtigte Amri den V-Mann und beschimpfte ihn in einem Chat: "Du Hurensohn, Du bist Schwein."



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