AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Stars auf dem roten Teppich Runter mit der Püppchen-Kleidung

Hohe Schuhe, tiefe Dekolletés - so zeigen sich Frauen auf dem roten Teppich. Schluss damit, sagt die Schauspielerin Anna Brüggemann.

Model Toni Garn auf der Berlinale 2017: Was hier gezeigt wird, gilt als attraktiv
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Model Toni Garn auf der Berlinale 2017: Was hier gezeigt wird, gilt als attraktiv

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Erfolgreiche Schauspielerinnen zählen zu den meistfotografierten Frauen der Welt. Wie sie aussehen, wie sie sich anziehen, wie sie sich geben wird millionenfach reproduziert und gilt unzähligen anderen Frauen als Vorbild. Wenn sie sich engagieren und für ihre Überzeugungen eintreten, dann erreicht das viele. Richtig viele. Die #MeToo-Bewegung konnte so wichtig werden, weil berühmte Schauspielerinnen "Ich auch" sagten, gleich nachdem der Skandal um Harvey Weinstein im Oktober vergangenen Jahres öffentlich wurde. Der zweite Women's March nach der Wahl Donald Trumps brachte am vergangenen Wochenende viele Frauen Seite an Seite auf die Straße, Stars und Unbekannte, miteinander verbündet glichen sie einander. Die Zeiten sind danach, dass die Frauen sich zeigen.

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Heft 5/2018
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Anna Brüggemann, 36, hat in der Nacht vor unserem Treffen nicht viel Schlaf bekommen. Ihr kleiner Sohn war einige Male wach, es ist Anfang Januar, über Berlin hängt ein grauer Deckel. Ins Café kommt die Schauspielerin mit dem Fahrrad, die Mütze ins Gesicht gezogen. Sie trägt eine schwarze Jeans, eine graue Strickjacke, um den Hals ein Tuch, wie man halt so aussieht an einem Donnerstag in der öden, kalten Zeit des Jahres. Niemand im Café schenkt der Frau mit dem klaren, etwas müden Gesicht und den kurzen Haaren groß Beachtung. Man könnte sie aus dem Kino kennen, aus dem Film "3 Zimmer/Küche/Bad" oder durch eine ihrer vielen Fernsehrollen. Doch Schauspielerinnen können verkleidet wirken, wenn sie sich ganz alltäglich zeigen. In ihrem Beruf ist die Inszenierung Realität. Welchen Designer tragen Sie heute? Brüggemann lacht.

Diese Frage muss sie theoretisch wieder im Februar beantworten, auf den roten Teppichen der Berlinale. Doch dieses Jahr will Anna Brüggemann etwas verändern. Die Sache mit dem roten Teppich betrachtet sie als bisher vertane Chance. Obwohl Schauspielerinnen ständig zu sehen sind, im Fernsehen, im Kino, auf Theaterbühnen, gibt es nur wenige Anlässe, bei denen sie sich außerhalb künstlerischer Zusammenhänge zeigen. Auftritte, bei denen sie für sich selbst einstehen, bei denen sie vielleicht sogar für ihre Überzeugungen kämpfen können. Der rote Teppich würde dafür eine Möglichkeit bieten. Wie sich Schauspielerinnen hier präsentieren, was sie hier sagen, wird von zig Fotografen und Kameras festgehalten und auf diversen Kanälen gesendet. Was hier gezeigt wird, gilt als attraktiv. Das muss nicht immer ein Kleid sein. Eine Haltung täte es auch.

"Der Ruf nach Respekt für Frauen ist so laut und so berechtigt, die politischen Auftritte vieler Kolleginnen in den letzten Monaten sind so überzeugend", sagt Anna Brüggemann, "doch auf den roten Teppichen präsentieren sich viele immer noch als Objekte eines patriarchalisch geprägten Blicks. Wie in den Fünfzigerjahren." Anfang März wird die Rote-Teppich-Saison mit der Oscarverleihung wieder ihren Höhepunkt erreichen. Vergangenes Jahr war dort viel Pastell und Tüll zu sehen, "viele sahen aus wie Disney-Prinzessinnen", sagt Brüggemann. "Das repräsentiert aber überhaupt nicht die Kraft von uns Frauen."

Darstellerin Brüggemann: Welchen Designer tragen Sie heute?
Martin Mai / DER SPIEGEL

Darstellerin Brüggemann: Welchen Designer tragen Sie heute?

Nun ist Berlin nicht Hollywood, doch möglichst dünn und möglichst jung zu sein gilt auch hier als Ideal. Besonders irritierend ist das einheitliche Bild: hohe Schuhe, tiefe Dekolletés, nackte schmale Schultern. Kaum eine Frau trägt mal Hosen.

Zur Berlinale startet Anna Brüggemann eine Aktion, der sie den Slogan "Nobody's Doll" gegeben hat. Sie hat ein anderthalbseitiges Statement verfasst, das bisher von mehr als 20 Mitstreiterinnen und Mitstreitern unterschrieben wurde. Dabei geht es Brüggemann um die Freiheit von Frauen (und auch von Männern), sich auf dem roten Teppich als sie selbst zu zeigen. Nicht als das Produkt von Designern, Juwelieren und Stylisten, nicht als Objekt eines Blicks, der andere nur nach ihrer Sexiness und ihrer Makellosigkeit beurteilt. Dieser Blick, sagt Brüggemann, komme übrigens auch von Frauen.

Zu denen, die bereits unterschrieben haben, gehören Schauspielerinnen wie Lavinia Wilson, Franziska Weisz, Pheline Roggan, Anneke Kim Sarnau. Ein zentraler Absatz des Textes lautet: "Das hier ist kein Aufruf, in Sack und Asche zu gehen. Im Gegenteil. Ich mag Mode. Ich mag schöne Frauen. Ich mag schöne Männer. Ich mag, wenn ich selber schön bin. Dies hier ist ein Aufruf, die eigene Schönheit zum Leuchten zu bringen und sie nicht durch reale oder eingebildete Zwänge einzukerkern. Das geht aber nur, wenn wir das Spektrum öffnen."

Der komplette Text ist ab sofort auf Facebook zu lesen, auf einer Seite, die für jeden zugänglich ist. "Mir geht es um die tiefere Dimension des Ganzen", heißt es dort weiter. "Mir geht es darum, was bei einer Frau (und auch bei einem Mann) als attraktiv gilt. Und das betrifft nicht nur mich, das betrifft meine Kolleginnen, Kollegen, das betrifft eine Ärztin in Amsterdam genauso wie ein Teenagermädchen in Warschau. Das betrifft uns Frauen. Und damit auch die Männer."

Es gibt einen Hashtag #nobodysdoll, auf der Berlinale sollen Anstecker und Aufkleber verteilt werden. Auch eine Podiumsdiskussion und eine Party sind geplant. Am wichtigsten ist Brüggemann die Auseinandersetzung mit ihrer Aktion.

Als sie ihr Statement an Kolleginnen und Kollegen schickte, verbunden mit der Frage, ob sie unterschreiben und sich beteiligen wollen, erhielt sie unterschiedliche Reaktionen. "Der rote Teppich stresst mich nicht", hieß es, oder: "Mache es doch anders, du kannst doch rumlaufen, wie du willst." Tatsächlich gibt es kein festgeschriebenes Protokoll, wie eine Schauspielerin sich bei einer Premiere oder einer Preisverleihung kleiden soll. Die unausgesprochenen Regeln werden von der Mehrheit geschaffen. "Wenn ich meine Aktion allein verfolgen würde, wäre ich schnell Anna Brüggemann mit dem Tick. Aber ich will etwas Grundlegendes ansprechen."

2015 kam es bei den Filmfestspielen in Cannes zum Streit um eine angebliche High-Heels-Pflicht auf dem roten Teppich, Frauen in flachen Schuhen waren zurückgeschickt worden, der Festivalchef entschuldigte sich. An keinem Kleidungsstück, an keinem Accessoire entzünden sich mehr Diskussionen: staksen oder schweben, Unterwerfung oder Augenhöhe, manche nehmen Schmerzmittel, um einen Abend auf Absätzen durchzustehen, andere fühlen sich darauf mächtig. "Dass immer alles an diesen blöden hohen Schuhen hängt, die Eleganz oder Nichteleganz, das kann doch nicht wahr sein", sagt Brüggemann.

Den Unterstützern von "Nobody's Doll" geht es nicht um falsch oder richtig, ihnen geht es um Vielfalt. Darum, dass Sneakers und High Heels, Ballerinas und Cowboystiefel auf dem roten Teppich getragen werden. Bei den Oscars 2016 gewann Jenny Beavan den Preis als beste Kostümbildnerin. Als sie in einer Motorradjacke aus Kunstleder mit einem Totenkopf darauf und in Boots zur Bühne schritt, ging ein Raunen durch den Saal. Wäre schön, wenn dieses Raunen ein Ende hätte.

"Wir brauchen mehr Bilder von eigenwilligen Frauen", sagt Brüggemann. Schauspielerinnen wie Frances McDormand, Tilda Swinton oder Emma Thompson zählen für sie dazu, aber mehr internationale Stars fallen ihr nicht ein. Selbst bewunderte Vorbilder wie Cate Blanchett oder Jennifer Lawrence, die mal als Independent-Königinnen begonnen hätten, entwickelten sich immer mehr in Richtung einheitlicher Hollywoodschönheiten.

Schauspielerinnen sind in einer schwierigen Schlüsselposition. Ob sie eine Rolle bekommen, entscheidet sich auch durch ihr Äußeres. "Man ist abhängig, und gleichzeitig wird man viel mehr gesehen und ist ein Vorbild, das ist nicht immer leicht", sagt Brüggemann. 2014 erhielt sie bei der Berlinale einen Silbernen Bären für ein Drehbuch, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Regisseur Dietrich Brüggemann, geschrieben hatte. Neben der Schauspielerei auch schreiben zu können mindert diese Zerrissenheit für sie persönlich. Kann sie sich deshalb leichter als Vorkämpferin hervortun? "Gut möglich."

Die erste Unterzeichnerin von "Nobody's Doll" war Kirsten Niehuus, Chefin des Medienboards Berlin-Brandenburg. Nachdem sie Brüggemanns Statement gelesen hatte, sicherte sie innerhalb weniger Stunden ihre Unterstützung zu. "Wir brauchen mehr Auftritte von Frauen, die der Wirklichkeit entsprechen, auf den roten Teppichen und auch im Fernsehen", sagt Niehuus. "Nur so werden wir das Rollenbild des Pin-ups endlich hinter uns lassen." Kurz zuvor hatte sie eine Veranstaltung besucht, bei der eine Moderatorin in einem dünnen Kleidchen einen Mann im Anzug befragt hatte. Niehuus beobachtete, wie selbstverständlich die ungleiche Aufmachung der beiden hingenommen wurde, ein altmodisches Rollenverständnis, das noch immer weit verbreitet ist.

Aber es ändert sich, wenn auch langsam. Das war beim Women's March am vergangenen Wochenende zu sehen: Scarlett Johansson trug ein weites Jackett mit einem T-Shirt darunter, als sie in Los Angeles eine kämpferische Rede hielt. Viola Davis trat in einem dicken Rollkragenpullover auf. Und Natalie Portman sah auch ganz normal aus, kein Schmuck, kein Make-up, die Haare einmal übergekämmt, fertig, rauf aufs Podium. Niemand fragte die Schauspielerinnen: Welchen Designer tragen Sie heute?

Stars bei Golden-Globe-Verleihung am 7. Januar: Eine schwarze Linie
Frazer Harrison / AFP

Stars bei Golden-Globe-Verleihung am 7. Januar: Eine schwarze Linie

Anfang Januar, bei den Golden Globes, war ein erstes Zeichen gesetzt worden. Die #MeToo-Debatte währte zu diesem Zeitpunkt seit fast drei Monaten, eine zweite Bewegung, Time's Up, war wenige Tage zuvor ins Leben gerufen worden. Etwas musste bei den Globes deshalb anders laufen. Fast alle Frauen und Männer trugen Schwarz. Die Farbe der Trauer. "Wir stehen in einer dicken schwarzen Linie zusammen, die das Gestern vom Heute trennt", kommentierte Meryl Streep die Aktion. Und es war eindrucksvoll, dass beim Defilee der Stars der rote Teppich das Farbigste war. Doch Schwarz ist auch die Farbe des klassischen Abendkleids. Insgesamt ergab sich dann doch wieder ein ziemlich einheitliches Bild: hohe Schuhe, tiefe Dekolletés, nackte schmale Schultern.

"Ich verstehe die Aktion", sagt Anna Brüggemann. "Und die Botschaft, wir müssen den roten Teppich anders bespielen als bisher, finde ich natürlich super. Aber eigentlich will ich das Gegenteil erreichen. Ich will keine Uniformierung, sondern mehr Kreativität, mehr aus der Reihe tanzen, weniger Künstlichkeit, mehr Buntes."

Das altmodische Rollenverständnis, das die Schauspielerin mit ihrer Aktion ins Visier nimmt, ist ein zäher Gegner, fest verankert im Selbstverständnis vieler. Seit Jahren geht es in gesellschaftspolitischen Diskussionen darum, diese Festlegungen, die Männer und Frauen seit Jahrzehnten mitschleppen, zu überwinden. Solche Limitierungen manifestieren sich auch in einer Kleiderordnung, die einem männlich geprägten Blick gehorcht.

"Die Gesellschaft sollte souverän genug sein, mit verschiedenen Arten von Weiblichkeit umzugehen", sagt Brüggemann. Dafür braucht es allerdings noch einige Impulse. "Nobody's Doll" ist so ein Impuls. Auf der Berlinale doofe Fragen zu ignorieren könnte etwas bewirken. Welchen Designer tragen Sie heute? Kein Kommentar.



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