AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Halber Job, ganzer Kerl Männer, die von Teilzeit träumen

Jede zweite Frau ist in Teilzeit beschäftigt, aber nur jeder neunte Mann. Was die Gründe sind - und wie sich das ändern lässt.

Schichtarbeiter Gräbitz: "Ich wollte mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen"
Gordon Welters/DER SPIEGEL

Schichtarbeiter Gräbitz: "Ich wollte mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen"

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Möglicherweise hatte die Sache damit zu tun, dass Hans-Joachim Schabedoth sich allein unter Frauen schon immer wohlgefühlt hat. Als sich sein erster Sohn ankündigte, war Schabedoth im Geburtsvorbereitungskurs der einzige Mann. Auch den Mutter-Kind-Treff erweiterte er ganz selbstbewusst als einziger Vater. Und als die Damen aus der Runde im Jahr 1991 den Kinderladen "Krawallschachtel" gründeten, da stieg er mit ein. Aus Schabedoth war einer der frühesten Feministen im deutschen Gewerkschaftslager geworden.

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Noch Anfang der Neunzigerjahre reichte das Vatersein, um in der Funktionärsriege einen kleinen Skandal auszulösen - jedenfalls dann, wenn ein Mann sich herausnahm, für seine Kinder da sein zu wollen. Schabedoth war der erste Mann, der in der Grundsatzabteilung der IG-Metall-Zentrale für neun Monate in Elternzeit ging. "Wie kommst du denn bloß darauf?", wunderte sich der damalige IG-Metall-Chef Franz Steinkühler. Es war eine der vornehmeren Fragen, die man Schabedoth stellte.

Dabei gab sich die IG Metall zu der Zeit progressiv, schließlich wollte Steinkühler die männerdominierte Gewerkschaft auch für Frauen interessant machen. Vor allem Schabedoth sollte dafür Strategien entwickeln. In der Theorie war ihm jede Freiheit gestattet. In der Praxis sah das etwas anders aus.

Als Schabedoth nach der Babypause zurückkehrte, kämpfte er darum, wichtige Abteilungsgespräche in die Kernarbeitszeit am Vor- oder Nachmittag zu legen. Er verließ Sitzungen um 18 Uhr, weil er seinen Kindern noch etwas vorlesen wollte. Seine Kollegen frotzelten halb amüsiert, halb empört, ob er eigentlich wisse, wer ihn bezahle. Nach kürzeren Arbeitszeiten habe er gar nicht erst gefragt, sagt Schabedoth heute. "Ich hätte in Teilzeit kaum mit Entlastungen beim Arbeitsvolumen rechnen können."

Schon damals war das ein Politikum. Die Frauenzeitschrift "Brigitte" nahm sich des Falles an. Steinkühler musste sich erklären. Man müsse "auch uns Männern einen gewissen Lernprozess zugestehen", eierte der Gewerkschaftschef im Interview mit den Journalistinnen herum.

Inzwischen ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen. Schabedoths Söhne sind erwachsen, er selbst sitzt als Abgeordneter für die SPD im Bundestag. Seitdem hat sich vieles geändert - und doch so wenig. Väter hätten es heute leichter als damals, sagt Schabedoth. "Aber ich muss schmunzeln, wenn ein Mann im Jahr 2017 wahnsinnig stolz darauf ist, dass er für zwei Monate in Elternzeit geht - und danach wieder alles seiner Frau überlässt."

So sieht es mit gleichem Lohn, gleichen Rechten und gleichen Chancen aus im Arbeitsalltag des Jahres 2017: Die Frauenquote für Aufsichtsräte ist Gesetz. Frauen können in größeren Unternehmen Auskunft darüber verlangen, wie viel (mehr) die Männer in ihrem Betrieb verdienen. Es gibt einen kleinen Bonus beim Elterngeld, wenn beide Partner in Elternzeit gehen. Und natürlich haben Männer und Frauen die gleichen Rechte, wenn es darum geht, in Teilzeit zu arbeiten.

Allerdings machen davon bis heute die wenigsten Männer Gebrauch.

Fast jede zweite beschäftigte Frau arbeitet laut Statistik in Teilzeit, bei den Männern ist es bloß jeder Neunte. Und viele Frauen, die sich einmal für dieses Modell entschieden haben, finden nicht mehr aus ihm hinaus.

Die Verteilung von Teilzeitstellen zwischen den Geschlechtern ist längst ein gesellschaftspolitisches Problem. Es geht um Rollenerwartungen und männliche Selbstdefinition, um eine Arbeitswelt in industriegeprägten Branchen, die Hunderte flexible Arbeitsmodelle erfindet, wenn es um die Belange der Betriebe geht, aber deren Kreativität verdorrt, wenn sie der Work-Life-Balance und dem Familienleben dienen sollen.

Vielleicht beginnt das Problem schon damit, dass viel zu selten von den Männern gesprochen wird, wann immer von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Rede ist. Dass Teilzeitarbeit vor allem Frauen angeht, hat sich in die Köpfe eingefräst. Selbst bei denen, die für Gleichberechtigung kämpfen.

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Man erkennt das beim Gezerre um einen Rechtsanspruch für Arbeitnehmer, aus der Teilzeit wieder auf eine volle Stelle zu wechseln. Die Große Koalition hat es in vier Jahren nicht geschafft, das geplante Gesetz einzuführen. Das CDU-geführte Kanzleramt hatte sein Veto eingelegt und so ein Vorhaben blockiert, das "für Hunderttausende Frauen den Weg aus der Teilzeitfalle bereitet hätte", wie die zuständige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sagt. Von den Männern war keine Rede.

Wollte man aber tatsächlich dafür sorgen, Frauen aus der viel beschworenen Teilzeitfalle zu holen, sollte man als Erstes die Frage stellen, warum im Gegenzug nur so wenige Männer ihre Arbeitszeit reduzieren. Gibt es auch eine Schlinge, in der sich die Männer verfangen? Die Vollzeitfalle?

Es ist still in dem Einfamilienhaus am Rand von Henstedt-Ulzburg, einer Schlafstadt im Norden des Hamburger Speckgürtels. Roland Gräbitz sitzt im Esszimmer. Durch die Verandatür kann er in den Garten schauen, auf den Tisch aus Stein, das Schaukelgerüst. Gräbitz ist allein zu Hause, seine Tochter ist beim Reiten, die Ehefrau bei der Arbeit.

Seine eigene Schicht ist für heute schon beendet. Als Maschinenführer arbeitet Gräbitz bei Hydro Aluminium in Hamburg, einem Werk mit 640 Mitarbeitern und vier Schichten an jedem Tag des Jahres.

Deutschland ist das Land der Schichtarbeiter, mehr als jeder sechste Erwerbstätige lebt dieses Modell. So gesehen ist Roland Gräbitz einer von vielen. Doch zugleich ist er ein Solitär: "Ich bin der einzige Mann, der bei uns in der Produktion in Teilzeit arbeitet", sagt er. Es war ein langer Weg dorthin.

Im April 1990 hatte er als Maschinenführer im Hamburger Werk angeheuert. Er blieb bei seinen 35 Wochenstunden, als seine Tochter 2005 zur Welt kam. Im ersten Jahr nach der Geburt blieb seine Frau zu Hause, seitdem arbeitet sie in ihrem Job in einer Pflegeeinrichtung mit 19,5 Stunden pro Woche in Teilzeit.

Bevor die Tochter eingeschult wurde, nahm die Familie eine Auszeit und fuhr für drei Monate nach Südafrika. "Während unserer Reise wurde mir klar, dass ich nicht ein Kind in die Welt gesetzt habe, um dann nur arbeiten zu gehen. Ich wollte mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen", sagt Gräbitz. Und mit dem Schulanfang stellte sich ein neues Betreuungsproblem: Schulen machen länger Ferien als Kindergärten.

Wissenschaftler Wolf: "Was danach kommt, weiß ich nicht"
Gordon Welters/DER SPIEGEL

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Noch im Jahr 2010 brachte Gräbitz seinen Antrag auf Teilzeit in Umlauf. Es sollte mehr als ein Jahr dauern, bis er sein Ziel erreicht hatte. Gräbitz wollte pro Tag arbeiten wie bisher, doch seine Arbeitszeit vertraglich um zehn Prozent senken. Die so erarbeiteten 20 freien Tage im Jahr wollte er in die Schulferien legen.

Die Personalchefin habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, sagt Gräbitz, und ihn zu seinem Abteilungsleiter geschickt. Der habe gemeint, da sei nichts zu machen, wenn das jeder wolle. Schließlich lehnte die Personalabteilung ab. Begründung: Wegen Personalmangels sei eine Kürzung der Arbeitszeit nicht realisierbar. Der Betriebsrat war machtlos.

"Ich war nicht bereit, das einfach so zu akzeptieren", sagt Gräbitz. Er wollte nicht gegen seinen Arbeitgeber klagen, aber er holte sich Rat bei einem Anwalt. Anfang 2012 änderte die Firma ihre Haltung, die Personalabteilung teilte ihm mit, das Unternehmen wolle es mit seiner Idee versuchen. Bei der Urlaubsplanung solle seine Teilzeit Jahr für Jahr aufs Neue genehmigt werden, solange es sich für den Betrieb einrichten lasse. Erst seit diesem April, sieben Jahre später, weiß Gräbitz sicher, dass es bei seiner Teilzeit bleiben wird.

In Industriebetrieben sind die Vorbehalte gegen Teilzeitmodelle groß, was am Schichtsystem liegt. Es verzahnt Menschen zu Teams und mit Maschinen, die möglichst keine Minute stillstehen sollen. Schichtarbeit ist ein Leben im Korsett. Es gibt kaum Raum für Abweichungen. Jeder Teilzeitanspruch macht es scheinbar komplizierter.

Doch diese Bastion bröckelt. Auch Industriebetriebe können sich kaum noch gegen den gesellschaftlichen Trend stellen, wenn sie ihre Arbeitsplätze in Zukunft mit qualifiziertem Personal besetzen wollen. Und der Trend heißt: Teilzeit.

Noch 1991, ein Jahr nach der Wiedervereinigung, hatten gerade einmal 6,3 Millionen Beschäftigte reduzierte Arbeitszeiten. Im vergangenen Jahr waren es bereits 15,3 Millionen. Es war auch der Gesetzgeber, der diesen Weg bereitet hat: Seit 2001 gilt ein Rechtsanspruch, eine Stelle unter bestimmten Voraussetzungen auf einen Teilzeitjob reduzieren zu können.

Noch nutzen den Anspruch allerdings vor allem Mütter. Das liegt auch daran, dass sich im Alltag deutscher Paare und Familien eine Kluft öffnet zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Der Wunsch: Fast die Hälfte aller Eltern sehnt sich danach, dass Vater und Mutter etwa gleich viel Zeit für den Job aufwenden, zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Meinungsforschungsinstituts für Demoskopie Allensbach. In vielen Untersuchungen pendelt das als erstrebenswert empfundene Maß um 30 Wochenstunden für jeden Elternteil. Aber bestenfalls 35 Prozent der Paare leben diese Aufteilung.

Die Wirklichkeit: Die Mehrheit der Männer arbeitet 40 Stunden und mehr. Gerade mal zehn Prozent der erwerbstätigen Männer haben eine übliche Wochenarbeitszeit von weniger als 31 Stunden. Dafür arbeiten aber über 60 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit schulpflichtigen Kindern in Teilzeit. Was dazukommt: Frauen übernehmen in Familien nach wie vor mehr häusliche Aufgaben als Männer, auch wenn sie erwerbstätig sind, selbst wenn sie Vollzeit arbeiten.

Es ist nicht so, dass in Deutschland vergleichsweise weniger Frauen berufstätig wären als andernorts. Mittlerweile arbeiten bei 64 Prozent der Paare mit Kindern unter 15 Jahren beide Eltern. Im OECD-Vergleich zeigt sich jedoch, dass weniger Frauen hierzulande Vollzeit arbeiten als im Ausland. In Deutschland hat sich der "Eineinhalbverdienerhaushalt" durchgesetzt - er besetzt eine volle Stelle, sie verdient in Teilzeit etwas dazu.

Die ungleiche Verteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern führt oft zu einem Teufelskreis, der das ganze Leben beeinflusst: Wegen der Familie steigen Frauen später in den Beruf ein oder früher auf Zeit aus. Wenn sie zurückkehren, arbeiten sie zunächst mit reduzierter Stundenzahl. Weil der Partner im Vollzeitjob mehr verdient, stecken die Frauen auch beim nächsten Kind wieder zurück. Sie fallen immer weiter hinter die Männer zurück - bei ihren Perspektiven, bei ihrem Gehalt, bei ihrer Altersversorgung. Am Ende steht oftmals ein Rentenanspruch, der kaum zum Leben reicht, weil der bezahlten Arbeit so viel unbezahlte Familienarbeit gegenüberstand. Ganz zu schweigen von einem Rollenbild, das viele Paare vor dem ersten Kind niemals propagiert hätten und unter dem oftmals beide Partner leiden.

Man kann es sich einfach machen und die Schuld bei jener Männerspezies suchen, die im Ernstfall jeder Akte den Vorzug vor einer Windel gibt. Aber auch bei den Frauen klaffen Anspruch und Handeln auseinander.

Im April veröffentlichte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung eine Befragung unter 6500 Frauen mit und ohne Nachwuchs. Gut 43 Prozent der Frauen glauben, dass Mütter nach der Geburt eines Kindes drei Jahre Pause vom Beruf machen sollten, um dann in Teilzeit wieder einzusteigen. Rund 57 Prozent sind der Meinung, dass Frauen erst dann wieder Vollzeit arbeiten sollten, wenn das Kind sieben Jahre alt ist.

Es scheint fast so, als ob die Männer nachhelfen müssten, bevor sich die Verhältnisse so ändern, wie es sich Frauen und Männer eigentlich mehrheitlich wünschen.

Familie Mase: "Wir möchten uns beide beruflich weiterentwickeln"
Gordon Welters/DER SPIEGEL

Familie Mase: "Wir möchten uns beide beruflich weiterentwickeln"

Es gibt eine Einstiegsdroge. Doch weil sie bislang nur von dem gut verdienenden Mittelstand genutzt und von diesem eher in homöopathischen Dosen genossen wird, wirkt sie nur langsam. Bislang nutzen Männer in der Regel das gesetzlich vorgeschlagene Minimum von zwei Monaten Elternzeit. Dabei zeigen Untersuchungen, dass Väter, die drei oder mehr Monate Elterngeld beziehen, anschließend überdurchschnittlich häufig ihre Arbeitszeit zugunsten der Familie reduzieren.

Christian Wolf musste sich nie sorgen, ob mehr als zwei Monate Elternzeit seiner Karriere schaden könnten. Als vor drei Jahren seine erste Tochter zur Welt kam, nahm er sich sechs Monate Zeit für sein Kind. Nach der Geburt der zweiten Tochter im September 2015 ging er für zwei Monate in Elternzeit. Auch die Arbeitszeit für die Familie zu reduzieren war kein Problem - weder für ihn noch für seine Frau.

"Wenn es um die zeitliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, gibt es schlechtere Arbeitgeber als die Wissenschaft", sagt Wolf. Der 37-Jährige arbeitet beim Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. An diesem Spitzeninstitut lernte der Molekularbiologe auch seine Frau kennen, eine Landschaftsökologin.

Doch für die zeitliche Flexibilität zahlt das Wissenschaftlerpaar einen Preis, der der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur bedingt zuträglich ist - Unsicherheit. Wie die meisten Nachwuchswissenschaftler haben die beiden seit ihrer Doktorandenzeit nur befristete Verträge. An den Universitäten sind Zeitverträge Alltag, in keiner anderen Branche gibt es mehr Befristungen. Seit Oktober 2016 hat Christian Wolf wieder einen Zweijahresvertrag: "Was danach kommt, weiß ich nicht."

Im Februar erst gab die OECD Empfehlungen ab, wie die Arbeit zwischen Männern und Frauen gerechter verteilt werden kann: Die Politik solle die Männer ermutigen, die Elternzeit häufiger und länger in Anspruch zu nehmen. Außerdem plädiert die Organisation für ein Rückkehrrecht aus der Teilzeit in Vollzeit - für jenes Projekt also, das gerade in der Großen Koalition gescheitert ist. Vor allem aber fordern Experten seit Langem, durch Anreize im Steuer- und Sozialsystem dafür zu sorgen, dass es sich für Frauen und Männer gleichermaßen lohnt zu arbeiten. Erst dann, wenn ihre Verdienste sich ähneln, werden sie die vollständige Freiheit haben, sich für ein passendes Lebens- und Arbeitsmodell zu entscheiden.

Am Ende aber braucht es Wege aus der Teilzeitfalle, die sich nicht nur durch Gesetze finden lassen, sondern durch ein Umdenken von Frauen und Männern: dass man einen halben Job machen und zugleich ein ganzer Kerl sein kann.

Es ist fünf Uhr nachmittags, einer der ersten warmen Sommertage in Berlin. Unten auf der Straße reihen sich die Autos noch im Feierabendstau, oben im fünften Stock fallen die Strahlen der Sonne auf den Balkon. Sascha Mase hat die Büroschuhe schon ausgezogen und streckt die Beine aus. "Papa, Puzzle", ruft Tochter Linda und klettert mit einem Steckspiel aus Holz auf seinen Schoß. Die gemeinsamen Stunden am frühen Abend mit den beiden Kindern und seiner Frau - sie sind purer Luxus für Mase.

Das Ehepaar Mase lebt ein Rollenmodell, das noch immer nicht selbstverständlich ist: Es teilt sich sowohl die Erziehung der Kinder und den Haushalt als auch die Erwerbsarbeit völlig gleichberechtigt. Beide arbeiten mit leicht reduzierter Stundenzahl. "Wir wollen etwas von unserer Familie haben - und wir möchten uns beide beruflich weiterentwickeln", sagt Mase.

Ihr Leben ist - wie in jeder Familie - auch in doppelter Teilzeit ein schmaler Grat zwischen Organisation und Improvisation. Die "Frühschicht", wie sie das nennt, übernimmt an drei Tagen in der Woche Erika Mase. Sie verlässt um halb sieben das Haus, damit sie ihre kleine Tochter um drei Uhr nachmittags vom Hort abholen kann. Sascha Mase bringt die Kinder in die Kita und zur Schule und kommt dafür etwas später nach Hause. Aber weil beide in Teilzeit arbeiten, bleibt zwischendrin etwas Luft.

Dabei ist die Familie ein ungewöhnlicher Fall, gemessen an traditionellen Gehaltsmustern. Erika Mase arbeitet als Produktmanagerin in einem Medizintechnikunternehmen, Sascha Mase ist Sozialpädagoge in leitender Position. Es gab Zeiten, da brachte Erika Mase doppelt so viel Geld wie ihr Mann nach Hause: Nach der Geburt ihres ersten Kindes stieg sie in Vollzeit wieder ein, Sascha Mase arbeitete mit einem 30-Stunden-Vertrag. Doch sie hatten das schale Gefühl, sich zwischen Job und Kind zu zerreißen. Nach dem zweiten Kind entschieden sie sich, beide nun 34 beziehungsweise 35 Stunden in der Woche zu arbeiten.

Nicht ausgeschlossen, dass sich ihr Modell irgendwann einmal wieder ändert. "Wir sind privilegiert und wissen das zu schätzen", sagt Sascha Mase. "Wir haben die Freiheit, uns selbst zu entscheiden."

Und vielleicht ist das schon der politische Gedanke, der weiterträgt: dass Teilzeit in der Arbeitswelt der Zukunft keine Notlösung mehr ist, sondern ein Privileg. Auch für Männer.

Im Video: Ihre Rechte bei Teilzeit

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