AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2016

Inferno in der Bronzezeit Der nullte Weltkrieg

Seltsame Seevölker zerstörten vor 3200 Jahren die Länder am Mittelmeer - ein Feuersturm. Lange waren die Angreifer den Forschern ein Rätsel. Nun führen Spuren nach Anatolien: zu einer unbekannten, mächtigen Kultur. Von Matthias Schulz


Szene aus dem Film "Troja" (USA 2003) mit Brad Pitt: Am Ende des antiken Völkersturms loderten auch in Troja Flammen
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Szene aus dem Film "Troja" (USA 2003) mit Brad Pitt: Am Ende des antiken Völkersturms loderten auch in Troja Flammen

Warum besaßen die Hethiter eigentlich keine Toiletten? 50000 Einwohner lebten in der Metropole Hattuscha 170 Kilometer östlich von Ankara. Mit ihren acht Meter hohen Festungsmauern wirkte die Stadt wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Könige mit spitzem Zauberhut steuerten von dort aus einen waffenklirrenden Großstaat. Hier wurde erstmals Eisen verhüttet.

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Heft 28/2016
Terror verändert das Reisen. Was also tun?

Ein Klo aber hatte keiner.

Der seltsame Befund, vom deutschen Archäologen Andreas Schachner vorgelegt, verblasst vor einem noch größeren Enigma, das sich ebenfalls um die Hethiter rankt. Etwa um 1200 v. Chr. verschwand das Volk fast rückstandsfrei von der politischen Bildfläche. Aus, weg.

Reliefs auf einer Tempelwand im heutigen Medinet Habu in Ägypten erklären immerhin, wie das Desaster ablief. Fremdlinge, heißt es dort, hätten das Reich der Urtürken zertrümmert. Die Invasoren sind mit Stirnbändern dargestellt, andere tragen Hörnerhelme wie die Wikinger bei Asterix. An ihren Schiffen prangten Vogelköpfe.

Die Attacke läutete das Ende der Bronzezeit ein. Ein Inferno brach los. Kretas Paläste verwaisten. Das glanzvolle Mykene, Sitz des homerischen Helden Agamemnon, verwandelte sich in einen Trümmerhaufen. In Troja loderten Flammen. Selbst in Palästina erlosch das Leben in den Hafenstädten. Doch wer waren die rätselhaften Krieger, die im Mittelmeerraum einen Feuersturm entfachten? Woher kamen sie? Und wohin gingen sie?

Kurz zuvor hatte sich das Zeitalter noch als Ära glänzenden Fortschritts präsentiert. Die Anrainer der Ägäis besaßen bereits ein Nachrichtensystem: Boten eilten vom Schwarzmeer bis zu den Pyramiden. Am Hof des Pharaos arbeiteten hethitische Pferdetrainer. Auf den Fernstraßen rumpelten zyprische Bollerwagen und Eselskarren aus Assyrien. Germanischer Bernstein gelangte bis in die Wüste.

Ein vor Kap Uluburun in der Türkei geborgenes Wrack bezeugt diese erste Globalisierung. Der Segler hatte Zinn aus Zentralasien an Bord und Ebenholz aus Afrika, dazu Nilpferdzähne, Pistazienharz vom Toten Meer, Rollsiegel aus Assur, Gefäße mit Granatäpfeln und sogar einen Zepteraufsatz, der wohl für einen bulgarischen Kleinkönig bestimmt war.

Dann aber brach die Handelsunion zusammen, das ganze System kollabierte: Statt aus feiner Keramik tranken die Leute plötzlich aus groben Bechern. Die Griechen konnten nicht mehr lesen und schreiben. Der US-Archäologe Eric Cline spricht vom "ersten Untergang der Zivilisation". Was war passiert?

Alten Papyri zufolge kamen die Angreifer "aus dem Norden", von den "Inseln inmitten des Meeres", sie "wohnten auf Schiffen". Rund ein Dutzend merkwürdige Stammesnamen werden erwähnt, darunter die Danuna, Peleset oder Schekelesch. Im Jahr 1180 v. Chr. drangen die Banden ins Nildelta vor und verstrickten Ramses III. in einen Existenzkampf zur See. Mit Mühe konnte sich der Pharao behaupten.

Doch danach lag alles in Schutt und Asche.

Seit Langem wird nach einer Erklärung für den Epochenbruch gesucht. Waren es Piraten auf Beutezug, die alles zerstörten? Vulkanausbrüche oder Dürren? Andere Forscher tippen auf eine Revolution von innen: Demnach fegte das einfache Volk die Könige und Palastbeamten der Bronzezeit, die den Luxushandel kontrollierten, durch einen Aufstand weg.

Schlacht im Nildelta zwischen Ägyptern und Angreifern im 12. Jahrhundert v. Chr. gezeichnet nach einem Relief aus Medinet Habu.
Granger, NYC / Interfoto

Schlacht im Nildelta zwischen Ägyptern und Angreifern im 12. Jahrhundert v. Chr. gezeichnet nach einem Relief aus Medinet Habu.

Nun liegt eine neue Deutung vor, die das Geschehen erstmals in seiner Gesamtheit erklären könnte. Der Geoarchäologe Eberhard Zangger, Präsident der in Zürich ansässigen Stiftung Luwian Studies, geht davon aus, dass den Historikern bei der Rekonstruktion der ägäischen Frühgeschichte ein entscheidender Fehler unterlaufen ist. "Sie übersahen einen ganzen Kulturkreis in Kleinasien." In diesem Schattenreich, so der Forscher, lebten die Seevölker, bevor sie zum blutigen Rundumschlag ausholten.

Dass die Küsten und fruchtbaren Hügel Westanatoliens einst dicht bewohnt waren, ist bekannt. Mehr als 2000 Siedlungsberge ("Telle") ragen dort empor. Durch Geländebegehungen und mithilfe von Satellitenaufnahmen hat Zangger einen Fundkatalog erstellt. Demnach waren in der späten Bronzezeit mindestens 340 der Ruinenstätten bewohnt: Orte mit reichem Viehbestand, Erzminen, angeschlossen an ein dichtes Verkehrsnetz.

Zangger nennt diese vergessene Zone die Welt der "Luwier".

Abgeleitet ist der Name von der luwischen Sprache, die im 2. Jahrtausend v. Chr. in weiten Teilen Anatoliens vorherrschte. Selbst in Troja kam ein luwisches Siegel zutage.

Genaueres ist allerdings nicht bekannt; grabungstechnisch gleicht das Gelände einer Terra incognita. Erst zwei der Schuttberge wurden großflächig ausgegraben. Zu weiteren 25 Stätten liegen Publikationen auf Türkisch vor. Zanggers Stiftungskollege Serdal Mutlu hat sie jetzt übersetzt.

Schuld an der Vernachlässigung ist der philhellenische Blickwinkel, mit dem Europas klassische Altertumsforscher im 19. Jahrhundert loszogen. Der britische Ausgräber von Knossos, Arthur Evans, unterteilte den Ägäisraum in die Kulturkreise "Mykenisch", "Minoisch" und "Kykladisch". Kleinasien ignorierte er einfach, als wäre die jenseitige Küste, wo Trojas König Priamos oder der schöne Paris lebten, nie besiedelt gewesen.

Evans mochte weder das Osmanische Reich noch die Türken unter Kemal Atatürk. "Ich glaube an die Existenz minderwertiger Rassen", erklärte er, "und sähe sie gern ausgerottet." Spätere Forscher schlugen das strittige Gebiet dann einfach dem Großreich der Hethiter zu. Im Westen Kleinasiens, hieß es, hätten deren Vasallen gelebt und ihnen artig gedient.

Doch so war es nicht. Die Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Hattuscha zeichnen ein anderes Bild. 33000 beschriftete Tontafeln kamen bislang zutage. Ergebnis: In Westanatolien wohnten widerborstige Kleinfürsten und Häuptlinge. 2000 Städte werden in den hethitischen Dokumenten genannt, aber auch Regionalmächte wie Lukka, Kizzuwatna oder Arzawa. Deren Lokalisierung ist weitgehend gelungen (siehe Grafik Seite 102).

Freiwillig Steuern zahlen wollte in diesem wilden Westen niemand. Lukka, eine Art Piratenstaat, sperrte sich mit Waffen gegen die Unterjochung. Immer wieder kam es zu Aufständen. Auch Troja war unterjocht - aber nur 20 Jahre lang. Dann erkämpfte die Stadt sich wieder die Freiheit. Es war dieser luwische Unruheherd, der sich Zangger zufolge um 1200 v. Chr. jäh zu einer "neuen militärischen Macht formte". Hier sei das Missing Link im Seevölker-Rätsel zu suchen.

Als Beleg für seinen Verdacht nennt der Archäologe den Seevölker-Stamm der Tekker. Sie tragen Federkronen und werden auf den ägyptischen Reliefs besonders oft dargestellt. Zangger vermutet, dass die Kerle aus Troja kamen. Der Grund: Die Bewohner des trojanischen Umlandes wurden "Teucer" genannt.

Lösen sich endlich die Schleier, die den bronzezeitlichen Weltenbrand umhüllen? Der Hamburger Millionenerbe und Sozialwissenschaftler Jan Phillipp Reemtsma hält die neue Spur für so spannend, dass er dem Stiftungsrat der Luwian Studies beitrat. Mit von der Partie ist der ehemalige Präsident der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich Olaf Kübler.

Auch die Etappen des nullten Weltkriegs glauben die Mitglieder der Luwian Studies nachzeichnen zu können: Schuld an allem war demnach der aggressive Hethiterkönig Tudhaliya IV., der mit seinen Heeren immer wieder die Vasallen im Westen ausplünderte. Um 1220 v. Chr. besetzte er sogar Zypern. Die Insel, reich an Kupfer, war eine Drehscheibe im Fernhandel.

Das passte den Luwiern offenbar gar nicht. Also, so der Verdacht, probten sie die Revolte: Sie bildeten einen Bund und bauten eine gemeinsame Flotte, um Zypern zu befreien.

Erwiesen ist, dass um 1200 v. Chr. eine Kältewelle über Kleinasien hereinbrach. Missernten folgten, was die Bereitschaft zum Umsturz erhöhte. So groß war die Not, dass die Ägypter um 1210 v. Chr. Weizen an die verbündeten Hethiter schickten. Doch es nützte nichts.

Denn nun stießen die Seevölker auch ins Zentrum der Macht vor. Mit einem Landheer eroberten sie Hattuscha. Dessen Bewohner flohen mit Möbeln und Hausrat. Brände brachen aus.

Dieser Angriff brachte nun alles ins Rutschen. Eine Völkerwanderung begann. Offenbar von Hunger getrieben, strömten die Luwier zu Tausenden in die Levante. Die pharaonischen Reliefs zeigen neben bewaffneten Männern auch Frauen und Kinder auf zweirädrigen Wagen.

Ein erster Hilfeschrei ertönte aus Ugarit, einem Stadtstaat in Kanaan. Eine Lawine von Feinden walle heran, barmte ausweislich einer Keilschrift der Statthalter, der in einem Palast mit 100 Räumen lebte. Einer der letzten Briefe aus Ugarit erwähnt eine Sonnenfinsternis: Dem Altorientalisten Manfred Dietrich ist es gelungen, das Astroereignis auf den 21. Januar 1192 v. Chr. zu datieren.

Damit ist jener Termin ermittelt, an dem das demografische und das wirtschaftliche Chaos ihrem Höhepunkt zustrebten. Zu den luwischen Randalierern gesellten sich jetzt andere Ethnien. Philister, mutmaßlich von Kreta stammend, setzten in den Orient über. Rauflustige Sarden und Sizilianer kamen angesegelt. Schließlich brach der Trojanische Krieg aus. Der Mathematiker Eratosthenes datierte ihn auf 1184 v. Chr.

Zangger baut diesen Urkonflikt des Abendlandes geschickt in sein Strategiespiel ein. Er sieht darin einen "Gegenschlag" der Griechen gegen die Luwier. Die massive Abwanderung hatte deren Küstenfestungen geschwächt - was Odysseus und seinen Kumpanen die Chance bot, ihnen in den Rücken zu fallen.

Laut griechischer Mythologie stachen die Griechen mit 1186 Schiffen in See. Die größten Geschwader stellten Agamemnon und Nestor von Pylos. Der Krieg dauerte zehn Jahre. Zerstört wurden neben Troja weitere rund 150 Orte in Luwien; so steht es bei Homer.

Doch der Sieg war vergiftet. Nach der Heimkehr erleben die Helden - im Epos - eine schlimme Pleite. Als Odysseus nach Hause kommt, sitzen grölende Freier in seinem Palast und werben um die Hand seiner Gattin. Agamemnon wird von einem Nebenbuhler im Bad erdolcht.

Die bei Homer geschilderten Querelen verweisen offenbar auf realgeschichtliche Wirren. Tatsache ist: Nach 1180 v. Chr. brachen auf dem griechischen Festland Bürgerkriege aus. In deren Folge gingen nun auch viele mykenische Herrschersitze unter - ein weiteres Puzzlestück im Bild vom Totalkollaps der Epoche.

Keine Frage, die Mitglieder der Luwian Studies haben einen neuen Trumpf ins Spiel gebracht. Mit ihm ordnen sie den rätselhaften Zusammenbruch der Bronzezeit zu einem schlüssigen Panorama. Nun sind die Archäologen dran; sie müssten losziehen und die verschlossenen Ruinenberge der Luwier öffnen.

Zangger ist sicher: "Dort warten die Schätze einer verschollenen Zivilisation."

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stonecold 14.07.2016
1.
"Reliefs auf einer Tempelwand im heutigen Medinet Habu in Ägypten erklären immerhin, wie das Desaster ablief. Fremdlinge, heißt es dort, hätten das Reich der Urtürken zertrümmert." Die Hethiter, um die es hier geht, waren mit Sicherheit keine "Urtürken". Die Türken wanderten erst Jahrtausende später nach Anatolien ein.
Weltgeisterer 14.07.2016
2. Urtürken?
Was soll denn das? Die Hethiter waren keine "Urtürken", sondern ein indogermanisches Volk. Ein bisschen mehr Genauigkeit könnte man bei einem kostenpflichtigen Artikel schon erwarten.
signaturen 14.07.2016
3. Grau ist alle Theorie
.. und bis zum Beweis einer ist oben angeführte nicht mehr oder weniger plausibel als die Jürgen Spanuths. So umstritten er gewesen sein mag, widerlegen konnte ihn bisher niemand. Ob es diesmal klappt?
Weltgeisterer 14.07.2016
4. :) Danke
@stonecold: Schön, dass das noch anderen auffällt...
emporda 14.07.2016
5. Da ist vieles falsch
Althebräisch und Phönizisch sind identisch, der älteste Text ist der Gezer Kalender von 925 v.C. als Tontafel in Istanbul und die Tonscherbe als Schreibübung mit 5 Zeilen Gesetzen. Eine Hapiru (Hebräer) Kultur Dutzender Räuberhaufen vor 1000 v.C. ist unbkannt, die Räuber haben nie geschrieben, die Opfer haben den Pharao 100-fach um Schutz vor den Hapiru Banden gebeten. Als Seevölker des Mittelmeerraums sprechen die Hapiru gut 1 Dutzend verschiedene Sprachen. Pharaonen wie Echnaton (1351-1334 v.C.) regieren mit Vasallen bis 600 v.C über Pakästina und Phönizien, das Land ist geprägt von Not, Missernten, Grenzkriegen, Despoten und Räuberhorden. Pharao Ramses III kämpft 1177 v.C. gegen die Seevölker (Meshwesh). Die Amarna Texte in Akkadisch nennen Seevölker wie Shardana, Danuna und Lukka. Hundert Texte an den Pharao beklagen die Raubzüge der Hapiru (Hebräer) wie vom König Akizzi (EA52-56) aus Qatna, König Rib-Hadda (EA68-92, 103-138) aus Gubla, König Abdi-Hebat (EA285-290) aus Jerusalem (Ur-u-salem), König Widia (EA320-326) aus Askalon, König Pu-Ba-Lu (EA314-316) aus Jursa, König Tagi, Milkulu, Addu-Dani und Lapahi (EA264-271, 292-300) aus Gezer, König Suwardata (EA277-284) aus Qiltu, König Biridija (EA242-247, 365) aus Megiddo, König Zatatna und Zurata (EA232-235) aus Akko, König Abu-Milku (EA146-155) aus Tyros, König Zimrida (EA144) aus Sidon, König Ammunira (EA141-143) aus Berutia (Beirut), König Birjawaza (EA194-197) aus Damaskus, König Aziru (EA156-168) aus Amurru usw. Beschwerden in Cunei-Keilschrift der Könige Zimredda (EA329), Jabni-ilu (EA328) und Sipitba'lu (EA330-332) belegen Lachish als großen Ort in Judäa mit ca. 2.500 Einwohnern im Gegensatz zu Jerusalem mit etwa 250. Der hebräische Tanach erwähnt nichts davon, dort wird das Land vom pjantasierten König David regiert
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